Autor: Nils Kahlefendt

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Langer Atem, großes Herz
31. Mai. 2022
März-Splitter (3): Die Hallen blieben zu, doch Leipzig erlebte ein Feuerwerk solidarischer Independent-Aktionen
Autor: Nils Kahlefendt

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Langer Atem, großes Herz
31. Mai. 2022
März-Splitter (3): Die Hallen blieben zu, doch Leipzig erlebte ein Feuerwerk solidarischer Independent-Aktionen

Zur letzten Leipziger Buchpreisverleihung saß Annette Knoch, Verlegerin des Droschl Verlags, vorm PC in Graz und sah aus der Ferne, wie das schreckstaunende Gesicht der Gewinnerin Iris Hanika („Echos Kammern“) als Social-Media-Meme viral ging. Nun, bei der gänzlich unerwarteten „Titelverteidigung“, kann sie ihren Autor Tomer Gardi („Eine runde Sache“) live herzen. „Ein unvergesslicher Moment“, sagt Knoch in der Kulturfabrik Werk 2 im Süden von Leipzig. Auch die Verlage der Preisträgerinnen Uljana Wolf und Anne Weber, kookbooks und Wallstein, sind bei der buchmesse_popup in der alten Connewitzer Industriehalle mit dabei.

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Insgesamt beteiligen sich 63 Independent-Verlage an der von Leif Greinus (Voland & Quist) und Gunnar Cynybulk (Kanon) initiierten Steggreif-Messe, die vom Engagement der Beteiligten lebt – so wird das Lesungsprogramm von Anna Jung (Jung und Jung), Kristine Listau (Verbrecher Verlag) und Verena Knapp (Klett-Cotta) organisiert. Knapp 10.000 Besucherinnen und Besucher strömen nach Connewitz. „Es geht uns um Sichtbarkeit für unsere Autorinnen und Autoren“, sagt Gunnar Cynybulk, „und den so wichtigen Kontakt mit dem Publikum“. Die Branche, das hat man an dieser in nicht einmal vier Wochen organisierten Aktion gesehen, ist solidarischer, als man denkt. „Wir wollten in diesem Jahr ein Zeichen setzen“, ergänzt Leif Greinus. „Und freuen uns auf die ‚große‘ Leipziger Buchmesse im nächsten.“

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Putins Angriffskrieg, der Horror, den die Menschen in der Ukraine erleben, sind das Thema dieser Leipziger Tage, auf Bühnen und Podien wie im privaten Gespräch. Man erinnert sich fast wehmütig an Martin Pollak und den von ihm ab 2012 kuratierten „tranzyt“-Schwerpunkt mit Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus, an Juri Andruchowytsch, der 2006 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhielt. Im Kontext des Ukraine-Themas zeigt sich, wie wichtig eine auch auf Osteuropa ausgerichtete Messe ist. Das alles hat man im Kopf, wenn man im Werk 2 eine zusammen mit dem PEN und der Hilfe von Christoph Links organisierte Veranstaltung besucht. Unter dem Motto „Nein zu Putins Krieg – Was kann Literatur leisten?“ sind am Tag nach Putins Rede im Luzhniki-Stadion, die nicht wenige als Auftakt zur Großen Säuberung interpretieren, Marjana Gaponenko (Ukraine), Michail Schischkin (Russland), Volha Hapeyeva (Belarus) und Karl Schlögel (Deutschland) zusammengekommen; später wird aus Lemberg der Übersetzer Juri Durkot zugeschaltet, der für die „Welt“ Kriegstagebuch führt.

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War Krieg nicht eine Sache der Großeltern? Ob wir „friedensverwöhnten, optimistischen und wohl auch zu lethargischen“ Westeuropäer richtig gelesen haben, fragt sich auch Karin Schmidt-Friderichs. Die Börsenvereins-Vorsteherin ist, mit den Schriftstellerinnen Svetlana Lavochkina und Katerina Poladjan, dem ukrainischen Gewandthaus-Solo-Bratschisten Ivan Bezpalow, der VS-Bundesvorsitzenden Lena Falkenhagen und dem eben aus der Ukraine zurückgekehrten TV-Journalisten Arndt Ginzel, Gast eines Podiums im Turmzimmer des Leipziger Felsenkellers. Eine Eisenskulptur vis-à-vis erinnert an eine der letzten Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs in Leipzig, bei der am Morgen des 18. April 1945 fünf GIs und zwei Jugendliche des „Volkssturm“ umkommen. Das Podium im Turm ist Teil von weiter:lesen 22, einer lokalen Initiative, ebenfalls in Rekordzeit geplant. In der Moritzbastei und im Felsenkeller, vor 2019 mehrmals Domizil für die „Party der jungen Verlage“, finden an zwei Tagen rund 60 Lesungen statt; im Felsenkeller gibt es zudem Buchstände beteiligter Verlage und eine Party mit DJ Sergej Klang.

