Autor: Nils Kahlefendt

Generation R
05. Jan. 2017
Null Bock auf Politik war gestern, meint Jugendforscher Klaus Hurrelmann. Die Jungen von heute wollen mitgestalten.
Autor: Nils Kahlefendt

Generation R
05. Jan. 2017
Null Bock auf Politik war gestern, meint Jugendforscher Klaus Hurrelmann. Die Jungen von heute wollen mitgestalten.

Forscher haben die deutsche Jugend lange mit wenig schmeichelhaften Attributen belegt – sie sei desinteressiert, unideologisch, pragmatisch. Nun scheint die Null-Bock-Phase überwunden – hat sie das überrascht?

Klaus Hurrelmann: Nein. Wir wissen, dass es Zyklen hohen und niedrigen Interesses gibt, das gilt auch für politisches Interesse. Wir hatten hier um 1990 eine Hochkonjunktur bei der jungen Generation. Es war durchaus bitter zu sehen, wie das politische Interesse danach absackte, mit einem Tiefpunkt Mitte der Nullerjahre. Junge Leute sind äußerst sensibel, was ihre Zukunftsperspektiven angeht. Wenn sich die wirtschaftlichen Konstellationen verbessern, kommt immer in der jungen Generation mehr Hoffnung, mehr Perspektivität auf.

An der Verdrossenheit mit der Art, wie Politik gemacht wird, hat sich nichts geändert?

Hurrelmann: Die Studien zeigen, dass bei den jüngeren der Befragten – das sind die 12- bis 16-jährigen – das politische Interesse zwar ansteigt. Es fehlt jedoch die Bereitschaft, in die traditionellen politischen Konturen der Meinungsbildung und Machtausübung einzutreten: Man möchte nicht Mitglied einer Partei werden, fremdelt auch mit den bestehenden parlamentarischen Strukturen. Wir haben es mit einer Generation zu tun, der diese etablierten Systeme demokratischer Entscheidungsfindung und Machtausübung verkrustet und veraltet vorkommen.

Dennoch bejaht der Nachwuchs in seiner großen Mehrheit unsere Demokratie…

Hurrelmann: Zum Glück! Die Einschätzung der Demokratie als solcher ist sogar noch mal positiver geworden. Insofern haben wir es mit einer gespaltenen Sicht der jungen Leute zu tun: Demokratie ja, politische Beteiligung sogar mit wachsender Tendenz – aber eine Suche danach, welche Form diese einnehmen kann.

Wie engagieren sich junge Menschen heute, wenn sie sich denn engagieren?

Hurrelmann: Auf den Straßen sehen wir sie kaum, das ist auffällig. Sie haben durchaus Interesse an spontanen Meinungsäußerungen. Das können auch mal Demos sein. Es geht aber meist um Dinge, die im eigenen Umfeld liegen, wie etwa Proteste gegen die Studiengebühren.

Man möchte nicht „Teil einer Jugendbewegung“ sein, wie die Hamburger Popband Tocotronic einst sang?

Hurrelmann: Wenn man sich einmischt, spielt sich das mehr auf den Kommunikationskanälen ab, die die jungen Leute heute lieben: Das sind Netzwerke, digitale Kanäle wie Facebook. Da werden auch Meinungen ausgetauscht. Aber auf einem Niveau, das nicht typisch für eine repräsentative Demokratie ist. Sondern mit „Likes“ und spontanen Zustimmungen. Die jungen Leute sind auch dabei, wenn es darum geht, etwas in ihrem Umfeld zu organisieren. Der Schwerpunkt liegt da auf sozialem Engagement. Sie selbst empfinden das aber nicht als „politisch“; es dient dazu, ihre eigene Situation zu beeinflussen und zu steuern. Wir haben es gewisser Maßen mit einer suchenden Generation zu tun.

