Brücke zum Osten

Brücke zum Osten

Fotos: Tom Schulze

Es ist der 21. Tag von Putins Angriffskrieg. Als in den öffentlichen Raum verlegtes wöchentliches Friedensgebet der Nikolai-Gemeinde hat die Veranstaltung begonnen, mit Psalmen und Gesängen. Während der Posaunenchor, der gerade noch ein „Dona nobis pacem“ begleitet hat, seine Instrumente verstaut, zeigt die große Videoleinwand vor dem Gemeindehaus einen bärtigen Mann, der spürbar um Fassung ringt und das verschmitzt-ironisches Lächeln, das man eigentlich von ihm kennt. Juri Andruchowytsch, der berühmteste Schriftsteller der Ukraine, hat in seiner Heimatstadt Iwano-Frankiwsk eine Videobotschaft für uns aufgenommen. Eingespielt wird sie auf einer gemeinsam von der Stadt Leipzig, der Leipziger Messe, dem Börsenverein und der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde St. Nikolai organisierten Friedensaktion, kurz vor der Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung, den Andruchowytsch selbst 2006 erhalten hat.

Auf der Leinwand führt der Autor das Publikum durch die leeren Räume des von ihm mitbegründeten Kulturzentrums VAGABONDO: „Europa hat sich endlich für die Ukraine geöffnet – jedenfalls an den Grenzen, für Flüchtlinge. Zumindest das bisher. Aber die massenhaft blau-gelben Dekorationen genügen uns nicht mehr. Die totalen Stürme von Begeisterung und Empathie, die Standing Ovations und die Kundgebungen.“ Das alles sei rührend und wunderbar, aber es genüge nicht mehr, angesichts der Hölle, in der sich ein friedliches Volk befindet. Andruchowytsch fordert die vollwertige EU-Mitgliedschaft der Ukraine. „Sie brauchen uns, um viel größer, mutiger und stärker zu sein.“

Noch am 9. Oktober letzten Jahres stand der Leipziger Oberbürgermeister mit seinem Kiewer Kollegen Vitali Klitschko auf dem Nikolaikirchhof; Klitschko hielt am Leipziger Großfeiertag die traditionelle „Rede zur Demokratie“ in der Nikolaikirche. Nun erinnert Sebastian Feydt, der Pfarrer der Nikolaikirche, an die „Keine Gewalt!“-Rufe, die im Herbst 89 über den Kirchhof echoten. „Damals rollten keine russischen Panzer“, sagt Feydt. „Was das für ein historisches Geschenk war, wird mir erst heute bewusst – und welche Verpflichtung dieses Geschenk ist.“

„Der Kritiker ist Platzanweiser im Circus Maximus des Literaturbetriebs. Nicht mehr. Eher weniger“, hielt die Kritikerin und Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl, in Anlehnung an Walter Benjamin, einmal gelassen fest. Das ist überraschend uneitel im an Eitelkeiten nicht eben armen Literaturbetrieb. Die Laudatio, die die Wienerin ihrem Salzburger Kollegen Karl-Markus Gauß hält, ist selbst ein geschliffenes Stück Literatur. Strigl hakt sich an Gauß’ preisgekröntem Buch „Die unaufhörliche Wanderung“ fest – ein Titel, der auch den Existenzmodus seines Autors fasst. „Als Forscher und Reporter nicht minder denn als Leser, Denker und Schriftsteller ist Karl-Markus Gauß ein Wanderer“, sagt Strigl – und nimmt in ihrer Lobrede den „symbolischen Rucksack“ des Kollegen in Augenschein, seine „Siebensachen“, mit deren Hilfe er zuverlässig seinen Bestimmungsort erreicht. Der Weg ist das Ziel, oder, wie Heimito von Doderer deutlich weniger verblasen formulierte: „Umwege erhöhen die Ortskenntnisse.“

Karl-Markus Gauß ist um den Job des Dankredners an diesem Abend nicht zu beneiden. Schließlich tritt er in Zeiten vor sein Publikum, da praktisch jeder Tag den Redenentwurf des Vortags zunichtemacht. „Kein Prophet, auch keiner, der auf den heutigen Namen Experte hört, hat vor einigen Wochen vorausgesehen, was sich doch, wie wir heute einräumen, seit Jahren angekündigt hat.“ Paukenschlag Nummer eins: Die neuerliche Buchmesse-Absage. Gauß kritisierte die Zögerlichkeit von Teilen der Branche: „Wer es der Buchhaltung, so wichtig sie ist, überlässt, über Bücher, Buchmessen, Feste der Literatur und derer, die ihr Leben mit ihr verbunden haben, zu entscheiden, der wird eines Tages jenem Produkt den gesellschaftlichen Wert genommen haben, mit dem er doch seine besten Geschäfte gemacht hat.“ Ein hochrangig besetztes Zukunftsgespräch zur Leipziger Buchmesse, noch im März zustande gekommen auf Initiative von Kulturstaatsministerin Claudia Roth und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, hat auch solche Warnungen im Blick gehabt; Bund, Land und Kommune haben sich mit der Branche untergehakt und für die Leipziger Buchmesse Flagge gezeigt.

