Autor: Nils Kahlefendt

Illustration: Lea Zupančič

„Wir sind Marathonläufer!“
19. Feb. 2020
Antje Contius und Hana Stojić über die Schwerpunktregion 2020-22 „Common Ground. Literatur aus Südosteuropa“
Autor: Nils Kahlefendt

Illustration: Lea Zupančič

„Wir sind Marathonläufer!“
19. Feb. 2020
Antje Contius und Hana Stojić über die Schwerpunktregion 2020-22 „Common Ground. Literatur aus Südosteuropa“

Dass die Leipziger Buchmesse ein ausgezeichneter Ort für Gespräche über politische und mentale Grenzen hinweg ist, gilt mittlerweile fast schon als Gemeinplatz. Das Netzwerk Traduki, 2008 am Rande der Leipziger Buchmesse gegründet, steht exemplarisch dafür. Seit 2010 sind Sie mit eigenem Stand und einem sich entwickelnden literarischen Programm präsent, nun kooperieren erstmals alle Länder Südosteuropas auf der Basis der Literatur. Was ist die neue Qualität von „Common Ground“?

Antje Contius: Unter diesem Motto stellen ab diesem Jahr zehn Länder Südosteuropas erstmals gemeinsam auf der Leipziger Buchmesse ihre Literatur, ihre Autorinnen und Autoren vor. Wir haben uns entschlossen, einen „Common Ground“ auch ganz physisch als Gemeinschaftsstand zu bauen. Dort werden nicht nur die acht südosteuropäischen Länder präsent sein, die schon bei Traduki Mitglieder sind – Albanien, Bulgarien, Kroatien, Montenegro, Nordmazedonien, Rumänien, Serbien und Slowenien – sondern darüber hinaus auch Bosnien-Herzegowina und Kosovo. Wir wollen die vielgestaltige Literaturlandschaft Südosteuropas in Leipzig abbilden – und damit auch die Länder, in denen Traduki jenseits von Mitgliedschaften aktiv ist. Der deutschsprachige Raum, aus dem die Initiative zur Gründung von Traduki kam, ist natürlich auch am Stand vertreten.

Apropos Stand – was erwartet uns da?

Hana Stojić: Zunächst eine erfrischende Vielfalt. Das Stand-Design hat – zu unserer großen Freude – Bojana Marković, eine junge Architektin aus Belgrad, entwickelt, die auch den mehrfach ausgezeichneten Stand des von Traduki initiierten Programms „Vier Länder eine Sprache“ der vier deutschsprachigen Länder auf der Belgrader Buchmesse 2017 verantwortete. Die Grafik für den Stand und unsere Programmbroschüre stammt von einer jungen Slowenin, Lea Zupančič. Wenn Sie jetzt noch hören, dass Marija Katalinić, die unsere schon ab 2. März im UT Connewitz laufende Balkan Film Week kuratiert, aus dem kroatischen Rijeka stammt, ich selbst in Sarajevo aufgewachsene Bosnierin bin – dann merken Sie, dass wir schon in der Vorbereitung von „Common Ground“ sehr grenzüberschreitend aufgestellt sind.

„Common Ground“ möchte das Verbindende in den Vordergrund stellen, unabhängig von historischen oder aktuellen Konflikten. Wie ist es Ihnen gelungen, alle Partner unter einen Hut zu bekommen?

Contius: Für die Vorbereitung spielt die Existenz von Traduki eine wichtige Rolle: In der gemeinsamen Arbeit hat sich da über Jahre eine wirkliche Gemeinschaft geformt. Das schafft Vertrauen. Wir können uns, ohne dass sich jemand verbiegen müsste, aufeinander verlassen. So sind Dinge möglich, die für gewöhnlich nicht funktionieren, etwa ein gemeinsamer Auftritt des kosovarischen Botschafters mit dem früheren serbischen Botschafter in Österreich – auf einer Bühne! Traduki ist ein multilaterales privat-öffentliches Miteinander, die S. Fischer Stiftung, bei der die Fäden zusammenlaufen und die die Geschäftsstelle des Netzwerkes innehat, ist eine private Stiftung – und damit unabhängig und flexibel.

