Am kürzeren Ende der Eisenbahnstraße 

Am kürzeren Ende der Eisenbahnstraße 

Egal, wen Daniel Schade ins Ost-Passage Theater (OPT) einlädt: Wer zum ersten Mal unter der riesigen Gewölbedecke des Gründerzeitgebäudes in der Konradstraße 27 steht, ist sprachlos – und begeistert. 1909 als Markthalle errichtet, wurde der Bau 1912, in der ersten Kino-Boom-Zeit, zum Lichtspieltheater umgewidmet. Eine Weile war es das zweitgrößte Kino der Stadt. Vor seiner Schließung war es im Leipziger Osten als Lichtschauspielhaus („Lichtscher“) bekannt. 1962 war, wegen bautechnischer Mängel und fehlender Sanierungskapazitäten, Schluss – das Haus fiel in einen Dornröschenschlaf und bröselte mehr und mehr auseinander. 2008/09 wurde das Baudenkmal wachgeküsst, die Außenfassade nach denkmalpflegerischen Standards saniert. Aldi Nord hieß der Prinz, der das Gebäude im ursprünglichen Sinn nutzen wollte. Fortan wurde es durch eine Zwischendecke geteilt: Unten eine Aldi-Filiale, oben das alte Tonnengewölbe, ein optisches Juwel – aber ungenutzt. Und hier kommen Daniel und seine Freunde ins Spiel. 

Vorsicht, frische Stücke: Im Eingangsbereich des OPT (c) nk

Daniel Schade, im OPT heute für künstlerische Prozesse, die Öffentlichkeitsarbeit und Administration verantwortlich, ist in Wittenberg aufgewachsen. In Leipzig studierte er Philosophie, Soziologie und Theaterwissenschaften und produzierte schon während seines Studiums mit der freien Theater-Kompanie gruppe tag. Nach seinem Magister-Abschluss war er unter anderem für den Verein Notenspur tätig, am Geyserhaus arbeitete er als Produktionsleiter mit einem Arbeitslosentheater. „Eine bunte Truppe, 25 U-25 Arbeitslose, ‚Arbeitslose gibt es nicht’ hieß unser wichtigstes Stück.“ Aus den Vernetzungen in die freie Szene der Stadt und den nicht selten prekären Produktionsbedingungen entwickelte sich der Wunsch nach einem eigenen Haus: „Wollen wir nicht unser eigenes Theater aufmachen?“ Im Leipziger Osten schienen dafür am ehesten noch Freiräume zu existieren. Irgendwann entdeckten die Theater-Direktoren in spe dann das vor sich hinträumende Tonnengewölbe überm Aldi in der Konradstraße. „Wir haben uns sofort verliebt“, sagt Daniel Schade. 

2011 konnte man den damaligen Eigentümer für eine Nutzung der oberen Etage als Nachbarschaftsbühne begeistern. Bis zur feierlichen Eröffnung brauchte es allerdings noch einen Eigentümerwechsel und fast sieben weitere Jahre. 2017 bekam der gemeinnützige Ost-Passage Theater e. V. einen Mietvertrag. „Dann haben wir mit gefühlten 5000 Ehrenamtsstunden und einer Reihe von Fachfirmen den Umbau gewuppt.“ Am 9. März 2018 konnte die Eröffnung des OPT gefeiert werden. Die Bandbereite des Programms, das von einem harten Kern von 14 Leuten und vielen Ehrenamtlichen getragen wird, reicht von Theater, Musik und Kino bis zu Lesungen, Diskussionen und Workshops. Gerade die Arbeit mit Kindern- und Jugendlichen wird großgeschrieben. „Aus unseren Projekten wissen wir, dass man migrantische Milieus am besten über die Kinder aufschließt.“ So gibt es am Haus etwa eine offene Mädchen-Theaterwerkstatt, die letztes Jahr Shakespeares „Sommernachtstraum“ auf die Bretter gebracht hat. 

