Autor: Nils Kahlefendt

SPINLAB Leipzig

Unternehmen Zukunft
30. Mai. 2016
Im Leipziger SpinLab arbeiten Startups aus ganz Deutschland. Von ihrem Spirit kann auch die Buchbranche profitieren.
Autor: Nils Kahlefendt

SPINLAB Leipzig

Unternehmen Zukunft
30. Mai. 2016
Im Leipziger SpinLab arbeiten Startups aus ganz Deutschland. Von ihrem Spirit kann auch die Buchbranche profitieren.

Es sind keine Kunstsammler, die sich letzten November in den Räumen von Judy Lübkes legendenumwehten Galerie Eigen+Art drängen. Geld ist allerdings doch im Spiel: Die einen haben es, die anderen hätten es gern. Investoren aus ganz Deutschland sind aufs Gelände der alten Baumwollspinnerei im Leipziger Westen gekommen, um sich am Demo-Day die Business-Modelle von sechs Start-ups präsentieren zu lassen. Das Spektrum reicht von digitaler Interaktion in der Außenwerbung bis zum intelligenten digitalen Job-Portal für Arbeitsplatzsuchende und Firmen. Hier, wo Künstler wie Neo Rauch quasi um die Ecke ihre Ateliers haben, tüfteln junge Start-ups in kreativer Atmosphäre sechs Monate an neuen Geschäftsideen. Ihre temporäre Homebase: der SpinLab-Accelerator. Zur Halbzeit hat jede Firma genau sechs Minuten Zeit, potenziellen Geldgebern zu vermitteln, was schon geleistet wurde – und wo man hinwill.

Reiseziele per App entdecken

SPINLAB , Startup knowhere

Der Druck ist beträchtlich, der Adrenalinspiegel entsprechend hoch. Für Robert Weber und seine Kollegen vom Hamburger Start-up knowhere keine ganz neue Erfahrung: Nachdem sie 2014 an einem Pitch im texanischen Austin teilnehmen konnten, entschlossen sich die fünf IT-Profis zur Gründung der eigenen GmbH. Im Beta Haus, einem Co-Working-Space an der Hamburger Sternschanze, fand knowhere seine Heimat. Der Name ist Programm: Mit Hilfe einer App sollen Urlauber passende Reiseziele finden – auch wenn sie noch nicht wissen, wohin sie eigentlich wollen. Die intelligente Software erkennt visuelle und persönliche Vorlieben der Nutzer – um dann, ohne lange Recherche, zu den passenden Destinationen zu führen. In Zeiten, da das Smartphone für immer mehr Menschen zum ständigen Begleiter geworden ist, könnte knowhere auch für Reise-Verlage interessant sein. Bislang haben die findigen Hamburger die Entwicklung ihrer App, die nun in die Open-Beta-Phase gehen soll, komplett selbst finanziert. Auf der Suche nach einem passenden Accelerator – einer jener weltweit wie Pilze aus dem Boden schießenden schnellen Brüter, die Start-ups über einen bestimmten Zeitraum durch Coaching zu rasanterer Entwicklung verhilft – hat sich knowhere bis nach Talinn und Barcelona umgetan. Dass man sich für das SpinLab-Programm beworben hat, erklärt Robert Weber mit der „Super-Location“. Auch die Tatsache, dass man hier nicht, wie bei anderen Acceleratoren durchaus üblich, Firmenanteile abgeben muss, spielte eine Rolle. „Ich könnte natürlich auch zuhause in Hamburg arbeiten. Aber hier ist man einfach fokussierter, motivierter.“ Was nicht zuletzt am engen Kontakt mit den anderen Teams auf dem Spinnereigelände liegt. „Auch wenn wir an unterschiedlichen Produkten arbeiten, stehen wir strukturell vor ähnlichen Problemen. Der Austausch hilft enorm.“

Starke Community von Gleichgesinnten

SPINLAB Leipzig, Eric Weber, Managing Director Spinlab.