An jenem denkwürdigen Abend in der Leipziger Nikolaikirche geißelt Gauß, ein trittsicherer Wanderer mit festem Schuhwerk, Putins Angriffskrieg nicht zuletzt als „militärische Sonderoperation“ gegen die Sprache selbst – mit dem Ziel, „aus der Lüge eine staatsbürgerliche Pflicht zu machen“. Karl-Markus Gauß entlässt das auf harten Kirchenbänken ausharrende Publikum immerhin mit der Hoffnung auf Verständigung – zumindest zwischen denen, „die auf der einen Seite aufbegehren, um keine Täter zu werden, und denen, die auf der anderen Seite nicht Opfer bleiben wollen“. Und mit dem beinahe utopischen Bild von einer Leipziger Buchmesse 2023 als Brücke zum Osten. Einer Buchmesse, auf der „russische Autorinnen, die nicht trauern, weil ihr Despot den Krieg verloren hat, und ukrainische Autoren, die nicht jubeln, weil Russland selbst aus der Gemeinschaft der zivilisierten Nationen verstoßen wurde, mit uns über Europa reden. Und über anderes mehr.“

Claudia Roth: „Ich komme als Fan!“

Claudia Roth: „Ich komme als Fan!“

Fotos: Christian Modla

Um die Gemütslage der Leipziger zu erfassen, reicht es manchmal, in den nächsten Späti zu gehen. Sie wissen schon, einen von diesen vor allem in ostdeutschen Städten wie Berlin, Leipzig oder Dresden zu findenden Kiosken, die uns außerhalb der üblichen Ladenöffnungszeiten mit allem Nötigen versorgen. Dazu gehören auch die relevantesten Nachrichten. „Nächstes Jahr ist wieder Buchmesse“ strahlte mir letzten Donnerstag der Inhaber eines beliebten Spätkaufs in der Südvorstadt am Tresen entgegen. Der Mann hatte recht; am Abend war das Zukunftsgespräch zur Leipziger Buchmesse Thema in den Hauptnachrichten der „Tagesschau“.

Kurz nach der erneuten pandemiebedingten Buchmesse-Absage im Februar hatten Claudia Roth und der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer Vertreter aus Branche und Politik dazu eingeladen. Vor Ort nahmen an dem Spitzentreffen unter anderem der sächsische Wirtschaftsminister Martin Dulig, Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung, der Geschäftsführer der Leipziger Messe GmbH Martin Buhl-Wagner, der Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland Carsten Schneider, der CEO der Holtzbrinck Buchverlage Alexander Lorbeer, die VS-Vorsitzende Lena Falkenhagen und die Merlin-Verlegerin Katharina Eleonore Meyer, Vorstandsvorsitzende der Kurt Wolff Stiftung, teil. Digital zugeschaltet waren Peter Kraus vom Cleff, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, Thomas Rathnow, CEO Penguin Random House, Christian Schumacher-Gebler, CEO Bonnier Media Deutschland, und – coronabedingt – Oliver Zille, der Direktor der Leipziger Buchmesse.

Nach dem rund anderthalbstündigen Gespräch im Verwaltungsgebäude der Messe trat die Kulturstaatsministerin gewohnt energisch vor die Presse – nicht nur als hochrangige Vertreterin des Bundes, sondern als leidenschaftlicher Buchmesse-Fan: „Ich lasse mir diese Buchmesse nicht wegnehmen – um alles in der Welt nicht!“ Roth markierte die große Bedeutung des Leipziger Frühjahrs-Branchentreffen gleich auf mehreren Feldern: Sie sei gerade in diesen Zeiten wichtig, da sie „in Richtung Mittel- und Südosteuropa Türen öffnen und Brücken bauen“ könne; Leipzig sei aber auch traditionell „die Buchmesse der Leserinnen und Leser“ und habe enorme Signalwirkung für die „Verlagsvielfalt und Diversität“. An all dies, so die Ministerin, müsse man sich jetzt erinnern – aber „in die Zukunft“ hinein: „Ich werde alles zu tun, was in unserer Macht steht, damit es nächstes Jahr in Leipzig wieder eine tolle Buchmesse gibt!“

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer sah schon in der prominenten Beteiligung am Zukunftsgespräch einen Ausweis für die Relevanz und Wichtigkeit der Leipziger Buchmesse. „Leipzig ist ein Forum der Demokratie, ein Ort der Selbstvergewisserung und der produktiven Verunsicherung.“ Hier sei es möglich, „mit den Augen der anderen auf die Probleme der Welt zu schauen“. Ausdrücklich bedankte sich Kretschmer für die „klare Ansage“ der erst kurz im Amt befindlichen Kulturstaatsministerin und das „gemeinsame Unterhaken“ von Politik und Kulturwirtschaft.

„Wir wollen diese Messe“, betonte auch Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung. „Ich glaube, es ist ein gutes, wichtiges Zeichen, Bund, Land, Kommune und Verlagsbranche Hand in Hand zu erleben.“ Wie essentiell das Bücherfest fürs gesellschaftlich-kulturelle Leben der Kommune ist, illustrierte der OBM mit einem Bonmot: „Die Leipziger Messe als Mutter aller Messen“ sei die einzige Messe der Welt, die sich „eine eigene Stadt“ halte.

