„Vielgestaltigkeit erzählen“

„Vielgestaltigkeit erzählen“

Ich würde mit der ersten Frage gern Ihre „Meaoiswiamia“-Podcast-Methode aufnehmen, getreu dem schönen Motto: Warum allgemein reden, wenn’s auch persönlich geht? Österreich ist seit 2001 mit einem größeren Auftritt in Leipzig präsent – was verbindet die Literaturjournalistin Katja Gasser mit Leipzig? Haben Sie Freunde hier? 

Katja Gasser: Ich kenne Leipzig und die Buchmesse im Wesentlichen aus der Perspektive meines Kamerateams und der Produktionsfirma, mit der ich arbeite. Ein Buchmesse-Auftritt gestaltet sich für eine TV-Journalistin so, dass man vier Tage lang im Grunde mit dem Kamerateam zusammenklebt. Das Team, mit dem ich viele Jahre zusammengearbeitet habe, zählt für mich zu den liebenswürdigsten und patentesten Teams, mit denen ich je zu tun gehabt habe. Meine Empfindungen für Leipzig sind also wesentlich von diesen Leuten geprägt: Beide haben die DDR erlebt, sie haben mir ihre Umbruchs-Geschichten und die ihrer Familien erzählt. Was weiter zurückliegt als meine ersten Leipzig-Erfahrungen: Ich habe schon immer empfunden, dass das österreichische Gemüt – was immer das auch ist! – näher am ostdeutschen als am westdeutschen Gemüt ist: ich weiß, wie prekär es ist, so etwas zu sagen (lacht). 

Können Sie das erklären?  

Gasser: Das Nicht-endgültig-zu-Erklärende ist vielleicht wichtiger Bestandteil dieses Empfindens. Ich glaube, es hat wesentlich damit zu tun, dass die sogenannte „Ost-Erfahrung“ – ich bezeichne das jetzt behelfsmäßig so – näher an der österreichischen Erfahrung ist: auch wenn ‚wir‘, also Österreich, den Eisernen Vorhang nicht quer durchs Land gezogen hatten. Aber wir sind in der historischen, politischen und geographischen Prägung durch den Osten, den Südosten Europas viel stärker gezeichnet als etwa Norddeutschland.  Es ist also auch kein Zufall, dass viele Autorinnen und Autoren aus dem südosteuropäischen Raum ihre ersten Publikations-Schritte auf dem deutschsprachigen Buchmarkt in kleineren österreichischen Verlagen gemacht haben – um dann nicht selten einen größeren deutschen Verlag zu finden. 

Haben Sie eigentlich Leipziger Lieblingsorte?

Gasser: Lieblingsorte? Schwer zu sagen. Ich kann mit einem Bild aufwarten: es war ein windiger, regnerischer, wenig freundlicher Tag während einer der Leipziger Buchmessen, und das Kamerateam und ich waren auf der Suche nach Bildern von der Stadt. Und da trafen wir auf dem zentralen Marktplatz Leipzigs einen Pianisten an, der gegen alle Wetter-Widrigkeiten anspielte – und das sehr intensiv, schön. Dieses Bild hat sich in mir abgelegt: als ein Symbol für Würde und Widerständigkeit. Dieses Bild grundiert meinen Leipzig-Eindruck. Im Grunde bin ich aber eine klassische Leipzig-Touristin, die sich kaum über die üblichen Orte hinaus wirklich auskennt. Durch meine Fernseharbeit, meine Interviews bin ich natürlich auch an Orte gekommen, über die man als regulärer Tourist nicht stolpert – aber die könnte ich jetzt nicht benennen. Als TV-Journalistin bin ich ein Orientierungs-Dummie, weil ich immer an die Leute vor Ort gebunden bin, die mit mir arbeiten: die sind in der Regel so freundlich, mich mit dem Auto abzuholen und herumzulotsen. Was dazu führt, dass ich mich geografisch ausklinke. Meine Tendenz zum Lemming ist diesbezüglich sehr ausgeprägt. Als visueller Mensch bin ich nicht zufällig beim Fernsehen gelandet; ich könnte Ihnen Details in den Outskirts von Leipzig beschreiben – aber nicht sagen, wo genau das gewesen war.  

Wie gefällt Ihnen Ihr künftiges Gastland-Hauptquartier, die Schaubühne Lindenfels?  

Gasser: Es ist kein Zufall, dass sich auch Gastländer vor uns diesen Ort gewünscht und dann auch bespielt haben. Er verbindet ein niederschwelliges Kunst- und Kulturverständnis mit sehr hoher Professionalität auf diesem Gebiet. Man spürt dem Ort an, dass er offen ist für viele – und zugleich sehr präzise in dem, was dort geboten wird. Genau in dieser Kombination sehe ich auch den Österreich-Auftritt in Leipzig angelegt.  

Normalerweise haben staatstragende Veranstaltungen wie Gastlandauftritte eineindeutige, leicht eingängige Slogans…  

Gasser: Das war auch ein hartes Ringen, das durchzusetzen… 

Das kann ich mir vorstellen. Mit „Meaoiswiamia“ referieren Sie auf Avantgardistisches von Ernst Jandl bis zur Band Attwenger. Wie ist es zu dieser Sprachskulptur gekommen – und was wollen Sie mit ihr transportieren?  

Gasser: Mir war es einerseits wichtig, dass wir mit diesem Claim zeigen: Wir sind eine KUNST-Veranstaltung, eine literarische Veranstaltung – und zwar nicht irgendeine, sondern eine, die einen sehr expliziten Bezug zu Avantgarde-Traditionen hat, für die ja die österreichische Literatur in Deutschland immer wieder gerühmt wird. 

Wir wollen uns als Land zeigen, das die Kapazitäten hat, sich über ein enges Wir-Verständnis hinaus als kulturell, literarisch, sprachlich, religiös vielgestaltig zu zeigen.  

Katja Gasser

Gleichzeitig war mir bewusst, dass wir auch eine politische Setzung brauchen. „Meaoiswiamia“ ermöglicht, dass sich ein Land auch mit einem Fragezeichen präsentiert. Wir erleben ja im Moment identitätspolitische Verschärfungen auf sehr unterschiedlichen Ebenen – und mir war ganz wichtig, dass wir im Claim selbst mit einem offenen „Wir“-Wort auftreten. Im Bewusstsein, dass jede Konstruktion von „Wir“ eine sehr schwierige, mitunter auch gefährliche Geschichte ist. Wir wollen uns als Land zeigen, das die Kapazitäten hat, sich über ein enges Wir-Verständnis hinaus als kulturell, literarisch, sprachlich, religiös vielgestaltig zu zeigen.  

Sie setzen stark auf Vielfalt: Sind Mehrsprachigkeit und Multikulturalität die richtigen Assoziationen?  