Das helle, von wuchtigen Eisenträgern durchzogene 700-Quadratmeter-Büro in Halle 14 des Spinnereigeländes wirkt auf den ersten Blick wie die Blaupause der hippen Start-up-Welt zwischen Brooklyn und Kapstadt: An offenen Schreibtisch-Inseln beugen sich junge Menschen über ihre Rechner, leise Gespräche, mal auf Deutsch, mal auf Englisch, konzentrierte Geschäftigkeit. Eine überdimensionale Schaukel, bunte Sitzsäcke, Teeküche und nüchterne Besprechungsräume hinter Glasscheiben. Selbst den unvermeidlichen Kickertisch gibt es – doch im Moment denkt keiner ans Chillen. Hinter dem langen Tresen an der Stirnseite der Halle klebt SpinLab-Geschäftsführer Eric Weber Quittungen. „In einem kleinen Team und einer extrem dynamischen Struktur geht es glücklicher Weise sehr, sehr bunt zu“, lacht Weber, der kaum älter wirkt als die Gründer, denen er zur Seite steht. „Ich bin hier Facility Manager, Berater, Foundraiser, der Feelgood-Mann. Und manchmal eben auch Buchhalter.“ Nach seinem BWL-Studium wechselte Weber an die HHL Leipzig Graduate School of Management, wo er neben seiner Promotion für das hochschulübergreifende Gründernetzwerk SMILE arbeitete. Als die Leipziger Baumwollspinnerei und die HHL im November 2014 die SpinLab Accelerator GmbH gründeten, lief alles auf den jungen Wissenschaftler zu: „Ich habe mir einen Traumjob geschaffen, der unglaublich herausfordernd ist. Ich lerne täglich neu.“ Die Start-ups – sämtlich junge Firmen mit innovativen, technologieorientierten Geschäftsideen – finden im SpinLab ideale Arbeitsbedingungen. „Wir haben eine starke Community von Gleichgesinnten, das schafft Vertrauen.“ Kein Wunder, dass vier Teams aus der ersten Runde als Mieter in der Spinnerei geblieben sind. „Unser Mentoren-Netzwerk aus rund 70 Unternehmern und Investoren bietet wöchentlich Workshops zu diversen Themen an – von Steuerrechtsproblemen bis zu IT, Marketing oder Preisfindung.“ Dazu kommen rund 15 „Premiumpartner“ – renommierte Unternehmen von Porsche, Postbank, E.ON oder KPMG bis zu Microsoft. Noch in diesem Jahr soll ein eigenes Recruting-Netzwerk seine Arbeit aufnehmen.

Dringend gesucht: Neue Geschäftsideen

SPINLAB Leipzig – StartUp MEROLT – Telefonzentrale,

Wer Visionen hat, meinte einst Helmut Schmidt, solle zum Arzt gehen. Eine Stadt wie Leipzig, die neuerdings gern „Hypezig“ genannt wird, ist auf Visionen angewiesen: 2019, in nur drei Jahren, wird neu über den Solidarpakt verhandelt; schon jetzt scheint es zunehmend unrealistisch, Großkonzerne mit Fördermitteln nach Mitteldeutschland zu locken. „Langfristig“, so Eric Weber, „wird man den eigenen Nachwuchs brauchen“. Start-ups mit international skalierbaren Geschäftsideen könnten der Weg sein. Firmen wie Unister oder der T-Shirt-Versender Spreadshirt sind heute Big Player am Ort, sie starteten quasi aus der Garage. Neue Wege des Handelns, des Arbeitens müssen sich entwickeln. Das hat man längst auch in der Medien- und Kreativwirtschaft erkannt: Konzerne wie Madsack oder Springer, die jungen Gründern mit dem Leipziger Basislager Coworking (seit 2015) oder dem 2013 in Berlin gegründeten Axel Springer Plug and Play Accelerator neue Arbeits- und Vernetzungsmöglichkeiten geschaffen haben, sind auch im SpinLab engagiert. Dass auch die Buchbranche von Start-ups lernen kann, steht für Kai Wels, Leiter Lektorat und Produktentwicklung beim Berliner Beuth Verlag, außer Frage: „Der Wille, Dinge einfach mal zu machen, ist faszinierend. An Start-ups lässt sich relativ gut studieren, wie sich Ideen, Produkte und Prozesse entwickeln lassen. Viele dieser Unternehmen sind noch klein, das schafft eine ganz andere Dynamik. Die fehlt bei vielen etablierten Häusern – auch wenn sie jetzt nach und nach erkennen, dass sie damit nicht mehr in der gewünschten Geschwindigkeit auf Marktveränderungen reagieren können.“

