Autor: Nils Kahlefendt

Fotos: Christian Kortüm

Der Türöffner
15. Jun. 2016
Edo Popović ist einer von vielen Autoren, deren Weg auf den deutschen Buchmarkt über Leipzig führte.
Autor: Nils Kahlefendt

Fotos: Christian Kortüm

Der Türöffner
15. Jun. 2016
Edo Popović ist einer von vielen Autoren, deren Weg auf den deutschen Buchmarkt über Leipzig führte.

Wer, wie Alida Bremer, Mitte der 80er Jahre in Belgrad Literatur studierte, musste Edo Popović kennen: Der in Zagreb lebende Autor gehörte zu den Mitbegründern von Quorum, der wichtigsten Literaturzeitschrift Jugoslawiens, sein 1986 erschienener erster Roman wurde zum Kultbuch einer Generation. Popovićs Reportagen aus dem Balkankrieg las Bremer, die seit 1986 im westfälischen Münster lebt, in den am Bahnhof ausliegenden kroatischen Wochenzeitungen. Sie begann, Popovićs Kurzprosa zu übersetzen. Doch der Versuch, diesen sprachgewaltigen Erzähler auch hierzulande bekannt zu machen, scheiterte am fehlenden Wagemut der Verlage: Ein Underground-Autor aus Ex-Jugoslawien? Kein Bedarf. Als sich die Literaturvermittlerin professioneller Hilfe versichern wollte, kam ihr der Zufall zu Hilfe: Die Google-Suche spuckte Christiane Koschmieder aus: Eine junge Seiteneinsteigerin, die eben in Leipzig ihre Literaturagentur Partner + Propaganda gegründet – und sich in ihrer Masterarbeit mit den post-jugoslawischen Gesellschaften beschäftigt hatte.

Neugier auf Südosteuropa

Bremer vertraute ihrem Bauchgefühl. Und Koschmieder hatte Erfolg: Der junge Verlag Voland & Quist, der mit Lesebühnenliteratur und Spoken-Word-Poesie fast zeitgleich an den Start gegangen war, beschloss, sein Programm um Autoren aus Südosteuropa zu erweitern: „Wir dachten, dass dort, wo so wahnsinnige gesellschaftliche Umbrüche stattgefunden haben, auch viele tolle Geschichten zu finden sein müssten“, so Verleger Sebastian Wolter. 2006 erschien Edo Popovićs Roman Ausfahrt Zagreb-Süd als erster Band der neuen Reihe Sonar bei Voland & Quist. An seine erste Lesung im Szeneclub Horns Erben kann sich Popović nicht mehr erinnern. Wohl aber daran, dass die Leipziger Buchmesse sein „Türöffner“ für den deutschsprachigen Markt war. Vier weitere Bücher, alle von Alida Bremer übersetzt, sollten in den kommenden fünf Jahren folgen. Als Kroatien 2008 Buchmesse-Schwerpunkt wurde, hatten die Kuratoren Alida Bremer und György Dalos rund 30 Autoren versammelt – von Zugpferd Popović bis zu noch unentdeckten Stimmen. Auch Kollegen aus Bosnien, Montenegro oder Serbien stießen dazu; prominente Fährleute wie Slavenka Draculic oder „Tatort“-Kommissar Miroslav Nemec sorgten für den Literatur-Transfer. „Damals“, so Popović, „war die Übersetzung eines serbischen oder kroatischen Autors der Ausnahmefall. Das ist längst nicht mehr so.“

On the road mit Clemens Meyer

Über die Jahre sind aus Netzwerken Freundschaften geworden: Wenn Edo Popović seine in Münster lebenden Eltern besucht, die einst als Gastarbeiter kamen, schaut auch Alida Bremer auf einen Kaffee vorbei. Die Voland & Quist-Verleger streiften mit ihrem Autor durchs kroatische Velebit-Gebirge. „Irgendwie logisch“, meint Popović: „Für Leif und Sebastian ist die Verlegerei mehr als bloßes Geschäft.“ Auch mit dem 20 Jahre jüngeren Clemens Meyer, der 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse gewann, ist Popovic seitdem gut befreundet. „Als ich das Foto von der Preisvergabe sah, auf dem Clemens die Faust wie ein Fußballspieler beim Torjubel hochriss, dachte ich: Der Junge weiß, wie man sich freut. Wir haben viel gemeinsam, menschlich, aber auch im Schreiben. Und wir stehen – von Fauser, Fels und Ploog bis zu Franz Dobler – auf die gleichen Autoren.“ Oft sind die beiden zusammen unterwegs – zuletzt etwa in den dalmatinischen Bergen, wo vor einem halben Jahrhundert die „Winnetou“-Filme gedreht wurden.

Wechsel zum großen Verlag

Ob dort am Lagerfeuer Popović Entschluss reifte, sein Glück bei einem großen Verlag zu suchen? Mit Der Aufstand der Ungenießbaren (2012) wechselte Popovic zu Luchterhand; seine früheren Romane sind nun bei btb als Taschenbuch erhältlich. Der Autor vergleicht seine Erwartungen mit denen eines Fußballprofis, der zu einem Champions-Leaque-Klub wechselt. Aber er bleibt Realist: „Meine Prosa wird nie ein Publikum anziehen, das die Allianz-Arena füllt. Es ist die Art von Literatur, die vor allem in kleineren, unabhängigen Buchhandlungen verkauft wird. So läuft es – und das ist wohl auch gut so.“

In fünf Minuten überzeugen: Im Rahmen eines Book-Pitch haben seit diesem Jahr auch internationale Autoren die Möglichkeit, sich dem Fachpublikum zu präsentieren. Schauplatz der jeweils fünfminütigen Pitches in den Genres Belletristik und Kinderbuch war 2016 das Forum OstSüdOst.

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Edo Popović, geboren 1957, lebt in Zagreb. Er war Mitbegründer einer der einflussreichsten Underground-Literaturzeitschriften des ehemaligen Jugoslawiens und arbeitete von 1991 bis 1995 als Kriegsreporter. Zuletzt erschien von ihm der Essayband „Anleitung zum Gehen“ (Luchterhand 1015).

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