Für Martin Buhl-Wagner, Geschäftsführer der Leipziger Messe GmbH, hat die Vorbereitung auf die Leipziger Buchmesse 2023 bereits begonnen: „Sie ist auf den Schienen.“ Zwei Aufgaben nimmt der Manager aus der Runde mit: „Wir werden Formate in einem Stufenmodell entwickeln – gemeinsam mit Ausstellern, Autoren, Verlagen und Medienhäusern. Und wir werden vieles bringen, was wir nach den erfolgreichen Jahren bis 2019 in den Schubladen lassen mussten.“ Dabei weiß sich Buhl-Wagner mit Oliver Zille einig: Neben der Schärfung des bewährten Doppel-Konzepts von Messe und „Leipzig liest“ geht es dem Buchmesse-Direktor und seinem Team darum, mit einem „Backup-Modell“ zu garantieren, dass die Frühjahrs-Großveranstaltung auch unter tendenziell unsicheren pandemischen Bedingungen sicher über die Bühne gehen kann. „Das ist fundamental neu im Vergleich mit einer klassischen Messe-Organisation“, sagt Zille. „Aber das ist unsere Innovations-Aufgabe.“

Auf „unterschiedliche Szenarien“ vorbereitet zu sein, ist auch für Alexander Lorbeer, den CEO der Holtzbrinck Buchverlage, essentiell. Leipzig sei für sein Haus auch deshalb wichtig, weil die Buchmesse „sehr stark an den Bedürfnissen der Leserinnen und Leser“ ausgerichtet sei – „ein sehr, sehr hohes Gut“. Das gilt nicht nur für die großen Konzerne, sondern ebenso für die vielen kleineren, aber ungemein innovativen Independent-Verlage, die hier die dringend benötigte Sichtbarkeit für sich und ihre Programme schaffen. Mit künstlich hochgejazzten Frontlinien Groß gegen Klein oder Ost gegen West, davon ist auch die Kurt-Wolff-Vorstandsvorsitzende Katharina Eleonore Meyer überzeugt, rede man die Bedeutung der Leipziger Buchmesse fahrlässig klein.

Für den sächsischen Wirtschaftsminister und Aufsichtsratsvorsitzenden der Leipziger Messe GmbH Martin Dulig ist es mit dem schieren „Stattfinden“ der Messe im kommenden Jahr nicht getan. „Die Buchmesse 2023 wird nicht einfach die Fortsetzung von 2019 sein“, so Dulig. „In den Jahren, wo Leipzig nicht stattfinden konnte, hat es mit Pandemie und geändertem Freizeitverhalten, inzwischen einem heißen Krieg in Europa dramatische Veränderungen gegeben. Wir alle, die diese Messe wollen, von ihr überzeugt sind, haben uns in die Hand versprochen, dass wir an ihrer Fortentwicklung mitwirken wollen.“ Das vertrauensvolle Gespräch wird weitergehen – auch wenn die „Tagesschau“ und mein freundlicher Späti-Betreiber nicht dabei sind.

„Flexiblere Aufstellung“

„Flexiblere Aufstellung“

Nach „Leipzig liest extra“ 2021 schien es lange möglich, in diesem Frühjahr – unter weiterbestehenden, aber beherrschbaren Corona-Bedingungen – eine physische Buchmesse durchzuführen. Nun bleiben die Hallentore zu, die Idee der Leipziger Buchmesse wird jedoch mit einer Vielzahl von literarischen Initiativen weitergetragen. Wie blicken Sie auf diese phantasievolle Selbstermächtigung eines nicht kleinen Teils der Kulturbranche?

Oliver Zille: Natürlich hätten wir Mitte März unglaublich gern die Leipziger Buchmesse eröffnet. Da das in diesem Jahr aber nicht möglich ist, freuen wir uns, dass unser Partnernetzwerk bereits entwickelte Konzepte an vielen Orten der Stadt weiterträgt. Das zeigen die Begegnungen mit Autoren und Büchern aus Portugal, Österreich und Südosteuropa – ebenso wie die Autorinnen und Autoren, die im März in Leipzig mit hochkarätigen Preisen geehrt werden.

Der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung und der Preis der Leipziger Buchmesse werden live an symbolträchtigen Orten verliehen – in der Nikolaikirche und unter der Glashallenkuppel. Wie wichtig ist ihnen das?

Zille: Es ist ein Zeichen in die Branche. Wir freuen uns über alle, die mit uns und den Autoren feiern. Und wir wollen, auch in diesen herausfordernden Tagen, zeigen, dass wir sehr lebendig sind – und uns keinesfalls verstecken brauchen. Wir kriegen in diesen Tagen von vielen Verlagen, großen wie kleinen, enorm ermutigende Signale. Behaltet die Nerven, heißt es da, 2023 wuppen wir das wieder zusammen!

Was tun Sie jenseits der beiden großen Preisverleihungen für die Teile des geplanten Programms, die nun an dezentralen Orten und im Netz stattfinden?

Zille: Wir kommunizieren diese Einzel-Initiativen unter dem Slogan „Leipzig liest trotzdem“ auf unserer Website www.leipziger-buchmesse.de. Das Team hat hier trotz Vollbremsung kurz vorm Zieleinlauf sehr gut gearbeitet und hinter den Kulissen viel Ermöglichungs-Arbeit geleistet.

Zwischen die Buchmesse und ihr Lesefest „Leipzig liest“, so lautete stets Ihr Mantra, passe kein Blatt Papier, beide gehörten zueinander wie das Amen in die Nikolaikirche. Ist beides nur zusammen zu haben?

Zille: „Leipzig liest“ ist ein Gemeinschaftsprojekt von vielen, vielen Partnern – und nur als Gemeinschaftsprojekt in dieser Dimension hinzustellen. Mit der Messe fehlt der starke Magnet, der alles zusammenhält.

Wie funktioniert die Kombination aus Messe und Lesefest idealerweise?

Zille: Wir sind Messe, Convention und Lesefest in einem, wobei „Leipzig liest“, anders als klassische Literaturfestivals, als Marketing-Verstärker für den Messeauftritt der Verlage gebaut ist. Statt zu den bereits Bekehrten zu predigen, ist unsere Grundidee, niederschwellig breiteste Zielgruppen für neue Bücher und fürs Lesen zu begeistern. Dafür ist das große Orchester notwendig.

