Autor: Nils Kahlefendt

Insa Wilke © Mathias Bothor / photoselection [No image is to be copied, duplicated, modified or redistributed in whole or part without the prior written permission from photoselection GmbH. Fon: +49 30 787 13 65 0. mail@photoselection.de]

„Wir suchen gemeinsam nach guten Entscheidungen“
17. Jan. 2022
Insa Wilke, Jury-Vorsitzende beim Preis der Leipziger Buchmesse, über literarisches Neuland und die Frage: Wer spricht?
Autor: Nils Kahlefendt

Insa Wilke © Mathias Bothor / photoselection [No image is to be copied, duplicated, modified or redistributed in whole or part without the prior written permission from photoselection GmbH. Fon: +49 30 787 13 65 0. mail@photoselection.de]

„Wir suchen gemeinsam nach guten Entscheidungen“
17. Jan. 2022
Insa Wilke, Jury-Vorsitzende beim Preis der Leipziger Buchmesse, über literarisches Neuland und die Frage: Wer spricht?

Foto: Mathias Bothor

Sie sind in vielen Rollen im literarischen Feld unterwegs, etwa als Kritikerin oder Organisatorin eines Literaturfestivals. Was zeichnet die Jurorin Insa Wilke aus?

Insa Wilke: Als Freiberuflerin betreibt man ja ohnehin eine Art Mehrfelderwirtschaft. Dahin hat es sich auch im Laufe meines Arbeitslebens entwickelt. Inzwischen hat sich eine Wechselbeziehung zwischen all den Bereichen eingestellt. Ein Punkt ist interessant für die Juryarbeit: die Wechselbeziehung zwischen Moderation und Kritik. Als ich anfing, hatte ich noch ein recht naives Verständnis von Kritik: Daumen hoch, Daumen runter, gut oder schlecht. In der Moderation habe ich gemerkt, dass es bei einem Gespräch um andere Dinge geht. Sie müssen Gesprächsanlässe finden, herausfinden: Wo sind die markanten Punkte im Werk eines Autors, über die man gut reden kann? Im Laufe des Arbeitens hat sich daraus eine Wechselbeziehung ergeben: Wenn ich Rezensionen schreibe, geht es natürlich auch darum, ein Urteil zu finden und zu formulieren. Aber so, dass ich im Hinterkopf behalte: Was ist für ein Publikum, für die öffentliche Konstellation von Debatten und Themen interessant? Es geht darum, die Urteilsfähigkeit mit einer Sensibilität für Gesprächsanlässe, Diskussionspunkte zu verbinden. Das ist für die Juryarbeit interessant: In Leipzig haben wir durch die Nominiertenliste die Chance, nicht nur zu sagen, was unserer Meinung nach die herausragenden Werke in Belletristik, Sachbuch und Übersetzung sind. Sondern auch zu zeigen: Welche unterschiedlichen Schreib-Haltungen gibt es, welche Fragestellungen, welche Themen? Wir können ein ganzes Feld aufmachen! Das ist es, was mich sehr interessiert, jenseits des Gegensatzpaares gut versus schlecht.

Beim Klagenfurter „Bewerb“ sind die Kameras allgegenwärtig, manchmal scheint sich das Gespräch eher um die Motto-T-Shirts der Juroren zu drehen… In Leipzig gehen die Spots erst bei der Preisverleihung in der Glashalle an. Was ist das Besondere dieser eher diskreten Juryarbeit?

Wilke: In Klagenfurt ist der ‚körperliche’ Aspekt nicht unwesentlich. Wir sitzen täglich mehrere Stunden zusammen, da spielen auch Erschöpfung oder Gesprächsdynamiken eine viel stärkere Rolle. Das ist natürlich auch interessant: Wenn man dünnhäutiger wird, wird man unter Umständen auch offener und macht sich angreifbarer. Aber das führt natürlich auch dazu, dass man manchmal auf Abwege gerät und erst zum Eigentlichen wieder zurückfinden muss. Alles ist live, kaum kontrollierbar. In einer Jury wie in Leipzig hat man eine viel größere Ruhe, es ist ein viel längerer Prozess. Wir tauschen uns schon jetzt permanent über unsere Lektüren aus; das ist eine Arbeitsweise, die sich in den letzten Jahren entwickelt hat – und die ich sehr gut finde. Es entwickelt sich bereits ein Bild von der Auswahl, darüber, wie man diskutieren kann. Dieser Prozess beginnt im November, mit den ersten Lektüren – und wird bis zur abschließenden Entscheidung weiterlaufen. Über längere Zeit hinweg mit klugen Kolleginnen und Kollegen über Bücher nachzudenken, ist eine schöne Erfahrung. Dabei geht es auch nicht darum, „seine“ Leute durchzusetzen. Man sucht gemeinsam nach guten Entscheidungen. Das ist enorm wichtig. Es ist ein Verständigungsprozess, der in die Gesamtarbeit dann wieder zurückwirkt.

