Autor: Nils Kahlefendt

„Gern mehr Schlagkraft“
12. Januar 2017
Leipzigs neue Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke über Buchmesse, Literaturstadt und ihre ganz persönliche Lese-Kultur.
Autor: Nils Kahlefendt

„Gern mehr Schlagkraft“
12. Januar 2017
Leipzigs neue Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke über Buchmesse, Literaturstadt und ihre ganz persönliche Lese-Kultur.

Frau Jennicke, Sie sind in Leipzig, der heimlichen Hauptstadt des einstigen „Leselands“ geboren. Was sind Ihre frühesten Buchmesse-Erinnerungen?

Skadi Jennicke: An die DDR-Jahre der Buchmesse habe ich keine aktiven Erinnerungen mehr, 1989 war ich zwölf.

Und später?

Jennicke: Das Messehaus am Markt, Anfang der 1990er Jahre. Es war extrem voll, dicke Luft im Wortsinn; man durfte, wenn ich mich recht erinnere, dort noch rauchen – vor allem aber Bücher mitnehmen (lacht).

Echt? In Uwe Tellkamps „Turm“ reist man mit eigens präparierten Mänteln nach Leipzig – wo Taschenbücher waren, mussten auch Taschen sein…

Jennicke (lacht): Nein, so war ich nicht unterwegs. Aber man war hier und da eingeladen, sich mit Lesestoff zu versorgen.

1997 zog die Messe vor die Tore der Stadt – wie fanden Sie das?

Jennicke: Für mich war das schon ein gewöhnungsbedürftiger Schritt, obwohl ich natürlich als Studentin regelmäßig hingegangen bin. Irgendwann hat man’s als gegeben hingenommen. Und mittlerweile weiß man die Vorteile sehr zu schätzen. Es gibt schlicht mehr Platz. Wobei es zum Familiensonntag schon ordentlich eng werden kann.

Ihre Kinder sind Buchmesse-Fans wie Sie?

Jennicke: Unbedingt. Ich habe einen größeren Sohn, der 13 wird; meine Tochter wird zehn, die Jüngste sechs. Alle drei wachsen mit vielen Büchern auf. Beim Ältesten gibt es momentan einen computerbedingten Lese-Knick. Aber ich bin überzeugt, das gibt sich. Immerhin steht bei uns kein Fernseher im Wohnzimmer: Dort dominieren, statt des üblichen Multimedia-Altars, Bücherregale.

Lassen Sie uns noch einen Moment bei der Buchmesse bleiben. Welche Rolle spielt sie für Leipzig, das seine Position als führende Verlagsstadt verloren hat – und heute eher als Bach- denn als Buchstadt punktet?

Jennicke: Im Unterschied zu Frankfurt bewegt die Leipziger Buchmesse die ganze Stadt. Das Lesefest „Leipzig liest“ wird von den Leipzigern und ihren Gästen wahnsinnig gut angenommen, es lebt durch die aktive Teilnahme der Bürgerinnen und Bürger. Sie tragen die Messe in jeden Winkel der Stadt, das ist phantastisch! Wer erlebt, wie Leipzig an den Buchmessetagen im März pulsiert, macht sich über die Unkenrufe vom Tod des Buchs, vom Ende der Lesekultur keine Sorgen. Ich bedaure sehr, dass wir den Ruf als führende Buch- und Verlagsstadt verloren haben – nehme aber wahr, dass es nach wie vor eine Vielzahl von Akteuren rund ums Buch gibt, die tolle Arbeit leisten.

Ihr Amtsvorgänger hatte Literatur qua Beruf auf dem Schirm – wo stehen Buch- und Lesekultur auf Ihrer Agenda?

Jennicke: Ich habe mir für 2017 vorgenommen, das direkte Gespräch mit den Akteuren zu suchen – und zu schauen, was wir künftig gemeinsam auf diesem Feld bewegen können. So gibt es etwa die Anregung, sich für den Titel „World Book Capital“ zu bewerben. Das hat nicht die Stahlkraft eines Kulturhauptstadt-Titels, könnte aber helfen, die einzelnen Akteure in der Stadt besser zu vernetzen. Wir prüfen, ob so ein Schritt sinnvoll wäre. Zunächst wollen wir im Rahmen unserer neuen Veranstaltungsreihe „Impuls Kulturpolitik“ die Vertreter von Institutionen der Buchkultur zusammenbringen; im Anschluss daran wollen wir uns mit den Literatur-Akteuren treffen. Es gibt viel Engagement, das aber häufig noch sehr vereinzelt unterwegs ist. Da würde ich gern mehr Schlagkraft reinbringen – schauen, was man gemeinsam auf die Beine stellen kann. Wir werden den Buchstandort Leipzig sicher nicht zu alter Größe zurückführen können, das wäre vermessen. Dennoch gibt es viele Orte für ein größeres Publikum zu entdecken. Das reicht vom Werkstattmuseum für Druckkunst bis zum Deutschen Buch- und Schriftmuseum in der Deutschen Nationalbibliothek. Mit der DNB, den Städtischen Bibliotheken und zahlreichen Spezialbibliotheken verfügt Leipzig über eine Bibliothekslandschaft, um die uns mancher beneidet. Luft nach oben gibt es vielleicht beim Literaturhaus, was noch nicht den Stellenwert vergleichbarer Institutionen im deutschsprachigen Raum besitzt – obwohl dort übers Jahr qualitativ hochwertig Programm gemacht wird.