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Erstaunlich, was Mitte März trotz coronabedingt geschlossener Messehallen in der alten Buchstadt abgeht. Unter dem Titel „Verbriefte Freundschaft“ eröffnet das Deutsche Buch- und Schriftmuseum – in Anwesenheit des Künstlers – eine Ausstellung zu den umfangreichen Briefwechseln und der Mail-Art von Axel Scheffler – eine Liebeserklärung an die gute, alte analoge Korrespondenz. Derweil erobert die Comic-Künstlerin und frisch gebackene LVZ-Kunstpreisträgerin Anna Haifisch endgültig die Hochkultur-Sphäre – mit einer Soloschau im Museum der Bildenden Künste. Dass bei der Ballung von Leipzig liest trotzdem-Aktivitäten fast keiner außen vor bleiben muss, liegt am sprichwörtlich großen Herz zahlloser Leipziger Kultur-Orte für Literatur – und dem Engagement des „Leipzig liest“-Teams. So laden die Connewitzer Verlagsbuchhandlung und das Deutsche Literaturinstitut (DLL) den Penguin-Autor und Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah („Ferne Gestade“) ins Paulinum am Augustusplatz. Unter dem Hashtag #buchbesuch öffnen Leipziger Verlage wie Buchfunk, Faber & Faber, Klett Kinderbuch, Lehmstedt oder Seemann Henschel am virtuellen „Messe“-Samstag ihre Türen. Echte Verlagsstadtschwärmer lassen sich da nicht lange bitten.

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Spannend: Statt einer Buchmesse gibt es in Leipzig diesmal gleich mehrere kleine. Wer über den Standortvorteil und genügend Energie verfügt, präsentiert sich – wie etwa Spector Books, Kookbooks oder die Stiftung Buchkunst – parallel. In der Hochschule für Grafik und Buchkunst findet die It’s a book, das jährliche Treffen von Produzierenden aus dem Indie-Publishing, zum 13. Mal statt. Rund 90 Verlage sind beteiligt, von adocs publishing (Hamburg) bis Valiz (Amsterdam), die das schönste Buch der Welt gleich vom Stapel verkaufen.

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Im Rahmen der Sonderausstellung „Fotobücher. Kunst zum Blättern“ findet von Freitag auf Sonntag im Grassi Museum das erste Leipzig Photobook Festival statt. Organisiert hat es der Fotograf, Kurator und Verleger Calin Kruse. Dass das Mzin, jahrelang im für Grafikdesign-Hipster attraktiver werdenden Kolonnadenviertel ansässig, nun als Shop im Leipziger Bildermuseum vor Anker gegangen ist, zeigt den frischen Wind, der aktuell durch die Leipziger Museums-Szene pustet. Von ihm wird, Hand drauf, auch die Leipziger Buchmesse 2023 profitieren.

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Wem’s zu wohl ist / der geht nach Gohlis, weiß der Leipziger Volksmund. Und irgendwie ist etwas dran: Wäre der Kurt-Wolff-Preis, wie es sich normalerweise gehört, am Stand „Die Unabhängigen“ in Halle 5 der Leipziger Buchmesse verliehen worden, wäre man vom Messe-Grundrauschen, zu dem gern auch mal ein Trompeten-Solo oder die mikrofonverstärkte Anmoderation eines Kabarettisten gehören, nicht verschont geblieben. Antje Kunstmann und Poetenladen-Verleger Andreas Heidtmann bekommen ihre Schecks über 35.000 und 15.000 Euro im barocken Gohliser Schlösschen, in dessen Saal man bei der Laudatio von Verleger Heinrich von Berenberg die berühmte Stecknadel fallen hören kann. Die einfallende Frühlingssonne färbte das Parkett goldgelb.

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Dass Antje Kunstmann mit dem ein abgeschlossenes Sammelgebebiet assoziierenden Wort „Lebenswerk“ fremdeln muss, ist klar. Dass in ihrem Bücherregal Kurt Wolffs „Autoren – Bücher – Abenteuer“ neben André Schiffrins „Verlage ohne Verleger“ steht – das Ideal neben der ernüchternden Gegenwart sozusagen, beide bei Wagenbach erhältlich – ist kein Zufall. In Wolffs Betrachtungen und Erinnerungen findet sich der berühmte Satz: „Man verlegt entweder Bücher, von denen man meint, die Leute sollen sie lesen, oder Bücher, von denen man meint, die Leute wollen sie lesen. Verleger der zweiten Kategorie zählen für uns nicht – nicht wahr?“ Kunstmann hält es lieber mit Anton Tschechow. Der dekretierte: „Ich teile alle Bücher in zwei Sorten ein: Solche, die mir gefallen, und solche, die mir nicht gefallen. Ein anderes Kriterium habe ich nicht.“

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Leipzig lebt Literatur: Leipzig und Literatur gehören zusammen. Obwohl die Leipziger Buchmesse 2022 pandemiebedingt abgesagt werden musste, fanden in der Stadt und im Netz vielfältigste literarische Aktivitäten statt, die in den Tagen Mitte März die Buchmesse-Idee weitertrugen – Signale der Hoffnung auf eine kraftvolle Rückkehr der Leipziger Buchmesse vom 27. bis 30. April 2023. In unserer kleinen Serie blicken wir auf die spannendsten und bewegendsten Momente aus dem letzten März zurück.

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