Autor: Jörg Sundermeier

Zugabe!
04. Mai. 2018
Messe-Nachschlag, Teil 2: Leipzig liest unabhängig, heiter und mit Haltung. Aus dem Tagebuch eines Independent-Verlegers
Autor: Jörg Sundermeier

Zugabe!
04. Mai. 2018
Messe-Nachschlag, Teil 2: Leipzig liest unabhängig, heiter und mit Haltung. Aus dem Tagebuch eines Independent-Verlegers

Eröffnungsfeier. Leider kommen wir, der Aufbau hat länger gedauert, zu spät – und müssen erstmal vor der Tür warten, bis nach einer Rede applaudiert wird, erst dann dürfen wir in den Saal. Wir warten lange mit dem Saaldiener, es ist peinlich. Dennoch werden wir belohnt: Der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung geht an Åsne Seierstad, ihre Dankesrede, die sie auf Deutsch hält, lässt nichts zu wünschen übrig. Dem Nationalismus muss man entgegentreten, muss erkennen, dass die Hassrednerinnen und Attentäter sich in unserer Mitte radikalisieren, so wie Anders Breivik, der „Einer von uns“ war, wie Seierstads Buch klar macht.

Anschließend gibt es einen Empfang, die Stimmung ist gut, fast besser als die Jahre zuvor. Gerade auch bei den Kolleginnen und Kollegen aus den Indie-Verlagen. Angesichts der Warnmeldungen, die die Branche gerade erschüttert haben, eigentlich merkwürdig. Denn in den Monaten vor der Messe wurde ein schreckliches Bild gezeichnet – pro Jahr verliere der Buchhandel rund eine Million Kundinnen und Kunden, so hieß es. Bei der Eröffnungsfeier ist von alledem nichts zu spüren, eher eine leichte Heiterkeit. Fast scheint es, dass sich die Verlegererinnen und Verleger, auch die unabhängigen, erst unter dem gewachsenen Druck aufrichten können, gelöst aus einer Schockstarre oder aus der gramgebeugten Haltung der letzten Jahre. Es ist kein Abschiedstanz auf der Titanic, der hier stattfindet, nein, diese Leute wollen weiter wirken.

Heiter, mit Haltung

Die folgenden Messetage sind dann ebenfalls überraschend heiter, es herrscht rund um die Leseinsel der jungen Verlage und um das Leseforum „Die Unabhängigen“, das die Kurt Wolff Stiftung mit der ARGESWIPS und der Leipziger Buchmesse betreibt, eine gelöste Fröhlichkeit. Die Kolleginnen und Kollegen lächeln so schön, in allen Hallen.

Und sie zeigen Haltung. Viele haben sich der Aktion #verlagegegenrechts angeschlossen, andere demonstrieren individuell ihre Liberalität und ihre Abneigung gegen das Dumpfdenken. Lediglich ein paar sensationslüsterne Journalistinnen und Journalisten trifft man, die fragen, wann es denn endlich zu Geschubse oder Schlägereien kommen wird. Doch die schon vorab herbeigeschriebene große Konfrontation bleibt aus. Die rechten Buchverlage sind in einer Ecke, dort schmollen eine Handvoll um das „Volk“ konkurrierender „Führer“ auf wenigen dutzend Quadratmetern. Ich sehe die rechte Ecke nur einmal, als ich das Autorenpaar Manja Präkels und Markus Liske abhole, das mir Buchkisten aus Berlin mitgebracht hat. Und es ist beinahe lustig – die Rechten starren verbittert vor sich hin, wenn sie niemanden haben, den sie indoktrinieren können.

Bücher im Praxistest

Dabei hätten sie doch eigentlich in dem von ihnen herbeifantasierten Volk suhlen können, denn die Hallen sind gut gefüllt – an den ersten beiden Tagen. Wir Indies wissen das sehr zu schätzen, in Leipzig gibt es immer gleichzeitig Fachpublikum und interessierte Leserinnen und Leser, man kann seine Bücher also auch außerhalb der engen Branchengrenzen, im wirklichen Leben, testen. Interessierte kommen diesmal verstärkt, auch von „Fachfremden“ werden „Fachfragen“ gestellt. Es zeigt sich, dass die Bemühungen um die Leseförderung, die gute Gestaltung, die Wahrnehmung von guten Stoffen (inhaltlich wie physisch), kurzum also um die Bibliodiversität Früchte getragen haben. Es wird nach Bindungen geschaut und über Papiere wird geredet, dem guten Text wird wieder zugebilligt, dass er auch gut verpackt sein sollte. Und auch fällt auf – es wird weniger über zu hohe Buchpreise geklagt, Qualität soll wieder seinen Preis kosten dürfen.

