Der Droschl Verlag hat heuer den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung gewonnen, 2021/22 sah es fast so aus, als hätten Sie in der Belletristik ein Abo gelöst – es gewannen Iris Hanika („Echos Kammern“) und Tomer Gardi („Eine runde Sache“) in Folge. Haben Sie ein Geheimrezept? Beim Bachmannpreis gab es ja schon Versuche, den idealtypischen Klagenfurt-Text am Rechner zu generieren…
Annette Knoch: Ich habe leider kein Droschl-Preisrezept. Wir haben in Jahren eingereicht, wo wir dachten: das könnte super passen. Was dann leider gar nicht der Fall war. Und dann kamen die Jahre, wo wir Glück hatten! Aber, wie gesagt: Es gibt kein Rezept. Außer vielleicht: Konsequente Arbeit!
Sind unabhängige Verlage bei Literaturpreisen inzwischen adäquat vertreten? Ihr Fehlen wurde ja lange beklagt…
Knoch: Um diesem Malus entgegenzuarbeiten, ist ja 2009 die Hotlist der unabhängigen Verlage gegründet worden. Momentan können wir uns nicht beklagen. Aber weil Sie vorhin Klagenfurt erwähnten: In diesem Jahr ist dort mit Ullstein ein Konzernverlag überproportional vertreten; von 14 Autor:innen kommen gleich vier von Ullstein. Das ist natürlich eine Unwucht – wobei ich nicht weiß, inwieweit Verlagszugehörigkeiten in Jurydiskussionen überhaupt eine Rolle spielen.
Was die Vergabe an Indies betrifft, kann sich der Preis der Leipziger Buchmesse in der Belletristik-Sparte ja durchaus sehen lassen: 2016 Schöffling, 2019 Verbrecher, 2021/22 Droschl, 2023 Mikrotext, 2024 Residenz…
Knoch: Ich möchte mich nicht beschweren… (lacht)
Die Autorin Berit Glanz hat gerade in einem viel beachteten Text auf 54books („Zwischen Bestseller und Brainrot“) darüber geschrieben, wie der Markt die Literatur sortiert. Für unabhängige Verlage seien Literaturpreise die „letzte Option zur Sichtbarkeit“. Hat sie recht?
Knoch: Mit Preisen erreicht man ein anderes Publikum als seine Stammleser:innen. Das trägt viel weiter, nicht zuletzt im Buchhandel. Das war für uns auch spürbar. Bei den großen Filialisten spielen unabhängige Verlage ja normalerweise nur eine kleine Nebenrolle im Sortiment. Nach dem Gewinn eines großen Preises nehmen sie auch solche Bücher ans Lager, die sonst nur, wenn überhaupt, in minimalen Stückzahlen gelistet sind. Die Stapel neben der Kasse befördern die Sichtbarkeit enorm! Darüber hinaus ist so eine Auszeichnung auch ein Werkzeug. Das heißt, ich kann über den Buchhandel hinaus Interesse generieren: Es lassen sich lukrative Taschenbuchrechte verkaufen, ein Hörbuch oder Hörspiel wird möglich, die ganzen Nebenrechte…
… die so genannte „Verwertungs-Kaskade“, wie es im schnöden Kapitalisten-Sprech heißt…
Knoch: Die kann wunderbar angekurbelt werden mit so einem Preis! Ein Preis ist ein literarisches Gütesiegel. Es gibt kaum Vergleichbares.
Muss man auch heute noch in der Druckerei anrufen und eine neue Auflage bestellen?
Knoch: Ja, natürlich. Wir haben zwar meist noch Bücher auf Lager, ein Preis wie der der Leipziger Buchmesse katapultiert uns aber in eine völlig andere Aufmerksamkeit-Kategorie. Wobei die Preisverleihung an Iris Hanika im Corona-Jahr 2021 rein digital stattgefunden hat. Bei Tomer Gardi gab es 2022 eine physische Preisverleihung in der Glashalle, aber die Messe war ein Geisterhaus. Wenn die beiden in anderen Jahren gewonnen hätten, hätten die Preise vielleicht noch größere Kreise gezogen. Wobei es trotzdem großartig war, zwei Mal hintereinander den Jackpot zu gewinnen. Der Übersetzer-Preis an Manfred Gmeiner im März war toll – allerdings strahlt der Belletristik-Preis doch anders. Auch im Buchhandel.
