Autor: Nils Kahlefendt

Gründet und mehret euch!
09. Sep. 2015
Start-ups und Buchbranche: Die Frage nach den Geschäftsmodellen von morgen trifft einen Nerv. Wenn sich alte und neue Ökonomie auf der Leipziger Buchmesse begegnen, geht es auch darum, gemeinsam schlauer zu werden.
Autor: Nils Kahlefendt

Gründet und mehret euch!
09. Sep. 2015
Start-ups und Buchbranche: Die Frage nach den Geschäftsmodellen von morgen trifft einen Nerv. Wenn sich alte und neue Ökonomie auf der Leipziger Buchmesse begegnen, geht es auch darum, gemeinsam schlauer zu werden.

Der Mann hat Mut: Zur Leipziger Buchmesse im März präsentierte Robert Merkel sein Startup direkt neben dem Weltkonzern Amazon. Nach zehn Jahren bei der 20th Century Fox und Walt Disney hat der gebürtige Leipziger mit einem alten Kindergartenkumpel, der jetzt als IT-Spezialist arbeitet, die eigene Firma gegründet. Mit dem Digitalverlag frankly will die Life Media AG zwar nicht das Rad neu erfinden, aber immerhin einen Gegenentwurf zur amerikanischen Internet-Unternehmenskultur etablieren. Eine Art „YouTube für Publishing mit angeschlossenem iTunes-Store“, scherzt Merkel. Doch der Jungunternehmer meint es ernst. frankly ist Verlag, E-Book- Store und soziales Netzwerk in einem. Die Tugenden traditionellen Verlegens sollen mit den neuen technologischen Möglichkeiten in Einklang gebracht werden – zum Nutzen von Autoren und Lesern. „Wir waren zu jung, als Napster die Musikindustrie revolutionierte“, meint Merkel selbstbewusst – für das eigene Startup sei die alte Buchstadt genau der richtige Ort. „Das Neue wird hier entstehen.“ Nicht nur auf der Messe oder den Berliner Buchtagen, dem jährlichen Gipfeltreffen der Branche, fällt es ins Auge: Die jungen Tüftler werden wahr- und ernst genommen – auch von Büchermenschen, die mit der hippen Gründerszene nicht per se verbandelt sind. Alles ist möglich, Denken mit Scheuklappen war gestern. Frank Maleu, Gründer der E-Book-Boutique Minimore, tüftelt gemeinsam mit der Mainzer Agentur bureau23 an einem Weg, wie sich E-Books einfach, sicher und ohne aufwendige technische Voraussetzungen lokal handeln lassen. Im Laden laden, womöglich gleich bar bezahlen – warum eigentlich nicht? Über die App des Berliner Start-ups MediaSpot können mit Hilfe der iBeacon-Technologie E-Books, Hörbücher und Magazine an ausgewählten Orten kostenlos gelesen und gehört werden, derzeit wird das Angebot schon an rund 150 Orten der Hauptstadt und in der Flotte von berlinlinienbus.de genutzt. Nun wollen die Berliner auch das stationäre Sortiment für die Technik begeistern. Klaus Rössler und Stefan Fischerländer, die Frankfurter Gründer von bookvibes, schrauben derweil an etwas, das sie gewitzt „Emotional Internet of Things“ nennen. Eine App, die Emotionen aus Büchern extrahiert: „Mit unserer Webanwendung können wir die emotionale DNA jedes Buchs bestimmen – und so ein Netzwerk aus Lesern, Händlern und

Autoren schaffen.“ Die Frage nach den Geschäftsmodellen von morgen trifft ganz offensichtlich einen Nerv. So ging bookvibes die ersten Schritte in der vom Forum Zukunft im Börsenverein und dem Arbeitskreis Elektronisches Publizieren (AKEP) gestarteten Initiative protoTYPE. Ein Beispiel, das zeigt, wie zarte Projektpf länzchen zu ernsthaften Business-Ideen reifen können. Über vier Jahre konnten Vor- und Querdenker der Buch- und Medienwelt hier ihre Ideen jeweils sechs Monate lang bis zur Projektreife vorantreiben. Mit seinem im Sommer 2014 gegründeten startup club möchte der Börsenverein jungen Unternehmen den Zugang zur Buchwelt erleichtern – und ihnen zugleich als wichtige Partner Gehör verschaffen. Letztlich geht es um ein Umfeld, in dem sich Start-ups gut aufgehoben fühlen – mit praktischen Angeboten, die ihnen Kontakte, Werkzeuge und Wissen an die Hand geben, nicht zuletzt auch darüber, wie die oft zu unrecht als konservativ gescholtene Branche tickt. Dorothee Werner, die als Leiterin der Abteilung Unternehmensentwicklung im Börsenverein protoTYPE und den startup club verantwortet, arbeitet inzwischen mit jungen Gründern und etablierten Unternehmen an der Weiterentwicklung dieser Bausteine. Entstehen soll eine Plattform, die innovationsrelevantes Wissen zur Verfügung stellt, potenzielle Kooperationspartner vernetzt, Kontakte zu Förderinstitutionen vermittelt, kurz: handfesten Mehrwert für Start-ups und klassische Unternehmen bietet.