Indie Hall of Fame

Bei der Verleihung der Kurt-Wolff-Preise an die Edition Rugerup (Förderpreis) und den Elfenbein Verlag (Hauptpreis) ist dies auch bemerkbar. Der Laudator Stefan Weidle schwärmt in seiner schönen Rede von der Qualität der Texte wie der Ausstattung der Bücher und preist den Mut der Verlegerin Margitt Lehbert (Edition Rugerup) und Ingo Držečnik (Elfenbein Verlag). Elfenbein-Mitbegründer Roman Pliske, der den Verlag verließ, da der der Ertrag für zwei nicht reichte, leitet übrigens inzwischen den Mitteldeutschen Verlag (der wie immer einen der schönsten Verlagsstände auf der Messe hat), auch dieser Verlag gehört dem Freundeskreis der Kurt Wolff Stiftung an – sage folglich niemand, die Indies ernähren die ihren nicht.

Reden wir über Geld!

Auf dem bücher.macher-Podium und andernorts wird immer wieder, manchmal sogar heftig, über die Düsseldorfer Erklärung und den darin geforderten Preis für Verlage – analog zum Deutschen Buchhandlungspreis – diskutiert. Nicht alle unabhängigen Verlegerinnen und Verleger sind mit der Erklärung einverstanden, denken lieber an Wirtschaftsförderung oder zumindest an die ebenfalls in der Erklärung geforderte Senkung der Förderschwellen. So oder so aber herrscht in einem Punkt Einigkeit – dass die Kunststiftung NRW erkannt hat, dass das Verlegen ein künstlerischer Akt ist, ist zu begrüßen. Und dieser Akt sollte auch honoriert werden.

Drinnen Bücherfrühling, draußen Wintereinbruch

Nach zwei Tagen aber schlägt dann die Kaltwetterfront zu, die die Boulevardmedien als „Russenpeitsche“ zu benennen wissen, es ist wirklich elend kalt. Die Deutsche Bahn versagt gleich ganz. Unsere Autorin Anke Stelling kann nicht zurück nach Berlin, so geht sie mit uns feiern, wir freuen uns, dass sie nun einen Tag länger vor Ort bleiben muss. Danke, Russenpeitsche! Denn auch die Partys sind schön, nur ist es am Wochenende schwierig, in unsere kleine Messewohnung am Nordplatz zu kommen, Taxis sieht man nur selten, der öffentliche Verkehr ruht teilweise. Doch selbst das tut der guten Stimmung keinen Abbruch.

Als Eike SandersKirsten Achtelik und Ulli Jentsch ihr Buch über die Verknüpfungen der „Lebensschutz“-Bewegung mit der extremen Rechten vorstellen, erwarten wir Störungen aus dieser Ecke, doch die bleiben wie bei fast allen #verlagegegenrechts-Veranstaltungen weitgehend aus. Stattdessen findet sich, selbst an den eisigen Tagen, immer ein interessiertes, ich möchte sagen, waches Publikum ein. Und dieses Publikum verteidigt seinen Wissendurst couragiert. Als führende Rechte bei einer Veranstaltung dazwischenrufen, bittet eine ältere Dame ebenso freundlich wie nachdrücklich um Ruhe, sie wolle hier zuhören – und die braune Elite trollt sich, geduckt wie geprügelte Hunde.

