Als ich Johan Harstad am Tag nach seinem Auftritt beim Literaturfest Bergen im handtuchgroßen Büro der Festivalleiterin treffe, zieht er lachend eine Kopie der Anzeige aus der Tasche, mit der Claassen, sein deutscher Verlag, fürs jüngste Buch wirbt: „1152 Seiten. Aber für mehr ist keine Zeit.“ Vor sechs Jahren warer schon einmal mit einem Tausendseiter aufgefallen. „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ war für die einen die „Great American Novel“ schlechthin, geschrieben von einem Norweger – andere fanden den Roman zu langwierig, zu selbstgefällig und zu sentimental. Für sein ebenso dickes neues Buch, dessen Titel „Unter dem Pflaster liegt der Strand“einen Slogan aus dem Pariser Mai 1968 aufnimmt, brauchte Johann Harstad mehr als sechs Jahre. Anfang März wurde der Roman für den Literaturpreis des Nordischen Rats nominiert – und zur Leipziger Buchmesse ist sein Autor, als Mitglied der Gastland-Delegation Norwegens, live zu erleben.
Selbstvermarktung, ohne die es im Betrieb nicht geht, fällt Johan Harstad mit zunehmenden Alter schwerer – erst recht, wenn es um so ein komplexes Werk wie sein neues Buch geht. Eigentlich wollte er einen schmalen Roman über ein hoch betagtes Paar schreiben, zwei Menschen in ihren späten Achtzigern, deren größte Sorge es ist, der andere könnte zuerst sterben und man würde einsam zurückbleiben. Als er mit seinem „geriatrischen Roman“ nicht weiterkam, fing er alternativ an, über Leute nachzudenken, die am Anfang ihres Lebens stehen – und landete bei Teenagern in Forus, jener Vorstadt von Stavanger, in der er selbst aufgewachsen ist, und die ihn bereits in „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ beschäftigt hatten. Johan Harstad blickte also noch einmal zurück auf die Stadt, die er vor 30 Jahren verlassen hat – und die doch so etwas wie „Heimat“ für ihn war.
Obwohl sie auf dem Zeitstrahl von den 60ern bis in unsere Gegenwart ausgreift, ist die Geschichte auf weite Strecken in den 1990ern in Forus, angesiedelt, wo ein verschworenes Kleeblatt – Ingmar, Jonatan, Peter und Ebba – seine Jugend verschwendet, während nebenan ein Forschungs-Reaktor errichtet wird. Ein mystischer Ort für die Jugendlichen der Prämobiltelefonzeit – voller endloser Langeweile und doch mit dem Gefühl, dass jeden Augenblick etwas Phantastisches geschehen könnte. Was dann auch eintritt: Die Protagonisten finden einen Gegenstand mit magischen Kräften: Wer ihn berührt, durchlebt in sieben Minuten einen kompletten alternativen Lebensentwurf, in gefühlter Echtzeit. Vor zwei Jahren haben Harstads Eltern ihr Haus verkauft; der Schriftsteller kommt noch immer ein, zwei Mal im Jahr nach Forus, um mit Freunden und ein paar Bieren unten am Fjord abzuhängen und der alten Zeiten zu gedenken. „Ich könnte dort nicht mehr leben“, sagt er. „Es gehört in gewisser Weise noch zu mir, aber ich empfinde keine Verantwortung mehr dafür. Es ist, als würde man einen alten Traum besuchen – oder eine alte Freundin nach 40 Jahren wiedertreffen.“
Mein Roman ist ein Protest gegen unsere wachsende Unfähigkeit, uns auf Sachen wirklich einzulassen.