Gasser: Ja, und zwar nicht in einem propagandistischen Sinn, sondern im Sinne einer großen Selbstverständlichkeit: es ist einfach so, dass Österreich ein multikulturelles und mehrsprachiges Land ist, das ist Fakt. Und das aus unterschiedlichsten Gründen, nicht zuletzt historisch bedingt. 

Für mich ist es zentral, im Kontext des Gastlandauftritts auch die Frage virulent zu halten, wer ‚wir‘ sein wollen. Welche Konzepte bilden die Grundlage unsers Verständnisses davon, was Gesellschaft sein soll? Und daran gebunden die Frage, welche Rolle bei all dem die Literatur, die Kunst spielt.   

Wir wollen als Gastland 2023 kein Nischenprogramm haben, keine Sparten, wo wir etwa österreichische Migranten-Literatur zeigen. Sondern dass wir im Herzen unseres Programms diese Vielgestaltigkeit erzählen!  

Sie selbst sind, in Klagenfurt geboren, mehrsprachig aufgewachsen…?  

Gasser: Das ist sicher eine Grundschärfung meines Bewusstseins, dass ich aus einer zweisprachigen Region komme. Es gibt ja in Österreich mehrere anerkannte Volksgruppen, eine der autochthonen Minderheiten Österreichs sind die Kärntner Slowenen – und ich komme aus einer Familie, die slowenischsprachig geprägt ist. Diese Prägung hat sicher mit dazu geführt, dass ich mich unter anderem in meiner Arbeit als TV-Journalistin sehr auf die südosteuropäischen Literaturen spezialisiert, Autorinnen und Autoren im deutschsprachigen Raum vorgestellt habe. Der Zufall der Biografie spielt also sicher mit, mein kämpferisches Naturell hat wohl auch darin seine Wurzeln. Ich bin aber auch unabhängig von der eigenen Lebensgeschichte politisch davon überzeugt, dass wir gar keine andere realistische Lösung haben, als zu versuchen, dieses „Viele“ im Zentrum anzuerkennen – und daraus so etwas wie Gesellschaft zu zimmern. Immer unter der Voraussetzung von Ideen wie Gerechtigkeit und Solidarität. Ich habe in einem der Texte, die ich rund ums Gastland geschrieben habe, festgehalten, dass für mich die Anerkennung dieser Vielfalt die einzig nicht-ideologische Setzung ist! Alles, was dieses Faktum nicht anerkennen möchte, ist Ideologie. 

Gibt es denn aus Ihrer Sicht in Deutschland Klischees, die österreichische Literatur betreffend, die Sie ärgerlich finden und die Sie mit Ihrem Programm aufbrechen, wenn nicht gar in die Rumpelkammer verbannen möchten?  

Gasser: Zuviel der Ehre. Ich finde es grundsätzlich unvernünftig, gegen Klischees auftreten zu wollen. Vielleicht sogar etwas infantil (lacht). Klischees haben auch etwas Gutes. Ich mache zum Beispiel jetzt die Erfahrung, dass das immer etwas verniedlichende Bild des Österreichers uns durchaus gut bekommt: Man mag uns! Das kommt unserem Projekt auch zugute (lacht). Ich will weniger gegen Klischees auftreten, als mit einem Selbstverständnis – das auch nicht auftrumpfend ist! – zu zeigen, was dieses Land literarisch zu bieten hat. Und das ist viel mehr, als man kennt.  

Mehr als Thomas Bernhard…  

Gasser: Absolut. Einer unserer Programmhöhepunkte im April 2023 wird die Show „Werdet Österreicher!“ in der Schaubühne Lindenfels sein. Dort werden zwei der bekanntesten Kabarettisten Österreichs, Stermann & Grissemann, mit diversen Autorinnen und Autoren einen Abend gestalten. Vorausgehen wird diesem Abend ein Literaturwettbewerb der schule für dichtung in wien in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Gesucht wird da der österreichischste Text der Gegenwart. Wir fordern also dazu auf, Bernhard, Jandl & Co. zu übertrumpfen.  

Ich entnehme Ihren Worten eine gewisse Fähigkeit zur Selbstironie… 

Gasser: Das ist natürlich eine Grundvoraussetzung, um das Leben generell zu überstehen (lacht). Ironiefähigkeit empfiehlt sich auch bei der Leitung eines Gastland-Auftritts. Auf dem Terrain der Kunst haben wir – Gottseidank! – die Möglichkeit, Dinge, die sonst in die Katastrophe führen, anders anzugehen.  

Lassen Sie uns darüber sprechen, was uns bis zum April 2023 erwartet. Die erste Raketenstufe ist ja bereits gezündet: Sie haben Mitte Mai in Berlin eine Literaturhaus-Tour eröffnet. Was haben Sie in den nächsten Monaten vor?  

Gasser: In den letzten Monaten waren wir damit beschäftigt, die Projekte und unseren Claim zu entwickeln, der Startschuss fiel im letzten März in Leipzig. Die Fortsetzung fand das im Mai in Berlin. Es gab jetzt im LCB wieder einen „Langen Abend der Österreichischen Literatur“. Im September wird „Literatur on Tour“ richtig Fahrt aufnehmen. Wir haben insgesamt mehr als 30 Veranstaltungen in Deutschland und der Schweiz, wo wir – meist mit musikalischen Acts – die ganze Vielfalt der österreichischen Literatur zeigen wollen. Meist in Konstellationen, die so in Literatur-Institutionen sonst nicht stattgefunden hätten. Begleitet wird das von unserem Podcast-Projekt und weiteren Aktivitäten in den Sozialen Medien. Anfang 2023 richtet sich unser Fokus dann verstärkt nach Leipzig. Unsere Präsenz 2023 startet, so der Plan, mit einer Ausstellung des zeichnerischen Werks von einer der interessantesten und bekanntesten österreichischen Künstlerinnen des 20.Jahrhundersts, die ein ausgeprägtes Naheverhältnis zur österreichischen Literaturszene hatte: Maria Lassnig. Rund um Maria Lassnig, zu der es spannende Buchpublikationen gibt in unterschiedlichen österreichischen Verlagen, sind mehrere Aktivitäten geplant. Darüber hinaus:  Im Literaturhaus Leipzig wird es eine Nicolas-Mahler-Ausstellung geben, in der Schaubühne eine Woche mit österreichischen Literaturverfilmungen. Nikolaus Habjan wird ein ganzes Wochenende lang auftreten mit einem Kult-Stück von Werner Schwab, „Die Präsidentinnen“, das Burgtheater wird Leipzig mit einem herausragenden Gastspiel beehren: darüber und darauf freue ich mich sehr: Details möchte ich noch keine verraten. 