Das OPT von außen (c) nk

Die Literatur steht, seien wir ehrlich, nicht im absoluten Zentrum der Arbeit des OPT. Für Daniel Schade wird sie jedoch immer wichtiger. „Letztlich ist Text ein ganz wichtiger Grundbaustein für Theater.“ Sehr gut funktionieren erwartungsgemäß die Kooperationen mit Lesebühnen wie den Anemonen; auch mit Orinoco, einem Hybrid aus Buchhandlung, Antiquariat und Bibliothek für fremdsprachige Bücher in der Mariannenstraße arbeitet man im Multikulti-Kiez gern zusammen. Highlights im Jahr sind die Veranstaltungen des Literarischen Herbsts – die Show Beste erste Bücher mit den Debüts der Saison genießt nach fünf Jahren schon Klassiker-Status. Das gilt natürlich auch für Leipzig liest. „Nach unserer Eröffnung Anfang März 2018 wollten wir natürlich beim Lesefestival groß einsteigen“, erinnert sich Daniel Schade. „Und es passte! Alle waren begeistert, das Leipzig liest-Team schlägt uns seitdem immer sehr tolle Autorinnen und Autoren vor. Für uns sind die Abende inhaltlich und wirtschaftlich attraktiv.“ In diesem Jahr ist etwa Toxische Pommes („Ein schönes Ausländerkind“) oder Karen Köhler mit ihrem ersten Kinderbuch („Himmelwärts“) dabei, legendär ist der Messe-Salon der Edition Outbird aus Gera, die auch viele Leipziger Szene-Größen im Programm haben.  

Literarischer Herbst meets OPT: Beste erste Bücher 2023 © Gert Mothes

Das OPT ist in sehr kurzer Zeit zu einem enorm wichtigen Kultur-Ort im wilden Leipziger Osten geworden. „Wir haben das Haus mit null Geld aufgebaut“, sagt Schade, „inzwischen wirtschaften wir mit einem Haushalt von annähernd 400.000 Euro.“ An die emotionale Berg-und-Tal-Fahrt muss der Kultur-Aktivist heute noch denken: „Im Februar 2020 sind wir in die institutionelle Förderung aufgenommen worden, gleich danach kamen die Lockdowns.“ Corona war für den Kulturbetrieb aber auch eine Chance, in Technik zu investieren. Und digitale Formate wie kulturrelevant, der regelmäßige Radio-Talk des OPT zur Lage der Kultur in Leipzig, ist auch nach mehr als 70 (!) Sendungen noch hoch relevant. Folgerichtig, dass das OPT mit seinem shabby chick nun die Location für die Leipzig liest Pressekonferenz abgibt. „Wir haben ein bisschen Lampenfieber“, sagt Daniel Schade und zwinkert uns zum Abschied zu. „Wird schon schiefgehen!“   

Artist schööön: Die Künstler-Garderobe im OPT (c) nk

Die Vorab-Pressekonferenz zur Leipziger Buchmesse 2024 findet am Donnerstag, 22. Februar 2024, 11:00 Uhr im Ost-Passage Theater, Konradstraße 27, statt. 

Die Pressekonferenz wird zudem auf www.leipziger-buchmesse.de gestreamt.

