Autor: Nils Kahlefendt

Ort des Lebens
3. Februar 2016
Mit Literatur lockt Leipzig liest an mehr als 400 Locations. Eine der außergewöhnlichsten ist der Leipziger Südfriedhof.
Autor: Nils Kahlefendt

Ort des Lebens
3. Februar 2016
Mit Literatur lockt Leipzig liest an mehr als 400 Locations. Eine der außergewöhnlichsten ist der Leipziger Südfriedhof.

OK, Harold ist vom Tod fasziniert und fährt einen zum Leichenwagen umgerüsteten Cadillac. Aber: Ein Theaterstück, frei nach Hal Ashbys berühmtem Film „Harold und Maude“, aufgeführt in der Kapelle eines altehrwürdigen Friedhofs – geht das? Volker Mewes, der seit 1987 in der Leipziger Friedhofsverwaltung arbeitet, sieht darin kein Problem. Im Gegenteil: „Das Abschiednehmen gehört zum Leben. Es ist keinem geholfen, sich dem zu verschließen. Wir haben lange darüber nachgedacht, wie man den Friedhof und unsere außergewöhnlichen Räume für die Bürger öffnen kann – als Kultur-Ort, unabhängig von den einschneidenden Momenten um Tod und Trauer.“

Monumentale Melancholie

Wenn Friedhöfe auch Spiegelbilder der sozio-kulturellen Eigenart einer Stadt sind, gilt das für den Leipziger Südfriedhof, der 2016 130 Jahre alt wird, ganz besonders: Das rund 80 Hektar umfassende Areal nahe des Völkerschlachtdenkmals hat die Form eines Lindenblatts; sie zählt neben Hamburg Ohlsdorf und Stahnsdorf bei Berlin zu den größten parkähnlichen Friedhöfen Deutschlands. Den Mittelpunkt bildet die 1910 eröffnete Kapellenanlage mit ihrem über 60 Meter hohen Glockenturm. Das neoromanische Ensemble hatte die Klosteranlage Maria Laach in der Eifel zum Vorbild und gilt als Deutschlands imposantestes Friedhofsbauwerk. Unzählige Gräber von bedeutsamen Leipziger Persönlichkeiten befinden sich auf dem Südfriedhof, so zum Beispiel die der Verlegerfamilien Baedecker und Ullstein oder der Mundartdichterin Lene Voigt.

Foto: Nils Kahlefendt

Von Jason Dark bis Bernhard Hoëcker

Nicht nur für Besucher des Wave-Gotik-Treffens, einem Musik- und Kulturfestival, das seit den frühen Neunzigern tausende Fans nach Leipzig lockt, gehören abendliche Führungen über den Südfriedhof zum Pflichtprogramm. Seit Mitte der Nullerjahre zählt die Kapellenanlage im Süden der Stadt zu den interessantesten Locations von Leipzig liest. Das Spektrum der Veranstaltungen ist breit und reicht von der Krimi-Lesung bis zu schrägen Comedy-Formaten: Wenn Geisterjäger John Sinclair oder der Schauspieler Bernhard Hoëcker hier auftreten, sind nicht zusätzliche Stühle notwendig. „Es kam schon vor, dass sich 300 Leute in der Hauptkapelle drängten“, erinnert sich Mewes, „bis hinauf zu den Emporen war alles belegt“. Normaler Weise ist die Hauptkapelle für rund 160, die intimere, als „Sprechkapelle“ konzipierte Westkapelle für 60 Plätze ausgelegt.

Foto: Nils Kahlefendt

Zwei Lesungen messetäglich

Bis zu sieben Veranstaltungen gehen pro Buchmesse-Jahrgang über die Bühne, übers Jahr sind es ein gutes Dutzend, bis hin zu sommerlichen oder vorweihnachtlichen Konzerten. „Voll ist es eigentlich immer“, sagt Volker Mewes. Der Mann, der sich offiziell „Sachbearbeiter für Friedhofsrecht und Grundsatzfragen“ nennt, lässt es sich nicht nehmen, gelegentlich selbst eine Lesung zu besuchen. Zuletzt lauschte er einem Spoken-Word-Poeten. Enttäuscht war er noch nie. „Für mich ist es bereichernd. Ich finde es toll, unser historisches Ambiente für Leipzig liest-Nachtschwärmer zu öffnen.“

Beitrag teilen

Weitere Beiträge, die Sie interessieren könnten

Bildung Slider

Leseförderung per Podcast

Die Initiative „Bücheralarm“ erlaubt es Kindern und Jugendlichen, die Welt der Bücher aktiv für sich zu erobern. Mit dem „Bücheralarm Award“, der im März in Leipzig erstmals verliehen wird, geht Initiatorin Lena Stenz nun den nächsten Schritt.

Leipzig liest Slider

Vom Buch auf die Bühne

Für seine ausgefallenen Locations ist „Leipzig liest“ berühmt. Hier stellen wir in loser Folge einige der spannendsten vor. Heute: Christoph Awe und die Cammerspiele Leipzig im Connewitzer Werk 2.

Leipzig liest Slider

Zeltplatz Mitte 

Für seine ausgefallenen Locations ist „Leipzig liest“ berühmt. Hier stellen wir in loser Folge einige der spannendsten vor. Heute: Rando Steinbach und der Outdoor-Spezialist tapir im Herzen der City.

International Slider

„Alles außer flach!“

Vorglühen: Margot Dijkgraaf und Bettina Baltschev, die Kuratorinnen des Gastlandprogramms Niederlande & Flandern 2024, über Themen, Formate und erste Namen eines großen Auftritts

International Slider

„Es geht immer ums Vollenden“ 

Buchmesse-Nachschlag, Teil 3: Unter dem Motto „meaoiswiamia“ feierte Österreich die Vielfalt seiner Literatur. Insgesamt kamen rund 200 Autorinnen und Autoren aus Österreich zu mehr als 110 Veranstaltungen auf dem Messegelände und in der Stadt.

Leipzig liest Slider

Endlich! Wieder! 

Buchmesse-Nachschlag, Teil 1: Die erste Gewandhaus-Eröffnung seit vier Jahren wurde mit überschäumender Freude gefeiert – überschattet vom Angriffskrieg auf die Ukraine. Aufmerksamkeitsdusche, reloaded.

Wir

„Kein Schreibtisch-Job“ 

Bitte nicht alle auf einmal: Als Referent für die Tageskassenkoordination kümmert sich Tom Geißler darum, dass wir Besucher möglichst reibungslos zu unseren Tickets und aufs Messegelände kommen. Das ist alles andere als trivial

International

Leben und Schreiben

Intelligent und unterhaltsam: Der Podcast „Literaturgespräche aus dem Rosa Salon“ mit Katja Gasser verkürzt die Zeit bis zum Gastlandauftritts Österreichs im Frühjahr.

Wir

Ideen Raum geben 

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es: Als Teamleiter bei der Leipziger Messe-Tochter FAIRNET kümmert sich Christian Merkel darum, tolle Ideen auf die Straße zu bringen.

Wir

Brücke zum Osten

März-Splitter (1): Statt Messe-Eröffnung feierte Leipzig die Verleihung des Buchpreises zur Europäischen Verständigung