Johan Harstad, Autor
“Unter dem Pflaster liegt der Strand” ist eine große Wundertüte. In Zeiten, in denen wir nur noch Songs, aber keine Alben hören, ist das Ausufern für Harstad eine Form des Widerstands. „In vielerlei Hinsicht“, erklärt der Autor, „ist mein Roman ein Protest gegen unsere wachsende Unfähigkeit, uns auf Sachen wirklich einzulassen. Deshalb wollte ich ihn nach meinen eigenen Regeln schreiben, statt zu versuchen, ihn schnell verdaubar zu machen. Vielleicht eine Art letztes Gefecht, etwas, das mich daran erinnert, wie Bücher früher waren.“ In diesem Fall: Ein zu Herzen gehender Roman über unseren unstillbaren Wunsch nach einer zweiten Chance, über die Vergänglichkeit von allem und die Halbwertzeit des Lebens. Nach 1152 Seiten wissen wir: Jede Minute zählt.
Was, wann, wo?
Johan Harstad: Unter dem Pflaster liegt der Strand. Roman. Claassen, 1152 Seiten, 36 Euro.
Johan Harstad im Gespräch mit Thomas Böhm: Donnerstag, 27. März, 13.30 Uhr, Messestand Gastland Norwegen, Halle 4, D 300/C 301
Johan Harstad mit Hanne Ørstavik und Karl Ove Knausgård: Freitag, 28. März, 21 Uhr, Schaubühne Lindenfels
Bücher und Literatur lagen Markus Heinrich, 1990 in Oberbayern geboren, schon immer am Herzen. Nach einer Buchhändlerlehre bei Thalia im Dresdner Haus des Buches studierte er Buchhandel/Verlagswirtschaft an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) in Leipzig. Seine Abschlussarbeit widmete er der PR- und Öffentlichkeitsarbeit in Publikumsverlagen – was ihm gute Karten für ein Volontariat in der Veranstaltungs- und Presse-Abteilung von Droemer Knaur gab.
Nach dem Ende des Volontariats in München hatte Markus Heinrich, der „Kochen und Kulinarik“ zu seinen Leidenschaften zählt, noch einmal Glück: Er begann, zunächst als Junior-Manager, im Marketing von Dorling Kindersley. In der Kochbuchsparte der Münchner, die Kultkoch Jamie Oliver oder Stars wie Yotam Ottolenghi,Maya Leinenbach oder Ali Güngörmüs unter Vertrag haben, arbeitete Markus Heinrich insgesamt sechs Jahre, zuletzt kümmerte er sich dort vor allem ums Online-Marketing. „Eine tolle Zeit.“ Die Zutaten für die eigene Küche kauft der ‚reing’schmeckte’ Münchner, der in der Isarvorstadt wohnt, am liebsten auf dem Viktualienmarkt. Bleibt der Herd kalt, bevorzugt Heinrich die kleinen, charmanten Nachbarschaftsrestaurants, Bistros und Cafés um die Ecke, wie etwa das „Quattro Tavoli“ im Dreimühlenviertel. Und legt sich fest: „Man kann nirgendwo in Deutschland so gut Italienisch essen wie in München.“
Beruflich wie privat fühlt sich Markus Heinrich an der Isar zu Hause. „Es war nie der Plan, zurück nach Leipzig zu ziehen.“ Doch da ist etwas, auf das er über die Jahre mehr als ein Auge geworfen hat – die Leipziger Buchmesse. „Ich habe die Veränderungen aus der Ferne beobachtet, da ist ja im letzten Jahr ganz viel passiert. Und dann ploppte diese Stellenanzeige auf.“ Markus Heinrich bewarb sich als Projektmanager und wurde zum Gespräch eingeladen. „Die Schwerpunkte Medienkooperationen und Preis der Leipziger Buchmesse waren für mich so attraktiv, dass ich den Sprung gewagt habe.“ Im September trat er den neuen Job in Leipzig an. Ein passender Italiener sollte sich finden, und der Wochenmarkt vorm Alten Rathaus, jeden Dienstag und Freitag, mit frischen Köstlichkeiten aus der Region, ist auch nicht zu verachten.