Wie wichtig ist die physische Teilnahme an Buchmessen für einen Verlag wie Droschl?
Knoch: Uns ist das schon sehr wichtig. Wir haben unseren Verlagssitz in Graz, am südöstlichen Zipfel des Sprachgebiets, 50 Kilometer von Slowenien entfernt. Diese Messen: Ich liebe sie prinzipiell, weil ich das mit ihnen verbundene Gewusel einfach mag. Darüber hinaus finde ich es notwendig, sich ab und zu in die Mitte des Geschehens zu begeben – und nicht alles vom Rand her zu machen. Die Messen bieten einerseits Gelegenheit, Leute zu treffen, die man schon seit Jahrzehnten kennt. Andererseits werden neue Begegnungen ermöglicht, es gibt Leute, die einfach vorbei spazieren und uns entdecken. Den Autor:innen sind Messen auch wichtig. Wobei es je nach Temperament Abstufungen gibt.
Manche lieben das Bad in der Menge nicht…
Knoch: … und sind ganz erschlagen, wenn sie realisieren, dass außer ihrem eigenen Buch noch 100.000 andere erschienen sind (lacht). Ich finde es schade, wenn man von Verlagen hört, die sich von Messen zurückziehen. Das persönliche Treffen ist durch nichts zu ersetzen. Ich spreche nicht nur von den Terminen, die man vorher macht. Sondern durchaus auch von den analogen Zufalls-Begegnungen. In Leipzig haben uns zum Beispiel auffällig viele neugierige Buchhändler:innen getroffen.
Sie haben im Mai 2003 die Verlagsleitung übernommen. Damit führen Sie das Haus schon fast so lange wie ihr Vater, Maximilian Droschl…
Knoch: Korrekt. Ich bereite gerade das Programm unseres Jubiläumsjahres vor, 2028 wird der Verlag 50 Jahre alt. Das ist dann der Moment, wo mein Vater und ich quasi gleich lang den Verlag geleitet haben werden.
Was ist das Geheimnis einer gelungenen Staffelstab-Übergabe?
Knoch: Bei uns sicher, dass ich einen großartigen Vater habe. Der Verlag in den ersten 25 Jahren war schon ein bisschen anders als der, den ich dann draus gemacht habe. In den ersten Jahren stand das Sprachexperiment noch mehr im Fokus. Ich bin eigentlich über die Herstellung, die Grafik in den Verlag gekommen. ich war der Meinung, dass es bei Satz, Covergestaltung und Vorschau noch Luft nach oben gab. Er hat gesagt: Tu halt! Und hat es zugelassen. Auch dass die Übergabe 2003 geklappt hat, liegt an ihm. Er war da sehr konsequent. Er hat mir Luft gegeben, die Dinge zu entwickeln.
Das ist in unserer Branche eher selten…
Knoch: Es war das Geheimnis der gelungenen Übergabe! Natürlich hat es Hausautoren gegeben, die ich übernommen habe. Aber für die Dinge, die ich neu entwickelt habe, hat er mir komplett freie Hand gelassen. Das galt auch für den Lektor Rainer Götz, der mit meinem Vater gemeinsam den Verlag aufgebaut hat. Er ist diesen Weg der Erneuerung freudig mitgegangen, bis er 2017 in Pension gegangen ist. Das war ein Glück! Seit 2017 arbeitet Christopher Heil im selben Geist im Lektorat.
Wie würden Sie das Neue, das Sie in den Verlag gebracht haben, beschreiben?
