Autor: Nils Kahlefendt

Dasein aus Papier
18. Mai. 2021
Unerwartete Begegnungen (3): Elfenbein-Verleger Ingo Držečnik schmuggelt portugiesische Dichtung nach Deutschland
Autor: Nils Kahlefendt

Dasein aus Papier
18. Mai. 2021
Unerwartete Begegnungen (3): Elfenbein-Verleger Ingo Držečnik schmuggelt portugiesische Dichtung nach Deutschland

Ein Elfenbeinturm sieht anders aus: Ingo Držečnik empfängt in der zum Verlags-Kontor umgebauten Küche der Berliner Wohnung, die er mit Frau und zwei Kindern bewohnt. Vor 25 Jahren, als er mit Roman Pliske in Heidelberg den Elfenbein Verlag gründeten, lag nichts ferner als eine Karriere in der Branche. Als Herausgeber der Literaturzeitschrift „metamorphosen“ begeisterten sich die Germanistikstudenten für Gedichte des Lyrikers Andreas Holschuh. „Daraus wollten wir ein Buch machen“, erinnert sich Držečnik. „Plötzlich lagen andere Manuskripte auf dem Tisch. Und dann ging’s weiter.“

Ihren ersten Coup landen die beiden, als sie auf der Frankfurter Buchmesse 1997, Gastland ist Portugal, mit Gedichten von António Botto und einem Erzählband von José Riço Direitinho gleich zwei portugiesische Geheimtipps im Programm haben. Die Rechte für Direitinhos „Das Haus am Rande des Dorfes“, damals in allen großen Feuilletons besprochen, hatten sie ein Jahr zuvor von der berühmten Literaturvermittlerin und Agentin Ray-Güde Mertin (1943-2007) erworben. Fremde Literaturen zu entdecken, gilt seitdem als Konstante bei Elfenbein. Mit den Jahren werden Katalanen, Griechen, Franzosen, Tschechen, Ungarn und weitere Deutsche Teil des Verlagskosmos’.

In Heidelberg werden die Jungverleger bald als „die Zwei von der Tankstelle“ auffällig – nach dem ersten Verlagssitz in einem ehemaligen Tankstellenwärterhäuschen. 2001 zieht Elfenbein vom „Weltdorf“ Heidelberg an den Prenzlauer Berg. Als Kompagnon Pliske Berlin Mitte der Nullerjahre verlässt, um Geschäftsführer des Mitteldeutschen Verlags in Halle/Saale zu werden, beißt Ingo Držečnik in den (nicht nur) sauren Apfel des Brotberufs. Sein Standbein in der Erwachsenenbildung gibt ihm die Freiheit, die Bücher zu verlegen, die er selbst gern liest.

Dazu gehören immer wieder auch Bücher aus Portugal – mittlerweile befinden sich 22 portugiesische Titel im Elfenbein-Programm. Die „Canções – Lieder“ vom „ersten Portugiesen“ des Verlags, António Botto, hat Držečnik erst kürzlich wieder aufgelegt – mit einem aktualisierten Nachwort von Übersetzer Sven Limbeck. Dass Portugal Gastland der Leipziger Buchmesse werden sollte, erfuhr der Verleger 2018 – in dem Jahr, in dem er in Leipzig mit dem Kurt-Wolff-Preis ausgezeichnet wurde. In diesem Moment war klar: „Ich bringe wieder etwas Portugiesisches!“ Nur was?

Držečnik hielt es mit Karl Kraus: „In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige.“ Mit dem von Michael Kegler übersetzten Gedichtband „Ein Dasein aus Papier“ liegt nun der vierte Band der Elfenbein-Werkausgabe von Al Berto vor, die 1998 begonnen wurde: „Der Dichter war 1997 zum Portugalschwerpunkt nach Frankfurt eingeladen worden“, erinnert sich Držečnik, „starb aber dann ganz überraschend.“ Al Berto, Jahrgang 1948, studierte Malerei in Lissabon und Brüssel und veröffentlichte seit Ende der 1970er Jahre Gedichte. 1988 mit dem Prémio Pen Club ausgezeichnet, gilt er als einer der bedeutendsten portugiesischen Lyriker der Gegenwart. Bei Elfenbein liegt sein lyrisches und episches Hauptwerk nun komplett vor.

