Autor: Nils Kahlefendt

Blick in den Innenhof von Thomas Bernhards Anwesen in Ohlsdorf (c)nk

„Mein Hof verbirgt, was ich tue“ 
19. January 2023
Gebrauchsanweisung fürs Literaturland Österreich, Gast der Leipziger Buchmesse 2023, Folge 1: Zu Hause bei Thomas Bernhard – im Vierkanthof des Schriftstellers im oberösterreichischen Ohlsdorf
Autor: Nils Kahlefendt

Blick in den Innenhof von Thomas Bernhards Anwesen in Ohlsdorf (c)nk

„Mein Hof verbirgt, was ich tue“ 
19. January 2023
Gebrauchsanweisung fürs Literaturland Österreich, Gast der Leipziger Buchmesse 2023, Folge 1: Zu Hause bei Thomas Bernhard – im Vierkanthof des Schriftstellers im oberösterreichischen Ohlsdorf

Eine Autostunde von Salzburg, im oberösterreichischen Ohlsdorf, kaufte Thomas Bernhard 1965 einen Vierkanthof, sein erstes Haus. Dabei ging es ihm nicht um Repräsentation oder gesellschaftliches Leben. Der Schriftsteller hatte plötzlich die Möglichkeit der Rückkehr zu Wurzeln, die es eigentlich nie gab, die aber erträumt waren: „Mein Wunsch war schon immer gewesen“, so Bernhard, „ein Haus für mich allein zu haben und wenn schon kein richtiges Haus, so doch Mauern um mich herum, in welchen ich tun und lassen kann, was ich will, in welchen ich mich einsperren kann“.  

Für jeden Fiebergrad des Verlegers tausend Mark: Telefonieren in vor-digitalen Zeiten (c)nk

Legendär das Telefonat mit seinem Verleger: „Ich forderte von Unseld 40.000 Mark. Angeblich hatte Unseld zu diesem Zeitpunkt, wie seine Frau mir 19 Jahre später versicherte, 40 Grad Fieber gehabt. Ich forderte also damals, wie ich heute denke, für jeden Fiebergrad des Verlegers tausend Mark. Nach diesem Geschäft, das mich im Höchstmaß befriedigte und das zur Rettung meines Ohlsdorfer Narrenhauses notwendig war, fuhr ich nach Gießen, um einen Vortrag zu halten, und dachte die ganze Zeit, dass gute Geschäfte machen wenigstens so schön ist wie Schreiben.“ 

Bernhard, der Dandy im Hause Österreich? (c)nk

Wenn der Besuch Glück hat, führt Peter Fabjan, Bernhards Halbbruder und Ehrenpräsident der Thomas-Bernhard-Gesellschaft, über knarzende und schwindelerregend steile Stiegen durchs Haus und beantwortet geduldig auch noch die letzte Frage. Bis auf die, ob der erklärte Bernhard-Fan Michel Houellebecq bei seinem Besuch im Sommer 2019 eine rustikale Jacke des Dichters im Trachten-Stil als Devotionalie mitgenommen hat? Der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gab Fabjan 2021 jedenfalls zu Protokoll: „Seine Freude, an diesem Ort zu sein, hat sich unter anderem darin gezeigt, dass er eine Jacke anprobiert hat und, da sie ihm so perfekt passte, nicht mehr zurückgegeben hat, was toleriert wurde. Kein Entwenden!“

Handarbeit: Der Schreibplatz des Autors (c)nk

„Mein Hof verbirgt, was ich tue“, schrieb Bernhard im Dezember 1965 für „Die Presse“ in Wien: „Ich habe ihn zugemauert, ich habe mich eingemauert. Mit Recht. Mein Hof schützt mich. Ist er mir unerträglich, laufe ich, fahre ich weg, denn die Welt steht mir offen.“ Zu sehen ist heute in Ohlsdorf eine Art Privatkosmos der Täuschungen – als ob Bernhard ein Landadeliger gewesen wäre, ein Waidmann oder ein Maßschuh-Fetischist. Was sollen die Batterien von Spirituosen, die Rauchwaren-Reservoire für den Nichtraucher, die Gewehre für den Nichtschützen ohne Waffenschein? In der Garderobe Gummistiefel, Holzpantinen, rahmengenähte Halbschuhe, trachtengrüne Loden, jede Menge Gürtel und Hosenträger, Seidenkrawatten und raffinierte Harris-Tweeds. Am Traktor, vom Hausherrn nur alle Jubeljahre bestiegen, ist eine Plakette befestigt: Thomas Bernhard, Bauer zu Nathal.

