Autor: Nils Kahlefendt

Magischer Ort
03. Mrz. 2017
Im Paradies spricht man litauisch: Auf einen Kaffee in der Buchhandlung Mint Vinetu in der Altstadt von Vilnius
Autor: Nils Kahlefendt

Magischer Ort
03. Mrz. 2017
Im Paradies spricht man litauisch: Auf einen Kaffee in der Buchhandlung Mint Vinetu in der Altstadt von Vilnius

Die Espressomaschine faucht auf Hochtouren, aus den Boxen nölen Bob Dylan und Jake Bugg um die Wette, darüber liegt ein babylonischer Sprach-Mischmasch: Englisch, Französisch, Litauisch. Die Tische sind besetzt mit mal lautstark diskutierenden, mal still über ihre Notebooks gebeugten jungen Leuten. Was treibt sie her? Gute Musik, natürlich, starker Kaffee und feiner Tee, selbstgebackene Muffins, kostenloses WLAN. Dazu jede Menge gebrauchte und handverlesene neue Bücher, alte Schallplatten. „Mint Vinetu“, das Bücherparadies in der Altstadt von Vilnius könnte so auch in Helsinki, Brooklyn oder Berlin Kreuzberg zu finden sein. Jonas Valonis, der den Laden mit ein paar Freunden vor sieben Jahren aufmachte, hat an diesem kalten Winternachmittag alle Hände voll zu tun. Die Frage nach dem seltsamen Namen muss er vermutlich mehrmals am Tag beantworten: „Die Bücher von Karl May, vor allem natürlich ‚Winnetou’, waren die Bücher unserer Kindheit, heute erinnern sie uns an den Zauber selbstvergessenen Lesens. Das ‚Mint’ steht ganz allgemein für Tee und Frische.“

Jonas Valonis wurde 1982 in Panevėžys, der fünftgrößten Stadt Litauens geboren; die Unabhängigkeit des Landes kam für ihn und seine Altersgefährten gerade zur rechten Zeit. Er hat in diversen Jobs gearbeitet, Bücher haben ihn immer umgeben. Als es die Chance zur Gründung des Ladens gab, machte er Nägel mit Köpfen. Die Frage, ob „Mint Vinetu“ ein Buchladen mit Café-Anschluss oder ein florierendes Café mit Bücherregalen bis zur Decke ist, scheint für ihn so unwichtig wie jene nach Henne oder Ei. „Wir haben hier einen besonderen Ort geschaffen, an dem Touristen oder Einheimische miteinander ins Gespräch kommen können. Wir heißen jeden willkommen, egal ob er etwas kaufen oder vielleicht einfach nur sein Handy aufladen möchte.“ Ein Klavier und eine Gitarre in der Fensternische warten auf Gäste, die selbst musizieren wollen – was, wie Jonas erklärt, wohl ziemlich häufig vorkommt.

Auf dem Tresen liegen Comics und Literaturzeitschriften aus; in den Regalen finden sich nicht nur Bücher in litauischer Sprache, sondern ganze Sektionen für englische, russische, französische, spanische, italienische und deutsche Bücher. So blättern wir neugierig in einer englischsprachigen Ausgabe von Hesses „Narziss und Goldmund“ und in einer Anthologie mit litauischer Poesie aus zwei Jahrhunderten, die 1983 im Verlag Volk und Welt erschienen ist. Die Nachdichtungen stammen von namhaften DDR-Autoren wie Heinz Czechowski, Franz Fühmann oder Sarah Kirsch; der Klappentext zitiert Herders „Stimmen der Völker in Liedern“: „Das litthauische Mädchen, das von Allem ihres Hauses Abschied nimmt und die ganze Brautwelt aus ihrem Aug und Herzen mahlet, ist größere Dichterin, als der possierlichste Fabrikant einer Abschiedsrede – an der sein Pult und nichts als sein Pult klebt.“ Über 200 Jahre ist das her, die litauische Studentin am Nebentisch tippt versonnen in ihr Apple-Notebook.

An den Wänden von „Mint Vinetu“ hängen noch einige der stimmungsvollen Schwarz-Weiß-Porträts von Leserinnen und Lesern des Ladens; die Fotoserie war ein studentisches Projekt der Uni, die meisten Bilder sind inzwischen an die Porträtierten verschenkt worden. Für ihre zusammen mit einer Werbe-Agentur entwickelte Print-Kampagne „Become Someone Else!“ wurden die Karl-May-Schwärmer aus Vilnius sogar auf internationalen Werbe-Blogs gefeiert. Selbst die litauische Staatspräsidentin Dalia Grybauskaitė, die in der Altstadt von Vilnius zur Schule ging, brachte schon ein paar ausgelesene Lieblingsbücher mit, um sie gegen neuen Lesestoff einzutauschen. Die Mietpreise im Herzen der Altstadt klettern, doch noch hält sich „Mint Vinetu“ tapfer gegen den Mainstream. „Wenn du in Vilnius eine Bar aufmachst, hast du zwei Jahre, um zu überleben – oder zu scheitern“, sagt Jonas Valonis. „Wir sind jetzt seit sieben Jahren hier.“ Howgh, so soll es bleiben.

www.mintvinetu.com

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