Wie halten Sie sich gemeinsam auf dem Laufenden?

Wilke: Zumeist per E-Mail. Die Sitzungen laufen dann in Präsenz ab.

Wird auch hart um Entscheidungen gerungen?

Wilke: Im Idealfall ist es ein gemeinsames, suchendes Gespräch. Es können unterschiedliche Kriterien angelegt, unterschiedliche Gewichtungen vorgenommen werden. Meinungen können auseinandergehen. Da kann’s dann schon zur Sache gehen – aber eben immer auch auf die Sache bezogen.

Die Diskussionen um Identität und Diversität werden lauter; letztes Jahr etwa hatte im Zusammenhang mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ein offener Brief die Frage aufgeworfen, wie divers der deutsche Literaturbetrieb zusammengesetzt ist. Spielen auch außerliterarische Kriterien in der Juryarbeit eine Rolle?

Wilke: Ich glaube, das sind keine außenliterarischen Kriterien. Perspektive spielt ja eine Rolle für’s Schreiben – und auch für’s Lesen übrigens. Sowohl im Geschichts- als auch im Literaturstudium lernen sie früh, dass die Frage „Von wo spricht jemand?“ wichtig für die Analyse ist. Es geht, dies mitbedacht, also an erster Stelle um eine Schreibweise, eine Ästhetik, die herausragend ist. Dann gibt es Stoffe, Themen, Geschichten, die so noch nicht erzählt wurden. Das kann relevant sein. Aber es ist nie so, dass ein schlecht geschriebenes Buch ausgezeichnet wird, nur weil es aus einer Perspektive geschrieben wurde, die so noch nicht vorkam. Das wird nicht passieren: Eine Geschichte vermittelt sich nicht, wenn die Form nicht reflektiert und angemessen ist. Dann geht der Schuss nach hinten los.

Die politischen Themen wurden ebenso vermisst…

Wilke: Ich kenne die Jurydiskussion von damals natürlich nicht. Ich kann nur von mir aus und von heute sprechen: Auch wenn die Leipziger Jury sicher nicht die richtige war, die es da getroffen hat – ich glaube, dass man schon über Jury-Zusammensetzungen diskutieren kann. Und darüber, ob es blinde Flecken gibt. Es ist kein Geheimnis, dass wir in den letzten Jahren eine enorme Entwicklung gemacht haben, was die Frage angeht: Wer spricht mit? Wer wird sichtbar? Welche Gruppen kommen im Kulturbetrieb nicht vor? Das ist ein Thema, das einen als Kritikerin interessieren muss – und darüber wird ja gesprochen. Dass da eine Sensibilisierung in den letzten Jahren stattgefunden hat, das spiegelt der Buchmarkt ebenso wie die Berichterstattung.

Die Fokussierung der Medien auf Preise wird gelegentlich kritisch hinterfragt; man beklagt, das andere Bücher aus dem Blick geraten. Wie sehen Sie das?

Wilke: Es gibt in der Branche eine Konzentration auf wenige Titel, und das liegt, unter anderem, auch an den großen Preisen…

The winner takes it all…

Wilke: Für die Verlage ist das schon problematisch. Ich sehe die Verantwortung bei Leuten wie uns, da gegenzusteuern. Ich habe aber den Eindruck, dass es, nicht zuletzt durch einen Generationenwechsel in den Redaktionen, ein größeres Bedürfnis danach gibt, wieder mehr in die Breite zu gehen.

Sie machen sich als Kritikerin auch für zeitgenössische Lyrik stark. 2015 hat Jan Wagner den Preis der Leipziger für einen Gedichtband bekommen. Ein Ausnahmefall in der doch sehr stark auf Romane fixierten Belletristik-Sparte des Preises?