Wir versuchen, unseren Gastlandauftritt im Vorfeld auf sehr unterschiedlichen Ebenen anzukündigen und mitzuzählen – nicht nur auf dem Feld des Literarischen.

Katja Gasser

Wir versuchen, unseren Gastlandauftritt im Vorfeld also auf sehr unterschiedlichen Ebenen anzukündigen und mitzuzählen – nicht nur auf dem Feld des Literarischen. So wird es auch während der Buchmesse weitergehen: Mit einer großen Ausstellung der Österreichischen Nationalbibliothek („50 Jahre österreichische Literatur“) in der DNB Leipzig, im Leipziger Theater der Jungen Welt werden wir während der Buchmesse einen Tag lang Workshops mit österreichischen Kinder- und Jugendbuch-Illustratoren abhalten. Dazu wird das ‚Dschungel Wien‘ – eines der herausragendsten Kinder- und Jugendtheater Österreichs – ein Gastspiel am TdJW haben. Und so weiter, und so weiter… Wir versuchen, an sehr unterschiedlichen Stellen die unterschiedlichsten Kunstsparten sichtbar zu machen – auch mit dem Wunsch, über diesen Moment der Leipziger Buchmesse hinaus Netzwerke zu schaffen, die dann über den April 2023 weit hinaustragen. 

Wenn man sich auf das Projekt, Österreicher zu werden, ordentlich vorbereiten will – welche Bücher sollte man dann in den Sommer mitnehmen? Und: Was lesen Sie gerade?  

Gasser: Ich lese gerade ein Buch, das nicht direkt mit unserem Auftritt zu tun hat, aber von einem Autor stammt, den ich für einen der relevantesten der Gegenwart halte: „Mesopotamien“ von Serhij Zhadan. Was österreichische Novitäten betrifft, tue ich mich schwer, ein Buch besonders hervorzuheben. Vielleicht so viel: Der Claim „Meaoiswiamia“ ist ja nicht bei mir am Schreibtisch entstanden. Ich habe mehrere Autorinnen und Autoren darum gebeten, darüber nachzudenken, wie wir als Gastland heißen könnten. „Meaoiswiamia“ ist eine Erfindung von Thomas Stangl, der zuletzt gemeinsam mit Anne Weber ein Buch über „Gute und böse Literatur“ bei Matthes & Seitz veröffentlicht hat. Das liegt mir sehr am Herzen, wie überhaupt Thomas Stangl – ein Leuchtstern der österreichischen Gegenwartsliteratur, der in Deutschland noch viel zu wenig bekannt ist. Im August kommt sein neuer großer Roman „Quecksilberlicht“ (Matthes & Seitz Berlin) heraus, dazu ein Erzählband in seinem ‚Herkunftsverlag‘, dem österreichischen Droschl-Verlag. Das andere Buch, das ich erwähnen möchte, kommt aus einem tollen, jungen österreichischen Verlag – Alexander Lippmanns Roman „Innere Gewalt“ ist bei Bahoe Books erschienen; eine Geschichte darüber, was es heißt, einer mehr oder minder sinnlosen Arbeit nachzugehen. Insgesamt kann ich nur sagen: liebe Leserinnen: schaut Euch auf dem österreichischen Buchmarkt um: es gibt Hochkarätiges zu entdecken! 

Katja Gasser ist Literaturkritikerin und Kulturjournalistin, 2019 wurde sie mit dem Österreichischer Staatspreis für Literaturkritik ausgezeichnet. Seit 2008 leitet sie das ORF-TV-Literaturressort; in dieser Funktion ist sie zur Zeit freigestellt, weil sie die künstlerische Leitung des Gastlandprojekts ,Österreich bei der Leipziger Buchmesse 23’ übernommen hat. 

Wie am Schnürchen

Wie am Schnürchen

Die letzte Woche war lang, mitunter zog es sich: Donnerstag Referentenabend im Hôtel de Pologne, Freitag Ceva-Kongressabend mit 1200 Teilnehmern des Tierärztekongresses in der Kongresshalle am Zoo. Ein nine-to-five-Job ist es nun wirklich nicht, den Carina Menzer, Protokollreferentin bei der Leipziger Messe, ausfüllt. Aber das ist auch gut so: Eine Nullachtfünfzehn-Anstellung hat Menzer nie gesucht. 

Nach dem Abitur wünschte sie sich ein Studium mit Praxisbezug. „Und für eine gebürtige Leipzigerin ist die Leipziger Messe natürlich ein Begriff.“ Menzer bewarb sich für ein duales Hochschulstudium – und erhielt die Zusage. Drei Jahre lang, von 1999 bis 2002, pendelte sie zwischen der Berufsakademie Ravensburg und dem neuen Messegelände: Auf drei Monate Theorie am Bodensee folgten jeweils drei Monate in einer neuen Abteilung der Messe. Menzer schloss als diplomierte Betriebswirtin, Fachrichtung Messe- und Kongressmanagement, ab – und erhielt zunächst einen befristeten Vertrag im Projektteam der Wäsche-Messen Body Look und Fashion Look. Eine Zeit, die Carina Menzer rückblickend sehr schätzt: „Es ist nicht das Schlechteste, wenn man die Arbeit im Projektteam – von der Aussteller-Akquise bis zur Besucherwerbung – von der Pike auf und in der Vernetzung mit anderen Abteilungen kennenlernt. Das schärft das Verständnis fürs Funktionieren des Messe-Mechanismus insgesamt.“ Als die Body Look 2006 nach Düsseldorf ging, bewarb sich Carina Menzer auf eine frei werdende Stelle in der Protokollabteilung. Sie bekam den Job – und blieb bis heute. 

Politiker auf Tuchfühlung, Konzentration fürs Protokoll: Martin Schulz auf der Leipziger Buchmesse 2017 (c)LBM

Fällt das Wort „Protokoll“, denkt man zumeist ans klassische diplomatische Parkett – und Vorschriften, die den Ablauf staatlicher Zeremonien, so etwa den Ablauf von Staatsbesuchen, regeln. Berühmt-berüchtigt waren die mit großem Aufwand betriebenen „Protokollstrecken“ der DDR – auf dem Weg vom Flughafen Schönefeld zum Schloss Niederschönhausen, dem Gästehaus der Regierung, soll der Rasen schon mal per Nagelschere geschnitten und grün lackiert worden sein. Weniger bekannt ist, dass heute auch große Wirtschaftsunternehmen über eine eigene Protokollabteilung verfügen. Bei der Leipziger Messe ist die Abteilung „Protokoll und Geschäftsführungsangelegenheiten“, so die korrekte Bezeichnung, eine so genannte „Querschnittsabteilung“: Zusammen mit ihren Kolleginnen betreut Menzer ein begrenztes Aufgabengebiet für alle Messe-Themen – von Kongressen über Industriemessen bis zur Leipziger Buchmesse im Frühjahr, bei der der Anteil protokollarischer Herausforderungen naturgemäß besonders hoch ist. 