Sie machen manches möglich, was auf klassischem diplomatischen Parkett schwieriger wäre?

Contius: Genau. Über unser umfangreiches Residenz-Programm in zehn südosteuropäischen Städten können wir es zum Beispiel organisieren, dass kosovarische Autoren in Belgrad, serbische Autoren in Pristina, Bosnier in Bukarest arbeiten, dass einfach Bewegung in diese Gegend kommt. Und dass es normal wird, dass man sich begegnet. Es gibt ja in vielen der Länder ein historisches Gepäck mit einer pikanten Mischung aus Totalitarismus, Kommunismus und Isolation. Das aufzubrechen, ist immer auch ein Stück weit Abenteuer.

Die Schwerpunktregion ist auf drei Jahre, bis 2022 angesetzt. Was wollen Sie mit „Common Ground“ erreichen?

Contius: Wir haben seit 2008 die Übersetzung von mehr als 1.000 Büchern gefördert. Den Löwenanteil machen Titel aus der deutschsprachigen Literatur aus, und auch der Transfer zwischen den südosteuropäischen Literaturen ist sehr erfolgreich. Dagegen fallen die mehr als 100 Übersetzungen aus den Sprachen Südosteuropas in Deutsche etwas ab – und natürlich würden wir uns freuen, wenn noch mehr Übersetzungen von großartigen Autoren auf Deutsch erscheinen würden! Ein weiteres wichtiges Anliegen ist es, diese Weltgegend Südosteuropa – nennen wir sie Balkan, nennen wir sie West-Balkan, wie auch immer – aus einer gewissen, mit Vorurteilen und Klischees behafteten Nische herauszuholen. Es ist ein Teil Europas, in dem trotz der immer wieder von Kriegen und Vertreibung gezeichneten Geschichte über mehrere Generationen hinweg ein ganz normales pulsierendes kulturelles Leben ist. Es lohnt sich, da genauer hinzuschauen! Wir würden uns freuen, wenn der Funke von Leipzig weiter zünden könnte. Gleichzeitig wissen wir, dass das Zeit brauchen wird. Wir sind alle Marathonläufer hier im Team, keine Sprinter (lacht).

In diesem Jahr lautet das Thema „Herkunft und Zugehörigkeit“. Was erwartet uns im Programm?

Stojić: Es wird auf dem Messegelände und in der Stadt rund 20 Veranstaltungen mit mehr als 50 Autorinnen und Autoren aus allen zehn teilnehmenden Ländern geben; rechnet man Musiker, Moderatoren und Übersetzer dazu, sind es an die 100 Mitwirkende. Ein Großteil von ihnen sind Newcomer, die es in Deutschland noch zu entdecken gilt: Da ist etwa Julijana Adamović, geboren 1969 in der Vojvodina, eine preisgekrönte kroatische Schriftstellerin, die für ihren Roman „Die Wildgänse“ gefeiert wurde. Oder die aus Moldawien stammende, heute in Paris lebende Tatiana Ţîbuleac die für ihren Roman „Der Glasgarten“ 2019 den Literaturpreis der Europäischen Union bekommen hat.

Auf welche großen Namen dürfen wir uns freuen?

Stojić: Daneben kommen natürlich auch längst etablierte Autoren wie die lebenden Klassiker Drago Jančar aus Slowenien oder Mircea Cărtărescu aus Rumänien. Wir denken ja an unser Publikum (lacht) – wer kennt Cărtărescu besser als die Leipziger? Es wird spannende politische Diskussionsrunden im Café Europa geben. Dazu Round Tables zu Themen wie „Kindheit in der Literatur“ und „Sprache als neue Heimat“. Die Auftaktveranstaltung am Messedonnerstag ist, passend zu Traduki, dem literarischen Übersetzen gewidmet: Der bulgarische Autor Georgi Gospodinov, dessen Bücher in mehr als 20 Sprachen übertragen wurden, trifft auf zwei seiner Übersetzer. Und natürlich wird es am Samstagabend unseren Klassiker geben – die Balkannacht im UT Connewitz. Wie immer mit jeder Menge toller Literatur, einem Oscar-nominierten Animationsfilm und heißer Musik vom „Teufelsgeiger“ Félix Lajkó, der mit seinem Trio einen betörenden Mix aus Klassik, Jazz, Punkrock und Klezmer aufs Parkett legen wird. Das sollten Sie nicht verpassen!

