Autor: Nils Kahlefendt

„Wir müssen Bildung vernetzt denken“
14. März 2019
Der Innovationsberater Elmar Husmann über digitales Lernen und die Werkstatt+ auf der Leipziger Buchmesse.
Autor: Nils Kahlefendt

„Wir müssen Bildung vernetzt denken“
14. März 2019
Der Innovationsberater Elmar Husmann über digitales Lernen und die Werkstatt+ auf der Leipziger Buchmesse.

Fotos: ELIG

Der Claim der European Learning Industry Group, abgekürzt ELIG, lautet „We change the way Europe learns!“ Das ist doch mal eine Ansage. Aber: Was verstehen Sie konkret darunter?

Elmar Husmann: ELIG ist eine Netzwerkorganisation. Unser Ziel ist es, Non-Profit-Initiativen, Firmen und Bildungsinstitutionen, die in Europa an der Digitalisierung der Bildung arbeiten, zusammenzubringen. Das „Wir“ in diesem Motto meint nicht nur eine Organisation, sondern ist als das gesamte Netzwerk der Beteiligten zu verstehen. Entstanden ist ELIG aus der Idee, Akteure im europäischen Raum zu vernetzen, auch über Ländergrenzen hinweg. Die Skandinavier oder Niederländer sind bei dem Thema ja schon ziemlich weit. Bezogen auf den nationalen Rahmen bedeutet es, über die Grenzen einzelner Bundesländer hinweg zusammenzuarbeiten. Die Herausforderung in der Bildung ist gar nicht so sehr der Schritt von „analog“ zu „digital“, sondern von „isoliert“ zu „vernetzt“.

Was wären denn Best-Practice-Beispiele, wo wir in Deutschland von unseren europäischen Nachbarn lernen können?

Husmann: Wir hatten gerade unsere Jahreskonferenz unter dem Titel „Brave new learning“in Amsterdam, gemeinsam mit der OBA, der Amsterdamer Öffentlichen Bibliothek. Die versteht sich als Netzwerk-Hub zum Thema „Lernen in der Stadt“. Sie hat da unter anderem eine Initiative, die wir ganz spannend finden – sie baut gerade zehn „Maker Learning Spaces“ auf. Da lernt man etwa, Roboter zu bauen und zu programmieren, aber auch, mit einer Nähmaschine zu arbeiten. Die erweitern eigentlich die klassische Rolle, die eine Bibliothek in der Kommune spielt. Ein Beispiel aus Finnland, das ich toll finde, ist die Initiative „School as a Service“ der Stadt Espoo. Deren Idee ist es, Schule an ganz verschiedenen Orten stattfinden zu lassen – etwa auf dem Uni-Campus, in diversen Laboren, in der Bibliothek oder im Theater.

Trifft so etwas hierzulande auf offene Ohren?

Husmann: Wir finden immer wieder Lehrerinnen und Lehrer, die dem Thema sehr aufgeschlossen gegenüberstehen. Natürlich ist man durch die Vorgaben des Curriculums in der Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Aber es gibt doch sehr viele freie Bereiche, in projektorientierter Arbeit, in Arbeitsgemeinschaften, in Medien- oder Lernlaboren, die die Schulen aufbauen. Die Finnen sind uns da etwas voraus, weil sie das projektorientierte Lernen – sie nennen es „phänomenbasiertes Lernen“ – im Zuge ihrer Curriculum-Reform stärker eingebaut haben.

Sie haben für die Leipziger Buchmesse die Werkstatt+ geplant. Was wird dort passieren?

Husmann: Wir möchten dort genau dieses vernetzte Lernen umsetzen, das ich beschrieben habe. Wir haben uns zum einen verschiedene Themenbereiche vorgenommen, von der Frage, wie Geschichten in Hörspiel und Film entstehen, bis zu Wissenschaft, Journalismus oder den Sozialen Medien. Wir laden Experten – zum Beispiel Wissenschaftler, Journalisten, Medienpädagogen – dazu ein, mit Schülerinnen und Schülern zu arbeiten. In den Workshops, die wir planen, werden auch ganz konkret Dinge produziert, etwa für die Social-Media-Kanäle der Leipziger Buchmesse. Wir werden ein Krimi-Hörspiel-Projekt haben. Die Schüler werden zum Teil auch Debatten selber moderieren, so zum Beispiel zum kontrovers diskutierten Klima-Thema. Unsere Botschaft: Lernen passiert nicht nur in der Schule und wird von Lehrerinnen und Lehrern vermittelt – es kann auch in einem erweiterten Netzwerk von Akteuren stattfinden. Wir realisieren die Werkstatt+ mit zwei Partnern – dem Verband Bibliotheken und Information Deutschland (BID) und der Westermann Gruppe als großer Schulbuchverlag. Die präsentieren unter anderem die Lernplattform kapiert.de. Wie gesagt, Lernen ist bei weitem nicht nur auf die morgendlichen Unterrichtsstunden beschränkt – es passiert faktisch den ganzen Tag über.

Was reizt sie an der Kooperation mit einer Buchmesse?

Husmann: Die Leipziger Buchmesse ist aktiv auf uns zugekommen, um das Projekt zu entwickeln. Was toll ist: Dass wir es bei Buchmessen nicht nur schlicht mit dem Medium Buch zu tun haben – sondern sich dort alles um Inhalte dreht. Es geht um die Geschichten, um die Autoren dahinter. Das tut dem Thema „Bildung & Digitales“ sehr gut. Der digitale Wandel, in dem wir uns befinden, ist ja nicht nur ein technischer Wandel. Wir tun gut daran, ihn nicht nur bei den so genannten MINT-Fächern zu verorten. Es ist sehr stark auch ein kultureller Wandel. Und da ist die Buchmesse sehr gut aufgestellt.

Und was bedeutet Lernen für sie persönlich?

Husmann: Ich bin davon überzeugt, dass Lernen ein lebenslanger Prozess ist.

Ihr letzter großer Lernfortschritt?

Husmann: Ich bin immer wieder verblüfft, wie viel man durch Youtube-Videos quasi nebenher lernt (lacht). Das geht querbeet, vom Kochen bis zum Sport.

Lernangebote mit Zukunft: Alle fordern digitale Bildung für Schüler – doch worin soll die bestehen? Die Werkstatt+ (Halle 2, A501) auf der Leipziger Buchmesse zeigt in Workshops und Diskussionsrunden, dass es nicht allein auf die Medienkanäle, sondern auf die jeweils passenden Inhalte ankommt. Während am Donnerstag und Freitag Schüler aktiv werden, sind am Wochenende alle Besucher eingeladen, sich als Medienmacher mit brennenden Themen der Zeit auseinanderzusetzen. Das gesamte Programm vor Ort gibt es hier: Programm Werkstatt +

Nils Kahlefendt

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Der Innovationsberater Elmar Husmann ist Generalsekretär der European Learning Industry Group (ELIG). Bildungsthemen liegen ihm besonders am Herzen, vor allem mit Bezug zum digitalen Wandel. Gemeinsam mit der Frankfurter Buchmesse entwickelte er das Format „Klassenzimmer der Zukunft“ und mit europäischen Partnern wie der Aalto Universität Finnland und der OECD die EU-Initiative we.learn.it zur Förderung von digitaler Kreativität und Entdeckergeist in Schulen. Seit 2016 ist er auch Geschäftsführer der gemeinnützigen ELIG Foundation. Er lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Hamburg.

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