Autor: Nils Kahlefendt

Poesie-Maschinen
25. Juni 2018
Messe-Nachschlag, Teil 6: Erstmals präsentieren sich Flandern und die Niederlande mit einem eigenen Stand in Leipzig
Autor: Nils Kahlefendt

Poesie-Maschinen
25. Juni 2018
Messe-Nachschlag, Teil 6: Erstmals präsentieren sich Flandern und die Niederlande mit einem eigenen Stand in Leipzig

Sie teilen gern, und sie tun es mit unnachahmlicher Herzlichkeit: Nicht erst seit dem Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse 2016 ist Literatur aus Flandern und den Niederlanden in Deutschland höchst populär. Die Publikums-Messe in der Buchstadt Leipzig hat für Holländer und Flamen traditionell einen ganz besonderen Stellenwert, wenn es um die Durchsetzung neuer, spannender Autoren und Illustratoren auf dem deutschsprachigen Markt geht. Im März 2018 wurden die guten Beziehungen auf ein neues Qualitätslevel gehoben: Erstmals reisten Niederländer und Flamen mit einem eigenen Stand nach Leipzig.

Das Beste beider Welten

In Halle 4 war die gute, alte Analog-Welt und das innovative digitale Experiment vereint: Das Atelier Parade – drei niederländische und eine flämische Illustratorin – entwarf messetäglich kunstvolle Umschlag-Alternativen für deutsche, niederländische und flämische Klassiker. Die vor Ort produzierten Originale wurden in einem Risographen vervielfältigt und kostenlos ans Messepublikum verteilt – die Blätter wurden den Künstlern förmlich aus der Hand gerissen.

Wortschatzkiste

Darüber hinaus gab es im März eine Menge Neues aus den Grenzbereichen der Literatur zu entdecken: Mit der interaktiven Wortschatzkiste lassen sich Gedichte niederländischer und flämischer Autoren erpuzzeln. Bei der Lösung hilft dem Leser das Design: Alles hat seine je eigene Farbe und Form – egal, ob Verben und Substantive, lange oder kurze Wörter. Zusammen bilden sie Muster, die Einblicke in die Struktur des Gedichts und den Stil des Autors gewähren. „Puzzling Poetry“ [www.studiolouter.nl] ist ein mobiles Game für Smartphone oder Tablet und kann in niederländischer, englischer und deutscher Sprache gespielt werden. Gleichzeitig gehört es zu den ersten in Europa produzierten Literaturspielen für junge Erwachsene.

Betreutes Dichten

Mit ihrer interaktiven App „Poesiemaschine“ erkunden der Schriftsteller Mark Boog und der Designer John van der Wens die Grenze zwischen Poesie und automatisch generiertem Text. Dabei zeigt sich, das Algorithmen unter der Anleitung eines Dichters sehr wohl dazu in der Lage sind, die schönsten Verse zu produzieren. Die Idee ist einfach: Auf Knopfdruck entsteht ein persönliches Gedicht zu einem individuell gewählten Foto – beides kann über Soziale Medien geteilt werden.

Fiktive Wirklichkeit

Die Virtual-Reality-Installation „Tischgeheimnis“ entführt die Zuschauer in die Welt der neunjährigen Lena und ihres Vaters. Während Lena ein Eulengewölle seziert, wird ihr Vater von seinen Erinnerungen aufgesogen. Sie bleiben stumm, befinden sich jedoch auch in einer Art ‚Gespräch’ miteinander: Ohne es zu wissen, denken beide auf ihre je unverwechselbare Weise über dasselbe nach. Als Zuschauer steckt man im Kopf des Vaters oder in dem Lenas – und wird mit den beiden unterschiedlichen Perspektiven auf Phänomene wie Erinnerung, Leben und Tod vertraut gemacht. „Tischgeheimnis“ ist ein Konzept von Sara Kolster, die es in enger Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Jaap Robben und Studio Zesbaans entwickelt hat.

Zwischen Gaming und Literatur

Die literarische Dating-App „Herzensjäger“ katapultiert den User ohne viel Federlesen in den Briefwechsel mit Violet – einer Figur aus den Romanen des Bestsellerautors Arnon Grunbergs. Entworfen wurde das vielleicht schönste Sprachspiel der Niederlande für Smartphone und Tablet von Arnon Grunberg, der Amsterdamer Verlagsgruppe Singel und der Society of Play. Entstanden ist ein charmantes Experiment, das Gaming und Literatur zusammenbringt. Mit der App werden neue, interaktive Formen der Literaturvermittlung ebenso erprobt wie neue textbasierte Spielformen. Das Leipziger Publikum war begeistert – sowohl vom Auftritt der 12 niederländischen und flämischen Autoren, die sich am Messestand wie auf diversen städtischen Bühnen von „Leipzig liest“ präsentierten, wie auch von den innovativen Projekten der Gäste, die zeigten, was alles passieren kann, wenn sich die Literatur mit der digitalen Revolution verbindet. Tot ziens in Leipzig, Nederland en Vlaanderen!

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