Autor: Nils Kahlefendt

Spaß haben auf der eigenen Party
15. Oktober 2015
Messe-Köpfe, Folge 1: Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse
Autor: Nils Kahlefendt

Spaß haben auf der eigenen Party
15. Oktober 2015
Messe-Köpfe, Folge 1: Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse

Messe-Köpfe, Folge 1: Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse.

Wer sich fragt, was ein Buchmesse-Direktor eigentlich an den 361 messefreien Tagen im Jahr tut, sollte an eine Binsenweisheit erinnert werden: Nach der Messe ist vor der Messe. Jahr für Jahr gilt es, über 2000 Aussteller, hunderte Veranstaltungspartner, Autoren, Verleger, Buchhändler, Bibliothekare mit intelligent gebauten Programmen auf die Messe zu bringen. Das kostet Zeit. Und Kraft. „Wir arbeiten jetzt nicht nur auf Hochtouren an unseren Projekten für 2016, auch für die Folgejahre werden heute die Weichen gestellt.“ Im Schnitt hundert Tage ist Oliver Zille pro Jahr in dieser Mission auf Reisen – so wie gerade eben in Frankfurt. Auch hier jagt ein Termin den anderen, vom traditionellen Leipziger Buchmesseempfang bis zur Friedenspreisverleihung in der Paulskirche.

Harte Arbeit. Und Adrenalin

Alles Planen, Bedenken, Umstürzen und neu Denken verdichtet sich, keine Frage, in jenen vier prallgefüllten Buchmessetagen im März, wenn Leipzig zur temporären Hauptstadt der Literatur wird. Für nicht wenige, die hier leben, so etwas wie eine fünfte Jahreszeit. Auch Zille macht da keine Ausnahme. „Das ist“, erklärt er, „als würdest du ein Jahr lang eine Party vorbereiten – und plötzlich steigt sie. Du musst trainiert sein, damit sie dir auch Spaß macht.“ Der Terminkalender ist übervoll, oft scheint es, als besäße der Chef die Gabe der Multilokalität. Ein Trick? „Mein Adrenalinspiegel ist der entscheidende Kniff“, lacht Zille. Was so leicht ausschaut, erfordert harte und konzentrierte Vorbereitung. Das Trainingslager des Buchmesse-Direktors: Viel Sport, auch übers Jahr – im Sommer sieht man ihn auf dem Rad und mit Inlinern auf dem BMW-Gelände im Norden der Stadt, im Winter zieht er im Schwimmbad seine Bahnen.

Entschleunigung, bitte!

Und dann gibt es, zum Glück, ja noch die Bücher. Mittelosteuropa steht nicht nur im Fokus der Leipziger Buchmesse, sondern auch ganz oben auf der Lese-Agenda ihres Chefs. Kein Zufall: Als Kind besuchte er eine Russisch-Spezialschule, und zu DDR-Zeiten war Osten die einzige Himmelsrichtung, in die man einiger Maßen barrierefrei reisen konnte. Wenn es die Zeit erlaubt, reist der Vielflieger Zille auf den Flügeln der Phantasie, ganz ohne Dienstverpflichtung. Wobei: Perfekt trennen lässt sich das eine vom andern ja nie: Eines seiner intensivsten Leseerlebnisse der letzten Jahre war die Lektüre von Saša Stanišićs Roman „Vor dem Fest“. 2014 konnte er dem Autor unter der Glashallenkuppel zum Preis der Leipziger Buchmesse gratulieren (http://www.preis-der-leipziger-buchmesse.de/de/Preistraeger/Archiv/2014). Eben liegt die „Anleitung zum Gehen“ von Edo Popovic (http://www.randomhouse.de/Buch/Anleitung-zum-Gehen/Edo-Popovic/e352223.rhd) auf seinem Nachttisch. Keiner der üblichen Ratgeber, sondern ein poetisch-philosophischer Essay, in dem der kroatische Autor sich mit unserem fatalen Drang zu Selbstoptimierung und Leben auf der Überholspur auseinandersetzt. In seinem persönlichen Umfeld arbeitet Zille eher an Entschleunigung: Auf Facebook, Twitter & Co wird man ihn nicht treffen. Auf ein gutes Gespräch schon.

