„Man verlegt entweder Bücher, von denen man meint, die Leute sollen sie lesen – oder Bücher, von denen man meint, die Leute wollen sie lesen. Verleger, die dem Publikumsgeschmack dienerisch nachlaufen, zählen für uns nicht.“ Ein Satz des legendären Verlegers Kurt Wolff, der die Haltung der heutigen Gründergeneration noch immer ziemlich treffend beschreibt. Mit Fortüne und Phantasie sorgen unabhängige Verlage dafür, dass unsere Bücherlandschaft auch in Zeiten zunehmender Konzentration bunt und vielfältig bleibt. Ihre Geschichten erzählen von Freiheitsnischen, von geglückter Improvisation und fröhlichen Zufällen. Sie fürchten die Logik der Ökonomie eben so wenig wie die Konkurrenz der Großen. Sie wollen erfolgreich Bücher verkaufen – und doch authentisch, ganz nah bei ihren Leserinnen und Lesern bleiben. Mit dem Kurt-Wolff-Preis zeichnet die gleichnamige Stiftung jedes Jahr am Buchmessefreitag nicht einfach Indie-Verlage aus, sondern, so Laudatorin Mara Delius von der Literarischen Welt, „eine Idee, ein Konzept, vielleicht sogar eine Lebenshaltung, die sie vertreten“. Unabhängigkeit beweist seit Jahrzehnten der Berliner Verleger Klaus Bittermann. Er erhält für seine vor fast 50 Jahren gegründete Edition Tiamat den mit 35.000 Euro dotierten Hauptpreis. Das Tiamat-Programm sei stets eine Einladung, sich auf den Weg zu machen, sagte Mara Delius, „weg von intellektueller Vorhersehbarkeit, schalen Ideologien, leerem Gemeinschaftsgekuschel und überhaupt deutscher Dicktuerei“. Den mit 15.000 Euro dotierten Förderpreis erhält Starfruit Publications aus dem fränkischen Fürth. „Wir denken gerne weiter darüber nach, welche Möglichkeiten es gibt, mit Büchern diese Welt zu verbessern – und melden uns dann wieder.“ So schlitzohrig Starfruit-Verleger Manfred Rothenberger. Auf der Suche nach einem passenden Slogan für die Feier im Forum Die Unabhängigen ist Mara Delius bei einem Roman von Klaus Bittermann fündig geworden. Der trägt den Bandwurmtitel „Sid Schlebrowskis kurzer Sommer der Anarchie und seine Suche nach dem Glück“; das Lieblingswort des Titelhelden Sid ist „Insubordination“ – und das müssen wir schon im Wörterbuch nachschlagen: Insubordination: Die Losung, um aus der engen Welt auszureißen. „In diesem Sinne, liebe Preisträger: Insubordiniert euch!“
Seit März 2015 ist das Forum Die Unabhängigen Herzstück des Auftritts der Independent-Verlage. Das Gemeinschaftsprojekt von Kurt-Wolff-Stiftung und Leipziger Buchmesse schiebt nicht nur quasi non-stop Verlagsprogramme an die Rampe. Es gibt auch den Menschen hinter den Kulissen ein Gesicht: Verlegerinnen und Verleger moderieren die Veranstaltungen und schenken an der Bar den leckersten Kaffee der Messe aus. An vier Messetagen gingen im Halbstunden-Takt rund 45 Veranstaltungen von Verlagen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz über die Bühne – von klassischen Lesungen und Buchpräsentationen bis zu Empfängen wie dem Buchhandelstreff – der Empfang von Stiftung und Buchmesse für Buchhändlerinnen und Buchhändler.
Dazu gab es auch weitere prominente Preisverleihungen wie die Vergabe des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik an Dietmar Dath. Der hatte den vielleicht tröstendsten Satz der Messe für uns parat: „Stellen wir uns vor, die Literatur, an der uns liegt, inklusive ihrer literarischen Kritik, sei nicht ganz gesund. Stellen wir uns vor, sie habe sich hingelegt. Sie hat, glaube ich, Angst davor, wie es weitergeht. Der Beruf, ihr beizustehen, ist ein sehr schöner.“
Zum sechsten Mal wechselte das Forum Die Unabhängigen nach Messeschluss in die Stadt – zur Spätausgabe: Am Messesamstag fanden sich im chabby-schicken Jugendstil-Ambiente des Westflügels der Schaubühne Lindenfels 18 Autorinnen und Autoren aus Deutschland, der Schweiz und Österreich ein. Mit dabei: Wilhelm Bartsch, Xaver Bayer, Dirk Bernemann, Alisha Gamisch, Bernard Hoffmeister, Bianca Jankovska, LJ Jeschke, Ricarda Junge, Ulli Lust, Domenico Müllensiefen, Lisa-Viktoria Niederberger, Hendrik Otremba, Annette Ramelsberger, Ulrike Almut Sandig, Sophie Sumburane, Kinga Toth, Cornelia Travnicek und Eva Christina Zeller.