Knoch: Das sind verschiedene Facetten. Inhaltlich-programmatisch bin ich etwas abgekommen von den „Hardcore-Traditionsbrechern“ der österreichischen experimentellen Literatur. Das waren stark auf die Spracharbeit fokussierte Texte, von Germanisten hochgeschätzt, aber für ein Lesepublikum eher schwer verdaulich. Ich hatte 2003 das Glück, ein Manuskript von einem jungen Wiener Autor zu bekommen, das für mich idealtypisch für den weiteren Weg des Verlags schien: „Der einzige Ort“ von Thomas Stangl. Ein hoch anspruchsvoller, aber ungemein zugänglicher Roman mit einem irren Sog. So war bis anhin nicht erzählt worden! Daneben haben sich strukturelle Dinge verändert: Es gab im Verlag – heute unvorstellbar! – niemanden, der sich um Pressearbeit gekümmert hat, es gab weder Vertreter noch Auslieferungen in Deutschland und der Schweiz. Der Verlag hat sich schlicht und einfach professionalisiert. Den Satz mache ich immer noch, und zwar wahnsinnig gern! Und ich gestalte auch jede Vorschau.
Ihr Programm mag zugänglicher geworden sein – Mainstream ist es aber noch lange nicht. Mit Klaus Wagenbach gefragt: Wie überlebt man gute Bücher?
Knoch: Vielleicht ist es sogar schwieriger, mit Mainstream-Büchern gutes Geld zu machen als mit besonderen Büchern? Die erreichen dann vielleicht nicht zehntausende Leserinnen und Leser – aber genug, um zu überleben.
Sie sprachen eingangs über Konsequenz in der Arbeit. Heute beginnt ja oft beim zweiten Buch schon der Weg in die Unsichtbarkeit… Wie wichtig ist es Ihnen, Autorinnen und Autoren mit ihrem Werk zu pflegen?
Knoch: Wenn wir ein Debüt veröffentlichen, vermitteln wir den Autorinnen und Autoren schon, dass wir auch ein zweites, drittes, viertes Buch von ihnen verlegen wollen – weil wir an sie als literarische Stimme glauben. Wir haben mit etwas anderem zu kämpfen: Wenn Autor:innen in einen Konzernverlag weiterziehen. Das freut uns nicht, ist aber schwer zu verhindern. Und es ist ein Problem, das die meisten kleineren Verlage betrifft: Mit einem gewissen Erfolg – etwa durch Preise! – haben die Autor:innen das Gefühl, sie müssten die Gunst der Stunde nutzen – und einmal einen richtig hohen Vorschuss in einem richtig großen Verlag herausholen. Die Rolle eines „Sprungbrett-Verlags“ ist, glauben Sie mir, wahnsinnig undankbar! Es ist wie im Fußball: Man baut jemanden auf, investiert Zeit, Geld, Energie – und ein Großer oder eine Agentur werben ab. Im Fußball müssen die Spieler ja abgelöst werden – eine faire Regelung, die ich nicht müde werde, auch für unsere Branche anzuregen.
Es ist noch etwas Zeit, aber: Wie werden Sie 2028 den 50. Droschl-Geburtstag feiern?
Knoch: Zum 40. Verlagsjubiläum haben wir tatsächlich eine rauschende Party gefeiert. Stand heute würde ich anstelle eines großen Fests, für das an einem Abend viel Geld verbraten wird, ein wirklich starkes Jubiläums-Programm hinstellen. Zwei Programme, eins im Frühjahr, eins im Herbst, die einen schönen Bogen über 50 Jahre Droschl schlagen. Keine Nebenwerke! Sondern: Tolle Namen, große Bücher. 50 Jahre ist eine Wegmarke. Da kann man das Feiern ruhig auf zwölf Monate ausdehnen.
Annette Knoch, geboren 1968 in Graz, studierte Germanistik und Kunstgeschichte an der Karl-Franzens-Universität. Von 1995 bis 1998 war sie im Literaturhaus Hamburg für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich. Seit 1999 arbeitet sie hauptberuflich im Literaturverlag Droschl, seit 2003 leitet sie den Verlag als Verlegerin.
Umschlagplatz für Inspiration: Die Buchmesse ist Lesefest und Branchentreff, ein Ereignis, das unsere Aufmerksamkeit für das Buch, auf Literatur, auf Autorinnen und Autoren fokussiert und eine demokratische Öffentlichkeit schafft. Unsere Sommer-Serie „Der menschliche Faktor“ geht in die zweite Staffel. Wir fragen Buchmenschen aus allen Bereichen der Branche nach ihren prägenden Leipzig-Erlebnissen – und was die Buchmesse auch in den Hochzeiten der digitalen Transformation für sie unverzichtbar macht.