Starke Frauen

Starke Frauen

Als Britta Jürgs 1997 ihren Verlag gründete, tat sie es wegen Büchern, die sie selbst vermisste: Texte von und über Autorinnen, Journalistinnen, bildenden Künstlerinnen oder Filmemacherinnen vor allem aus dem 1920er und 1930er Jahren, starke Frauen allesamt, nicht wenige davon jüdisch. Gut zwanzig Jahre war es da her, dass der Stern-Journalist Jürgen Serke mit einer achtteiligen Serie über „Die verbrannten Dichter“ in der alten Bundesrepublik Furore machte. Die damals 66jährige Irmgard Keun etwa spürte Serke in einer Bonner Dachkammer auf, es war der Beginn zahlreicher Wieder- und Neuentdeckungen. Dennoch waren, als Britta Jürgs begann, noch viele Schätze zu heben. Wieso der Blick zurück, wo junge Verlags-Startups heute oft aufs neueste vom Neuen fliegen? „Ich habe gemerkt“, so Jürgs, „dass diese Frauen absolut modern sind, gar nicht so weit von uns und unseren Erfahrungen entfernt, wie man vermuten könnte. Ich war überzeugt, dass sie auch anderen viel zu sagen haben.“ AvivA nennt sie ihren Verlag – wie Frühling auf Hebräisch und mit einer schönen Symmetrie aus großem „A“ vorn und hinten. „Viva, das Leben, steckt auch drin“, ergänzt Jürgs lachend. 

In diesem Jahr feiern gleich mehrere der bei AvivA wiederentdeckten Frauen runde Geburtstage. Von der vor 120 Jahren in Berlin geborenen Ruth Landshoff-York, einer Nichte des Verlegers Samuel Fischer, die in Murnaus „Nosferatu“ mitwirkte und 1937 in die USA emigrieren musste, erschienen bislang sechs Bücher. Ebenfalls 120. Geburtstag würde die in Wien geborene Lili Grün feiern, die in den Roaring Twenties zur Berliner Kabarett-Szene gehörte und ihre Erlebnisse in dem Roman „Alles ist Jazz“ verarbeitete. Nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 hatte Lili Grün als jüdische Schriftstellerin schlagartig keine Möglichkeit mehr zu publizieren. 1942 wurde sie aus Wien deportiert und sofort nach ihrer Ankunft im weißrussischen Maly Trostinec ermordet.

„Die Bräutigame der Babette Bomberling“, ein Roman von Alice Berend (1875-1938), 1915 bei S. Fischer erschienen, hatte es einst zu einiger Berühmtheit gebracht – Britta Jürgs fand das Buch in einem Antiquariat, las begeistert und begann, zur Autorin zu recherchieren: Die 1875 geborene Schwester der Malerin Charlotte Berend-Corinth veröffentlichte vor allem zwischen 1910 und 1920 zahlreiche Romane, die in Auflagen von mehreren hunderttausend Exemplaren erschienen und ihr den Ruf eines „weiblichen Fontane“ einbrachten. Auch Berend musste 1933 vor den Nazis fliehen und starb mittellos in Italien. 

Seit 26 Jahren auf Entdeckungs-Tour: Britta Jürgs (c)nk

Romane, Biografien, Feuilletons, Reiseberichte: In 26 Jahren ist die Backlist des in einer parkettknarzenden Altbauwohnung in Moabit residierenden Verlags auf rund 120 Titel angewachsen, pro Jahr kommen rund acht neue dazu. So ist, wie es in der Jurybegründung zum Kurt Wolff Preis heißt, „quer durch die Epochen, Kontinente und Genres eine kleine Universalbibliothek entstanden“. Britta Jürgs ist, Hand in Hand mit großartigen Fachleuten fürs Übersetzen, Edieren und Nachwortschreiben, längt weiter durch Zeiten und Sprachräume geeilt. „Alle Frauen müssten gemeinsam Blumen auf Aphra Behns Grab streuen“, befand schon Virginia Woolf. Heute gilt die englische Autorin Aphra Behn (1640 – 1689) als Ikone der feministischen Literatur. Doch ihr Werk ist Geheimtipp geblieben. Mit Hilfe des Herausgebers und Übersetzers Tobias Schwartz hat AvivA das geändert. Ursprünglich war ein Band geplant, doch da Behns Werk quer durch alle Genres geht, hat sich Jürgs entschieden, die 620 Seiten auf zwei Bände aufzuteilen – und dem Ganzen einen schmucken Schuber zu spendieren, auch wenn der heute fast so teuer sein kann wie ein Buch. „Das ist meine große Freiheit“, sagt Britta Jürgs. Ihre älteste Autorin ist Christine de Pizan. Ihr „Buch von der Stadt der Frauen“, ein Beispiel früher feministischer Literaturkritik, erschien 1404 – noch vor dem Buchdruck! 