So ist die Protokollabteilung fürs VIP-Management verantwortlich, der Betreuung ausgewählter very important persons aus Politik, Wirtschaft oder Kultur. Ganz gleich, ob ein Promi am Helikopter-Landeplatz einrauscht, oder mit seiner Entourage am Glashallen-Eingang vorfährt: Mit dem Betreten des Messegeländes ist buchstäblich jeder Schritt getaktet. Diskretion gehört dazu: „Während die Geschäftsführung begrüßt, hält sich das Protokoll im Hintergrund“, so Menzer. „Wir schauen, dass alles läuft und die richtigen Wege eingehalten werden.“ Kommissar Zufall ist, so gesehen, der natürliche Feind des Protokolls. „Am Ende agieren Menschen. Wenn ein VIP spontan die Idee hat, vom Plan abzuweichen, bedeutet das zusätzlichen Stress. Im Zweifel muss man sehr schnell reagieren.“ Natürlich spielen auch Sicherheitsaspekte eine wichtige Rolle; als Faustregel gilt: Je prominenter die Gäste, desto aufwändiger die Vorbereitungen. 

Burkhard Jung übergibt den Preis der Leipziger Buchmesse 2022 an Tomer Gardi (c)LBM/Tom Schulze

Zu den Aufgaben des Protokolls gehört auch die Organisation von Rahmenveranstaltungen – im Fall der Buchmesse etwa die Eröffnung im Gewandhaus, die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse in der Glashalle, die traditionelle Ausstellerparty in der Moritzbastei oder der Übersetzer-Empfang. „Bei der Eröffnung reicht das von Mietvertrag und Catering über die persönliche Platzierung der Ehrengäste bis zum Ablauf auf der Bühne oder das Programmheft.“ Wenn also 2019, im prä-pandemischen Buchmesse-Jahr des tschechischen Gastlandauftritts, auf der Gewandhaus-Bühne Bedřich Smetanas „Moldau“ erklingt, hat das Protokoll präzise vorgearbeitet. Dazu sind Menzer und ihre Kolleginnen für den reibungslosen Betrieb der VIP-Lounges, den VIP-Shuttleservice und die Erarbeitung individueller Messe-Rundgänge zuständig. „Im Zusammenspiel mit dem Börsenverein und den Kolleginnen des Buchmesse-Projektteams erarbeiten wir Wegeverläufe und Zeitrahmen“, erklärt Menzer. „Und wir kontaktieren natürlich vorab die ausgewählten Aussteller, um vorab die Details des Besuchs zu klären.“ 

Fragt man Carina Menzer, was sie an ihrem Job reizt, ist es zuallererst die Vielfalt der Aufgaben, die herausfordert. „Wir arbeiten nicht nur mit einer Messe, einem Projektteam zusammen – sondern eigentlich mit dem gesamten Haus!“ Während die Buchmesse-Organisatoren gefühlt 360 Tage im Jahr auf ein fünftägiges Feuerwerk zuarbeiten, kennt Menzers Jahreskreis viele Höhepunkte. Dazu lernt sie durch die Planung mit vielen Leipziger Locations ihre Stadt immer wieder anders und neu kennen. Für Ihren Job braucht Carina Menzer Organisationsgeschick, gute Nerven und die Gabe, Wichtiges von weniger Relevantem zu trennen. Effizienz ist das Zauberwort: „Ich kann ziemlich gut erkennen, wo es sich lohnt, Zeit und Mühe zu investieren – und wo man Gefahr läuft, sich in Details zu verbeißen.“ Für ausgefallene Hobbies hat die Mutter zehnjähriger Zwillingsjungs kaum Zeit; Sport und Yoga bieten Ausgleich zum kräftezehrenden Beruf. Am besten entspannt sie auf Ausflügen mit der Familie in die Natur. Wer denkt, die seien perfekt durchorganisiert, ist schief gewickelt. In der Freizeit dürfen die To-do-Listen gern mal Pause machen. „Auf Klassentreffen“, lacht Menzer, „bin ich lieber Gast.“ 

Kulturstaatsministerin Claudia Roth mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung beim Zukunftsgespräch zur Leipziger Buchmesse im März 2022 (c) Leipziger Messe

Die Zeit der Corona-Pandemie, in der auch auf dem Leipziger Messegelände der gewohnte Betrieb still stand, hat Carina Menzer genutzt, um etwas zu tun, für das in der engen Taktung des physischen Messe-Alltags eigentlich kein Platz ist: Das Gewohnte in Frage stellen, konzeptionell neue Horizonte eröffnen. „Die Verbindung von Home-Office und Home Schooling war manchmal kräftezehrend. Aber angesichts der Tatsache, dass es in unserer Branche zu nicht wenigen Verwerfungen gekommen ist, Corona mancher Agentur oder Messebauer die Luft abgeschnürt hat, hatte ich das Privileg, mich neu fokussieren zu können.“ Als erste Präsenzmessen gingen im September letzten Jahres Cadeaux und Midora an den Start. Im Herbst 2020 waren sie die ersten Messen unter Pandemie-Bedingungen – jetzt markierten sie wieder einen Meilenstein. Die Leipziger Buchmesse im nächsten April wirft ihre Schatten voraus. Protokoll ist, zum Glück, ein wenig wie Fahrradfahren oder Atmen: Man verlernt nichts. Carina Menzer ist längst wieder im Tritt.  

Willkommen und Abschied

Willkommen und Abschied

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verabschieden sich die Organisatoren des eigentlich schon für 2021 geplanten portugiesischen Gastlandauftritts von Leipzig. Angesichts der nach pandemiebedingt zweijährigem Warten doch noch zustande gekommenen „Unerwarteten Begegnungen“ ist Patrícia Barreto, Kulturrätin der Botschaft von Portugal in Berlin und Kuratorin für den Gastland-Auftritt überzeugt, dass die mehr als 50 übersetzten Bücher ihren Weg machen. „Wir haben die große Begeisterung des Publikums für die neu ins Deutsche übersetzten Werke gespürt“, sagt Barreto. „Die Tatsache, dass zehn Millionen Portugiesen ihre Sprache mit 260 Millionen Menschen in vielen weiteren Ländern in der Welt teilen, hat die Sprache und die in ihr verfasste Literatur immens bereichert – das haben wir in Leipzig unter Beweis gestellt.“

©Tom Schulze

Auf dem Programm im Haus des Buches und in der Schaubühne Lindenfels standen zum einen Würdigungen von literarischen Größen: So wurden etwa die Dichterin Sophia de Mello Breyner Andresen sowie Literaturnobelpreisträger José Saramago geehrt, dessen 100. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird. Genauso wichtig waren zeitgenössische Autorinnen und Autoren wie Dulce Maria Cardoso, José Luís Peixoto oder Margarida Vale de Gato. Um den Wahrnehmungen unterschiedlicher Realitäten und unterschiedlicher Visionen von der Welt in Afrika, Brasilien, Europa und Ozeanien gerecht zu werden, kamen viele neue Stimmen aus dem lusophonen Raum zu Gehör, darunter Djamilia Pereira de Almeida und Yara Monteiro. In Leipzig zeigte sich nicht nur die zunehmende Stärke der weiblichen Stimmen, sondern auch die besondere Bedeutung von Themen wie Postkolonialismus, Sozialkritik oder die Suche nach dem Ich in der aktuellen portugiesischsprachigen Literatur.