Günter Faltin, Buchautor und Professor für Entrepreneurship in Berlin, ist, logisch, ein Start-up-Fan. Wobei er weniger die „schnellen Jungs“ im Auge hat, die „beim Entry gleich an den Exit denken“. Faltin rät Gründern, nicht auf Wunder oder den Anruf vom Großkonzern zu warten, sondern auf die eigene Kreativität zu bauen: „Wir sind das Kapital!“ Doch gilt nicht andererseits der gute alte Spruch: Ohne Moos nix los? Seinen Verlag Onkel & Onkel finanzierte Volker Oppmann 2007 privat. Bei seinem ehrgeizigen Projekt LOG.OS, einer gemeinnützigen E-Book-Plattform, ist nicht der schnelle Return-on- Invest, sondern Idealismus gefragt. Was wohl für die Buchbranche im Allgemeinen gilt: Die zu erwartenden Margen sind nicht so gewaltig, als dass Venture- Heuschrecken magnetisch angezogen würden. Passen also Finanzinvestoren überhaupt in diese Landschaft? Wie findet man als Gründer private Kapitalgeber? „Das Klinkenputzen, die Suche nach den passenden Partnern dauert“, meint Samuel Ju, der als Student der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften an der Entwicklung der E-Learning-Software BRAINYOO beteiligt war und Anfang 2012 zusammen mit einem Freund die E-Learning-Plattform Repetico gründete. „Das ist wertvolle Zeit, die in der kreativen Arbeit fehlt.“ Ju hatte Glück: Jonathan Beck, Geschäftsführer bei C. H. Beck, hat als privat agierender Business Angel die Gründung von Repetico begleitet. Jens Klingelhöfer, der seine Firma bookwire mit Hilfe branchenfremder Investoren gründete, verweist auf die hierzulande prinzipiell schwierige Finanzierungslandschaft: Entweder tropft der Geldhahn nur spärlich – oder er sprudelt überreich. EUProgramme sind zudem meist an eine Mindestkapitalquote gebunden – und damit für Firmen, die von null starten, wenig hilfreich. Unternehmen in der Frühphase hilft das sogenannte INVEST-Wagniskapital: Unter bestimmten Bedingungen können private Geldgeber 20 Prozent ihres Investments als Zuschuss erhalten – derzeit sind noch mehr als 100 Millionen Euro aus dem Bundesprogramm abrufbar. Ebenso entscheidend wie die Investmenthöhe ist allerdings auch die richtige Chemie zwischen Start-up und Geldgeber. Versteht der das Business nicht, in das er einsteigt, kann das die „Hölle auf Rädern“ sein, warnt Volker Oppmann: „Ein ausgemusterter Procter-&- Gamble-Manager mag für Pampers funktionieren – aber nicht für Bücher.“ Gesucht und rar: Risikobereite Leute mit Stallgeruch, die auch branchenunerfahrenen Neulingen Türen öffnen. Auch für Lisa Eineter ist der Austausch mit anderen Gründern, die Integration in bestehende Netzwerke wichtig. In kaum zehn Jahren hat die Berlinerin mit ihren Ex-Kommilitonen ein florierendes Bildungsunternehmen geschaffen, eben wagt sie die Ausgründung eines neuen Start-ups. Mit Schmökerkisten will die studierte Mathe- und Deutschlehrerin Sprachförderung in den Fachunterricht bringen: „In unseren Kisten stecken keine Schulbücher, sondern Nachschlagewerke, Romane, Lexika, Spiele, DVDs oder CD-ROMs, die bei den Schülern die Motivation für ein Thema rauskitzeln können“, erklärt Eineter. Der Bedarf ist da: 130 Schmökerkisten wurden in der im Frühjahr 2014 gestarteten Pilotphase verkauft; im August 2014 lief der deutschlandweite Vertrieb an. Von der Lehramtsstudentin zur Sozialunternehmerin: Lisa Eineter gründete das Start-up Schmökerkisten. Wenn Eineter in den Speed- Datings des startup clubs auf etablierte Player trifft, geht es nicht um den fixen Deal, eher um Vernetzung. Davon profitieren auch die klassischen Unternehmen der Branche: Gelungene Beispiele wie Bastei Entertainment, Oettinger34 oder die digitalen Ullstein- Imprints Midnight und Forever zeigen, dass man gelebte Start-up-Kultur nicht nebenbei in die Old Economy verpf lanzen kann. Es braucht geschützte Räume, in denen das Neue wachsen kann. „Grow or go home!“, heißt es hemdsärmelig im Silicon Valley. Doch ist es nicht vielmehr so, dass alte und neue Ökonomie voneinander lernen müssen? Rita Bollig, bei Random House verantwortlich fürs digitale Geschäft, bringt es zwischen zwei Leipziger Blitz-Dates auf den Punkt: „Für uns ist es wichtig, nicht im eigenen Saft zu schmoren. Die Vitalität, die Geschwindigkeit und Effizienz der jungen Wilden sind enorm. Wenn dazu noch gut durchdachte Geschäftsideen kommen, sollte man als traditionelles Unternehmen schon genau hinschauen.“

Bildquelle: Maria-Helene Tornau / Nils Kahlefendt

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Große Bühne für Gründer: Zur Buchmesse im März 2016 werden sich Start-ups und etablierte Player aus der Buch- und Medienbranche auf einer eigenen Plattform präsentieren. Ein innovatives Standbaukonzept erleichtert den Firmen den Zugang zu Publikum und Fachbesuchern. Der Buchmarkt braucht Innovationen – die Leipziger Buchmesse zeigt sie.

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