Deshalb auch die Entscheidung gegen eine halbherzige Notausgabe? Mancher vermisste im dritten Jahr der Pandemie einen Plan B…

Zille: Eine rein digitale Veranstaltung halte ich bei einer Publikums-Messe, die so stark auf Begegnung setzt wie wir, für nicht zielführend. Dieses Signal bekommen wir auch aus der Branche. Und auch ein reines Lesefest wäre ein komplett anderes Geschäftsmodell, mit ganz anderen finanziellen Implikationen.

Über die Absage im Februar wurde sehr emotional gestritten. Hat Sie die Wucht der Diskussion überrascht?

Zille: Leipzig war die erste kulturelle Großveranstaltung, der 2020 pandemiebedingt der Stecker gezogen wurde. Wenn ein Ereignis mit diesem politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Gewicht das dritte Mal in Folge nicht stattfinden kann, werden natürlich Fragen gestellt. Aber eine Buchmesse ist letztlich ein Spiegel der gesellschaftlich virulenten Debatten und dazu eine von Corona weichgeklopfte Branche – und, ja, die Psychologie. Es gibt unterschiedliche Einschätzungen und Projektionen. Alle sind verantwortungsbewusst – können aber zu je anderen Entscheidungen kommen. Am Ende haben Verlage die Reißleine aufgrund der Corona- Bedingungen gezogen, nicht etwa, weil sie unser Konzept der Begegnungs-Messe in Zweifel gezogen hätten. Wir sind nicht am Markt gescheitert, sondern an einer Pandemie, das wird gern vergessen.

Immerhin hat sich gezeigt, dass Leipzig und Literatur offenbar nicht ohne einander zu denken sind…

Zille: Am Ende kann die Buchmesse von den Ausschlägen der Erregungskurve vielleicht auch profitieren: Ist heiß und kalt nicht allemal besser als lau?

Der Krieg in der Ukraine erinnert uns daran, dass der Blick zu den mittel- und osteuropäischen Nachbarn stets integraler Teil des Selbstverständnisses der Leipziger Buchmesse war; Leipzig ist historischer erprobter und geografisch ausgezeichneter Ort für das Gespräch über politische, kulturelle und mentale Grenzen hinweg. Wie sehr vermissen Sie das, gerade jetzt?

Zille: Wenn es Institutionen wie den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung und die in Jahrzehnten geknüpften Netzwerke zwischen all unseren Partnern, vom Auswärtigen Amt über TRADUKI bis zur Bundeszentrale für politische Bildung, nicht existierten, müssten sie schleunigst erfunden werden. Als Plattform für den gesellschaftlichen Dialog ist die Messe unverzichtbar. Wir verstehen uns als Literatur- und Debatten-Plattform mit gesamtdeutscher, europäischer Ausstrahlung. Deswegen investieren Verlage – große wie kleine – in Leipzig; es gibt im Zusammenspiel von Messe und Lesefest einen Medienauftrieb und einen Marktdurchsatz, die es bei klassischen Festivals in dieser Dimension nicht geben kann.. Die Formel, dass wir hier ein bisschen in Kultur machen, während andernorts die großen Deals passieren, wird auch durch ständige Wiederholung nicht stimmiger.

Wird die Buchmesse 2023 so wie 2019 – oder muss sich Leipzig neu erfinden?

Zille: Ein Stück weit habe wir uns immer neu erfunden, denken Sie an den Umzug aufs neue Messegelände. An unserem Grundansatz ändert das nichts: Wir wollen für neue Literatur werben, sie sichtbar machen, neue Leserschaften erschließen – und dabei in die Breite gehen. Es geht also nicht nur um die wenigen großen Namen. Das unterscheidet uns auch von klassischen Literaturfestivals und anderen Messen im In- und Ausland. Reichweite ist ein ganz wesentlicher Punkt für den Auftritt eines Verlags oder Content-Gebers in Leipzig. Digitale Erweiterungen müssen dieses Konzept bedienen. Wir sind eine Messe der Begegnung für Autoren und Leser, für Medienleute, Lektoren, Übersetzer. Wenn wir von hybriden Erweiterungen sprechen, gilt es, all das, was die Verlage im digitalen Werkzeugkasten haben, mit unseren Tools zu verbinden. Aus diesem Grund bauen wir, mit Unterstützung des BKM, gerade unsere „Leipzig liest“-Datenbank neu.

Jörg Sundermeier, der Verleger des Verbrecher Verlags, hat die großen Konzernverlage unlängst mit Tankern verglichen, denen es manchmal an Wendigkeit fehlt. Sind nicht auch die Buchmesse und ihr Lesefestival, die zuletzt, also im März 2019, immerhin 286.000 Besucher anlockten, solche Tanker?

Zille: Wir müssen zwingend darüber nachdenken, wie wir uns in post-pandemischen Zeiten flexibler aufstellen können. Mir fällt der ironische Filmtitel von Alexander Kluge und Edgar Reitz aus dem Jahr 1974 ein: „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“.

Die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretzschmer haben die Branche mit Blick auf Leipzig zu einem Zukunftsgespräch eingeladen. Was erhoffen Sie sich?

Zille: Keine Mittelwege (lacht)… Stattdessen Sensibilität für die Erfordernisse einer ziemlich solitären Veranstaltung wie der Leipziger Buchmesse.