The Kids are allright

Finden lässt sich dieses große Interesse an Literatur UND Wissen auch bei den Jugendlichen, die auch, aber nicht nur die Manga-Halle bevölkern. Als die Nominierungen zum Jugendliteraturpreis bekanntgegeben werden – Manja Präkels ist eine der Nominierten – stellen auch die Jugendjurys die von ihnen erwählten Bücher vor. Es sind Texte, die sich mit unserer Gesellschaft auseinandersetzen – und es sind allesamt literarische Texte. Die Jugendlichen zeigen in kurzen Spielszenen, worum es bei ihren Favoriten geht. Ein aufgeregter Junge hat einen Texthänger, alle soufflieren ihm, niemand will lästern, niemand muss grinsen. Es ist wunderschön zu sehen. Mich als Vorstand der Kurt Wolff Stiftung freut es selbstverständlich auch, dass auch die Bücher aus den Programmen der unabhängigen Verlage deutlich vertreten sind. Aber, die Klage ist bekanntlich des Kaufmanns (und des Vorstands) Gruß: Das kann noch besser werden! Nachher frage ich Jurymitglieder, ob sie bei der Wahl geholfen haben, doch diese verneinen, nein, seit ein paar Jahren wollen die Kids wieder mehr Politik, wieder mehr hochwertige Literatur lesen, das sei einfach so. Vielleicht haben die Initiativen der vergangen Jahre ja auch bei den Jüngsten verfangen. Vielleicht waren hier die Buchhandlungen als Vermittler tätig? Hallt so langsam etwa der Indiebookday nach?

Lesen, tanzen, feiern

Das frage ich mich, während ich feiere. Zunächst die Literatur und jene, die sie erschaffen. Denn die Lesungen, die Lange Leipziger Lesenacht L3 in der Moritzbastei und die UV, die Lesung der unabhängigen Verlage – unsere Romandebütantinnen Jovana Reisinger und Bettina Wilpert stellen dort ihre ebenso feministischen wie literarischen Texte vor – das alles funktioniert sensationell gut, das Publikum geht begeistert mit. Nicht dass es je wirklich leer war, doch die Zahl der Anwesenden steigert sich offenkundig. Die Leipzigerinnen und Leipziger gieren sichtlich nicht nur nach mehr Unterhaltung, nein, sie wollen mithilfe der Literatur die Welt verstehen. Dazu braucht es allerdings gute, meinethalben sogar nachhaltige Literatur.

Unterhaltung gibt es auch viel – allemal auf den Partys, dem Independence Dinner im Chinabrenner, der Party der Jungen Verlage oder unserer Samstagsparty in der Kulturapotheke – in letzterer, einer wirklich liebevoll restaurierten Apotheke, die heute als Bar und Buchhandlung fungiert, ist es trotz des Schnees rappelvoll. Und auch hier wollen die Leute genauso gern diskutieren, wie sie feiern wollen. Nur kommt das Taxi nicht. Egal, dann eben noch ein Bier!

Für Sie an der Bar…

Es sei eine politische Messe gewesen, heißt es am Sonntag. Eine literarische war es aber auch, man verzeihe mir das Wort, es war sogar eine literarischere. Die unabhängigen Verlage müssen sich immer weniger rechtfertigen für ihr Tun, ihre Arbeit wird geschätzt, ihre Programme werden honoriert. Und das nicht nur mit Preisen und Lobesworten, nein, sie sind in den Fokus des breiten Publikums gerückt.

Ich bin, bevor wir abbauen, noch eingeteilt an der schönsten Theke auf dem Messegeländeim Loungebereich des Forums „Die Unabhängigen. Die Kolleginnen und Kollegen kommen auf einen letzten Kaffee vor der Autobahn vorbei, oder auf eine letzte Weißweinschorle, bevor es in die Bahn geht. Alle sind bestens gelaunt, obwohl weniger Messegäste da waren, die Umsätze nicht immer berauschend waren, die Beine wehtun. Sie sind nicht nur froh, dass sie nun nach Hause kommen, sie sind auch froh, dass sie hier waren. Die Stimmung ist ja immer recht gut in den letzten Messestunden, so gut aber war sie selten. Und sie überträgt sich auf alle, die nicht von Hass verdorben sind. Es ist eine politische Messe gewesen, eine literarische, ja, vor allem aber eine schöne Messe – die Unverwüstliche rufen daher nach dem Schlussgong nach einer „Zugabe“.

Und das nicht nur im Scherz.

Fotos: Franziska Frenzel, Jens-Ulrich Koch, Tom Schulze, Kurt Wolff Stiftung

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