In die Planung der Literaturbühne von ARD und ZDF ist das ganze Haus involviert (c) Tom Schulze/LBM
Der Preis der Leipziger Buchmesse, der im letzten Jahr 20. Geburtstag feierte, gehört zum Markenkern des großen Frühjahrsaufgalopps der Branche, in der Top-Liga der deutschsprachigen Literaturpreise spielt er sowieso. „An dieser Stelle verknüpft mein Job viele unterschiedliche Disziplinen miteinander“, sagt Markus Heinrich, „das macht ihn so spannend“. Zum einen hat er, ganz bodenständig, die diversen Messe-Gewerke so zu orchestrieren, dass am Ende die Bühne unter der Glashallen-Kuppel steht. Zum anderen kümmert er sich mit Messe-Partnern wie dem Literarischen Colloquium Berlin (LCB) darum, dass die Jury alle Ressourcen für ihre Arbeit an die Hand bekommt. Zum dritten geht es darum, die Marketing-Aspekte des Preises im Blick zu behalten: „Wie können wir den Live-Stream optimieren? Ist er von anderen Medien gut eingebunden? Wie lässt sich ein ansprechendes Content-Set rund um die Preisverleihung bauen?“ Im Zweifel spricht Markus Heinrich auch mal mit dem Streaming-Dienstleister über einen leicht veränderten Kamerawinkel, „um mehr Emotionen in die Bilder zu bekommen“.
Dass Akquise und Pflege von Medienpartnerschaften in Zeiten des Medienwandels eine Herausforderung darstellen ist eine Erkenntnis, zu der es keiner großen Phantasie bedarf. Markus Heinrich beschönigt nichts: „Der Bereich steht unter Druck – birgt aber auch große Chancen.“ Die Öffentlich-Rechtlichen stehen hart im Wind, stolze Print-Titel rechnen mit spitzem Bleistift, bevor sie ihren Stand in Leipzig aufbauen und mit hochkarätigem Programm bespielen. Es gilt, neue Partnerschaften zu schmieden, ein attraktives Umfeld etwa für Streaming-Anbieter oder Podcasts zu schaffen. Ein strategisches Feld, in dem Weitblick und Phantasie gefragt sind. „Es gilt, potenzielle Partner zu identifizieren und passgenau anzusprechen“, sagt Heinrich, „aber darüber die altbewährten nicht zu vergessen.“ Ab Herbst geht es an die konkrete Hallen- und Standplanung, sind Absprachen mit den Messe-Gewerken zu treffen. „Da steckt dann auch sehr viel prosaische Arbeit drin. An einem komplexen Projekt wie der Literaturbühne von ARD und ZDF in der Glashalle ist quasi das ganze Haus beteiligt.“
Die Leipziger Buchmesse ist Publikums- und Medienmesse (c) LBM
Markus Heinrich gehört zu denen, die zwar schon jede Menge Buchmessen als Besucher, aber noch keine als Organisierende erlebt haben. Ist Lampenfieber für ihn ein Thema? „Auf der Skala von null bis hundert bin ich jetzt in Spitzenmomenten bei 80“, lacht er. „Aber ich bin ja nicht allein. Wir haben ein großartiges Team.“ Wenn am Messe-Donnerstag, punkt 16 Uhr, die Preisverleihungs-Feier in der Glashalle beginnt, wird Markus Heinrich wahrscheinlich backstage sitzen, in der Regie. „Auf jeden Fall da, wo ich alles gut im Blick habe.“
Statt von „Beruf“ ist in der Buchbranche gern von „Berufung“ die Rede; wer hier arbeitet, brennt für die Literatur – und lange Zeit konnten sich die kreativen Berufsfelder, so zumindest mein Eindruck, vor Nachwuchs kaum retten. Das scheint sich grundlegend gedreht zu haben, oder?
Jessica Isselbächer: Die Wahrnehmung ist nicht falsch. Natürlich brennt der Nachwuchs immer noch für das Medium Buch. Allerdings hat diese Generation noch andere Ansprüche an ihren Job als wir vielleicht damals. Da hat sich etwas gedreht: Wir müssen als Branche attraktiv sein, auf die Wünsche der Jungen hören – und, ehrlich gesagt, betrifft es nicht nur den Nachwuchs: Hier werden Punkte benannt, die generationsübergreifend alle betreffen. Wer möchte kein faires Gehalt, oder einer wirklich sinnhaften Arbeit nachgehen?
