Autor: Nils Kahlefendt

Fürs Lesen begeistern
21. Feb. 2018
Leseförderung ist eine ernsthafte Sache. Beim Leipziger Lesekompass achtet die Jugendjury auch auf den Lesespaß.
Autor: Nils Kahlefendt

Fürs Lesen begeistern
21. Feb. 2018
Leseförderung ist eine ernsthafte Sache. Beim Leipziger Lesekompass achtet die Jugendjury auch auf den Lesespaß.

Die 5000-Seelen-Gemeinde Zschorlau, eingebettet in die sanften Hügel des Westerzgebirges rund fünf Kilometer südlich von Aue gelegen, hat nicht nur ein Schaubergwerk und regelmäßige Passionsspiele zu bieten. Hier in der sächsischen Provinz, wo man in langen Wintern eventuell mehr Muße zur Lektüre findet als anderswo, ist die 20-köpfige Jugendjury des Leipziger Lesekompass zu Hause.

Lesescouts als Juroren

Die Vorgeschichte reicht bis in den Herbst 2006 zurück: Damals bewarb sich Marion Merdon, Lehrererin für Deutsch und Englisch an der Oberschule Zschorlau, für das Projekt Lesescouts, das die Stiftung Lesen gemeinsam mit dem Sächsischen Kultusministerium ausgeschrieben hatte. Die Idee der Lesescouts: Schülerinnen und Schüler sollen Gleichaltrige fürs Lesen begeistern. Nicht nur die Kids, denen die Lesescouts Bücher nahebringen, profitieren von dem Projekt – auch die Scouts selbst wachsen über sich hinaus: „Wir haben über die Jahre eine Schulbibliothek mit rund 600 Büchern und Hör-CDs aufgebaut, wir haben Lesefeste mit Vorlesewettbewerben begleitet. Im Rahmen des Projekts werden diverse Workshops angeboten, das reicht von Rhetorik über Körpersprache bis zum Poetry Slam und den Umgang mit digitalen Medien“, erzählt Marion Merdon. „Dort lernen die Lesescouts etwa, wie sie einen Kurzfilm zu ihrem Lieblingsbuch erstellen oder Apps bei der Gestaltung ihrer Aktionen sinnvoll einbeziehen können. Und für mich als Lehrerein ist es toll, meine Schüler mal von einer ganz anderen Seite erleben zu können.“

Auf Augenhöhe mit den Erwachsenen

2012 wurde Marion Merdon von der Stiftung Lesen angefragt, ob ihre Zschorlauer Lesescouts sich vorstellen könnten, als Jugendjury an der Auswahl des Leipziger Lesekompass in der Kategorie für Kinder von zehn bis 14 Jahren mitzuarbeiten. Keine Frage, erinnert sich Merdon: „Die Kids waren Feuer und Flamme.“ Für die meisten ist es ein irres Gefühl, auf Augenhöhe mit Erwachsenen in einer Jury zu sitzen, ein Buch als Erster zu lesen. Und so ist es geblieben, auch wenn seitdem immer wieder neue interessierte Fünft- oder Sechstklässler zur Gruppe stoßen. „Manche sind schon Lesescouts, manche kommen vom Neigungskurs Deutsch, manchmal schlagen meine Fachkollegen jemanden vor, das ist ganz bunt gemischt. Am Ende besteht die Jury aus 20 Kindern im Alter von zehn bis 14 Jahren.“ Jedes Jahr Ende November kommt ein großes Paket mit den 20 von der Stiftung Lesen vorausgewählten Titeln. In den dank vieler Klassenarbeiten stressigen Tagen bis zu den Weihnachtsferien müssen die jungen Juroren ihre Lese-Arbeit geschafft haben, Bewertungsbögen werden ausgefüllt, Merdon meldet dann die Zschorlauer Top-Ten-Liste nach Mainz. „Manche unserer Juroren ist schon nach zwei, drei Tagen mit seinem Titel ‚durch’, denen kann ich dann noch ein anderes Buch geben, so dass wir hier und da auch eine Doppel- oder Dreifach-Meinung haben. Und ich habe regelrechte Spezialistinnen für Hör-CDs. Auch so kann man sich Literatur erschließen.“

Taxi nach Leipzig

Ein Highlight für die jungen Juroren ist Jahr für Jahr die Reise zur Leipziger Buchmesse. „In den letzten Jahren bin ich immer mit acht Scouts gefahren, so viel passen ins Taxi nach Leipzig“, lacht Merdon. Um Viertel vor Neun trifft man sich mit den erwachsenen Juroren und Buchmesse-Direktor Oliver Zille zum Frühstück, am Vormittag steigt das Lampenfieber dann auf Spitzenwerte, den bei der Preisverleihung im Forum Kinder – Jugend – Bildung bittet der Moderator, logisch, auch die Lesescouts aus Zschorlau auf die Bühne. In diesem Jahr gibt es eine Premiere: Die Oberschule Zschorlau hat den Buchmesse-Besuch als „pädagogischen Tag“ ausgeschrieben, statt Taxi kommt man in Bussen – bei der Preisverleihung werden rund 80 Schülerinnen und Schüler aus dem Westerzgebirge dabei sein. Beste Werbung für die Zukunft: Um Juroren-Nachwuchs muss es Marion Merdon nicht bang sein.

Bereits zum siebten Mal zeichnet der Leipziger Lesekompass Kinder- und Jugendbücher aus, die Lesespaß mit kreativen Ansätzen der Leseförderung verbinden. Ausgewählt werden sie von einer Jury aus unabhängigen Fachleuten der Bereiche Kita, Schule, Bibliothek und Buchhandel, aber auch von jugendlichen Lesern und Bloggern. Prämiert werden jeweils Neuerscheinungen, die im Zeitraum zwischen zwei Leipziger Buchmessen erschienen sind.

Die Preisverleihung findet am Messedonnerstag, 15.3.2018, im Forum Kinder-Jugend-Bildung (Halle 2, A 401) statt. Anschließend werden die Bücher in einer Ausstellung zum Leipziger Lesekompass 2018 (Halle 2, B 401) vorgestellt und laden zum Stöbern ein. Verschiedene Workshops für Lehrer, Erzieher, Bibliothekare, Buchhändler und Eltern ergänzen das Preissiegel.

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