Auf Sendung

Auf Sendung

Fotos: Martin Neuhof

Stell’ Dir vor es ist Buchmesse, und alle gehen hin: Ein sonniger Donnerstagmorgen Mitte März, aus dem Bürofenster im Verwaltungsgebäude der Leipziger Messe sind Menschenpulks zu sehen, die von den Straßen- und S-Bahn-Haltestellen Richtung Glashalle strömen. Toll, so viel ist fakt, wenn man an gefühlt 364 Tagen zuvor für die Leipziger Buchmesse getrommelt hat. Für Constanze Hilsebein, Kommunikationsmanagerin Werbung bei der Messe, kommt der eigentliche Flash üblicherweise schon zwei Wochen vorher: „Wenn ich durch die Innenstadt laufe und unsere Citylight-Plakate sehe. Wenn ganz Leipzig rot trägt. Und leuchtet. 2020 hingen die Poster ja schon.“ Was kam, ist bekannt: Die Vollbremsung aus ICE-Hochgeschwindigkeit, die erste pandemiebedingte Absage einer Leitmesse im deutschsprachigen Raum. Schockstarre, sich berappeln. Langes banges Hoffen und Vorbereiten, dann „Leipzig liest extra“ statt Buchmesse. Nicht lamentieren, sondern auf ein Neues. Alle Kräfte angespannt und losgelaufen: Das Ziel März 2022 so fest im Blick wie die täglichen Inzidenzen. Ein hochemotionales Stop-und-go über nun fast zwei Jahre. Jeder und jede in der Branche hat eigene Erfahrungen damit.

Wie darüber sprechen? Einfach auf bessere Zeiten warten, oder darauf, dass alles so wird wie früher, vor Corona? Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick hat Ende der Sechziger festgestellt, dass „wir nicht nicht kommunizieren“ könnten. Das gilt nicht nur für Plaudertaschen und notorische Tratschen, sondern auch für Kommunikations-Profis. Fragt sich also, wie die Werbefrau Constanze Hilsebein, Onlinerin Lydia Schaffranek und Pressesprecherin Julia Lücke, die Drei, die für die Leipziger Buchmesse das Redeholz in der Hand haben, in Zeiten wie diesen arbeiten. Kommunizieren. Und wer, bitte, sind diese drei Frauen eigentlich, von denen auf der Buchmesse-Website nur Kontakt und Foto hinterlegt ist?

„Wenn alles klappt, wie wir hoffen, wird 2022 erst meine fünfte Buchmesse“, sagt Julia Lücke, die seit 2015 als Pressefrau an Bord ist. Zwei Elternzeiten und Corona, so kann’s gehen. Lücke, gebürtige Leipzigerin, studierte Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU). Obwohl sie fast alle Praktika in Redaktionen absolvierte, entschied sie sich bewusst für eine PR-Laufbahn. Der erste Job führte sie für drei Jahre nach Köln, zur Werbeagentur Rheinfaktor: „Das war zum Einstieg eine coole Sache, weil man sich überall ausprobieren konnte – vom Texten, das mir am meisten Spaß gemacht hat, bis zu Online-Marketing und Veranstaltungs-Management. Für den ADAC etwa haben wir eine Riesen-Roadshow organisiert.“ Der Job war interessant und fordernd, vor acht oder zehn Uhr kam Lücke selten aus dem Büro. Als die Sehnsuchts-Signale der alten Heimat unüberhörbar wurden, suchte sie nach Alternativen – und heuerte 2011 im Kommunikationsteam der Leipziger Messe an, wo sie zunächst diverse andere Publikumsmessen betreute. Nach drei Jahren dann der Wechsel zur Buchmesse; dazu betreut Julia Lücke die Erlebnismesse modell-hobby-spiel.

„Mit kleinen Herausforderungen fangen wir gar nicht erst an!“ So forsch und alle potenziellen Zweifel im Keim erstickend wurde Constanze Hilsebein von der Chefin der Kommunikations-Abteilung empfangen, als sie 2011, zunächst in Elternzeit-Vertretung, als Werbereferentin für die Buchmesse begann. „So habe ich schwimmen gelernt“, sagt sie lachend, „und bin nicht untergegangen“. Hilsebein, in Wurzen geboren, studierte an der Hochschule Harz in Halberstadt, die sie als diplomierte Verwaltungsökonomin für öffentliches Dienstleistungsmanagement verließ. „Ich hatte anfangs erwogen, eine Polizeilaufbahn einzuschlagen; in Halberstadt hatten sie auch Polizei- und Ordnungsrecht im Portfolio. Ich habe recht bald gemerkt: Das ist nicht meins. In die Branche bin ich aber schließlich über die Vertiefungsrichtung Kommunikation/Marketing gekommen.“ Praktika führten Hilsebein zur Leipzig Touristik und Marketing GmbH (LTM) und 2010 auch zur Leipziger Messe, wo sie unter anderem für die Auto Mobil International (AMI) tätig war. Nach einem kurzen Intermezzo bei den Versicherungsforen Leipzig ist Hilsebein seit August 2014 fest für die Leipziger Buchmesse tätig. Über ihren Schreibtisch geht alles, was die Markenführung der Messe angeht, von der Einhaltung der CI-Richtlinien über die Abstimmung mit Agenturen bis hin zur Erstellung der Print-Produkte und Anzeigen. Klassisches Werbe-Einmaleins, eigentlich. Doch die Herausforderung ist groß: Wenn der Frühjahrs-Aufgalopp der Branche ansteht, schauen alle nach Leipzig. „Der Aufschlag muss sitzen.“