Überraschend positiv auch besetzt ist Deutschland als Nation: 62 Prozent der Jugendlichen sagen „Ich bin stolz, Deutscher zu sein“. Bereitet Ihnen das nicht ein mulmiges Gefühl?

Hurrelmann: Wir haben natürlich lange gezögert, solch eine Frage aufzunehmen, haben uns aber schließlich dafür entschieden. Ich gehöre der 68er-Generation an; wir hätten uns gesträubt, diese Frage positiv zu beantworten – wir haderten mit unserem Land! Wir wollten autoritäre Strukturen sprengen und hatten das Gefühl, dass das keine lebenswerte Basis ist. Das ist für die jungen Leute heute nicht der Fall! Sie haben eine sehr positive Einschätzung ihrem Land, auch ihren Eltern gegenüber. Sie sehen keinen Grund, den politischen Machthaber anzugreifen, ihre Eltern anzugreifen. Das erklärt ihre Grundhaltung: Die Äußerung „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“ hat keinen nationalistischen Unterton – es ist eine sachliche, pragmatische Aussage. Wir haben es mit pragmatischen jungen Leuten zu tun. Sie sind trainiert, zu sehen, was Sache ist, weil sie in schwierigen Zeiten groß geworden sind. Und so sind sie auch Realisten genug, zu sehen, was wir, im europäischen oder weltweiten Kontext, an Deutschland haben. Wir sind ein liberales Land, das zurzeit auch wirtschaftlich erfolgreich ist. Das ist bei den jungen Leuten angekommen – und wird von ihnen auch gewürdigt.

Wird man den Jungen gerecht, wenn man sie kollektiv in eine Generation reinpackt?

Hurrelmann: Natürlich nicht. Dennoch ist eine Typisierung von Mentalitätszügen, wie sie in dieser Generations-Metapher symbolisch zum Ausdruck gebracht wird, vertretbar: Weil es auffällig ist – und das konnte man in den Shell-Jugendstudien der letzten 15 Jahre auch sehen – dass durch die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Verhältnisse und die Perspektivität, die junge Leute daraus für sich ablesen, eine sehr einheitliche Einstellung bei ihnen zustande kam: Pragmatisch, nüchtern; keine zu hohen Erwartungen – weil die Lage, in der sie groß geworden sind, eher schlecht war. Sie hat sich vor kurzem geändert, und das registrieren die jungen Leute auch. Aber noch sind sie überhaupt nicht übermütig, sondern sehen zu, wo sie bleiben. Dieses suchende, sondierende, aus der Krise heraus sehr selbstbezogene „auf Sicht fahren“ – bloß nicht glauben, dass man mehr als fünf Jahre Lebensplanung übersehen kann! – das sind ja durchaus angemessene Verhaltensweisen, wenn man die reale Situation betrachtet.

Gilt das auch vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise? Setzt sich das Merkelsche „Wir schaffen das!“ bei den Jugendlichen durch?

Hurrelmann: Meiner Ansicht nach: ja! Die letzte Befragung der Shell-Jugendstudie wurde durchgeführt, als die Flüchtlingswelle noch nicht ihren absoluten Höhepunkt erreicht hatte. Deswegen müsste man auf neuere Daten schauen. Doch auch diese bestätigen: Von der jungen Generation kommt eine Ablehnung der Zuwanderung nicht. Sie bleibt im Vergleich der Generationen sehr positiv eingestellt. Die Jungen wachsen schon in einer multikulturellen Gesellschaft auf; ein Drittel ihrer Altersgenossen gehören Familien aus anderen Kulturen an. Ich glaube, dass die Jugendlichen ihren unideologischen, pragmatischen, sachlichen, toleranten, weltoffenen Stil mehrheitlich weiterfahren. Man könnte hier von einer Generation R – wie relaxed – sprechen. Es kommt hinzu, dass es eine gut gebildete Generation ist: Von Jahr zu Jahr machen mehr junge Leute Abitur – wir liegen schon fast bei 55 Prozent. So etwas bleibt nicht ohne Spuren!