Wilke: Es gibt keine Scheuklappen bei uns Juroren, was das Genre angeht. Aber es sind zunächst die Verlage, die einreichen. Das ist erst mal die Masse der Titel, die wir sichten. Auch hier gibt es keine Quote.

Als Leipziger Jury sind sie in der komfortablen Lage, auch die Übersetzungen mit einbeziehen zu können…

Wilke: Es ist ein großer Luxus, durch so eine Arbeit den Überblick über einen ganzen Jahreslauf von März bis März zu bekommen. Auf diese Weise geraten Themen, untergründige Interessen in den Blick, die einem vorher nicht so bewusst waren.

Beim Wort „Corona-Roman“ bekommen Kritikerinnen meist einen strengen Gesichtsausdruck, Stirnen furchen sich…

Wilke: Es gibt natürlich relativ schnell Titel, die das Thema aufgreifen. Die meisten sind jedoch nicht in der Lage, es wirklich gedanklich und formal durchdrungen zu haben. So etwas braucht Zeit. Wir haben es beim Thema Digitalisierung gesehen: Da kommen jetzt seit ein paar Jahren erst die interessanten Bücher, die nicht nur Twitter-Zitate oder einen Protagonisten mit Handy haben. Sondern wirklich formal darauf reagieren, und das Thema reflektieren. Auch das Klima-Thema hat gedauert… Man muss da nicht die Augen verdrehen. Es ist logisch, dass gesellschaftliche Vorgänge, die uns alle betreffen, auch reflektiert werden. Ich warte darauf, dass mich ein Text, der damit umgeht, wirklich überzeugt.

Auch der Alltag einer Kritikerin kennt Routinen. Sind Sie noch zu überraschen?

Wilke: Auf jeden Fall. Es kommt immer noch vor, dass man einen tollen Text vor sich hat – und hin und weg ist. Bücher, die einen plötzlich so angehen, dass man sich nicht bequem damit im Sessel zurücklehnen kann. Wenn man diese Fähigkeit verliert, wäre das ein Warnsignal…

Man muss dann nach einem neuen Beruf suchen?

Wilke: (lacht) Nein, aber Juryarbeit ist auch hier ziemlich hilfreich: Es ist extrem anregend, sich mit anderen Lektüreweisen zu konfrontieren. Und so vielleicht auch zu einem Text, den man schon aus der Hand gelegt hat, noch einmal eine andere Sichtweise zu bekommen. Es ist für mich das Ideal einer Jury, dass man beweglich bleibt. Und sich möglicherweise durch eine Kollegin, einen Kollegen einen Zugang zu einem Text eröffnen lässt, den man selbst so vielleicht nicht hatte.

Insa Wilke wurde in Bremerhaven geboren. Studium der Germanistik und Geschichte in Göttingen, Rom und Berlin, Promotion 2009. 2010 erschien ihr Buch „Ist das ein Leben. Der Dichter Thomas Brasch“. Als Literaturkritikerin veröffentlicht Insa Wilke u.a. in der Süddeutschen Zeitung und im Rundfunk. Für diese Arbeit wurde sie 2014 mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet. Neben dem Juryvorsitz beim Preis der Leipziger Buchmesse gehört sie auch der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises und der SWR-Bestenliste an. Seit 2005 konzipiert und moderiert sie Kulturveranstaltungen. 2010 übernahm Insa Wilke die Programmleitung im Literaturhaus Köln und gab sie zugunsten des freiberuflichen Arbeitens 2012 wieder auf. Seit 2013 gehört sie zum Team von „Gutenbergs Welt“ (WDR3), seit 2017 zum „lesenswert quartett“ im SWR Fernsehen. 2016 hat sie die Programmleitung des Mannheimer Literaturfestes „lesen.hören“ von Roger Willemsen übernommen, dessen Nachlass sie verwaltet.

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Für den mit 60.000 Euro dotierten Preis der Leipziger Buchmesse wurden diesmal 441 Werke aus 169 Verlagen eingereicht. Am 17. Februar werden die Nominierten bekanntgegeben. Wer den begehrten Preis letztlich gewinnt, geben die Jurorinnen und Juroren am Eröffnungstag der kommenden Leipziger Buchmesse, dem 17. März 2022, bekannt.

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