„Dieses aufgedrehte Summen und Brummen, das hat mich sofort selbst unter Strom gesetzt. Und dann kamen da noch Leute mit Blumensträußen und einer Torte vorbei! Echt jetzt?“ Ausgerechnet an einem Buchmesse-Mittwoch war Lydia Schaffranek im März 2015 nach Neuwiederitzsch gefahren, um sich für ein Praktikum bei der Leipziger Messe zu bewerben. Damals wurden es dann drei Monate Arbeit für die modell-hobby-spiel. Doch auch dieser Buchmesse-Flash wirkte weiter. Schaffranek stammt, wie ihre Kollegin Hilsebein, aus dem Muldental. Sie wuchs im 40 Kilometer von Wurzen entfernten Grimma auf – und schrieb sich nach dem Abitur 2009 für ein Soziologiestudium in Leipzig ein. „Meine Eltern hätten BWL lieber gesehen“, erzählt sie. „Ich habe nach einer Kombi aus Sozialwissenschaften und etwas halbwegs ‚Handfestem“ gesucht.“ Wohin es die seit Schulzeiten internetaffine junge Frau mit geisteswissenschaftlichem Master beruflich treiben würde, war anfangs schwer abzusehen. Nach dem Studium stieg sie bei einer kleinen E-Commerce-Agentur ein und wechselte im Herbst 2018 in den Bereich Neuproduktentwicklung der Leipziger Messe. Nach einem Zwischenspiel bei einer internationalen Agentur betreut sie seit Juli 2021 als Online-Managerin die Webseite der Leipziger Buchmesse und alle Social-Media-Kanäle, natürlich auch den Blog, den Sie gerade lesen. Daneben kümmert sich Lydia Schaffranek um die digitalen Belange der CosmeticBusiness, einer Fachmesse der Kosmetik-Zulieferindustrie, die die Leipziger in München veranstalten. Seit letzten Jahr sind die Onliner dabei, die Unternehmenswebseite und Präsenzen der einzelnen Veranstaltungen der Leipziger Messe auf ein neues System zu migrieren. Buchmesse und Manga Comic Con (MCC) sind längst umgezogen, doch gerade in Pandemiezeiten steht die Frage, welche digitalen Erweiterungen Sinn machen, beständig auf Wiedervorlage.

Der von Julia Lücke ins Spiel gebrachte Begriff der „Inhouse-Agentur“ beschreibt recht gut, wie die Arbeit der drei Kommunikations-Frauen im Buchmesse-Kosmos zu denken ist: „Wir sind feste Key-Accounterinnen für das Kern-Team. Wir gehören ihm zwar strukturell nicht an, die Kolleginnen denken uns jedoch stets mit.“ Soll ein herausgehobenes kulturpolitisches Hintergrundgespräch über die 2021 enorm gehypten Clubhouse-App geführt werden – oder heute besser über den Live-Audio-Dienst Twitter Spaces? „Man vertraut auf unsere Expertise“, ist Schaffranek überzeugt, „und ist sehr offen für unsere Einschätzung“. Einmal pro Woche, immer mittwochs, gibt es eine komplette Teamrunde. Auch bei strategischen Themen sind die Drei von der Kommunikations-Stelle früh in die Prozesse involviert – „viel enger, als es bei einer klassischen Agentur je der Fall wäre“. Dieser Verklammerung konnte auch Corona nichts anhaben – trotz zeitweiliger Kurzarbeit, Homeoffice und einer internen Umstrukturierung, die den Schreibtisch der Onlinerin Lydia Schaffranek in ein anderes Büro der Messe-Verwaltung beamte. „Wir fangen das durch Chatprogramme, die gute alte Telefon-Konferenz oder regelmäßige jour-fixes ab“, meint Constanze Hilsebein. „Ich habe nicht das Gefühl, dass uns Themen verloren gehen.“

Dass die drei Frauen neben dem Leuchtturm Buchmesse auch noch andere Veranstaltungen betreuen, ist für Julia Lücke in Pandemiezeiten eher ein psychologischer Vorteil: Mit den im Oktober in Leipzig und München wieder physisch durchgestarteten Messen ließ sich ein Stück „Vertrauen ins Gelingen“ zurückerobern. „Selbst vorübergehende Limitierungen haben der Wiedersehens-Euphorie keinen Abbruch getan“, sagt Lydia Schaffranek, die als aktive Buchmesse-Mitarbeiterin noch keine Leipziger Buchmesse erlebt hat. „Die Leute wollen sich sehen, im richtigen Leben und nicht nur via Zoom & Co.“ Auch Julia Lücke fiebert auf Tage wie den Messe-Mittwoch: Vormittags die von ihr geleitete Eröffnungs-Pressekonferenz, ein Kraftakt. Abends die ersten Töne des Gewandhaus-Orchesters. „Ein irrer Moment.“ Wenn es für das Team Lücke, Hilsebein und Schaffranek – ach was, für uns alle! – nur einen Funken höhere Gerechtigkeit gibt, hat es die Leipziger Buchmesse in diesen Minuten wieder in die „Tagesschau“ geschafft.

„Wir suchen gemeinsam nach guten Entscheidungen“

„Wir suchen gemeinsam nach guten Entscheidungen“

Foto: Mathias Bothor

Sie sind in vielen Rollen im literarischen Feld unterwegs, etwa als Kritikerin oder Organisatorin eines Literaturfestivals. Was zeichnet die Jurorin Insa Wilke aus?

