Herr Rötzer, Sie sind seit (Neu-)Gründung des Verlags auf der Leipziger Buchmesse und waren im letzten Herbst erstmals mit einem eigenen Stand auf der Buch Wien – während viele deutsche Verlage, auch größere, dort eher mit Gemeinschaftsständen glänzen. Was nützt eine Buchmesse einem unabhängigen Verlag?
Andreas Rötzer: Für mich ist wichtig, mit den Leserinnen und Lesern Kontakt zu halten – aber auch mit Autor:innen und Übersetzer:innen, die an den Stand kommen. Man bekommt Feedback zum Programm, aber auch Anregungen für neue Themen, neue Bücher. Es ist, im besten Sinn, ein Marktplatz der Ideen und Resonanzen
Können Sie sich noch an Ihre erste Leipziger Buchmesse erinnern?
Rötzer: Ja, das war im Frühjahr 2005. Das war im Grunde auch der erste Kontakt mit Agenten und Übersetzern. Da war der Stand noch ganz leer, wir hatten wenig Bücher und machten uns damals überhaupt weniger Gedanken über die ganze Inszenierung. Es ging noch nicht mal um die pünktliche Erscheinungswoche – Hauptsache, die Bücher waren irgendwann da, idealerweise zu einer der Messen.
Sie haben dreimal in der Sachbuchkategorie den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen: 2016, 2021 und 2025. Inwieweit hilft dieser Preis?
Rötzer: Er bringt Bücher ins Gespräch, die vorher vielleicht nicht so stark im Fokus standen. Auch mit Themen, die auf den ersten Blick randständiger erscheinen, wie Heike Behrend, deren neuestes Buch über den letzten deutschen Propheten, Gustaf Nagl vom Arendsee, dieses Jahr für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert war. Themen und Stile, die erstmal ein bisschen ungewöhnlicher sind, wie 2025 Irina Rastorguevas Buch über russische Propaganda, kommen darüber ins Rampenlicht. Dieses Jahr ist es uns mit Jan Jekals phänomenalem Erstling „Paranoia in Hollywood“ gelungen, das dann leider den Preis nicht gewonnen hat.
Reagiert der Buchhandel auf solche Preise? Zumindest auf die wichtigsten?
Rötzer: Die Preise schaffen Sichtbarkeit. Und darüber sorgen sie für Aufmerksamkeit, ohne die wir keine Bücher verkaufen können. Aber natürlich haben auch wir es mit einem kleiner werdenden Markt zu tun.
Axel Matthes, der Verlagsgründer, feierte am 18. Mai seinen 90. Geburtstag. Er soll einmal zu Ihnen gesagt haben: „Ich habe das Alte Testament verfasst. Machen Sie sich an das Neue.“ Cooler Satz!
Rötzer: Der Satz ist, neben vielen anderen, tatsächlich gefallen, natürlich nicht ohne Augenzwinkern.
Wie hat sich der Verlegerberuf seit den aktiven Zeiten Verlagsgründers Axel Matthes geändert?
Rötzer: Er ist deutlich schneller geworden. Ich bemerke eine Beschleunigung und eine starke Fixierung auf Termine und Novitäten. Eigentlich wie bei einem börslichen Termingeschäft. Für den Erfolg eines Buches kommt es immer stärker auf das sogenannte Momentum an, das man nutzen muss. Deswegen wird der Markt aus meiner Sicht auch immer nervöser, schnelllebiger, vergesslicher. Dagegen wollen wir etwas setzen, zum Beispiel, indem wir auch Klassiker verlegen, die Tiefe des geistesgeschichtlichen Raums ausleuchten und ins Gespräch mit der Gegenwart bringen. Im Herbst bringen wir deshalb eine Neuübersetzung von Victor Hugos Meisterwerk „Les Misérables“ in der Übersetzung von Alexander Pschera.
Ich hatte natürlich auch auf Ihren Arbeitsalltag als Verleger abgezielt…
Rötzer: Ein Großteil meines Alltags ist natürlich: Leute treffen, über Projekte sprechen, über entstandene Bücher sprechen, wie über die kommenden.
Früher konnte der Verleger eines mittelgroßen Hauses noch in alle Arbeitsabläufe selber reinspringen… Geht das noch?
Rötzer: Nein, leider nicht. Ich habe als Einmannverleger angefangen, da macht man dann ja alles selbst. Aber heute ist Matthes und Seitz Berlin wie alle Verlage stark arbeitsteilig. Die einzelnen Abteilungen arbeiten mehr oder weniger autonom.
Wie viele Personen arbeiten heute im Verlag?
Rötzer: Wir sind derzeit zwölf Festangestellte.