Lassen Sie mich ein wenig provozieren: Ludwig Lohmann, Programmmacher beim Leykam Verlag, hat zum Jahreswechsel im Börsenblatt folgendes zu Protokoll gegeben: „Ich würde mir wünschen, dass die Branche weniger auf menschlichen Verschleiß fährt und ständig neue, hoch motivierte Mitarbeitende in den Burnout schickt. Systemische Probleme sollen nicht länger auf persönlicher Ebene ausgetragen werden.“ Hat die Branche systemische Probleme?
Isselbächer: Ich glaube, dass der Job es häufig mit sich bringt, dass man dazu neigt, auch über die eigene Arbeitszeit hinaus zu arbeiten. Ich finde es extrem wichtig, dass es da Signale aus der Geschäftsführung, von Vorgesetzten und von erfahreneren Kolleg:innen gibt, die da die Reißleine ziehen. Wir müssen eine gute Work-Life-Balance hinbekommen. Da können wir einiges von der viel beschworenen Generation Z lernen! Das bedeutet aber auch, dass es im Unternehmen genug Personal gibt, das die anfallenden Aufgaben gut auffangen kann.
Was tun Sie im Verlag, um die von Ihnen gerade angesprochene Generation Z für sich zu gewinnen – und, womöglich noch wichtiger, zu halten?
Isselbächer: Junge Menschen steigen bei uns häufig als Volontär:innen ein, es hat sich herumgesprochen, dass wir bei S. Fischer Volontariate, neben einem gut durchdachten Ausbildungspaket, wirklich sehr fair bezahlen. Wir sind z. B. auch Gütesiegel-Träger für Volontariate, das von den jungen Verlags- und Medienmenschen vergeben wird. Das ist keine Floskel. Menschen, die auf diesem Weg zu uns kommen, bringen über ihre Fachausbildung und diverse Praktika auch einen Wert ins Unternehmen ein, das sollten wir entsprechend vergüten. Wichtig ist ebenfalls, dass wir entsprechende Arbeitszeitmodelle anbieten. Teilzeit war klassischer Weise lange fast ausschließlich in Verbindung mit Care-Arbeit gedacht – wenn etwa Kinder oder pflegebedürftige Eltern zu betreuen waren, ging ich mit meiner Arbeitszeit runter. Dazu greifen Teilzeitmodelle auch meist in den letzten zehn Jahren eines Arbeitslebens. Von jungen Menschen erwarten wir aber, dass sie Vollzeit arbeiten – warum eigentlich?
Ist man nicht raus, wenn man als Berufseinsteiger beim Vorstellungsgespräch nach Teilzeitmodellen fragt?
Isselbächer: Das war lange so. Ich bin jetzt seit mehr als 20 Jahren im Personalbereich tätig. Ich erinnere mich an ein Vorstellungsgespräch, in dem eine junge Frau sagte: Ich würde gern 30 Stunden arbeiten, weil ich nebenbei noch tanze. Ich dachte: OK, schön – aber wer macht dann bitte die Arbeit? Inzwischen denke ich: Die Frau hat Recht! Ich arbeite selber in Teilzeit, und weiß sehr genau, dass da nicht weniger geleistet wird. Die Unternehmen müssen verstehen, dass beide Seiten, Arbeitgeber wie Arbeitnehmer, von solchen Lösungen profitieren. Wir haben mittlerweile immer häufiger Führungskräfte, die in Teilzeit arbeiten – warum dann nicht auch junge Menschen, wenn sie dadurch gesund und motiviert bleiben?