©Tom Schulze

Transporteure dieser Literatur wie die Übersetzerin Marianne Gareis oder ihr Kollege Michael Kegler werden einfach weiterarbeiten – ebenso wie das Netzwerk Traduki, das es, nach drei Jahren des überwiegend virtuell gelaufenen Südosteuropa-Messe-Schwerpunkts „Common Ground“, noch einmal bei der Balkan-Nacht im UT Connewitz krachen lässt. „Wir und sie – vom Verbindenden im Anderssein“ ist das Programm im dritten Jahr überschrieben. „Wir versammeln Autorinnen und Autoren, in deren Büchern Menschen darauf bestehen, einen eigenen Lebensweg zu wählen, wo Kinder die für sie vorgesehenen Rollen nicht zu spielen bereit sind und gängige Zuschreibungen nicht einfach übernommen werden“, erklärt Programmkuratorin Hana Stojić. „Es sind Bücher über Menschen, die weitreichende Konsequenzen kurzsichtiger Entscheidungen politischer Machthaber zu tragen haben, aber auch Bücher über Träume, Hoffnungen und Ängste, wie wir alle sie kennen bei dem Versuch, das Leben zu meistern.“ Man wird sich wiedersehen: Auf dem Youtube-Kanal von Traduki, auf der Buch Wien – und selbstverständlich der nächsten Leipziger Buchmesse.

©nk

Preis der Leipziger Buchmesse für Tomer Gardi („Eine runde Sache“), tags zuvor den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung für Karl-Markus Gauß: Im Fußballjargon würde man sagen, dass die Österreicher momentan so etwas wie einen Lauf haben. In der Schaubühne Lindenfels, schon jetzt so etwas wie der „inoffizielle Österreich-Pavillon“, präsentieren sich unsere alpenländischen Nachbarn als Gastland der Leipziger Buchmesse 2023. „Meaoiswiamia“ (mehr als wie wir) lautet die offizielle Wortbildmarke – ein Gegenkonzept zum krachledernen „Mia san mia“ bajuwarischer Prägung, eine Sprachskulptur und eine poetologische Setzung gleichermaßen, wie Katja Gasser, künstlerische Leiterin des Gastlandprojekts, betont. Wie wichtig Österreich den Aufschlag nimmt, zeigt der Umstand, dass Andrea Mayer, Staatssekretärin für Kunst und Kultur, trotz Messe-Absage persönlich vor Ort ist. Rund zwei Millionen werden für den bereits am 18. Mai im Österreichischen Kulturforum Berlin startenden und mit der Buch Wien 2023 endenden Gastland-Auftritt in die Hand genommen.

©Tom Schulze

„In Leipzig können wir uns auf Augenhöhe mit den großen Konzernverlagen zeigen“, sagt Benedikt Föger, Präsident des Hauptverbands des Österreichischen Buchhandels. Auch für Oliver Zille macht der lang anvisierte Ösi-Booster Sinn – nicht nur, weil es im Österreichischen Kaffeehaus auf der Messe eh’ den besten Verlängerten gibt: Die Nähe der österreichischen Verlagsszene zu den Sprachen in Südosteuropa ist sprichwörtlich. Wie ernst es unsere Nachbarn mit ihrem Claim meinen, zeigen sie beim langen Länder-Abend in der Schaubühne („Wildes Österreich“): Wenn das Erste Wiener Heimorgelorchester auf den im Kongo gebürtigen Grazer Fiston Mwanza Mujila oder Stefanie Sargnagel trifft, bleibt wirklich kein Auge trocken.

©Tom Schulze

Als die niederländischsprachige Literatur 1993 erstmals im Fokus der Frankfurter Buchmesse stand und Autoren wie Cees Nooteboom, Leon de Winter oder Connie Palmen die Herzen deutscher Leserinnen und Leser eroberten, war Victor Schiferli als jüngster Mitarbeiter des Nederlands Letterenfonds schon mit dabei. Nun freut sich der Amsterdamer auf 2024, wenn die Niederlande und Flandern gemeinsam Gastland der Leipziger Buchmesse sein werden. Der Startschuss für das Programm, das auch auf den spartenübergreifenden Austausch mit Theater, bildender Kunst und Film setzt, fällt bereits in diesem März. „Nachhaltigkeit“ und „Diversität“ sind für die Organisatoren Schlüsselworte. Im Literaturhaus gibt es, moderiert von dem in Amsterdam lebenden deutschen Verleger Christoph Buchwald, einen Vorgeschmack mit Autoren wie Gerda Blees (Wir sind das Licht“, Zsolnay), Mathijs Deen („Der Holländer“, mare) oder Johan de Boose („Das Fluchholz“, btb). Der niederländisch-flämische Bücherpodcast „Kopje Koffie“ stellt bereits jetzt Autorinnen und Autoren mit ihren aktuellen Übersetzungen vor.

©Tom Schulze

Die neuen Betreiber des Gohliser Schlösschens um Geschäftsführer Thomas Roßdeutscher sind kulturaffin im besten Sinn – und so kann mit dem Übersetzerzentrum auch ein weiterer Buchmesse-Klassiker im frisch umgewidmeten „Musenhof am Rosental“ andocken. Einen ganzen Tag lang gibt es dort Lesungen und Diskussionen nonstop, unter anderem ein von Jürgen Jakob Becker moderiertes Podium zum Internationalen Übersetzertreffen des LCB und als „Überraschungsgast mit Krone“ Anne Weber, die frisch gekürte Gewinnerin des Preises der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung.

Langer Atem, großes Herz

Langer Atem, großes Herz

Zur letzten Leipziger Buchpreisverleihung saß Annette Knoch, Verlegerin des Droschl Verlags, vorm PC in Graz und sah aus der Ferne, wie das schreckstaunende Gesicht der Gewinnerin Iris Hanika („Echos Kammern“) als Social-Media-Meme viral ging. Nun, bei der gänzlich unerwarteten „Titelverteidigung“, kann sie ihren Autor Tomer Gardi („Eine runde Sache“) live herzen. „Ein unvergesslicher Moment“, sagt Knoch in der Kulturfabrik Werk 2 im Süden von Leipzig. Auch die Verlage der Preisträgerinnen Uljana Wolf und Anne Weber, kookbooks und Wallstein, sind bei der buchmesse_popup in der alten Connewitzer Industriehalle mit dabei.