Der Büchermacher Andreas Rötzer hat bei Axel Matthes als Buchhalter begonnen. Müsste das nicht ein Grundkurs sein, den jeder Verleger mal absolvieren sollte?
Rötzer: Interessante Vorstellung! Allerdings ist die Art der Buchhaltung, wie ich sie damals gemacht habe, inzwischen eine ganz andere. Ich habe ja noch per Hand Buchungen vorgenommen und Honorarreihen zusammengefasst, bevor ich alle Honorarabrechnungen mit der Schreibmaschine geschrieben habe.
Eine ausgestorbene Kunst…
Rötzer: Dann kam der Sprung in die Datenbankzeit, jetzt praktisch der Sprung in die KI.
Wann werden eigentlich die Lebenserinnerungen von Axel Matthes bei Matthes & Seitz Berlin kommen?
Rötzer: Das Buch hätte schon erscheinen sollen, aber wir haben den Umbruch dann noch einmal verworfen, weil bei Axel Matthes noch erhebliche Ergänzungen hat. Wir halten Sie auf dem Laufenden, gern auch durch unseren Newsletter.
2020 haben Sie die Friedenauer Presse eingemeindet. In diesem Jahr ist Monika Lustigs Edition Converso in der Friedenauer Presse aufgegangen. Monika Lustig wird als Herausgeberin weiter Bücher machen. Ein Akt marktpolitischer Solidarität?
Rötzer: Ich glaube, dass die Titel der Edition Converso das Programm der Friedenauer Presse sehr gut ergänzen – ich nenne nur die Bücher von Fabbio Stassi und Leonardo Sciascia. Die Friedenauer Presse, die bald ihr sechzigstes Jubiläum feiert, kann ohnehin auf eine großartige Vergangenheit mit einem unverwechselbaren Programm zurückblicken. Die Bücher der Edition Converso ergänzen und verstärken das Italien- und Mittelmeerprofil des Programms, das bislang keine ganz große Rolle gespielt hat. Und gleichzeitig ging es darum, auch die ganze Erfahrung, das verlegerische Gespür von Monika weiter zu nutzen.
Leider wieder ein Einzel-Stand weniger auf den Messen…
Rötzer: Allerdings kommen ja auch neue Verlage nach, wie der neue März Verlag, aber auch längst etablierte Verlage wie mikrotext, Culturbooks oder Edition fotoTAPETA. Es dauert natürlich, bis ein Verlag sichtbar wird, die Verlegerei ist kein Sprint, sondern eher ein nicht endender Ultra-Marathon – die ersten 40 Kilometer können ganz schön öde sein.
Wie ist aus Ihrer Sicht gerade die Lage für Independent Verlage? Mit Blick auf die Vollinvasion Russlands in die Ukraine 2022 sprachen Sie einmal von „Kriegsproduktion“ – und meinten den deutschsprachigen Markt. Ist die Situation auch hier bei uns so drastisch zu beschreiben?
Rötzer: Ein halbes Jahr lang war es durchaus drastisch. Dann haben sich die Lieferketten ja wieder sehr schnell angepasst. Als regelmäßigem Antiquariatsgänger fielen mir die Bücher aus den 1940er oder 1950er Jahren ein, Nachkriegs-Bücher, die aus einer Mangelwirtschaft heraus produziert worden sind. Darauf nahm die Formulierung eigentlich Bezug: Bis vor dem Ukrainekrieg hat eigentlich kein literarischer Verlag holzhaltiges Papier verwendet. Da ist in vielen Bereichen ein Tabu gefallen.
Ist ein Buch wie die „Evolution der Schönheit“, herausgegeben von Richard O. Prum und Judith Schalansky – und witziger Weise 2022 erschienen – eine Art Endpunkt einer Entwicklung? Wird man in Zukunft wieder „ärmer“ und einfacher produzieren?
Rötzer: Ich glaube, wir haben 20 Jahre lang über unsere Verhältnisse gelebt. Einfach dadurch, dass die Produktionspreise und die Ressourcen so günstig waren. Jetzt ist man mehr oder weniger in der Realität angelangt. Und ich finde, es muss allen klar sein, dass die Ressourcen etwas kosten. Es wird aber nur klar, wenn die Dinge teurer werden, das ist dann aber auch in Ordnung. Die Wahrnehmung, dass der ganze Planet weit über seine Möglichkeiten hinaus ausgebeutet wird, ist Teil des Realitätsschocks. Und dass sich das abbildet in dem, was und wie wir produzieren.
Holz gibt es bei Ihnen ja im Taschenbuch, die MSB-Paperback-Reihe soll ja gerade nicht edel sein.