An welchen Punkten könnte das von Ihnen diagnostizierte politische Interesse denn in politisches Handeln umschlagen?

Hurrelmann: Die junge Generation hat wieder das Thema in den Vordergrund ihrer politischen Sehnsüchte gestellt, was sie schon immer hatte – was nur eine Zeit lang durch Wirtschaftsfragen und die wirtschaftliche wie berufliche Unsicherheit überlagert war: Das sind Umweltthemen, alles, was mit der Sicherung der natürlichen Grundlagen zu tun hat. Das beschäftigt die heute 12-bis 25-jährigen stark. Ein zweiter Kristallisationspunkt könnte die Nutzung des Internet und der digitalen Kommunikationsforen werden: Hier könnte sich eine Auseinandersetzung entzünden, die mit Ausbeutung, mit Datenmissbrauch und ähnlichem mehr zu tun hat.

Wie kann man das politische Engagement Jugendlicher fördern?

Hurrelmann: Meiner Ansicht nach gehören junge Leute in die Parteien! Es ist höchst problematisch, dass heute im Parlament der Altersdurchschnitt bei knapp 50 liegt, noch über dem der Gesamtbevölkerung. Sollte es nicht möglich sein, dass man die Parteien zu einer Selbstverpflichtung nach dem Muster einer Frauenquote bringt, zu einer Jugend-Quote? Damit könnten sich junge Leute angesprochen fühlen. Und die Parteien würden sich selbst unter Zugzwang setzen: Sie müssten die Themen der jungen Leute aufgreifen, mit ihrer Eigenart agieren – und akzeptieren, dass die vieles in Frage stellen von den heute bestehenden Entscheidungsprozessen. Ich glaube, solche Mechanismen sind am effizientesten. Am Schluss müssen die jungen Leute selbst in den Parlamenten sitzen – und dann Themen vorwärtsbringen, die für sie relevant sind! In diese Richtung müssen wir denken. Das setzt viele Diskussionen voraus: Die Absenkung des Mindestwahlalters etwa ist ein Thema, was ich seit Jahren verfolge. Es ist bisschen schwer, in der Bevölkerung Zustimmung dafür zu finden, dass man eigentlich ab 12 wählen kann…

Halten Sie das für umsetzbar?

Hurrelmann: Ich weiß, das ist eine Provokation. Aber es dämmert vielen, dass die junge Generation stärker in die bestehenden Mechanismen einbezogen werden muss. Es geht nicht um Symbol-Politik, sondern um direkten Einfluss, anders kommen wir nicht weiter! Wir haben in Deutschland ein wirklich stabiles demokratisches System. Jetzt darf uns nicht passieren, dass die junge Generation nicht in dieses System hineinwill und nicht hineinkommt – das wäre fatal!


Klaus Hurrelmann, Jahrgang 1944, gehört zu den bekanntesten Kindheits- und Jugendforschern in Deutschland. Ab 1979 lehrte er als Professor für Sozial- und Gesundheitswissenschaft an der Universität Bielefeld, seit 2009 ist er Professor of Public Health and Educationan der Hertie School of Governance in Berlin. Hurrelmann ist Mitautor der Shell Jugendstudie, die seit 1953 regelmäßig die Welt der 12- bis 25-jährigen Deutschen erforscht.

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Politik und Schule sind untrennbar miteinander verbunden – doch wie wird Politik im Unterrichtsalltag vermittelt? Wie können Pädagogen mit geschlossenen Weltbildern und extremen Meinungen im Klassenverband umgehen? Welchen Beitrag leisten Kinderliteratur oder Schulmaterialien zum erfolgreichen interkulturellen Lernen? Diese und weitere Fragen stehen im Mittelpunkt der neuen Themenreihe „Politik und Schule“ zu Bildungspolitik, Praxisfragen und politischer Bildung.

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