Wer Visionen hat, solle zum Arzt gehen, meinte Helmut Schmidt. Haben Sie dennoch eine für die Zukunft der Literaturstadt Leipzig?

Jennicke: Da bin ich zurückhaltend. Da ich nicht aus der Literatur komme, kann und will ich nicht mit fertigen Konzepten aufwarten, das wäre vermessen. Es muss sich organisch aus der Landschaft heraus entwickeln. Wer hätte vor fünf oder zehn Jahren geahnt, dass Leipzig so gut dasteht? Viele Visionen von damals, auch kulturpolitische, sind heute schon wieder Makulatur.

Lange hieß es „Leipzig kommt!“. Jetzt ist Leipzig offensichtlich angekommen.

Jennicke: Ich glaube, dass wir eine Großstadtqualität erreichen, wo wir sehr wohl unterscheiden müssen zwischen Bereichen, wo wir mit unserem Kulturangebot überregional und international punkten – zuallererst sind das wohl die Musik und Institutionen wie das Gewandhaus oder die Thomaner, aber in dieser Liga spielt auch die Buchmesse. Darunter entwickeln sich sehr viele hochkarätige Angebote, die eher nach innen, für die Bürger der Stadt, wirken. Man darf andererseits nicht unterschätzen, dass viele auch gerade wegen dieser kleinen, feinen Angebote nach Leipzig kommen. Die gilt es in jedem Fall zu pflegen.

Ende 2019 läuft der Solidarpakt aus, das dürfte auch in Leipzig zu beträchtlichen Einnahmeverlusten führen. Was bedeutet das für das Engagement der Stadt in Sachen Buch? Neben der Buchmesse denke ich etwa an den Literarischen Herbst, den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung oder die Stiftung Buchkunst…

Jennicke: Ich bin vorsichtig optimistisch und verlasse mich auf den Kämmerer der Stadt, der jüngst sagte, dass das Auslaufen des Solidarpakts keine gravierenden Einschnitte für den Leipziger Haushalt bedeutet. Das Damoklesschwert „2019“ ist häufig auch taktisch benutzt worden, um mögliche Kürzungen schon im Vorfeld argumentativ zu begründen. Wir haben Einschnitte in der Leipziger Kulturlandschaft hinter uns, die nahe an die Substanz gingen. Irgendwann ist das Ende der Fahnenstange erreicht.

Als Ausbildungsstandort rund ums Buch steht Leipzig sehr gut da – leider ziehen erfolgreiche Absolventen fast immer weiter, den Jobs hinterher. Wollen Sie Standortpolitik auf dem Buch- und Mediensektor allein der Wirtschaftsförderung überlassen?

Jennicke: Diese Frage habe ich mir so konkret noch nicht gestellt – man muss sie vielleicht perspektivisch auf den Schirm nehmen. Vielleicht ist das ja ein Ergebnis der Akteurs-Runde, die ich einberufen werde. Wenn wir als Großstadt so attraktiv werden, dass die Verlage von selber Signale senden, werden wir das befördern. Es gibt Mut machende Entwicklungen im Bereich der Kreativwirtschaft, dazu viele kleinere Verlage – das Augenmerk sollte stärker darauf liegen, denen beim Wachstum zu helfen, als um große Namen zu buhlen.

Lassen Sie uns beim Thema „Buch“ noch einmal privat werden: Kommen Sie neben ausdauerndem Aktenstudium überhaupt noch zum Lesen?

Jennicke (lacht) Zu wenig. Aber ich lese immerhin gerade den Roman „Kompass“ von Mathias Énard (Hanser Berlin).

Eine dienstliche Verpflichtung? Immerhin erhält der französischen Schriftsteller und Übersetzer im März den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung…

Jennicke: Was Freude an der Lektüre ja nicht ausschließt, oder? Wenn Sie nach wirklicher Freizeitlektüre fragen, muss ich gestehen: Das war noch vor meiner Amtseinführung. Freizeit ist in diesem Amt rar (lacht).

Und was liegt oben auf dem Nachttisch?

Jennicke: „Hier bin ich“, der neue Roman von Jonathan Safran Foer (Kiepenheuer & Witsch).

Immerhin 688 Seiten…

Jennicke: Ja, kein Leichtgewicht, ich weiß. Aber „Alles ist erleuchtet“, der Roman, der ihn berühmt gemacht hat, war auch nicht gerade dünn.

Dr. Skadi Jennicke, geboren 1977 in Leipzig, studierte 1996 bis 2000 Dramaturgie an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig. Sie arbeitete als Dramaturgin in Halle/ Saale, Leipzig, Frankfurt/ Main und als freie Mitarbeiterin bei Deutschlandradio Kultur; seit 2003 war sie Lehrbeauftragte an der HMT Leipzig. Seit 2009 arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin der sächsischen Linken-Landtagsabgeordneten Cornelia Falken. Seit 2009 engagierte sich Jennicke als Stadträtin und kulturpolitische Sprecherin der Linksfraktion in Leipzig. Einblick in die lokale Kulturpolitik bekommt sie auch als Mitglied im Fachausschuss Kultur und im Betriebsausschuss Kulturstätten. Von 2012 bis 2013 verstärkte sie außerdem die Stadtrats-Arbeitsgruppe Strukturelle Entwicklung der Leipziger Eigenbetriebe Kultur. Anfang Juni wurde sie zur neuen Leipziger Kulturbürgermeisterin gewählt; ihre turnusmäßige Amtszeit beträgt sieben Jahre. Skadi Jennicke ist verheiratet und hat drei Kinder.

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