Dämonen

Erstmals war ich in Leipzig zur Buchmesse 2004
Leipzig_liest_Daemonen

Von allen Episoden jenes unvergesslichen Besuchs ist dies die unvergesslichste: Suhrkamp hatte mich eingeladen, auf dem legendären Blauen Sofa zu lesen. Danach gab es einen Empfang mit Wein. Unter solchen Umständen vergesse ich oft die Zeit und so kommt es, dass ich üblicherweise fast der letzte Gast bin, der weggeht. Plötzlich finde ich mich also ganz allein im nächtlichen Leipzig wieder, zu mitternächtlicher Stunde, in mir rauscht der Wein, ich habe mich verlaufen, es weht ein starker Wind und bläht die Schöße meines damals noch langen Mantels. Irgendwo von der Seite, aus der Dunkelheit, erreicht mich die heisere Stimme eines obdachlosen Greises: „Gehen Sie ins Büro?“ Es kommt mir vor, als wolle er mich veräppeln, also antworte ich wütend: „Nein, in die Hölle!” Er verzieht sich ängstlich. Vielleicht sehe ich wirklich irgendwie dämonisch aus – die Schöße meines Mantels, der entschlossene Gang, die wirren Haare. Fehlen der Huf, die Hörner, die Aureole. Erst als mir einfällt, dass diese Straßenbahnschienen zum Hauptbahnhof führen müssen, gelingt es mir, das Hotel zu finden.

Juri Andruchowytsch, geboren 1960 in Iwano-Frankiwsk, dem früheren galizischen Stanislau, gilt heute als Klassiker der ukrainischen Gegenwartsliteratur. Für seinen Roman „Zwölf Ringe“ (Suhrkamp 2005) wurde er 2006 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. 2014 erschien der von Andruchowytsch herausgegebene Band Euromaidan. Was in der Ukraine auf dem Spiel steht“ (Suhrkamp).

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