Seit 2012 erscheint, zwei Mal im Jahr zu den Buchmessen, die 1986 gegründete Rezensionszeitschrift Virginia Frauenbuchkritik bei Aviva. Jürgs ist eine der Herausgeberinnen – und betreut unter anderem die Krimi-Rubrik. Was ihr Gelegenheit gibt, jenseits des eigenen Verlags-Kosmos’ zu lesen. Dort hat sich ihre Krimi-Leidenschaft noch nicht niedergeschlagen – nicht schlimm, findet Jürgs: „Ich lese ja auch zeitgenössische Literatur. Und, ja: Bücher von Autoren.“ Die Netzwerkerin und Aktivistin, die ihren Verlag zum 20. Geburtstag in zwanzig unabhängigen Buchhandlungen vorgestellt hat („Ein Kraftakt!“), setzt sich auch nach ihrer Zeit als Vorstandsvorsitzende der Kurt Wolff Stiftung für die Belange der Indies ein – derzeit etwa für eine strukturelle Verlagsförderung, die angesichts der aktuellen Geldsorgen der Ampel wieder einmal im Verschiebe-Modus gelandet ist. „Wir haben schon viel erreicht“, meint Britta Jürgs. „Aber es ist noch Luft nach oben.“    

„Horrormittagessen mit Nikola Richter“ 

„Horrormittagessen mit Nikola Richter“ 

Doch, Nikola Richter, die Verlegerin von mikrotext, verfügt über Selbstbewusstsein und Humor, und von beidem nicht zu knapp. Wie, bitte, würde sich sonst erklären lassen, dass sie einen Erzählband des in Charkiw geborenen Anton Artibilov ins Jubiläumsprogramm gehoben hat, der den schönen Titel „Der Niedergang des mikrotext Verlags“ trägt? Die zugehörige Geschichte („Mein Horrormittagessen mit Nikola Richter“) war ein Geschenk an die Verlegerin zum zehnjährigen Verlagsgeburtstag 2023: Artibilov, der auch anderen Orts als Battle-Rapper Josef Steinschleuder auftritt, trug sie live auf der Jubiläumsparty vor. „Nach den ganzen Jubel-Arien habe ich mir von Anton gewünscht, dass er mich disst“, sagt Richter. Im Rap gilt das als Ehrenbezeugung – und in der Literaturgeschichte wohl auch, denken wir nur an Thomas Bernhards Dramolett „Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“ (1986). 

Jubiläumsparty 2023 (c)mikrotext

Richter kann sich bestelltes Störfeuer leisten. Für ihren 2013 gegründeten Verlag war 2023 ein extrem erfolgreiches Jahr: „Unser Deutschlandmärchen“ von Dinçer Güçyeter, das im April den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik gewann, mauserte sich zum „Spiegel“-Bestseller und liegt inzwischen in der siebten Auflage vor. Elfi Conrads „Schneeflocken wie Feuer“, von Kritik wie Publikum gleichermaßen geliebt, liegt in fünfter Auflage vor. Was dazu führte, dass Richter auf einmal Aufgaben stemmen musste, die normaler Weise großen Publikumsverlagen vorbehalten bleiben, von der Beschaffung größerer Mengen Papier über die Organisation von Nachdruck-Terminen bis zum Bestseller-Marketing. 