©nk

Insgesamt beteiligen sich 63 Independent-Verlage an der von Leif Greinus (Voland & Quist) und Gunnar Cynybulk (Kanon) initiierten Steggreif-Messe, die vom Engagement der Beteiligten lebt – so wird das Lesungsprogramm von Anna Jung (Jung und Jung), Kristine Listau (Verbrecher Verlag) und Verena Knapp (Klett-Cotta) organisiert. Knapp 10.000 Besucherinnen und Besucher strömen nach Connewitz. „Es geht uns um Sichtbarkeit für unsere Autorinnen und Autoren“, sagt Gunnar Cynybulk, „und den so wichtigen Kontakt mit dem Publikum“. Die Branche, das hat man an dieser in nicht einmal vier Wochen organisierten Aktion gesehen, ist solidarischer, als man denkt. „Wir wollten in diesem Jahr ein Zeichen setzen“, ergänzt Leif Greinus. „Und freuen uns auf die ‚große‘ Leipziger Buchmesse im nächsten.“

©buchmesse_popup, nk

Putins Angriffskrieg, der Horror, den die Menschen in der Ukraine erleben, sind das Thema dieser Leipziger Tage, auf Bühnen und Podien wie im privaten Gespräch. Man erinnert sich fast wehmütig an Martin Pollak und den von ihm ab 2012 kuratierten „tranzyt“-Schwerpunkt mit Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus, an Juri Andruchowytsch, der 2006 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhielt. Im Kontext des Ukraine-Themas zeigt sich, wie wichtig eine auch auf Osteuropa ausgerichtete Messe ist. Das alles hat man im Kopf, wenn man im Werk 2 eine zusammen mit dem PEN und der Hilfe von Christoph Links organisierte Veranstaltung besucht. Unter dem Motto „Nein zu Putins Krieg – Was kann Literatur leisten?“ sind am Tag nach Putins Rede im Luzhniki-Stadion, die nicht wenige als Auftakt zur Großen Säuberung interpretieren, Marjana Gaponenko (Ukraine), Michail Schischkin (Russland), Volha Hapeyeva (Belarus) und Karl Schlögel (Deutschland) zusammengekommen; später wird aus Lemberg der Übersetzer Juri Durkot zugeschaltet, der für die „Welt“ Kriegstagebuch führt.

©nk

War Krieg nicht eine Sache der Großeltern? Ob wir „friedensverwöhnten, optimistischen und wohl auch zu lethargischen“ Westeuropäer richtig gelesen haben, fragt sich auch Karin Schmidt-Friderichs. Die Börsenvereins-Vorsteherin ist, mit den Schriftstellerinnen Svetlana Lavochkina und Katerina Poladjan, dem ukrainischen Gewandthaus-Solo-Bratschisten Ivan Bezpalow, der VS-Bundesvorsitzenden Lena Falkenhagen und dem eben aus der Ukraine zurückgekehrten TV-Journalisten Arndt Ginzel, Gast eines Podiums im Turmzimmer des Leipziger Felsenkellers. Eine Eisenskulptur vis-à-vis erinnert an eine der letzten Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs in Leipzig, bei der am Morgen des 18. April 1945 fünf GIs und zwei Jugendliche des „Volkssturm“ umkommen. Das Podium im Turm ist Teil von weiter:lesen 22, einer lokalen Initiative, ebenfalls in Rekordzeit geplant. In der Moritzbastei und im Felsenkeller, vor 2019 mehrmals Domizil für die „Party der jungen Verlage“, finden an zwei Tagen rund 60 Lesungen statt; im Felsenkeller gibt es zudem Buchstände beteiligter Verlage und eine Party mit DJ Sergej Klang.

©nk

Erstaunlich, was Mitte März trotz coronabedingt geschlossener Messehallen in der alten Buchstadt abgeht. Unter dem Titel „Verbriefte Freundschaft“ eröffnet das Deutsche Buch- und Schriftmuseum – in Anwesenheit des Künstlers – eine Ausstellung zu den umfangreichen Briefwechseln und der Mail-Art von Axel Scheffler – eine Liebeserklärung an die gute, alte analoge Korrespondenz. Derweil erobert die Comic-Künstlerin und frisch gebackene LVZ-Kunstpreisträgerin Anna Haifisch endgültig die Hochkultur-Sphäre – mit einer Soloschau im Museum der Bildenden Künste. Dass bei der Ballung von Leipzig liest trotzdem-Aktivitäten fast keiner außen vor bleiben muss, liegt am sprichwörtlich großen Herz zahlloser Leipziger Kultur-Orte für Literatur – und dem Engagement des „Leipzig liest“-Teams. So laden die Connewitzer Verlagsbuchhandlung und das Deutsche Literaturinstitut (DLL) den Penguin-Autor und Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah („Ferne Gestade“) ins Paulinum am Augustusplatz. Unter dem Hashtag #buchbesuch öffnen Leipziger Verlage wie Buchfunk, Faber & Faber, Klett Kinderbuch, Lehmstedt oder Seemann Henschel am virtuellen „Messe“-Samstag ihre Türen. Echte Verlagsstadtschwärmer lassen sich da nicht lange bitten.

©nk

Spannend: Statt einer Buchmesse gibt es in Leipzig diesmal gleich mehrere kleine. Wer über den Standortvorteil und genügend Energie verfügt, präsentiert sich – wie etwa Spector Books, Kookbooks oder die Stiftung Buchkunst – parallel. In der Hochschule für Grafik und Buchkunst findet die It’s a book, das jährliche Treffen von Produzierenden aus dem Indie-Publishing, zum 13. Mal statt. Rund 90 Verlage sind beteiligt, von adocs publishing (Hamburg) bis Valiz (Amsterdam), die das schönste Buch der Welt gleich vom Stapel verkaufen.

©nk

Im Rahmen der Sonderausstellung „Fotobücher. Kunst zum Blättern“ findet von Freitag auf Sonntag im Grassi Museum das erste Leipzig Photobook Festival statt. Organisiert hat es der Fotograf, Kurator und Verleger Calin Kruse. Dass das Mzin, jahrelang im für Grafikdesign-Hipster attraktiver werdenden Kolonnadenviertel ansässig, nun als Shop im Leipziger Bildermuseum vor Anker gegangen ist, zeigt den frischen Wind, der aktuell durch die Leipziger Museums-Szene pustet. Von ihm wird, Hand drauf, auch die Leipziger Buchmesse 2023 profitieren.

