Autor: Nils Kahlefendt

Foto: Mathias Bothor

Film statt Feier
28. Jan. 2021
Blick zurück nach vorn (11): Constanze Neumann über ein besonderes Jubiläumsjahr und die unerwartete Kraft der Bücher.
Autor: Nils Kahlefendt

Foto: Mathias Bothor

Film statt Feier
28. Jan. 2021
Blick zurück nach vorn (11): Constanze Neumann über ein besonderes Jubiläumsjahr und die unerwartete Kraft der Bücher.

Wie sind Sie durch das schwierige Jahr 2020 gekommen?

Constanze Neumann: Wir haben recht schnell gemerkt, dass Bücher auch im Lockdown „Grundnahrungsmittel“ sind, vielleicht mehr als zu anderen Zeiten. Viele großartige Buchhändlerinnen und Buchhändler haben auf unterschiedlichsten Wegen dafür gesorgt, dass unsere Bücher an die Leserinnen und Leser kamen. Nach dem anfänglichen Schock im März war das eine beruhigende und schöne Erkenntnis, die uns durch dieses stille und teils traurige Jahr getragen hat.

Der Aufbau Verlag ist im Herbst 2020 runde 75 Jahre alt geworden – konnten Sie dennoch feiern?

Neumann: Natürlich haben wir ein großes Fest geplant, das ausfallen musste. Der Fokus lag dann ganz auf den Büchern: Wir hatten eine Jubiläumsreihe mit vier schmalen Bänden einiger wichtiger Autorinnen und Autoren (Hans Fallada, Philipp Winkler, Kristen Roupenian, Gregor und Gabriele Gysi) und haben lesend gefeiert, unter dem Motto „Man muss sein Herz an etwas hängen, das es verlohnt“, ein Wort unseres Autors Hans Fallada, dass das, was wir Tag für Tag mit Leidenschaft tun, gut zum Ausdruck bringt. Statt Feier haben wir einen Film über die vergangenen 75 Jahre drehen lassen: Einblicke in die bewegte Geschichte des Verlags.

Was haben Sie in Corona-Zeiten gelernt?

Neumann: Eine ganze Reihe neuer technischer Möglichkeiten, um digital im Austausch zu bleiben. Flexibilität und Kreativität im Umgang mit neuen Herausforderungen. Manchmal etwas mehr Geduld. Aber nicht immer.

Was hat Sie am meisten überrascht?

Neumann: Was alles entbehrlich ist, wie schnell sich das gesamte Verlagsteam im Homeoffice auf das Wesentliche konzentriert und weiter Monat für Monat wie geplant unsere Bücher erscheinen konnten. Eine großartige Leistung aller Kolleginnen und Kollegen!

Was erhoffen Sie sich fürs neue Jahr?

Neumann: Natürlich erhoffe ich mir viele persönliche Begegnungen, den Austausch mit Autorinnen und Autoren, aber auch mit den Kolleginnen und Kollegen, eine Teamarbeit jenseits von Zoom und Teams. Vor allem aber, dass unsere Bücher ihre Leserinnen und Leser finden, auch in Zeiten, in denen in vielen Bundesländern wieder die Buchhandlungen geschlossen sind.

Welche Projektionen haben Sie für die Leipziger Buchmesse Ende Mai? Was würden Sie sich wünschen?

Neumann: Ich wünsche mir natürlich ein Stück Messe-Normalität – das müssen keine überfüllten Straßenbahnen hinaus zu den Messehallen sein, aber die Möglichkeit, unsere Bücher in Leipzig zu präsentieren. Gerade für die Aufbau Verlage, zu denen nun auch der Chr. Links Verlag zählt, ist die Leipziger Messe eine besonders wichtige und eine großartige Möglichkeit, unseren Leserinnen und Lesern zu begegnen. Und ich hoffe, dass es wieder viele Lesungen geben kann.

Constanze Neumann, geboren 1973 in Leipzig, studierte Anglistik, Romanistik und Germanistik und promovierte im Fach Anglistik. Sie lebte drei Jahre als Literaturübersetzerin aus dem Italienischen in Palermo, veröffentlichte eine Gebrauchsanweisung für Sizilien und 2017 den Roman „Der Himmel über Palermo“. Nach einem Volontariat im Piper Verlag war sie fünf Jahre als Lektorin für deutschsprachige Literatur bei S. Fischer und danach sechs Jahre lang als Cheflektorin bei Hoffmann und Campe. Seit 2017 leitet sie den Aufbau Verlag und den Blumenbar Verlag. Seit 2020 gehört sie zum Sprecherkreis der IG Belletristik und Sachbuch des Börsenvereins.

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Das Jahr mit Corona war ein Stress-Test für die Branche, die sich als erstaunlich resilient und belastbar erwies. In unserer Serie „Blick zurück nach vorn“, deren Interviews in den ersten Januartagen geführt wurden, wollen wir teilen, wie Buchmenschen durch die Krise gekommen sind, was sie gelernt haben – und was sie sich für 2021 erhoffen. Momentaufnahmen einer Branche, die auf Sicht fahren muss – und doch insgesamt gerade über sich selbst hinauszuwachsen scheint.

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