Dennoch leiden wir alle unter einem Phänomen, das mit dem schönen Wort „Arbeitsverdichtung“ beschrieben wird…
Isselbächer: Stimmt. Das ist auch bei S. Fischer ein Thema. Wir müssen angesichts der potenziell gestiegenen Erwartungen, die an Jobs geknüpft sind, darauf achten, dass Gesundheit und Arbeitsfähigkeit der Mitarbeitenden erhalten bleiben. Wir bieten unseren Mitarbeitenden diverse Programme zum Thema Work-Life-Balance, etwa Sportprogramme und individuell gestaltbare Arbeitszeitmodelle. Unsere Abteilungsleitenden sind angehalten, darauf zu achten, dass die Überstunden-Konten im Rahmen bleiben. Wir bieten eine ganze Palette an Benefits – von vermögenswirksamen Leistungen bis zu außertariflichen Sonderurlaubstagen oder einem Deutschlandticket. Dazu haben wir für alle Mitarbeitenden noch fünf zusätzliche Care-Days pro Jahr eingeführt.
Das Gros der jungen Leute kommt in kleine Indie-Verlage, die sich so einen Strauß kaum leisten können. Was raten Sie denen?
Ein Satz wie ‚Das haben wir schon immer so gemacht‘ ist heute mehr denn je ein No-go!
Jessica Isselbächer, S. Fischer
Isselbächer: Ein wertschätzendes Miteinander ist aber auch in solchen Unternehmen möglich: Dass man einander zuhört, voneinander lernt. Auch in kleineren Verlagen gibt es häufig ein großes Generationen-Gap – ich habe die Verleger:innen oder Mitarbeitende, die schon viele Jahre dabei sind – und Einsteiger:innen, die mit Anfang 20 gerade aus dem Studium oder aus der Ausbildung kommen. Wenn ich wettbewerbsfähig bleiben möchte, muss ich mir auch anhören, was diese jungen Leute umtreibt! Feedback-Gespräche sind wichtig. Überhaupt: Die Generationen müssen miteinander sprechen! Ein Satz wie ‚Das haben wir schon immer so gemacht‘ ist heute mehr denn je ein No-go!
Es geht also nicht nur um punktuelle Maßnahmen, sondern um eine grundlegende Weiterentwicklung der Organisations-Kultur?
Isselbächer: Richtig. Ich muss als Unternehmer:in ein wertschätzendes Umfeld schaffen – und aufrecht erhalten. Es geht um ein „Wir-Gefühl“, das alle einschließt – vom Azubi bis zum:zur Geschäftsführer:in. Gelingt uns das nicht, bleiben wir stehen und entwickeln uns nicht weiter – und das ist auch in unserer Branche fatal.
Worauf achten Sie als Personalerin bei Bewerbungen?
Isselbächer: Dass jemand „gern liest“, setze ich voraus, das muss auch nicht in der Bewerbung stehen. Wichtig ist für mich eine ehrliche Antwort auf die Frage: Wieso S. Fischer? Wieso nicht zu einem anderen Verlag? Der Lebenslauf muss nicht immer geradlinig, aber erklärbar sein. Wenn es uns um eine diverse Unternehmenskultur geht, beginnt das schon beim Bewerbungsverfahren.
Sind Sie offen für Initiativbewerbungen?
Isselbächer: Ehrlich gesagt, bekommen wir relativ viele Initiativbewerbungen, die wir uns auch regelmäßig anschauen. Wir haben allerdings nur eine eher geringe Fluktuation. Wenn ich aber eine interessante Person identifiziere, für die aktuell in unserem Haus keine Vakanz offen ist, kommt es schon vor, dass ich meine Kolleg:innen in den Holtzbrinck-Schwesterverlagen auf die Bewerbung aufmerksam mache – natürlich immer nur nach vorheriger Rücksprache mit dem:der Bewerber:in.
Wie wichtig ist eine Initiative wie der Karrieretag für Sie als Unternehmen?
Isselbächer: Ich finde es wichtig, dass wir auf die vielen interessanten Möglichkeiten unserer Branche aufmerksam machen. Dass wir darüber sprechen, was uns im Verlag wichtig ist, worauf wir achten, nicht zuletzt im Ausbildungsbereich. Auszubildende sind für uns wertvolle Mitglieder des Teams. Wir legen großen Wert darauf, ihre Ausbildung umfassend zu gestalten und sie aktiv in unsere Arbeit einzubinden. Damit möchte S. Fischer auch ein Orientierungspunkt für andere Verlage sein. Die Tür für den Nachwuchs ist bei uns immer offen. Unsere Branche ist, heute mehr denn je, eine ungeheuer spannende. Das müssen wir auch kommunizieren und nach außen tragen – nicht zuletzt zu solchen Gelegenheiten wie dem Karrieretag auf der Leipziger Buchmesse.