Die Frau mit dem bandwurmlangen Namen Sophia de Mello Breyner Andresen (1919 – 2004) ist noch ein Stückchen berühmter – und ziemlich unangefochten die bedeutendste portugiesische Lyrikerin des 20. Jahrhunderts. Bereits im Alter von 12 Jahren schrieb „a Sophia“ („die Sophia“), wie sie in Portugal liebevoll genannt wird, erste Gedichte. Einer ihrer Vorfahren stammte aus Dänemark. Ende des 19. Jahrhunderts erwarb die Familie in Porto die „Quinta do Campo Alegre“ – den heutigen Botanischen Garten, wo Sophia in aristokratischer Umgebung aufwuchs. Sie studierte klassische Philologie und engagierte sich in katholisch geprägten Widerstandsgruppen gegen das Salazar-Regime. Nach der „Nelkenrevolution“ von 1974 wurde sie als Abgeordnete der Sozialisten in die Verfassungsgebende Versammlung gewählt. 1999 erhielt sie als erste Frau mit dem Prémio Camões den wichtigsten Literaturpreis in der portugiesischsprachigen Welt. Nachdem Držečnik und diese große Autorin bereits 2020 mit ihrem Gedichtzyklus „Der Zigeunerchristus“ vorstellte, legt er nun mit gleich zwei Büchern nach: „Die Muschel von Kos“ (übersetzt von Sarita Brandt) vereint den zweiten und den letzten Gedichtband von „a Sophia“, „Exemplarische Erzählungen“ (übersetzt von Michael Kegler) versammelt sieben Meistererzählungen aus ihrer Feder.

Dazu hat Elfenbein mit Ralph Roger Glöcklers „Kurs auf die Freiheit“, das erstmals 1980 erschien, ein über 30 Jahre vergriffenes Reisebuch neu zugänglich gemacht. Glöckler lässt uns noch einmal ins Portugal nach der „Nelkenrevolution“ reisen – in eine Zeit, in der das Land einen gewaltigen Modernisierungsprozess durchlief. Im Reader „Stippvisiten“ schließlich kommen wichtige Stimmen der zeitgenössischen portugiesischen Literatur zu Wort. Die Texte von Miguel Cardoso (*1976), Afonso Cruz (*1971), Isabela Figueiredo (*1963), Rui Cardoso Martins (*1967) und Patrícia Portela (*1974) entstanden während der Berlin-Aufenthalte der Autorinnen und Autoren im Rahmen ihrer von der Botschaft von Portugal | Camões Berlin gewährten Residenzstipendien.

Hinter Ingo Držečnik im Regal stehen, alphabetisch geordnet, die Elfenbein-Werke aus 25 Jahren. „Vor einiger Zeit habe ich zum dritten Mal ISB-Nummern nachbestellt“, lacht der Verleger: „Zwei Mal waren es 100. Jetzt hab’ ich 1000 gekauft.“ Schaut so aus, als würde Ingo Držečnik, auch mit Portugal, für weitere Jahrzehnte planen.

Fotos: © Nils Kahlefendt (Ingo Držečnik), Elfenbein Verlag

Beitrag teilen


„Unerwartete Begegnungen des Verschiedenartigen“ wird das Motto des Gastland-Auftritts von Portugal auf der Leipziger Buchmesse 2022 lauten. Bereits in diesem Jahr erscheinen in diesem Zusammenhang in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund 50 neue Bücher. In unserer kleinen Serie stellen wir ausgewählte Verlage vor, die sich um portugiesisch-sprachige Autorinnen und Autoren verdient machen – von Klassikern bis zu preisgekrönten Newcomern. Am 28. Mai ab 18 Uhr wird es im Literaturhaus Leipzig (28. Mai, 18 Uhr) bereits eine „Vorab-Begegnung“ geben: Bei „Portugal liest – Ein Ausblick auf das Gastland“ stellen Afonso Reis Cabral, Dulce Maria Cardoso, Isabela Figueiredo, Patrícia Portela, José Luís Peixoto und Gonçalo M. Tavares ihre neuen Bücher in Lesung und Gespräch vor.

Weitere Beiträge, die Sie interessieren könnten

International Slider

„Vielgestaltigkeit erzählen“

Katja Gasser, künstlerische Leiterin des österreichischen Gastlandprojekts zur Leipziger Buchmesse 2023, über das Motto des Auftritts, erste Programm-Höhepunkte und den Mut, den es braucht, „mea ois wia mia“ zu sein.

Slider Wir

Wie am Schnürchen

Als Protokollreferentin arbeitet Carina Menzer zumeist hinter den Kulissen – auch bei der Leipziger Buchmesse sorgt sie für reibungslose Abläufe.

Markt Slider

Roter Faden

Alles handgemacht: Der schwäbische Künstler-Verleger Ulrich Keicher erhält in Leipzig den Kurt Wolff Preis 2021

Slider Wir

Brücke zum Osten

März-Splitter (1): Statt Messe-Eröffnung feierte Leipzig die Verleihung des Buchpreises zur Europäischen Verständigung