Verschmelzung von Internet und lokalem Handel

SPINLAB, Start-up Accelerator in der Buntgarnspinnerei Leipzig. Start-up Sensape (interaktive Werbung) Matthias Freysoldt, Artur Lohrer (ohne Brille) , Justus Nagel

Echtes Neuland ist die Buchbranche für Matthias Freysoldt und seine Kollegen vom Leipziger Startup Sensape. Sie bringen Computern mittels Bildsensoren und spezieller Algorithmen das Sehen und Verstehen bei – Prototypen sind bereits erfolgreich im Handel und auf Messen im Einsatz. Für die Leipziger Buchmesse im März haben die jungen Tüftler aus dem SpinLab einen Bucherkenner gebaut, mit dem man über kleine Wisch-Gesten kommunizieren kann – sehr zur Freude des Publikums, das vorm „Sensape Chimp“ posiert wie in der Karaoke Bar. „Mit unserer Technologie geben wir dem traditionellen Einzelhandel Werkzeuge an die Hand, um den nächsten Schritt in die Zukunft zu gehen. Die Verschmelzung von Netz und lokalem Laden kann gerade für den Buchhandel sehr interessant sein.“

Wand an Wand: Künstler und IT-Tüftler

SPINLAB Leipzig Startup vizzlo.com , Gründer Hendrik Schulze und Robert Lillack

Zwischen den Nachwuchs-Düsentriebs in der Spinnerei wirkt einer wie Hendrik Schulze fast wie ein alter Hase. Zwei Firmen hat der Leipziger bereits erfolgreich zum Fliegen gebracht; die letzte zählte hundert Mitarbeiter, als sie von einem Technologiekonzern übernommen wurde. Eigentlich wollte Schulze dann ein Sabbatjahr einlegen, doch irgendwann juckte es ihm wieder in den Fingern. Zusammen mit seinem ehemaligen Entwicklungsleiter gründete er im letzten Sommer Vizzlo, das jüngste Baby. Schuld waren am Ende wohl die vielen Präsentationen, die Schulze als Firmenchef erarbeiten musste: „Ein Zeitkiller! Du steckst irrsinnig viel Aufwand in die Grafiken, während es eigentlich um den Inhalt geht.“ Die Online-Plattform Vizzlo soll das ändern: Mit ihrer Hilfe können Nutzer in weniger als einer Minute hochwertige Geschäftsgrafiken in ihre Programme integrieren – Weltkarten, Wachstumskurven, Meilensteinpläne. Was als Fingerübung begann, wurde zum Selbstläufer; bereits in den ersten drei Monaten nach der GmbH-Gründung akquirierte das Start-up rund 2500 Kunden. Die Firma wäre auch ohne SpinLab flügge geworden. „Inzwischen würde ich es bereuen, wenn wir uns nicht beworben hätten. Es ist genial.“ Schulze, der zu DDR-Zeiten als Schüler nebenan in den Kirow-Werken seinen Unterricht in „Produktiver Arbeit“ absolvierte, liebt die alten Industriegemäuer und die inspirierende Atmosphäre zwischen Künstlern und Technik-Tüftlern. Es tut gut, die eigenen Erfahrungen mit den Jüngeren teilen zu können. Doch Schulze bekommt auch viel zurück: „Spirit, Wissen, viele praktische Geschichten. Etwa, wenn mir die Leute von knowhere schnell mal bei Google Analytics helfen – dafür würde ich zwei Tage brauchen. Es ist ein Geben und Nehmen.“

Neuland 2.0 – Frischzellenkur für die Branche: Zur Leipziger Buchmesse 2016 präsentierten sich 14 junge Unternehmen, deren Geschäftsideen auch für die Buch- und Medienbranche relevant sind, erstmals in einem eigenen Start-up-Village. Das Spektrum reichte von der Plattform log.os bis zu Sensape aus der Leipziger Baumwollspinnerei. Ausgewählt werden die Firmen von den Fachjuroren Martin Kurzhals (StoryDOCKS GmbH), André Nikolski (Basislager Coworking) und Eric Weber (SpinLab – The HHL Accelerator). Nach der erfolgreichen Premiere von Neuland 2.0 wird es auch 2017 einen herausgehobenen Auftritt für innovative Ideen und Produkte aus der Startup-Szene geben.

Bilder: Martin Jehnichen

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