Autor: Nils Kahlefendt

Fotograf: Martin Jehnichen

Entfaltungs-Räume
15. Okt. 2018
Messe-Köpfe, Folge 8: Inka Kirste wollte Historikerin werden. Nun gestaltet sie die Zukunft der Branche mit
Autor: Nils Kahlefendt

Fotograf: Martin Jehnichen

Entfaltungs-Räume
15. Okt. 2018
Messe-Köpfe, Folge 8: Inka Kirste wollte Historikerin werden. Nun gestaltet sie die Zukunft der Branche mit

Inka Kirste hat sie noch gut im Ohr, die „Wir sind das Volk“-Sprechchöre vom Herbst 1989. Während der Montagsdemos hat die angehende Diplomhistorikerin, die hart um einen der raren Studienplätze kämpfen muss, ein Altertums-Seminar: Während draußen der Anfang vom Ende der DDR beginnt, diskutiert Kirste mit ihren Kommilitoninnen im 25. Stockwerk des Uni-Riesen über die Demokratie bei den alten Griechen. Nach dem Seminar landet man regelmäßig auf dem Ring, wo weiterdiskutiert wird. Nicht selten bis in die Nacht hinein, dann in der „Moritzbastei“, dem größten Studentenklub des Landes. „Eine extrem intensive Zeit“, sagt Inka Kirste heute. Im Studium hat sich die junge Frau mit Hang zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte dann auf die Buchstadt-Historie geworfen; in ihrer von Professor Hartmut Zwahr betreuten Magister-Arbeit erkundet sie Verleger- und Buchhändlerbiografien aus dem 19. Jahrhundert. „Wie haben die gelebt – und vor allem: gewirtschaftet? Das hat mich brennend interessiert.“

Buchstadt-Historie

Im Elfenbeinturm der Wissenschaft indes will sich Kirste nicht verbarrikadieren: Die neue Studienordnung sieht die Belegung von weiteren Nebenfächern vor; mit BWL und Journalismus glaubte sich Kirste gut aufgestellt fürs Arbeitsleben im gesellschaftlich umgekrempelten Nachwende-Deutschland. Nach dem Zwischenspiel bei einer Werbeagentur dockt sie für vier Jahre am Fachbereich Buchwissenschaft an, der von Dietrich Kerlen am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaften (KMW) der Universität Leipzig aufgebaut wurde. Sie beschäftigt sich in Lehre und Forschung mit dem Buchmarkt des 19. Jahrhunderts, mit Verlagswerbung und Marketing. „Für mich war es die Chance, für eine begrenzte Zeit noch einmal das machen zu können, was ich ursprünglich wollte“, sagt Kirste im Rückblick. Nach vier rasch vergehenden Jahren noch einmal der Wechsel in eine Werbeagentur. Und die Geburt ihres Sohnes, der inzwischen – Kinder, wie die Zeit vergeht! – 18 ist. In Teilzeit verantwortet sie die Mediaplanung bei der Agentur. Als absehbar ist, dass dieser Bereich eingestellt werden soll, bewirbt sie sich bei der Leipziger Buchmesse. „Eigentlich verrückt, dass ich nicht früher auf die Idee gekommen bin“, lacht Kirste, die als Uni-Mitarbeiterin regelmäßig beim Gemeinschaftsstand „Studium rund ums Buch“ dabei war.

Sprung ins kalte Wasser

Als Inka Kirste am 1. März 2003 – zunächst als Vertretung für die in Elternzeit gehende Projektmanagerin Gritt Philipp – bei der Leipziger Buchmesse beginnt, ist es der berühmte Sprung ins kalte Wasser. Sie stößt jedoch genau in jener Phase zum Team um Oliver Zille, als neue Segmente wie Reise und das 2001 aufgesetzte Hörbuch Aussteller- und Besucherzahlen kräftig – und nachhaltig – in die Höhe treibt: 2004 knackt die Buchmesse erstmals die Zahl von 100.000 Besuchern, 2005 wird das Hallenlayout von zwei auf vier Hallen erweitert. „Diesen Wechsel habe ich ganz aktiv mitgestaltet“, erinnert sich Kirste, die die Messe mittelfristig wieder vor einem ähnlichen Quantensprung sieht. Als die Messe 2004 die Organisation des Lesefests „Leipzig liest“ in Eigenregie übernimmt, kümmert sich Inka Kirste um die Veranstaltungen auf dem Messegelände und die Gesamt-Koordination. „Dabei geht es etwa darum, dass am Ende ein gedrucktes und ein Online-Programm erscheinen – und dass die Messe „Leipzig liest“ auch übers Jahr im Blick behält“, erklärt Kirste. Nachdem sie diese Funktion zwischenzeitlich an ihre Kollegin Gesine Neuhof abgegeben hatte, ist sie nach deren Verabschiedung in die Elternzeit aktuell wieder „Leipzig liest“-Koordinatorin.