©JS

Wem’s zu wohl ist / der geht nach Gohlis, weiß der Leipziger Volksmund. Und irgendwie ist etwas dran: Wäre der Kurt-Wolff-Preis, wie es sich normalerweise gehört, am Stand „Die Unabhängigen“ in Halle 5 der Leipziger Buchmesse verliehen worden, wäre man vom Messe-Grundrauschen, zu dem gern auch mal ein Trompeten-Solo oder die mikrofonverstärkte Anmoderation eines Kabarettisten gehören, nicht verschont geblieben. Antje Kunstmann und Poetenladen-Verleger Andreas Heidtmann bekommen ihre Schecks über 35.000 und 15.000 Euro im barocken Gohliser Schlösschen, in dessen Saal man bei der Laudatio von Verleger Heinrich von Berenberg die berühmte Stecknadel fallen hören kann. Die einfallende Frühlingssonne färbte das Parkett goldgelb.

©nk

Dass Antje Kunstmann mit dem ein abgeschlossenes Sammelgebebiet assoziierenden Wort „Lebenswerk“ fremdeln muss, ist klar. Dass in ihrem Bücherregal Kurt Wolffs „Autoren – Bücher – Abenteuer“ neben André Schiffrins „Verlage ohne Verleger“ steht – das Ideal neben der ernüchternden Gegenwart sozusagen, beide bei Wagenbach erhältlich – ist kein Zufall. In Wolffs Betrachtungen und Erinnerungen findet sich der berühmte Satz: „Man verlegt entweder Bücher, von denen man meint, die Leute sollen sie lesen, oder Bücher, von denen man meint, die Leute wollen sie lesen. Verleger der zweiten Kategorie zählen für uns nicht – nicht wahr?“ Kunstmann hält es lieber mit Anton Tschechow. Der dekretierte: „Ich teile alle Bücher in zwei Sorten ein: Solche, die mir gefallen, und solche, die mir nicht gefallen. Ein anderes Kriterium habe ich nicht.“

Roter Faden

Roter Faden

Mehr Understatement geht nicht: In Warmbronn, in der schwäbischen Provinz, eine halbe Stunde von Stuttgart entfernt, wo um 1900 der Dichter Christian Wagner lebte und schrieb, findet sich in einem unscheinbaren Bauernhaus mit Scheune der Verlag von Ulrich Keicher. Hier ist alles handgemacht, lange Zeit in Bleisatz und Buchdruck, seit 1996 mit Computersatz und Laserdrucker. Die Verarbeitung – Schneiden, Falzen, Binden – erfolgt seit fast vier Jahrzehnten in der eigenen Werkstatt. Wie wird einer, der in kleinen Verhältnissen aufwuchs („Außer Bibel und Gesangbuch gab es keine Bücher“), zum leidenschaftlichen Bücher-Mensch? Alles Zufall? Oder gibt es so etwas wie bibliophiles Schicksal?

Als junger Sortimenter in der Albert’schen Buchhandlung in Freiburg liefen ihm Größen wie Heidegger, Marie Luise Kaschnitz oder der von Potsdam in die Nähe von Staufen gezogene Peter Huchel über den Weg – für Keicher, Jahrgang 1943, öffnete sich ein literarischer Raum, den er so nicht gekannt hatte. 1973 machte er sich in Warmbronn als Antiquar selbstständig. Den Grundstock bildete eine tolle Expressionismus-Bibliothek, einige tausend Bände, die er im Renault R 4 von Straßburg herüberspedierte. Den eigenen Verlag gründete er im Herbst 1983 auf Schloss Scheer an der Donau, los ging’s mit Herbert Heckmann, Werner Dürrson, Hannelies Taschau und Johannes Poethen.

1986, kurz nach der Rückkehr ins Warmbronner Gehäus’, startete Keicher die legendäre Reihe „Roter Faden“: Schwarze Büchlein im Schulheft-Format, rotes Titelschild, gebunden mit dem titelgebenden roten Faden – Wagenbachs „Quarthefte“ oder Kurt Wolffs Reihe „Der jüngste Tag“ lassen grüßen. Nach 44 Bänden war 1996 mit Matthias Politycki („Der böse Einfluss der Bifi-Wurst“) Schluss. Für Keicher begann die anfangs „ungeliebte Computerzeit“, doch der Qualität seiner Produktion tut das keinen Abbruch. Jedes der zwischen 24 und 40 Seiten starken Hefte hat seine eigene Typografie, dazwischen sind Fotos oder Grafiken einmontiert. Oft gibt es ein farbiges Fontispitz, dass der „Künstler-Verleger“ (Dieter Henrich) selbst einklebt.

Wulf Kirsten, den der Schriftsteller Hermann Lenz (1913 – 1998) persönlich nach Warmbronn empfahl, wurde zum wichtigen Vermittler für viele kritische Geister aus der DDR – vom jungen Lutz Seiler bis zu Volker Braun oder Wolfgang Hilbig. Nachdem Keicher – wie hat er das nur geschafft? – in manchen Jahren an die 20 Titel herausbrachte, sind es heute vier. Mit Bänden von Michael Krüger, Erdmut Wizisla und Heinrich von Berenberg hat eine neue Reihe begonnen, in der Matthias Bormuth Autoren und Verleger ins Gespräch zieht – unter dem Titel „Die Straße ist nicht meine Welt“ erschien hier 2019 auch ein tiefenbohrender Dialog mit Ulrich Keicher. Eine von ihm 2003 bei Wallstein herausgegebene Werkausgabe setzt dem literarischen Außenseiter Christian Wagner ein Denkmal. Im eigenen Haus sorgen derweil immer wieder ungeplante Bücher dafür, dass man dem Verleger seine bald 80 Jahre nicht anmerkt. „Eigentlich wollte ich ja schon aufhören“, sagt er lachend. „Aber nach diesem tollen Preis kann ich das doch nicht bringen.“ In Warmbronn wird also weiter gedruckt, geschnitten, gefalzt und gebunden. Eine Broschur mit Texten des ganz, ganz frühen Kurt Wolff hat die Werkstatt eben verlassen.

http://www.verlag-ulrich-keicher.de

Fotos: © Gerd Schroff (Porträt Ulrich Keicher), Rudi Deuble, Verlag Ulrich Keicher

Das Forum Die Unabhängigen, in normalen Zeiten Messe-Magnet mit halbstündig getaktetem Programm, verlegt die Kurt Wolff Stiftung für Leipzig liest extra in den digitalen Raum; aus dem Lindenfels Westflügel wird gestreamt. Am Samstag, 29. Mai wird die Premiere von „Die Unabhängigen – Spätausgabe“ ab 19.30 Uhr live im Garten des Leipziger Literaturhauses stattfinden: Mit Martina Hefter, Ally Klein, Nastasja Penzar, Amanda Lasker-Berlin, John Sauter und Tilman Spengler lesen sechs Autorinnen und Autoren aus ihren neuen Romanen, Erzählungen und Lyrikbänden. Musik macht die Leipziger Swingband Hot Club d´Allemagne. Der Eintritt ist frei, Anmeldung unter tickets@literaturhaus-leipzig.de.