In Leipziger feierte eine solidarische Branche am Buchmesse-Donnerstag alle 118 Nominierten zum Deutschen Buchhandelspreis – und ein bisschen auch sich selber. Wie eine ganze Reihe von Verlagen – von Hanser, der seine Taschenbuchparty umwidmete, bis zu den Indies Bahoe, Ventil, Verbrecher und VQ, die ihr Traditionelles „Vorglühen“ am Stand ausweiteten – hatte man am Messedonnerstag um 17 Uhr zum Börsenvereinsstand in Halle 5 eingeladen, um mit den nominierten Buchhandlungen anzustoßen: genau zu der Zeit, zu der die Verleihung ursprünglich geplant war. Binnen weniger Minuten waren der Stand und die umliegenden Gänge rappelvoll, Sekt floss, Schnittchen-Tabletts kreisten, die Stimmung war aufgekratzt und tatendurstig. Gekommen waren zum Feiern und Flagge zeigen nicht nur Buchhändlerinnen und Buchhändler, sondern ebenso Verlagsvertreterinnen, Autoren und Autorinnen und Verlegerinnen und Verleger. „Das Wort mag nicht mehr besonders populär sein“, sagte Wunderhorn-Verleger Manfred Metzner, „aber was wir hier machen, ist ein Akt der Solidarität“. Metzner ist mit seinem Freund Thedel von Wallmoden quer durch die Republik zu den Orten der Preisverleihungen gereist – nach Frankfurt/Oder, Heidelberg oder Hannover. „Wir sind hier, weil die Buchmesse eigentlich eine der schönsten Gelegenheiten ist, gut gelaunte Buchhändlerinnen und Buchhändler zu treffen“, so von Wallmoden. „Das heutige Treffen hat allerdings Symbolcharakter. Wir sind da, obwohl die Veranstaltung abgesagt wurde – wir missbilligen den Grund dieser Absage.“ Verleger wie Metzner und von Wallmoden sind nicht die, die Großdemos organisieren und in Trillerpfeifen tröten – sie greifen eher zu Computer und Telefon, um Netzwerke zu aktivieren.
Im Drunken Master Atelier von Thomas Wrobel im Eutritzscher Künstler-Domizil MONOPOL fühlt man sich auch im chinesischen Jahr des Pferdes wie in einem der angesagten Wohnzimmer-Restaurants von Yunnan. Dabei ist Wrobel („Was scharf aussieht, ist auch scharf!“) nur im Herzen Chinese – und seine Karte liest sich wie reine Lautpoesie. So vielfältig wie Wrobels Gerichte sind die Programme der unabhängigen Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die Medien-Leute und Kulturnetzwerker zum „Independence Dinner“ einluden. Mit dabei auch Preisträger wie Manfred Rothenberger oder Annette Koch (Droschl) und Manfred Gmeiner, der am Nachmittag in der Glashalle den Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Übersetzung erhalten hatte. Das kulinarisch-kulturpolitische Gemeinschaftswerk von Hotlist, ARGE Österreichische Privatverlage, Swiss Independent Publishers (SWIPS) und der Kurt-Wolff-Stiftung (KWS) kam auch heuer wieder durch die tatkräftige Hilfe von Dörlemann Satz (Lemförde) zustande. Der Vorsitzende der ARGE, Alexander Potyka (Picus), blickte vorm Dessert auf die traditionell sehr kleinteilige Verlagslandschaft seines Heimatlands – die meiste Literatur, die aus Österreich kommt, erscheine in deutschen Verlagen. „Alle österreichischen Verlage zusammen haben in Österreich einen Marktanteil von 11 Prozent, in Deutschland sind es 0,45 Prozent.“ Wenn es heute in Österreich dennoch eine „blühende Verlagsszene“ gebe, dann dank der 1992 selbst erreichten Verlagsförderung. Die aus Deutschland lange mit scheelen Blicken als „Apanage vom Staat“ bekrittelt wurde, vulgo: Staatsknete. Erneut räumte Potyka mit einer Legende auf – der in schöner Regelmäßigkeit vorgebrachten Behauptung, man sei unabhängig. Das Gegenteil ist der Fall: „Wir sind total abhängig – von Ihnen! Wir brauchen Sie – ständig! Wir leben davon, dass wir Resonanz bekommen.“
Blick zurück nach vorn: Die Buchmesse-Begegnungen dieses Frühjahrs hallen lange nach. Gastgeber dieser besonderen Welt sein zu dürfen, macht uns unendlich stolz – und sehr glücklich.Wir danken allen, die für tausend magische Messe-Momente, für unvergessliche Tage gesorgt haben. Und freuen uns auf ein Wiedersehen im kommenden Jahr – vom 18. bis 21. März 2027. In unserer kleinen Serie blicken wir auf die aus unserer Sicht interessantesten und bewegendsten Ereignisse der Leipziger Buchmesse 2026 zurück.