Am Puls der Literatur

Auch die Organisation des Preises der Leipziger Buchmesse, den Kirste vom Start 2005 über fünf Jahre begleitet, steht inzwischen wieder auf ihrer to-do-Liste. „Das Ringen der Juroren um die richtige Entscheidung zu verfolgen“, gesteht sie, „gehört zu den Highlights meiner Arbeit“. Da alle im Team neben bestimmten Programmbereichen auch unterschiedliche Ausstellungs-Segmente betreuen, kümmert sich Kirste um Belletristik- und Sachbuchverlage, Religion, Reisen, Fachbuch, die Wissenschaftsverlage. Die Dienstleister der Branche und die Gemeinschaftspräsentationen Österreichs und der Schweiz hat sie ebenfalls auf dem Zettel. „Als ich anfing, hatte ich 400 Messestände zu betreuen, heute sind es rund 250. Aber es sind eben jede Menge anderer Aufgaben dazugekommen.“ So hat Inka Kirste stets auch den Fach-Aspekt der Messe auf dem Radar – kein Wunder bei ihrem Background. „Auch wenn wir eigentlich eine Publikumsmesse sind“, erklärt sie, „wollen wir den fachlichen Austausch der Branchen-Profis voranbringen. Das ist nicht immer einfach, da die Publikumsmassen das Geschehen auf der Messe sehr stark bestimmen.“

15 Jahre auf Kurs

Von der ursprünglich angepeilten Wissenschaftskarriere als Historikerin ist Inka Kirstes Arbeitsalltag als Buchmesse-Projektmanagerin denkbar weit entfernt. Zieht sie so etwas wie eine Zwischenbilanz, kommt sie dennoch nicht umhin zu sagen: Alles richtiggemacht! „Ich möchte heute nicht unbedingt an der Universität sein wollen“, meint sie. „Die Verschulungs-Tendenzen, die mit der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge einhergingen, die ungeheuren Massen, die heute durch den Uni-Alltag geschleust werden – das hat nicht mehr allzu viel mit dem zu tun, was ich mir einst unter Wissenschaft vorgestellt habe.“ Was schätzt Kirste an ihrem Job? „Ich finde es toll, dass wir als Messe-Macher das Gefüge der Branche in all ihrer Komplexität im Blick haben müssen – und die Zukunft dieser Branche auch mitgestalten können.“ Die Buchtage in Berlin, sagt sie, hätten ihr das gerade wieder einmal schlagend vor Augen geführt. Dass der Stapel der Bücher, die im Urlaub gelesen werden wollen, immer weiter wächst, wundert nicht – ebenso wenig, dass es sich häufig um spannende Sachbücher handelt. Den Franzosen Thomas Piketty („Das Kapital im 21. Jahrhundert“) hat sie relativ spät für sich entdeckt und inzwischen schon mehrfach verschenkt. Aktuell liegen in dem kleinen Siedlungshaus in Lößnig-Marienbrunn, das sie mit ihrer Familie bewohnt, diverse Marx-Biografien und Karl Schlögels „Sowjetisches Jahrhundert“ parat. Die Feier ihres ganz privaten 15jährigen Messe-Jubiläums, das heuer am 1. März anstand, hat Kirste nach hinten verlegt – wenn der Messecountdown heruntergezählt wird, springt sie mit ihren Kolleginnen im Viereck. Keine Zeit zum Anstoßen und Erinnern: Weißt du noch? Die Kompassnadel indes steht unverrückbar auf M wie Messe; das motiviert Inka Kirste auch, wenn es ausnahmsweise Gegenwind oder Durststrecken gibt: „Als ich 2003 hier anfing“, sagt sie, „hatte ich sofort das Gefühl, am richtigen Platz zu sein. Eine Überzeugung, die letztlich nie nachgelassen hat.“

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