Brücke zum Osten

Brücke zum Osten

Fotos: Tom Schulze

Es ist der 21. Tag von Putins Angriffskrieg. Als in den öffentlichen Raum verlegtes wöchentliches Friedensgebet der Nikolai-Gemeinde hat die Veranstaltung begonnen, mit Psalmen und Gesängen. Während der Posaunenchor, der gerade noch ein „Dona nobis pacem“ begleitet hat, seine Instrumente verstaut, zeigt die große Videoleinwand vor dem Gemeindehaus einen bärtigen Mann, der spürbar um Fassung ringt und das verschmitzt-ironisches Lächeln, das man eigentlich von ihm kennt. Juri Andruchowytsch, der berühmteste Schriftsteller der Ukraine, hat in seiner Heimatstadt Iwano-Frankiwsk eine Videobotschaft für uns aufgenommen. Eingespielt wird sie auf einer gemeinsam von der Stadt Leipzig, der Leipziger Messe, dem Börsenverein und der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde St. Nikolai organisierten Friedensaktion, kurz vor der Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung, den Andruchowytsch selbst 2006 erhalten hat.

Auf der Leinwand führt der Autor das Publikum durch die leeren Räume des von ihm mitbegründeten Kulturzentrums VAGABONDO: „Europa hat sich endlich für die Ukraine geöffnet – jedenfalls an den Grenzen, für Flüchtlinge. Zumindest das bisher. Aber die massenhaft blau-gelben Dekorationen genügen uns nicht mehr. Die totalen Stürme von Begeisterung und Empathie, die Standing Ovations und die Kundgebungen.“ Das alles sei rührend und wunderbar, aber es genüge nicht mehr, angesichts der Hölle, in der sich ein friedliches Volk befindet. Andruchowytsch fordert die vollwertige EU-Mitgliedschaft der Ukraine. „Sie brauchen uns, um viel größer, mutiger und stärker zu sein.“

Noch am 9. Oktober letzten Jahres stand der Leipziger Oberbürgermeister mit seinem Kiewer Kollegen Vitali Klitschko auf dem Nikolaikirchhof; Klitschko hielt am Leipziger Großfeiertag die traditionelle „Rede zur Demokratie“ in der Nikolaikirche. Nun erinnert Sebastian Feydt, der Pfarrer der Nikolaikirche, an die „Keine Gewalt!“-Rufe, die im Herbst 89 über den Kirchhof echoten. „Damals rollten keine russischen Panzer“, sagt Feydt. „Was das für ein historisches Geschenk war, wird mir erst heute bewusst – und welche Verpflichtung dieses Geschenk ist.“

„Der Kritiker ist Platzanweiser im Circus Maximus des Literaturbetriebs. Nicht mehr. Eher weniger“, hielt die Kritikerin und Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl, in Anlehnung an Walter Benjamin, einmal gelassen fest. Das ist überraschend uneitel im an Eitelkeiten nicht eben armen Literaturbetrieb. Die Laudatio, die die Wienerin ihrem Salzburger Kollegen Karl-Markus Gauß hält, ist selbst ein geschliffenes Stück Literatur. Strigl hakt sich an Gauß’ preisgekröntem Buch „Die unaufhörliche Wanderung“ fest – ein Titel, der auch den Existenzmodus seines Autors fasst. „Als Forscher und Reporter nicht minder denn als Leser, Denker und Schriftsteller ist Karl-Markus Gauß ein Wanderer“, sagt Strigl – und nimmt in ihrer Lobrede den „symbolischen Rucksack“ des Kollegen in Augenschein, seine „Siebensachen“, mit deren Hilfe er zuverlässig seinen Bestimmungsort erreicht. Der Weg ist das Ziel, oder, wie Heimito von Doderer deutlich weniger verblasen formulierte: „Umwege erhöhen die Ortskenntnisse.“

Karl-Markus Gauß ist um den Job des Dankredners an diesem Abend nicht zu beneiden. Schließlich tritt er in Zeiten vor sein Publikum, da praktisch jeder Tag den Redenentwurf des Vortags zunichtemacht. „Kein Prophet, auch keiner, der auf den heutigen Namen Experte hört, hat vor einigen Wochen vorausgesehen, was sich doch, wie wir heute einräumen, seit Jahren angekündigt hat.“ Paukenschlag Nummer eins: Die neuerliche Buchmesse-Absage. Gauß kritisierte die Zögerlichkeit von Teilen der Branche: „Wer es der Buchhaltung, so wichtig sie ist, überlässt, über Bücher, Buchmessen, Feste der Literatur und derer, die ihr Leben mit ihr verbunden haben, zu entscheiden, der wird eines Tages jenem Produkt den gesellschaftlichen Wert genommen haben, mit dem er doch seine besten Geschäfte gemacht hat.“ Ein hochrangig besetztes Zukunftsgespräch zur Leipziger Buchmesse, noch im März zustande gekommen auf Initiative von Kulturstaatsministerin Claudia Roth und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, hat auch solche Warnungen im Blick gehabt; Bund, Land und Kommune haben sich mit der Branche untergehakt und für die Leipziger Buchmesse Flagge gezeigt.

An jenem denkwürdigen Abend in der Leipziger Nikolaikirche geißelt Gauß, ein trittsicherer Wanderer mit festem Schuhwerk, Putins Angriffskrieg nicht zuletzt als „militärische Sonderoperation“ gegen die Sprache selbst – mit dem Ziel, „aus der Lüge eine staatsbürgerliche Pflicht zu machen“. Karl-Markus Gauß entlässt das auf harten Kirchenbänken ausharrende Publikum immerhin mit der Hoffnung auf Verständigung – zumindest zwischen denen, „die auf der einen Seite aufbegehren, um keine Täter zu werden, und denen, die auf der anderen Seite nicht Opfer bleiben wollen“. Und mit dem beinahe utopischen Bild von einer Leipziger Buchmesse 2023 als Brücke zum Osten. Einer Buchmesse, auf der „russische Autorinnen, die nicht trauern, weil ihr Despot den Krieg verloren hat, und ukrainische Autoren, die nicht jubeln, weil Russland selbst aus der Gemeinschaft der zivilisierten Nationen verstoßen wurde, mit uns über Europa reden. Und über anderes mehr.“