Antje Contius geboren 1966, hat seit 2008 die Geschäftsleitung der S. Fischer Stiftung inne. Sie studierte Slawistik in Münster, Freiburg, Frankfurt/Main, Moskau, Warschau und Sofia. Als freie Lektorin war sie für Verlage in Österreich, Deutschland und der Schweiz tätig und besonders für osteuropäische Literaturen engagiert. Diesen Schwerpunkt verfolgte sie auch als Osteuropa- und Nahostreferentin in der Auslandsabteilung der Leipziger Messe und von 1995-1998 als Leiterin dieser Abteilung. 2002 kam sie zur S. Fischer Stiftung.

Hana Stojić, geboren 1982 in Sarajevo, studierte an der Fakultät für Translationswissenschaft an der Universität Wien und arbeitet als Übersetzerin und Kulturmittlerin. Seit 2008 arbeitet sie für das Projekt Traduki, das sie seit 2014 leitet.

Die Leipziger Buchmesse ist Mitglied des europäischen Netzwerkes für Literatur und Bücher Traduki. An diesem Netzwerk sind Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Deutschland, Kosovo, Kroatien, Liechtenstein, Nordmazedonien, Montenegro, Österreich, Rumänien, die Schweiz, Serbien und Slowenien beteiligt. Aus dem Kreis der Traduki-Mitglieder kam die Initiative für den Auftritt als Schwerpunktregion Südosteuropa, um für mehr Sicht- und Hörbarkeit der literarischen Stimmen Südosteuropas im deutschsprachigen Raum zu sorgen und nachhaltige Strukturen für die Literarturvermittlung in den Ländern aufzubauen. Um letzteres zu unterstützen, laden das Goethe-Institut in Kooperation mit der Leipziger Buchmesse, dem Auswärtigen Amt sowie der S. Fischer Stiftung zudem zehn Verleger, Übersetzer, Autoren und Organisatoren von Literaturveranstaltungen der Literaturbranche aus Südosteuropa auf die Leipziger Buchmesse 2020 ein.

Foto © Ekko von Schwichow

Beitrag teilen


Über drei Jahre lang wollen die Leipziger Buchmesse und das Netzwerk Traduki mit der Schwerpunktregion 2020-22 „Common Ground. Literatur aus Südosteuropa“ die Qualität und Vielfalt der Literatur aus dem Südosten Europas einem breiteren deutschsprachigen Publikum nahebringen. Zur Premiere werden vom 12. bis 15. März mehr als 50 Autoren auf dem Messegelände (Halle 4, D 507) und an zahlreichen Orten in der Stadt erwartet.

Weitere Beiträge, die Sie interessieren könnten

Slider Wir

Ideen Raum geben 

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es: Als Teamleiter bei der Leipziger Messe-Tochter FAIRNET kümmert sich Christian Merkel darum, tolle Ideen auf die Straße zu bringen.

Markt

Die Leser-Messe

Interview mit Joachim Kaufmann, kaufmännischer Geschäftsführer des Carlsen Verlags

International

„Vielgestaltigkeit erzählen“

Katja Gasser, künstlerische Leiterin des österreichischen Gastlandprojekts zur Leipziger Buchmesse 2023, über das Motto des Auftritts, erste Programm-Höhepunkte und den Mut, den es braucht, „mea ois wia mia“ zu sein.

Wir

Wie am Schnürchen

Als Protokollreferentin arbeitet Carina Menzer zumeist hinter den Kulissen – auch bei der Leipziger Buchmesse sorgt sie für reibungslose Abläufe.

Markt

Roter Faden

Alles handgemacht: Der schwäbische Künstler-Verleger Ulrich Keicher erhält in Leipzig den Kurt Wolff Preis 2021

Wir

Brücke zum Osten

März-Splitter (1): Statt Messe-Eröffnung feierte Leipzig die Verleihung des Buchpreises zur Europäischen Verständigung

Leipzig liest

Schwingen

Sägemehl ging nicht – aus feuerpolizeilichen Gründen. Sportmatten mussten genügen.