Nach Tätigkeiten als Personalerin in unterschiedlichen Wirtschaftszweigen ist Jessica Isselbächer heute stellvertretende Personalleiterin und Ausbilderin bei den S. Fischer Verlagen in Frankfurt/Main. Neben ihrer Tätigkeit im Verlag engagiert sie sich als Mitglied im Berufsbildungsausschuss des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und setzt sich dort für die Belange des branchenspezifischen Nachwuchses ein.
Ein Kaffeehaus zu führen ist für Eckehart „Ecki“ Grundmann kein Beruf, sondern Berufung – eine geistige Lebensform. Schon übers Jahr machen viele Autorinnen und Autoren, Journalisten, Maler und Grafiker das Grundmann zu ihrem zweiten Wohnzimmer. Zu Messezeiten kommen einfach Freunde aus ganz Deutschland dazu: „Das wächst wie eine Zwiebel – in immer neuen Schichten.“
Ein Hauch von Wien in LE: Mit etwas Glück im März auch schon Open Air (c) nk
„Auf die Leipziger Buchmesse bereitete man sich wochenlang vor“, heißt es im 25., schlicht „Leipziger Messe“ überschriebenen Kapitel des Romans „Der Turm“ von Uwe Tellkamp. „Man fuhr nicht hin, um ein paar Bücher in die Hand zu nehmen, auf- und wieder zuzuklappen; man fuhr hin, um durch ein Fenster ins Gelobte Land zu sehen. Das Fenster hatte Sedez-, Oktav-, Quart- und Folio-Format, am häufigsten aber maß es 19 x 12 cm… Taschenbuchformat. Dieses Maß war mit Linealen geprüft und vermessen, danach schnitt Babara das Innenleben der Messe-Mäntel zu, denn wo Taschenbücher waren, mussten auch Taschen sein.“ Messe-Erzählungen wie diese sind Legion in der Literatur, auch jenseits der Buchdeckel kursieren unzählige Anekdoten mit Bezug zu den Leipziger Ausnahme-Tagen, einer Art fünften Jahreszeit, und die meisten sind zu gut, um sie nicht wiederzugeben. Auch Eckehart Grundmann erinnert sich an Buchmesse-Mundraub, einen Messe-Mantel brauchte er nicht. Da er sich, neben der schönen Literatur, als Jugendlicher auch für schöne Autos interessierte, galt der dreisteste Zugriff einem Ziegelstein von Buch, „Eine Jahrhundertliebe. Menschen und Automobile“ (mit einem Geleitwort von Henry Ford II). Später sollte Grundmann das PS-starke Diebesgut verleihen – und niemals wiedersehen: „Der Freund ist heute der Meinung, dass ER es geklaut hat.“
Frisch gepresst: Ecki Grundmann beim Morgen-Kaffee (c) nk
Bei „Leipzig liest“ ist Eckehart Grundmann fast von Anbeginn dabei. Die erste Veranstaltung, in den 90er Jahren, damals noch im „Café Maître“, war eine Lesung mit Axel Hacke, dessen erster Auftritt im Osten: „Die Leute sind quasi auf die Kleiderständer geklettert, quetschten sich in Fensterbänke, es war unglaublich!“ Irgendwann ist der Grundmann-Dampfer dann komplett in Richtung des Münchner Verlags von Antje Kunstmann abgebogen. „Kunstmann liest im Grundmann“, hieß die Reihe, die sich meist über drei Buchmesse-Abende erstreckte – und zu denen der Leipziger Grafiker und Grundmann-Fan Thomas Matthäus Müller großartige Plakate schuf. „Es war eine symbiotische Sache, für alle Seiten wunderbar!“
Kult-Reihe: Über Jahre schuf Thomas M. Müller großartige Plakate für die Buchmesse-Lesungen (c) TMM
Die Pandemie hatte der Verbindung zu den Verlagen, wie Grundmann sagt, „ein bisschen die Füße weggezogen“, inzwischen habe sich die „Wunde“ jedoch wieder geschlossen. Zur Buchmesse im März wird es immerhin einen Kunstmann-Abend geben – aber was für einen! Ella Carina Werner („Der Hahn erläutert unentwegt der Henne, wie man Eier legt“) wird hochkomische „feministische Tiergedichte“ lesen, die vor selbstbewussten, schwer empowerten Weibchen nur so wimmeln: „Die Eule liebt sich, wie sie ist / Anarcho-Punk und Antichrist.“ Am Messe-Donnerstag trifft sich das Netzwerk der Literaturhäuser, und für den für Samstagabend geplanten „Comixautomatenabend“ im „Grundmann“ muss der Chef nur noch den derzeit ins Treppenhaus gerückten Automaten reanimieren und mit neuem Content bestücken. Eckehart Grundmann wird mit dem Cartoonisten Beck, dessen Arbeiten derzeit die Wände des Cafés zieren, Comics vorlesen, „Sprechblasen mit verteilten Rollen“.