Dinçer Güçyeter & Nikola Richter (c)mikrotext

Dass ihr Verlag, der zunächst rein digital gestartet war, noch immer generös als Ausnahme-Phänomen bewertet wird, nervt Richter zuweilen massiv. Dabei hat sie, von Aboud Saeed („Der klügste Mensch im Facebook“) bis Ruth Herzberg („Wie man mit einem Mann unglücklich wird“) einfach nur kontinuierlich mit ihren Autorinnen und Autoren gearbeitet. Von Anfang an waren das sehr besondere Stimmen, die bei der klassischen Ochsentour zum Verlagsvertrag wohl eher durchgerutscht wären. Richter war es, die die hierzulande noch unbekannte Stefanie Sargnagel („In der Zukunft sind wir alle tot“) 2014 als erster deutscher Verlag veröffentlichte, mit Elfi Conrad brachte sie eine 80jährige Debütantin. „2023 war der gleiche Spirit wie 2013“, sagt sie. „Jetzt verstehen nur mehr Leute, was ich mache.“ Neue Erzählformen sind dabei hoch willkommen – egal, ob es die „Kryptopoeme“ eines Yevgeniy Breyger oder Sina Kamala Kaufmanns „nahphantastische Erzählungen“ sind.

 Auch das Erfolgsjahr 2023 war kein reines Glücks-Momentum, das irgendwie vom Himmel gefallen wäre. Dank einiger kluger unternehmerischer Weichenstellungen hatten die Jahre seit Ausbruch der Corona-Pandemie für mikrotext sehr gut funktioniert. Mit dem Preisgeld des ersten Deutschen Verlagspreises (mikrotext wurde 2019, 2020 und 2023 ausgezeichnet) setzte Nikola Richter ihren Webshop auf – der punktgenau mit dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 online ging. Eine nachhaltige Investition in die Zukunft. 2020 schrieb Nikola Richter zum Jahr des offenen Verlags aus. Motto: „Zusammen verlegt man weniger allein.“ 

Nikola Richter © Sarah Eick

Nach fast sieben Jahren One-Woman-Show fühlte die Verlegerin, wie sich die große Müdigkeit des Landes auch bleischwer auf ihre Schultern legte – und dachte gelegentlich gar über eine vorübergehende Pause ihrer Verlegertätigkeit nach. Ole Rauch vom „Jacobin“-Mag riet zur Vorwärts-Verteidigung: „Mach doch das Gegenteil! Öffne den Verlag!“ Am Ende entstanden sechs Titel mit sechs Gastverlegerinnen – alle Projekte waren über Crowdfunding durchfinanziert. Die Arbeit mit den Teilzeitverlegerinnen, die sich für andere einsetzen, war eine beglückende Erfahrung – auch wenn 2020 alles andere als ein Sabbatjahr für Richter wurde. 

Auf der Leipziger Buchmesse 2023 (c)mikrotext

Nach dem rasanten 2023 will es die Verlegerin im elften, dem „Schnapsjahr“ 2024 mit zwei statt vier Titeln pro Saison etwas ruhiger angehen lassen. Mely Kiyak ist mit einer gänzlich neu überarbeiteten Ausgabe von „Dieser Garten“ am Start, in der wir die Benediktinerinnen der Abtei zur Heiligen Maria in Fulda und den wohl ersten nachhaltigen Garten Deutschlands kennenlernen. Isobel Markus, Berliner Salonière des 21. Jahrhunderts, beschreibt in ihrem „Dating Roman“, wie sich zwei Freundinnen zusammentun, um die Hochs und Tiefs des Online-Datings gemeinsam durchzustehen.