Gewehre für den Nichtschützen ohne Waffenschein (c)nk

Das Bernhard Haus

A-4694 Ohlsdorf, Obernathal 2, thomasbernhardhausnathal@hotmail.com

Öffnungszeiten: Im Juni, Juli, August, September Sa., So. und Feiertag von 14 – 18 Uhr; April, Mai und Oktober nach Vereinbarung. 

“Ein Haus für mich allein…” (c)nk

Lesetipps: 

Peter Fabjan: Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard. Ein Rapport. Suhrkamp, Berlin 2021. 195 Seiten, 24 Euro. 

André Heller (Hrsg.): Thomas Bernhard: Hab & Gut. Das Refugium des Dichters. Brandstätter, Wien 2019. 175 Seiten, 35 Euro.  

Karl Ignatz Hennetmair: Ein Jahr mit Thomas Bernhard. Das versiegelte Tagebuch 1972. Residenz, Wien und Salzburg 2014. 592 Seiten, 35 Euro. 

Beitrag teilen


„Um ein Land kennenzulernen, gibt es viele Wege“, schreibt Karl-Markus Gauß zum Gastlandprojekt Österreich bei der Leipziger Buchmesse 2023. Der „Königinnenweg“ ist laut Gauß: die Literatur. Bis zum Beginn der Leipziger Buchmesse (27. – 30. April) nehmen wir den in Salzburg lebenden Autor beim Wort – und bringen Ihnen in loser Folge das Literaturland Österreich nahe.

 

Weitere Beiträge, die Sie interessieren könnten

Wir

Die Fünfte Jahreszeit 

Eigentlich arbeitet Maxi Zaumseil als Marketing-Assistentin bei der Leipziger Messe. Einmal im Jahr verwandelt sie sich in Macoco, das Maskottchen der Manga-Comic-Con.

International

Leben und Schreiben

Intelligent und unterhaltsam: Der Podcast „Literaturgespräche aus dem Rosa Salon“ mit Katja Gasser verkürzt die Zeit bis zum Gastlandauftritts Österreichs im Frühjahr.

Wir

Ideen Raum geben 

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es: Als Teamleiter bei der Leipziger Messe-Tochter FAIRNET kümmert sich Christian Merkel darum, tolle Ideen auf die Straße zu bringen.

Markt

Die Leser-Messe

Interview mit Joachim Kaufmann, kaufmännischer Geschäftsführer des Carlsen Verlags

International

„Vielgestaltigkeit erzählen“

Katja Gasser, künstlerische Leiterin des österreichischen Gastlandprojekts zur Leipziger Buchmesse 2023, über das Motto des Auftritts, erste Programm-Höhepunkte und den Mut, den es braucht, „mea ois wia mia“ zu sein.

Wir

Wie am Schnürchen

Als Protokollreferentin arbeitet Carina Menzer zumeist hinter den Kulissen – auch bei der Leipziger Buchmesse sorgt sie für reibungslose Abläufe.

Markt

Roter Faden

Alles handgemacht: Der schwäbische Künstler-Verleger Ulrich Keicher erhält in Leipzig den Kurt Wolff Preis 2021

Wir

Brücke zum Osten

März-Splitter (1): Statt Messe-Eröffnung feierte Leipzig die Verleihung des Buchpreises zur Europäischen Verständigung

Markt

Onleihe: Wie weiter?

E-Book-Ausleihe in öffentlichen Bibliotheken: Neue Buchformate und Nutzungsmöglichkeiten verlangen nach neuen Regeln und

Wir

Vier Tage Meinungsvielfalt

Messe-Nachschlag, Teil 1: Um Inhalte streiten, geht das? Leipzig als Praxistest in demokratischer Diskussionskultur