Insa Wilke: Als Freiberuflerin betreibt man ja ohnehin eine Art Mehrfelderwirtschaft. Dahin hat es sich auch im Laufe meines Arbeitslebens entwickelt. Inzwischen hat sich eine Wechselbeziehung zwischen all den Bereichen eingestellt. Ein Punkt ist interessant für die Juryarbeit: die Wechselbeziehung zwischen Moderation und Kritik. Als ich anfing, hatte ich noch ein recht naives Verständnis von Kritik: Daumen hoch, Daumen runter, gut oder schlecht. In der Moderation habe ich gemerkt, dass es bei einem Gespräch um andere Dinge geht. Sie müssen Gesprächsanlässe finden, herausfinden: Wo sind die markanten Punkte im Werk eines Autors, über die man gut reden kann? Im Laufe des Arbeitens hat sich daraus eine Wechselbeziehung ergeben: Wenn ich Rezensionen schreibe, geht es natürlich auch darum, ein Urteil zu finden und zu formulieren. Aber so, dass ich im Hinterkopf behalte: Was ist für ein Publikum, für die öffentliche Konstellation von Debatten und Themen interessant? Es geht darum, die Urteilsfähigkeit mit einer Sensibilität für Gesprächsanlässe, Diskussionspunkte zu verbinden. Das ist für die Juryarbeit interessant: In Leipzig haben wir durch die Nominiertenliste die Chance, nicht nur zu sagen, was unserer Meinung nach die herausragenden Werke in Belletristik, Sachbuch und Übersetzung sind. Sondern auch zu zeigen: Welche unterschiedlichen Schreib-Haltungen gibt es, welche Fragestellungen, welche Themen? Wir können ein ganzes Feld aufmachen! Das ist es, was mich sehr interessiert, jenseits des Gegensatzpaares gut versus schlecht.

Beim Klagenfurter „Bewerb“ sind die Kameras allgegenwärtig, manchmal scheint sich das Gespräch eher um die Motto-T-Shirts der Juroren zu drehen… In Leipzig gehen die Spots erst bei der Preisverleihung in der Glashalle an. Was ist das Besondere dieser eher diskreten Juryarbeit?

Wilke: In Klagenfurt ist der ‚körperliche’ Aspekt nicht unwesentlich. Wir sitzen täglich mehrere Stunden zusammen, da spielen auch Erschöpfung oder Gesprächsdynamiken eine viel stärkere Rolle. Das ist natürlich auch interessant: Wenn man dünnhäutiger wird, wird man unter Umständen auch offener und macht sich angreifbarer. Aber das führt natürlich auch dazu, dass man manchmal auf Abwege gerät und erst zum Eigentlichen wieder zurückfinden muss. Alles ist live, kaum kontrollierbar. In einer Jury wie in Leipzig hat man eine viel größere Ruhe, es ist ein viel längerer Prozess. Wir tauschen uns schon jetzt permanent über unsere Lektüren aus; das ist eine Arbeitsweise, die sich in den letzten Jahren entwickelt hat – und die ich sehr gut finde. Es entwickelt sich bereits ein Bild von der Auswahl, darüber, wie man diskutieren kann. Dieser Prozess beginnt im November, mit den ersten Lektüren – und wird bis zur abschließenden Entscheidung weiterlaufen. Über längere Zeit hinweg mit klugen Kolleginnen und Kollegen über Bücher nachzudenken, ist eine schöne Erfahrung. Dabei geht es auch nicht darum, „seine“ Leute durchzusetzen. Man sucht gemeinsam nach guten Entscheidungen. Das ist enorm wichtig. Es ist ein Verständigungsprozess, der in die Gesamtarbeit dann wieder zurückwirkt.

Wie halten Sie sich gemeinsam auf dem Laufenden?

Wilke: Zumeist per E-Mail. Die Sitzungen laufen dann in Präsenz ab.

Wird auch hart um Entscheidungen gerungen?

Wilke: Im Idealfall ist es ein gemeinsames, suchendes Gespräch. Es können unterschiedliche Kriterien angelegt, unterschiedliche Gewichtungen vorgenommen werden. Meinungen können auseinandergehen. Da kann’s dann schon zur Sache gehen – aber eben immer auch auf die Sache bezogen.

Die Diskussionen um Identität und Diversität werden lauter; letztes Jahr etwa hatte im Zusammenhang mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ein offener Brief die Frage aufgeworfen, wie divers der deutsche Literaturbetrieb zusammengesetzt ist. Spielen auch außerliterarische Kriterien in der Juryarbeit eine Rolle?

Wilke: Ich glaube, das sind keine außenliterarischen Kriterien. Perspektive spielt ja eine Rolle für’s Schreiben – und auch für’s Lesen übrigens. Sowohl im Geschichts- als auch im Literaturstudium lernen sie früh, dass die Frage „Von wo spricht jemand?“ wichtig für die Analyse ist. Es geht, dies mitbedacht, also an erster Stelle um eine Schreibweise, eine Ästhetik, die herausragend ist. Dann gibt es Stoffe, Themen, Geschichten, die so noch nicht erzählt wurden. Das kann relevant sein. Aber es ist nie so, dass ein schlecht geschriebenes Buch ausgezeichnet wird, nur weil es aus einer Perspektive geschrieben wurde, die so noch nicht vorkam. Das wird nicht passieren: Eine Geschichte vermittelt sich nicht, wenn die Form nicht reflektiert und angemessen ist. Dann geht der Schuss nach hinten los.