Gut zu tun hat Nikola Richter trotzdem: Anfang April hat „Unser Deutschlandmärchen“ Premiere am Berliner Gorki, die Lesereise von Dinçer Güçyeter geht an gefühlt 100 Stationen weiter – und 2025 ist ja auch noch ein Jahr. Der Kurt-Wolff-Förderpreis ist bei all dem „eine große Ehre“, freut sich die Verlegerin. „Ich arbeite nicht in großen Bögen, sondern versuche, für jedes einzelne Buch das Beste zu machen“. Das ist gewiss keine Schnapsidee. Auch im elften Jahr macht ihr Independent-Schnellboot zwischen all den großen Verlags-Tankern bella figura

„Die Welle reiten“ 

„Die Welle reiten“ 

„Ich soll einen Preis bekommen. Das Buch, das ich geschrieben habe, hat vielen Leuten gefallen. Der Verlag hat angerufen, dass er nachdrucken will.“ Das sagt die Ich-Erzählerin in Anke Stellings Roman „Schäfchen im Trockenen“ (2018). Im März 2019 erhielt sie für dieses Buch, erschienen im Berliner Verbrecher Verlag, den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik. Für die Romantrilogie, zu der neben „Schäfchen im Trockenen“ auch „Bodentiefe Fenster“ (2015) und „Fürsorge“ (2017) gehören, wurde ihr zudem im Juni 2019 der Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg verliehen. 

An den Tag der Leipziger Preisverleihung kann sich Anke Stelling auch fünf Jahre später noch genau erinnern – mit Jörg Sundermeier und Kristine Listau, ihrem Verleger-Duo, landete sie am Abend im „Telegraph“, bei der Party der Verlagsauslieferung LKG. Irgendwie passend für die Autorin, die ‚buchnah’ aufwuchs – ihre Mutter führte einst den Vaihinger Buchladen in Stuttgart, ihr Vater war Verlagsvertreter in den Reisegebieten Baden-Württemberg und Bayern. 

1971 in Ulm geboren, studierte Anke Stelling ab 1997 am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Ihr Debüt „Gisela“, gemeinsam mit Robby Dannenberg verfasst, erschien 1999. Nach dem Wechsel zu S. Fischer erschienen drei weitere Bücher, doch es wurde ruhig um die Autorin. Hat der Preis-Paukenschlag von 2019 ihr Leben, gar ihr Schreiben verändert? Es ist ein Einschnitt, den sie unterschätzt hat: „Wenn man sich zur Indie-Szene gehörig fühlt, schreibt man aus einem Avantgarde-Gefühl heraus, gegen das Establishment. Man ist der Geheimtipp, und strebt doch aus dieser Marginalisierung heraus. Wenn man im Scheinwerferlicht steht, sich etabliert hat, ist das toll. Aber dieser kleine Motor – ich zeig’s euch, ihr werdet schon sehen! – wird dann nicht mehr gefüttert.“ 

Nach dem Frühjahr 2019 veränderten sich die Begleitumstände ihres Schreibens zunächst deutlich – Interviews, Blitzlichter, die Platzierung auf der Spiegel-Bestsellerliste. Außenreize, die sich mit der Zeit wieder auf Normalmaß einpegelten. „Aber es gibt dann natürlich den Druck, sichtbar zu bleiben, die Welle zu reiten, das einmal erworbene Standing zu beweisen“, erklärt Stelling. „Ich hatte unterschätzt, dass die gewachsene Aufmerksamkeit auch zu einem kleinen Zensor auf der Schulter werden kann.“ 

Immerhin versteht, wer durch einen so prominenten Preis quasi über Nacht vom Geheimtipp zur Bestsellerautorin katapultiert wurde, die Mechanismen des Betriebs besser. Anke Stelling hat sich fürs Beste entschieden, was man tun kann: Weiterarbeiten. Im März 2020, Corona hatte der Buchmesse den Stecker gezogen, erschien ihr zweites Kinderbuch „Freddie und die Bändigung des Bösen“ (cbj), beim Verbrecher Verlag folgte der Erzählband „Grundlagenfoschung“. Längst ist auch das Drehbuch zu „Schäfchen im Trockenen“ abgeschlossen, doch in post-pandemischen Zeiten, sagt Stelling, ist es noch einmal schwieriger geworden, Kinofilme zu finanzieren. Langstreckenqualitäten sind gefragt. 

