Autor: Nils Kahlefendt

Foto: Andreas Pein/laif

„Nach vorn denken“
25. Januar 2021
Blick zurück nach vorn (6): Tom Kraushaar über die Frage, wie wir die Welt der Bücher zusammenhalten können.
Autor: Nils Kahlefendt

Foto: Andreas Pein/laif

„Nach vorn denken“
25. Januar 2021
Blick zurück nach vorn (6): Tom Kraushaar über die Frage, wie wir die Welt der Bücher zusammenhalten können.

Womit sind Sie gerade beschäftigt?

Tom Kraushaar: Ich habe zwischen den Jahren sehr viele Manuskripte und Bücher gelesen, die in den nächsten Jahren bei uns erscheinen sollen. Da auch die London Book Fair auf Ende Juni verschoben wurde, möchte ich im Januar noch mit möglichst vielen unserer internationalen Partner sprechen. Ich bin heute Vormittag im Büro; unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können im Homeoffice arbeiten, so oft sie das wünschen, das funktioniert gut. Hier im Verlag gilt die Regel: Pro Raum eine Person. Momentan sind deutlich weniger Leute im Haus, als wir Räume haben.

Wie haben sie 2020 gemeistert?

Kraushaar: Mit Blick auf die Zahlen: sehr gut! Wir sind genau bei unserem schon sehr guten Vorjahresumsatz gelandet, und das will nach so einem Jahr etwas heißen. Natürlich gab es Bücher, deren Vermittlungsstrategie stark auf die Leipziger Buchmesse ausgerichtet war. Mit Bettina Hitzers „Krebs fühlen“ haben wir ja die Gewinnerin des Preises der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch im Programm – davon hätte der Verlag in einem ‚normalen’ Jahr wohl deutlich stärker profitiert. Dafür gab es bei unserem Fantasy-Imprint Hobbit Presse zweistellige Zuwächse. Da haben sich positive und negative Effekte ausgeglichen.

Aber es geht nicht nur um die Zahlen, richtig?

Kraushaar: Die persönlichen Gespräche fehlen uns enorm. Digitale Formate funktionieren dann gut, wenn sie an bereits bestehende persönliche Bindungen anknüpfen. Wir setzen seit Jahren sehr stark auf solche Kontakte. In Lockdown-Zeiten hat sich gezeigt, wie eminent wichtig so eine funktionierende Kommunikationsbasis ist. Wir haben in der Vergangenheit wichtige Dinge getan, die wir im letzten Jahr nicht tun konnten. Insofern wäre es trügerisch zu sagen: Alles super gelaufen. Die Gelegenheit, Fundamente für die Zukunft zu legen, hatten wir nur sehr eingeschränkt.

Momentan hält man eher Kontakt zu den Leuten, die man schon vor Corona kannte – auf Messen ist das anders…

Kraushaar: Solche Großveranstaltungen verknüpfen zwei Systeme, die für die Zukunft des Buches essentiell sind: Den Buchmarkt als ökonomisches System – und den Literaturbetrieb als soziokulturelles System. Der Buchmarkt sorgt, simpel gesprochen, dafür, dass die Teilnehmer des Literaturbetriebs Geld verdienen. Der Literaturbetrieb wiederum ringt um ‚kulturelle Werte’ – und sorgt so, wiederum vereinfacht, dafür, dass ‚bessere’ Bücher gekauft und gelesen werden, als der Markt allein es regeln würde. Wird diese Verbindung gekappt, verkümmert der Betrieb im Elfenbeinturm, während der Markt zum Durchlauferhitzer für den Mainstream wird.

Also sollten wir uns in nicht allzu ferner Zeit wieder ins wirkliche Leben jenseits der Zoom-Konferenzen wagen. Worauf hoffen Sie für 2021?

Kraushaar: Ich möchte ungern Prognosen abgeben, man steht dann leicht als blauäugiger Optimist oder destruktiver Pessimist da. Unsere Programme sind stark, insofern glaube ich an ein positives Jahr für Klett Cotta. Und ich hoffe darauf, dass wir – sobald das irgend möglich ist – reisen und unsere Kontakte persönlich pflegen können. Ich denke dabei vor allem an unsere Autorinnen und Autoren und unsere Partner im Buchhandel, die sich in diesem schwierigen Jahr enorm engagiert haben.

Die Tropen-Party im GfZK-Café, bei der man noch mit angezogenen Beinen stehen konnte, war die materialisierte Messe-Ausgelassenheit. Mit welchen Projektionen blicken Sie heute Richtung Leipzig?

Kraushaar: Für uns wäre es aus den schon beschriebenen Gründen wichtig, dass im späten Frühjahr eine Messe stattfindet. Wir werden flexibel sein müssen, was unsere Planung betrifft. Gerade jetzt in diesen trüben, von immer neuen Hiobs-Zahlen bestimmten Tagen sollten wir nicht vergessen, nach vorn zu denken. Was können wir dafür tun, dass möglichst bald vieles wieder gut läuft? Die Graswurzelarbeit der Buchhandlungen, der Literaturhäuser und Festivals wird immer wichtiger – die Phantasie all der Leute, die den Laden letztlich zusammenhalten.

Ein wenig sollte man auch ins Gelingen verliebt sein?

Kraushaar: Unbedingt! Wir müssen, auch als Branche, rational begründbare, vernünftige Lösungen entwickeln, die auch von Hoffnung und Zuversicht geprägt sind.

Tom Kraushaar, geboren 1975 in Düsseldorf, ist verlegerischer Geschäftsführer des Verlags Klett-Cotta.

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Das Jahr mit Corona war ein Stress-Test für die Branche, die sich als erstaunlich resilient und belastbar erwies. In unserer Serie „Blick zurück nach vorn“, deren Interviews in den ersten Januartagen geführt wurden, wollen wir teilen, wie Buchmenschen durch die Krise gekommen sind, was sie gelernt haben – und was sie sich für 2021 erhoffen. Momentaufnahmen einer Branche, die auf Sicht fahren muss – und doch insgesamt gerade über sich selbst hinauszuwachsen scheint.

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