Die politischen Themen wurden ebenso vermisst…

Wilke: Ich kenne die Jurydiskussion von damals natürlich nicht. Ich kann nur von mir aus und von heute sprechen: Auch wenn die Leipziger Jury sicher nicht die richtige war, die es da getroffen hat – ich glaube, dass man schon über Jury-Zusammensetzungen diskutieren kann. Und darüber, ob es blinde Flecken gibt. Es ist kein Geheimnis, dass wir in den letzten Jahren eine enorme Entwicklung gemacht haben, was die Frage angeht: Wer spricht mit? Wer wird sichtbar? Welche Gruppen kommen im Kulturbetrieb nicht vor? Das ist ein Thema, das einen als Kritikerin interessieren muss – und darüber wird ja gesprochen. Dass da eine Sensibilisierung in den letzten Jahren stattgefunden hat, das spiegelt der Buchmarkt ebenso wie die Berichterstattung.

Die Fokussierung der Medien auf Preise wird gelegentlich kritisch hinterfragt; man beklagt, das andere Bücher aus dem Blick geraten. Wie sehen Sie das?

Wilke: Es gibt in der Branche eine Konzentration auf wenige Titel, und das liegt, unter anderem, auch an den großen Preisen…

The winner takes it all…

Wilke: Für die Verlage ist das schon problematisch. Ich sehe die Verantwortung bei Leuten wie uns, da gegenzusteuern. Ich habe aber den Eindruck, dass es, nicht zuletzt durch einen Generationenwechsel in den Redaktionen, ein größeres Bedürfnis danach gibt, wieder mehr in die Breite zu gehen.

Sie machen sich als Kritikerin auch für zeitgenössische Lyrik stark. 2015 hat Jan Wagner den Preis der Leipziger für einen Gedichtband bekommen. Ein Ausnahmefall in der doch sehr stark auf Romane fixierten Belletristik-Sparte des Preises?

Wilke: Es gibt keine Scheuklappen bei uns Juroren, was das Genre angeht. Aber es sind zunächst die Verlage, die einreichen. Das ist erst mal die Masse der Titel, die wir sichten. Auch hier gibt es keine Quote.

Als Leipziger Jury sind sie in der komfortablen Lage, auch die Übersetzungen mit einbeziehen zu können…

Wilke: Es ist ein großer Luxus, durch so eine Arbeit den Überblick über einen ganzen Jahreslauf von März bis März zu bekommen. Auf diese Weise geraten Themen, untergründige Interessen in den Blick, die einem vorher nicht so bewusst waren.

Beim Wort „Corona-Roman“ bekommen Kritikerinnen meist einen strengen Gesichtsausdruck, Stirnen furchen sich…

Wilke: Es gibt natürlich relativ schnell Titel, die das Thema aufgreifen. Die meisten sind jedoch nicht in der Lage, es wirklich gedanklich und formal durchdrungen zu haben. So etwas braucht Zeit. Wir haben es beim Thema Digitalisierung gesehen: Da kommen jetzt seit ein paar Jahren erst die interessanten Bücher, die nicht nur Twitter-Zitate oder einen Protagonisten mit Handy haben. Sondern wirklich formal darauf reagieren, und das Thema reflektieren. Auch das Klima-Thema hat gedauert… Man muss da nicht die Augen verdrehen. Es ist logisch, dass gesellschaftliche Vorgänge, die uns alle betreffen, auch reflektiert werden. Ich warte darauf, dass mich ein Text, der damit umgeht, wirklich überzeugt.

Auch der Alltag einer Kritikerin kennt Routinen. Sind Sie noch zu überraschen?

Wilke: Auf jeden Fall. Es kommt immer noch vor, dass man einen tollen Text vor sich hat – und hin und weg ist. Bücher, die einen plötzlich so angehen, dass man sich nicht bequem damit im Sessel zurücklehnen kann. Wenn man diese Fähigkeit verliert, wäre das ein Warnsignal…

Man muss dann nach einem neuen Beruf suchen?

Wilke: (lacht) Nein, aber Juryarbeit ist auch hier ziemlich hilfreich: Es ist extrem anregend, sich mit anderen Lektüreweisen zu konfrontieren. Und so vielleicht auch zu einem Text, den man schon aus der Hand gelegt hat, noch einmal eine andere Sichtweise zu bekommen. Es ist für mich das Ideal einer Jury, dass man beweglich bleibt. Und sich möglicherweise durch eine Kollegin, einen Kollegen einen Zugang zu einem Text eröffnen lässt, den man selbst so vielleicht nicht hatte.

Insa Wilke wurde in Bremerhaven geboren. Studium der Germanistik und Geschichte in Göttingen, Rom und Berlin, Promotion 2009. 2010 erschien ihr Buch „Ist das ein Leben. Der Dichter Thomas Brasch“. Als Literaturkritikerin veröffentlicht Insa Wilke u.a. in der Süddeutschen Zeitung und im Rundfunk. Für diese Arbeit wurde sie 2014 mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet. Neben dem Juryvorsitz beim Preis der Leipziger Buchmesse gehört sie auch der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises und der SWR-Bestenliste an. Seit 2005 konzipiert und moderiert sie Kulturveranstaltungen. 2010 übernahm Insa Wilke die Programmleitung im Literaturhaus Köln und gab sie zugunsten des freiberuflichen Arbeitens 2012 wieder auf. Seit 2013 gehört sie zum Team von „Gutenbergs Welt“ (WDR3), seit 2017 zum „lesenswert quartett“ im SWR Fernsehen. 2016 hat sie die Programmleitung des Mannheimer Literaturfestes „lesen.hören“ von Roger Willemsen übernommen, dessen Nachlass sie verwaltet.