Die Preisträger 2019: Eva Ruth Wemme, Anke Stelling, Harald Jähner (c) Tom Schulz

Zum ersten Mal war der Preis der Leipziger Buchmesse in der Belletristik-Kategorie an einen waschechten Indie-Verlag gegangen – auch das eine Sensation. Als der Knall der Sektkorken an jenem Buchmesse-Donnerstag 2019 verklungen war, orderte Jörg Sundermeier bei der Druckerei eine Nachauflage von 10.000 Exemplaren – und erhöhte nur Stunden später um weitere 10.000. „Das hatte ich in meinem Verlegerleben noch nicht erlebt!“ Bis heute sind rund 40.000 Exemplare der Hardcover-Ausgabe über den Ladentisch gegangen, die Taschenbuchausgabe bei btb läuft immer noch gut. Unterm Strich war der Preis auch enorm wichtig für das Standing des kleinen, unabhängigen Verlags: „Ankes Roman hat nicht nur literarische Debatten befeuert“, sagt Sundermeier, „wir haben gezeigt, dass wir auch mehrere zehntausend Exemplare verkaufen können, ohne dass das Buch drei Wochen lang nicht lieferbar ist.“ 

Anerkennung im Literaturbetrieb, das hat Anke Stelling erfahren, kann sehr angenehm und, ja: regelrecht euphorisierend sein. Ewige Sicherheit gibt es nicht: „Es hört einfach nie auf“, sagte sie 2019 in ihrer Dankesrede zum Hölderlin-Preis: „Das Unwohlsein bleibt, sonst endet ja die Suche. Wär’s vorbei mit mir als Schriftstellerin.“ Sie schreibt am nächsten Roman, der sowieso immer der schwerste ist. Er wird, und das ist in diesen Zeiten schon eine Ansage, im Verbrecher Verlag erscheinen.   

Weisheit der Fulbe 

Weisheit der Fulbe 

Es ist zwanzig vor fünf an diesem Buchmessedonnerstag 2012, in der sonnendurchfluteten Glashalle wird gleich der Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik verkündet und man könnte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. Als Wolfgang Herrndorf und sein Roman „Sand“ genannt werden – 2011 war der Autor hier schon einmal mit „Tschick“ nominiert, Wahnsinn! – schiebt sich Robert Koall, Chefdramaturg des Dresdner Staatsschauspiels, aus den Sitzreihen, entert die Bühne und tritt ans Mikro: „Ich bin von Wolfgang Herrndorf gebeten worden, im Erfolgsfall heute für ihn einzuspringen, ich freue mich wahnsinnig, freue mich in seinem Namen, weiß auch, dass er sich wahnsinnig freut, und er hat mir einen Satz mitgegeben: ‚Die Sonne geht immer hinter der Düne unter, die dir gerade am nächsten ist.’ In diesem Sinne vielen Dank für die Jury, vielen Dank für den Preis, danke für das viele schöne Geld.“ Beifall brandet, die ein oder andere Träne wird verdrückt. Aber: Was, bitte, hat es mit dem rätselhaften Satz auf sich, den der frisch gekürte Preisträger unbedingt in die Welt tragen wollte – und der, auch zehn Jahre nach Herrndorfs Tod, noch immer auf Youtubenachhallt?  

