Leben für die Literatur

Lebendige Literaturlandschaft, schwieriger Markt: Entdeckungen in Rumänien, Schwerpunktland der Buchmesse (Schluss)

Kleine Verlage haben auch in Rumänien dicke Bretter zu bohren. Das gilt auch für Silvia Colfescu, die mit Vremea 1990 einen der ersten Privatverlage des Landes gründete und heute mit zehn Mitarbeiterinnen rund 50 Bücher pro Jahr publiziert. Die agile, frankophone Dame scheint aus einer Zeit zu kommen, da man für die Lektüre tief im Sessel versank, den Sherry mit kleinen Schlucken dazu genießend. „Ich bin old-fashioned“, gesteht sie lachend.

Colfescu hält die Stellung in einer vom Zahn der Zeit angeknabberten Art-déco-Wohnung in der Bukarester Altstadt, die beiden Buchmessen Bookfest und Gaudeamus sind überlebenswichtig: Dort kaufen Leser mit üppigem Discount. Nach dem Sturz des Regimes erzielte die Verlegerin mit ihren eigenen Kinderbüchern oder Dokumenten über Schauprozesse aus realsozialistischen Zeiten Riesen-Auflagen. Heute muss sie mit Auflagen zwischen 500 und 1000 leben. Ans Aufhören denkt Silvia Colfescu schon gar nicht. „Wir sind nicht stark gewachsen, aber wir sind nicht tot. Es gibt uns noch! Und das zählt!“

Der Dichter Claudiu Komartin, Jahrgang 1983, gründete 2010 mit Gleichgesinnten den auf Lyrik spezialisierten Verlag Casa de Editura Max Blecher . Pro Jahr erscheinen bis zu 15 Bücher und, gedruckt wie digital, die Zeitschrift „Poesie International“. Max Blecher (1909-1938), der Namenspatron, war ein jüdisch-rumänischer Autor, der seiner unheilbaren Knochentuberkulose ein schmales, aber gewichtiges Werk abtrotzte. Für Komartin ein eindrucksvolles Beispiel dafür, „was es heißt, sein Leben der Literatur zu widmen“. Hört man den Jüngeren wie Komartin oder Florin Lăzărescu (1974) zu, der mit Dan Lungu und anderen seit 2013 im ostrumänischen Iași das großartige FILIT-Literaturfestival betreibt, ahnt man etwas von der tiefen Kluft zu den im Schriftstellerverband organisierten Kollegen. Viel Frust hat sich da angestaut. Der Verband scheint weniger als Autorengewerkschaft denn als elitärer Club zu funktionieren. Mit Klagen halten sich Komartin und seine Freunde nicht auf: „Wir gründen unsere eigenen Plattformen. Und überhaupt: Die Poesie steht außerhalb der kapitalistischen Markt-Logik.“

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