Legendäre Buchmesse-Abende im Grundmann (c) TMM
Gegen zehn wenn viele andere Veranstaltungen in der Stadt beendet sind, setzt die altbekannte Wanderung ins „Grundmann“ ein. Dann steppt der Bär, und das Personal schiebt Überstunden: Tische werden zusammengeschoben – erst zwei, dann drei, immer mehr. „Manchmal sieht das aus wie eine große Schlange, die sich durchs Café windet.“
Das OberHolzHaus, eine Basisstation für kleine und große Forscher, direkt hinterm Botanischen Garten Großpösna, macht seinem Namen alle Ehre: Gebaut ist das Blockhaus aus 120 Jahre alten Fichten, eingeschlagen im Werdauer Wald, nahe Plauen. Dem Specht gefällt’s offenbar, die Spuren seines scharfen Schnabels sind deutlich im Holz zu sehen. „Willkommen in unserem grünen Klassenzimmer“, sagt Ralph Billwitz, der uns in korrekter Forstmontur begrüßt. Im Raum riecht es aromatisch, ein Hauch von Winterurlaub. Ein Eisenofen bollert gemütlich, Billwitz legt noch ein paar Scheite nach. „Wir machen keinen strengen Unterricht, wir bringen Kindern und Erwachsenen die Natur spielerisch nahe.“ Hin und wieder – etwa im Rahmen von „Leipzig liest“ – geht es im OberHolzHaus sogar literarisch zu.
Die Birke gilt als durstig. Dieses Exemplar hat die trockenen Sommer der letzten Jahre nicht unbeschadet überstanden. (c) nk
Obwohl er in Leipzig aufgewachsen ist, in einer Großstadt also, war Ralph Billwitz immer draußen in der Natur: Nach der Schule ging’s aus der elterlichen Wohnung in Lößnig raus in die Wälder und auf die Wiesen zwischen Silbersee und Leinestraße; der heutige Erholungspark Lößnig-Dölitz war damals AGRA-Vorführgelände für Meliorationstechnik, „da standen Kühe auf der Weide“. Die Großeltern väterlicherseits wohnten in Beucha. „Das war komplett ländlich, der Riesengarten mit Hühnern ein Paradies.“ Tierpfleger wollte er eigentlich werden, nahm dann aber 1982 eine Lehre in der Forstwirtschaft auf und absolvierte, als letzter DDR-Jahrgang, ein Studium zum Forstingenieur in Schwarzburg. Seit der Wende kann er sich Diplom-Forstwirt (FH) nennen, in der neugegründeten Forstverwaltung Sachsen arbeitete er als Revierleiter, später kümmerte er sich um Forstförderung und die IT des Forstbezirks. Und drückte nach 2015 noch einmal die Schulbank, um staatlich anerkannter Waldpädagoge zu werden.