Anruf zwölf Jahre später bei Robert Koall, inzwischen Chefdramaturg und stellvertretender Generalintendant am Düsseldorfer Schauspielhaus. Koall erinnert sich noch genau an jenen Glücksmoment und seine Vorgeschichte. Als Herrndorfs Roman Anfang Februar 2012 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde, stand für den Autor fest, dass er unter keinen Umständen persönlich kommen würde. Seine Erkrankung war zu diesem Zeitpunkt bereits sehr weit fortgeschritten; schon den Deutschen Jugendliteraturpreis für „Tschick“ hatte im Herbst 2011 Kathrin Passig für ihn auf der Frankfurter Buchmesse entgegengenommen. Als feststand, dass Robert Koall im Fall der Fälle den Preis entgegennehmen würde, lief im Internet-Forum „Wir höflichen Paparazzi“ – in dem damals fast alle aus Herrndorfs großem Freundeskreis verbandelt waren – die Vorbereitungs-Diskussion heiß. Besonders emsig wurde im Kreis der „Pappen“ gefachsimpelt, welche Botschaften im Ernstfall in einer Dankesrede unterzubringen wären. Running Gag im Forum waren damals die „Weisheiten der Fulbe“, laut Koall „sinnlose Zuckertüten-Aphorismen“, die man einem realexistierenden, laut Wikipedia einstmals nomadisierenden Westafrikanischen Hirtenvolk unterschob. Ein „Sprichwort der Fulbe“ hatte es bereits, neben echten Worten von Herodot bis Stephen Hawking, als Mottozitat in „Sand“ geschafft. Der Nonsens-Satz „Wer nicht weiß, wohin er geht, erreicht mit jedem Schritt sein Ziel“ leitet dort Kapitel 11 ein. In der Nacht vor der Preisverleihung wurde dann jener Satz mit Sonne und Düne geboren, der, wie Koall lachend gesteht, „weder astronomisch noch sonst wie Sinn macht“.  

Als es dann soweit ist und er leibhaftig auf der Glashallen-Bühne steht, freut sich Koall nicht nur für Herrndorf, sondern für alle „Pappen“, den Freundeskreis, der die Verleihung natürlich im Livestream verfolgte. „Ich wusste, alle schauen zu!“ Wolfgang Herrndorf selbst meldet sich ein paar Minuten später im Forum und fragt kreuzbrav: „Hab’ ich was verpasst?“ Treffer versenkt. Das gilt auch für den frei erfunden Satz: Der kleine Guerilla-Gag wird von den Medien aufgegriffen – die SZ macht ein „afrikanisches Sprichwort“ daraus, die F.A.Z. einen „Sinnspruch aus Nordafrika“. Für Robert Koall endet der Tag weit nach Mitternacht, im Taxi fährt er aus einem MDR-Studio ins Hotel. Er hat die mediale Nach-Wirkung des Preises unterschätzt: „Ich dachte: Super, jetzt gibt’s Sekt, Schnittchen und Party! Gab’s auch – aber ich hatte währenddessen einen Interview-Marathon zu absolvieren.“ Als die „Pappen“ am nächsten Tag im Berliner „Prassnik“, ihrer Stammkneipe, Wolfgang Herrndorfs Leipziger Buchpreis feiern, ist Robert Koall schon wieder auf Arbeit im Theater. Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps.  

Robert Koall, Chefdramaturg am Düsseldorfer Schauspielhaus (c)Thomas Rabsch

Robert Koall, geboren 1972 in Köln, studierte zunächst einige Semester Jura, Literaturwissenschaft, Geschichte und Philosophie an der Freien Universität Berlin. Von 1995 bis 1998 war er Assistent von Christoph Schlingensief, anschließend arbeitete er als Dramaturg an den Schauspielhäusern in Hamburg, Zürich und Hannover. Von 2009 bis 2016 war er Chefdramaturg am Staatsschauspiel Dresden, seit der Saison 2016/17 ist er Chefdramaturg und stellvertretender Generalintendant am Düsseldorfer Schauspielhaus. Koall hat zahlreiche Romane für das Theater bearbeitet, darunter „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf, das zum meistgespielten Bühnenstück der 2010-er Jahre wurde.

Am Düsseldorfer Schauspielhaus läuft derzeit Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“ in einer sehr sehenswerten Bühnenfassung von Robert Koall (Regie: Adrian Figueroa).

Preis der Leipziger Buchmesse 2012 im Video