Rötzer: Bücher sind zuallererst Gebrauchsgegenstände, dann erst Sammelobjekte. Und dann dachte ich: Nehmen wir das doch mal ernst, schauen uns an, was eigentlich so ein traditionelles Taschenbuch ausmacht, was seine Idee war? Ist es das Hochrüsten mit Farbschnitt, tollem Papier und abgerundeten Ecken? Genau das wollte ich eben nicht… Ich wollte die Idee ernst nehmen, mit holzhaltigem Papier, das auch mal ausfleddert, dass auch schmutzig wird. Das ist alles erlaubt. Was gibt es Schöneres als ein zerlesenes Buch? Und deswegen haben wir die Reihe so gestaltet: Mit offenem Umschlagpapier, einfarbig bedruckt.
Sie übersetzen nicht nur zirka 40 Titel pro Jahr ins Deutsche, Sie haben auch eine Foreign-Rights-Abteilung und wollen deutsche Bücher ins Ausland verkaufen. Das sind dicke Bretter, die man da bohrt? Hilft dort auch die Messe?
Rötzer: Dafür sind Messen ganz essenziell! Wir besuchen die London Book Fair, wir sind in Frankfurt, Leipzig und mindestens noch auf einer weiteren Auslandsmesse im Jahr, ob das nun Paris, Taipeh oder Montreal ist. Wir versuchen immer, zwei Auslandsmessen pro Jahr zu besuchen. Wir konnten etwa eine Reihe der Naturkunden-Porträts Beispiel nach China verkaufen. Wir haben die Bücher von Byung Chul Han, 1959 in Seoul geboren und inzwischen in Berlin lebend, weltweit in 40 Länder verkauft. Wir haben sogar Theweleits „Männerphantasien“ nach Russland verkauft.
Dürfen die denn in Putins Reich überhaupt noch erscheinen?
Rötzer: Das ist die andere Frage. Aber sie versuchen es immerhin… Es gibt auf diesem Feld immer wieder schöne Überraschungen! Manchmal staunen wir selbst, was gefragt ist und was so funktioniert.
Als Sie 2004 nach Berlin kam, starteten Sie im Prenzlauer Berg, in der Göhrener Straße. Wie fühlt es sich jetzt an, in Kreuzberg zu stecken? Inzwischen ist der „Prenzelberg“ ja fest in schwäbischer Hand?
Rötzer: Falsch! Der ist längst in Expat-Hand. Die Gentrifizierer wurden weggentrifiziert. Aber im Ernst: Der Prenzlauer Berg war natürlich sehr gemütlich und sehr überschaubar. Hier in Kreuzberg spürt man schon jeden Tag, den man in den Verlag geht, den Druck der Straße und den Druck der Realität. Das ist tatsächlich ein anderes Gefühl. Da bekommt das Büchermachen eine andere Dringlichkeit. Es ist verrückt, dass unser Umzug und der Krieg, dazu Trump und die rasante Zunahme der weltpolitischen Spannungen, zeitlich so korrespondierten. Vor diesem Hintergrund geht es uns mit unseren Büchern weniger um tagesaktuelle Debattenbeiträge, sondern um Vertiefung.
Mit Klaus Wagenbach gefragt: Wie überlebt man gute Bücher?
Rötzer: Vielleicht, in dem man in diesen Zeiten noch ausreichend viele gute Leser gewinnt? Das, was manche naserümpfend „intellektuelles Buch“ schimpfen, hat ja immer noch einen Markt! Und vielleicht keinen kleineren als früher.
Andreas Rötzer, 1971 in München geboren, studierte Philosophie in Passau und Paris. Nachdem er ab 1999 als Buchhalter für den Münchner Verlag Matthes & Seitz gearbeitet hatte, gründete er 2004 den Verlag Matthes & Seitz Berlin. 2012 wurde ihm der Karl-Heinz-Zillmer-Verlegerpreis verliehen, 2023 erhielt er für seine Arbeit den Enrico-Filippini-Preis. Matthes und Seitz Berlin erhielt 2008 den Kurt-Wolff-Preis sowie 2019, 2020 und 2022 den Deutschen Verlagspreis. 2021 wurde ihm der Ordre des Arts et des Lettres verliehen.
Umschlagplatz für Inspiration: Die Buchmesse ist Lesefest und Branchentreff, ein Ereignis, das unsere Aufmerksamkeit für das Buch, auf Literatur, auf Autorinnen und Autoren fokussiert und eine demokratische Öffentlichkeit schafft. Unsere Sommer-Serie „Der menschliche Faktor“ geht in die zweite Staffel. Wir fragen Buchmenschen aus allen Bereichen der Branche nach ihren prägenden Leipzig-Erlebnissen – und was die Buchmesse auch in den Hochzeiten der digitalen Transformation für sie unverzichtbar macht.