Das OberHolzHaus ist für die Ewigkeit gebaut. „Nachhaltigkeit zum Anfassen“, sagt Ralph Billwitz. (c) nk
Seit der Fertigstellung des Waldpädagogischen Zentrums OberHolzHaus 2017 kümmern sich Ralph Billwitz und seine Kollegin Christiane Wolfram um die Arbeit mit Kita-Gruppen, Schulklassen, aber auch Familien, interessierten Erwachsenen und Pädagogen. „In Sachsen hat fast jeder der 13 Forstbezirke so ein Zentrum“, erklärt Billwitz. In den diversen Programmen lassen sich etwa die Tiere und Pflanzen des Waldes kennenlernen und seine „Schichten“ entdecken, man kann dem Förster über die Schulter schauen oder bei einer Wald-Rallye als Team zusammenwachsen. Gymnasiasten können das heimische Waldökosystem erforschen. Aber egal, ob sich die Kleinen im „Hobbithaus“ drängen oder an der „Tierweitsprunggrube“ Bauklötze staunen – ein Wildschein bringt es auf immerhin vier Meter! – oder ob die Großen den Wald der Zukunft entwickeln – das Thema Nummer eins, von den Erstklässlern bis zu den Abiturienten, ist: Nachhaltigkeit.
Das Hobbithaus ist eine Attraktion für die Kleinen. (c) nk
Der Begriff, heute oft zum Allerweltswort heruntergekommen, ist in der Forstwirtschaft – und ganz in der Nähe! – entstanden: durch Hans Carl von Carlowitz (1645 – 1714). Der war Oberberghauptmann am kursächsischen Oberbergamt in Freiberg, seine Familie besitzt noch immer ein Rittergut in Heyda hinter Wurzen. Angesichts einer drohenden Holzverknappung und Ausbeutung der Wälder am Ende des 17. Jahrhunderts formulierte von Carlowitz 1713 in seinem Werk „Sylvicultura oeconomica“ erstmals, dass immer nur so viel Holz geschlagen werden sollte, wie durch planmäßige Aufforstung wieder nachwachsen kann. Damit legte er den Grundstein für die deutsche Forstwirtschaft und das Prinzip des nachhaltigen Umgangs mit Rohstoffen. Dem OberHolzHaus ist der Nachhaltigkeits-Gedanke ganz handgreiflich eingeschrieben, es ist ein famoser Kohlendioxid-Speicher. Holz schafft nicht nur ein gutes Raumklima, der Baustoff bindet CO2 und wächst sogar nach – allerdings nur „bei kluger, nachhaltiger Wirtschaft“, wie Billwitz betont.
Prost, Birkenzauber! (c) Sebastian Riekehr
Wenn nun im Rahmen von „Leipzig liest“ das Porträt der „Birken“ präsentiert wird, ein neuer Band der phantastischen, von Judith Schalansky herausgegebenen Reihe „Naturkunden“, dann ist das OberHolzHaus der perfekte Ort. Die Pionierpflanze mit den zarten, klebrigen Blättern ist nämlich einem Leipziger Braumeister ins Auge gefallen – als Zutat für das von ihm kreierte Bier mit dem poetischen Namen „Birkenzauber“. Seit das extravagante Bier aus dem Wald Gold bei den World Beer Awards einheimste, sind die unter Verwendung von Champagnerhefe, Hopfen und Malz gebrauten 600 Liter „Birkenzauber“ leider ausgetrunken. Aber wer weiß? Vielleicht zaubert Ralph Billwitz für den „Leipzig liest“-Abend im Zeichen der Birken ja noch ein paar Flaschen aus dem Deputat der Forstverwaltung. Es wäre echt zauberhaft.
Waldpädagogisches Zentrum OberHolzHaus, Störmthaler Weg 2a, 04463 Großpösna
Steffi Memmert-Lunau: Birken. Ein Portrait. Matthes & Seitz Berlin 2025. 160 Seiten, 22 Euro (erscheint am 20. März 2025)
Die Lesung im OberHolzHaus findet statt am Freitag, den 28. März, um 19 Uhr.
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