Alles auf Anfang

Für Oliver Zille war die Wende ein Glücksfall. Bis in den aufregenden Herbst 1989 verlief sein Leben unspektakulär gradlinig: Kaufmännische Lehre bei den Leipziger Außenhandelsbetrieben, zu denen auch Buchexport und die Messe gehörten, Studium der Außenwirtschaft an der Hochschule für Ökonomie in Berlin, der erste Job als persönlicher Referent des Generaldirektors der Leipziger Messe. Als die Universalmesse in Nachwendezeiten in einzelne Fachmessen umgebaut wurde, bekam Zille seine Chance als Projektleiter bei der Buchmesse. „Eigentlich war damals alles auf Null gestellt“, sagt er heute. „Aber ich hatte Ehrgeiz und Willen, mir ein Arbeitsgebiet zu schaffen.“ Learning by doing: Zille volontiert in München, bei Hugendubel, Droemer Knaur, dem Deutschen Taschenbuchverlag; aus den Kontakten zu Branchenköpfen wie Rudolf Frankl (dtv) oder „BuchMarkt“-Chef Christian von Zittwitz, die Wissen und Kontakte bereitwillig weitergeben, sind längst Freundschaften geworden. In den Führungsetagen der großen Buchhandelsfirmen ist man Leipzig gegenüber aufgeschlossen und neugierig – an die Chance einer zweiten deutschen Buchmesse glaubt indes kaum einer. Zille schon. „Mit langem Atem und guten Ideen können wir es schaffen“, davon ist er überzeugt. Heute gehen einem solche Sätze leicht über die Lippen. Doch Anfang der 90er Jahre sucht nicht nur die Leipziger Buchmesse ihren Platz, auch Zille ist ein Suchender. Soll er, wie viele seiner Generation, in den Westen gehen, dort neu durchstarten? Es ist der erfahrene Messe-Doyen Kurt Schoop, Interimsgeschäftsführer in Leipzig, der ihn zum Bleiben bewegt. „Sie kriegen Ihre Chance, machen Sie!“ Zille ist wenig älter als 30, als er 1993 seine erste Buchmesse leitet. Mit dem Umzug aufs neue Messegelände wird fünf Jahre später ein weiteres, spannendes Buchmesse-Kapitel aufgeschlagen.

Team-Player

Worin sieht Zille die größten Herausforderungen für die Zukunft? „Es muss uns gelingen, den Wandel in der Branche so produktiv mitzugestalten, dass wir für unsere Kunden unverzichtbar bleiben – auch wenn mit der Digitalisierung neue Geschäftsmodelle entstehen, mit Autoren oder Selfpublishern neue Zielgruppen relevant werden oder sich das Lese- und Kaufverhalten der Menschen ändert.“ Herausforderungen, die sich, von Peking bis Guadalajara, rund um den Erdball stellen – weshalb die 1994 von Peter Weidhaas initiierte Internationale Konferenz der Buchmesse-Direktoren (http://www.boersenblatt.net/artikel-11.__conference_of_international_bookfairs_.804160.html) für Zilles eigenes „Buchmesseleben“ eminent wichtig ist. Seit 1998 ist er Mitglied in diesem Kreis – und auch hier haben sich langjährige Freundschaften entwickelt, so etwa zu Joel Makow, dem Direktor der Buchmesse Jerusalem. Der Austausch mit den Kollegen aus Paris, Prag, Bukarest, Bologna oder New York weitet den Blick. Das Gelingen der eigenen Veranstaltung, weiß Zille, steht und fällt mit einer guten Mannschaft. Die ist in Leipzig über die Jahre mit der Messe gewachsen – und hier sind die Qualitäten des Direktors als Team-Player gefragt. „Ich muss aufpassen, dass ich nicht in der Administration versinke, sondern auch inhaltlich arbeite.“ Die eben gegründete Arbeitsgruppe, die sich um die Integration von jungen Start-ups in den Buchmesse-Kosmos kümmert, leitet der Chef selbst. „In solchen Projekten lade ich meine Batterien wieder auf.“

Der Goldene Nagel

Im letzten Sommer wurde die Etage, in der das Buchmesseteam seit dem Umzug vor die Tore der Stadt arbeitet, komplett umgebaut. Bessere Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter und Praktikanten; nach fast 20 Jahren brauchte die stetig gewachsene Mannschaft einfach mehr Platz. Beim schweißtreibenden Umräumen und Sichten der Materialberge aus 25 Buchmesse-Jahren muss viel gelacht worden sein. Unter den Fundstücken manch Kurioses, auch jene selbst gebastelte Auszeichnung, die die Messe-Praktikanten spontan ihrem Chef überreichten, als der 2010 mit der „Goldenen Nadel“ des Börsenvereins (http://www.boersenverein.de/de/403748) , einer der höchsten Auszeichnungen des Branchenverbands, zurückkehrte. Zu Hause haben sie Oliver Zille ganz einfach den „Goldenen Nagel“ in die Bürowand geschlagen. Der dazugehörige Sinnspruch: „Leipzig mag’s größer!“

Oliver Zille, 1960 in Leipzig geboren, absolvierte ein Außenwirtschaftsstudium an der Hochschule für Ökonomie in Berlin. Ab 1991 zeichnete er als Projektleiter in der Leipziger Messe für die Bereiche Buch, Medien, Druck und Papier sowie Aus- und Weiterbildung verantwortlich. Seit 1993 leitet er die Leipziger Buchmesse sowie die angeschlossenen Teilmessen und Kongresse, seit 2004 ist er Mitglied der Geschäftsleitung der Leipziger Messe GmbH und Direktor der Leipziger Buchmesse. Oliver Zille ist verheiratet; er hat einen 24jährigen Sohn und eine 22jährige Tochter.

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Für vier Märztage feiert Leipzig Buchmesse. Aber auch an den meisten der 361 buchmessefreien Tage des Jahres sind wir für Sie da. In loser Folge stellen wir Ihnen an dieser Stelle vor, wer hinter den Kulissen in Leipzig die Fäden zieht, was uns um- und antreibt.

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