„Unendlicher Spaß“

Der menschliche Faktor, Folge 2.3: Kerstin Gleba, verlegerische Geschäftsführerin bei Kiepenheuer & Witsch, über Leipzig vs. Köln, Frauen in Führungsverantwortung, Pop und KiWi-Kultur – und eine Literatur, die sich traut, radikal auf die Gegenwart zu schauen.
(c) Bogdahn

Frau Gleba, Kiepenheuer & Witsch, von vielen in unserer Branche liebevoll KiWi abgekürzt, wird in diesem Jahr 75. Sie haben Ihr Jubiläumsjahr, angelehnt an ein sehr bekanntes und prägendes Buch der Verlagsgeschichte, überschrieben mit „Unendlicher Spaß“. Steht das auch über Ihrem Verlegerinnen-Alltag?

Kerstin Gleba: Ja, unbedingt!

Dem „BuchMarkt“, der Sie gefragt hat, was – wären Sie ein Buch – denn Ihr Titel wäre, haben Sie genau das geantwortet: Unendlicher Spaß! Also: Alles eitel Sonnenschein? 

Gleba: Ich bin seit 31 Jahren bei Kiepenheuer & Witsch, und kein Tag ist wie der andere. Die Freude – und der Spaß! – sind nach wie vor riesig. Die Herausforderungen sind auch groß, das muss man ehrlicher Weise gleich nachschieben. Aber mit dem wunderbaren Team hier im Verlag und vor allen Dingen mit den Autorinnen und Autoren, mit denen wir – zum Teil schon seit Jahrzehnten – vertrauensvoll zusammenarbeiten – das ist schon eine sehr besondere Aufgabe.

Sie haben ja in diesem Jahr die lit.Cologne, sozusagen Ihr Heimspiel, besonders groß gefeiert. Ein Verlag, der zum Auftakt einfach mal Julian Barnes und Robert Habeck aufbietet, kann sich glücklich schätzen. Da ja die Gabe der Bi-Lokalität für uns alle noch nicht erfunden ist: Wie bekommen Sie den Spagat zwischen Heimspiel und Auswärtsspiel, also Köln und der Leipziger Buchmesse, hin?

Gleba: Die logistischen Herausforderungen sind tatsächlich immer ein Thema. Es gab ja sogar Jahre, da war die Londoner Buchmesse auch noch in diesem Zeitraum. Leipzig und lit.Cologne lösen wir so, dass wir uns im Haus sehr gut absprechen, wer wann wo ist. Wir teilen das tageweise auf. Unseren Autorinnen und Autoren geht es genauso. Oft haben die ja sowohl Veranstaltungen in Leipzig wie auch in Köln. Wir versuchen, kluge Reisepläne zu machen und beten dann, dass die Bahn kommt.

Ein Gebet, das vom Gott der Schiene nicht immer gehört wird… 

Gleba: Als die Macher:innen der lit.Cologne vor einem Vierteljahrhundert an den Start gingen, war ich anfangs beratend dabei. Es war von Anfang an auch die Idee, dass das für internationale Autor:innen ja auch spannend sein kann, dass dann zwei Großereignisse zur gleichen Zeit stattfinden. Das war nicht ganz zufällig so gewählt. An die Minderheit der Verlagsmitarbeiter:innen denkt dann offensichtlich keiner… Aber wir bekommen es ja, Jahr für Jahr, glänzend hin. Unser Team ist mit großer Begeisterung in Leipzig auf der Buchmesse. Mit allem Wandel, der dort stattfindet. Aber ein so großer Zulauf und Zuspruch durch das Publikum: Unsere Autorinnen und Autoren lieben es!

Wie wichtig sind aus Ihrer Sicht Messen und die Echtzeit-Begegnungen dort in Zeiten digitaler Transformation? 

Gleba: Gerade in den Zeiten, wo wir auf dem Weg zu unseren Leserinnen und Lesern alle Vorteile der Digitalisierung nutzen, ist die menschliche Begegnung, die wirklich physische Begegnung zwischen Autor:innen und Publikum besonders wichtig. Und Leipzig war ja schon immer, anders als Frankfurt, eine Messe, die sehr stark ausgerichtet ist auf das Publikum. Nicht zuletzt dank des wunderbaren Festivals Leipzig liest. Auch wenn es paradox klingt: Gerade in dem Moment, wo Alltag und Lesekultur zunehmend digitaler werden, sind die Momente des echten Austauschs und der Begegnung umso wichtiger. Gerade viele der Autor:innen, die Young Adult und New Romance schreiben, blicken bei ihren Signierstunden auf endlose Schlangen – Leser:innen, die ein signiertes Exemplar haben wollen! Viele von denen haben ihre Bücher zunächst selbst oder bei kleineren Verlagen verlegt. Das zeigt, wie groß der Hunger auf Begegnung seitens der Leserinnen und Leser ist. Und das findet auf Messen statt! Diese Ballung von kreativen Köpfen ist unvergleichlich.

Das freut uns zu hören. Bleiben denn, was Leipzig betrifft, aus Ihrer Sicht, aus Verlagssicht, noch Wünsche offen? 

Gleba: Was uns aus Verlagssicht wichtig wäre: Das wirklich auch die breitest mögliche Anzahl von Medien vertreten ist und berichtet. Mir scheint, auch in Frankfurt, die Tendenz zu bestehen, dass die Medien ihre Bühnen ein bisschen zurückfahren – im analogen Fernsehen findet Literatur eh’ kaum noch statt, die Umstrukturierungsprozesse im Radio, etwa jetzt beim Deutschlandfunk, sehen wir durchaus auch mit Sorge. Ich bin überzeugt, dass die Messen wirklich wichtig sind, um das Kulturgut Buch auch außerhalb der Buch-Bubble zu transportieren. Was die Messen schaffen ist nicht weniger als dass das Buch zweimal im Jahr vehement in die Öffentlichkeit getragen wird – dass auch Menschen angefixt werden, denen das Thema nicht so nah ist. Bücher sind interessant, aufregend, sexy, sie machen uns klüger! Gerade jetzt dürfen wir uns da nicht zurückziehen, sondern müssen, im Gegenteil, selbstbewusst auftreten: Wir haben die Stars! Und die bringen wir auf die Messe.

Büchermacher-Podium, LBM 2019 (v.l.) Mara Delius, Moritz Kirschner, Kerstin Gleba, Constanze Neumann, Thomas Rathnow, Felicitas v. Lovenberg

2019, zur letzten Leipziger Buchmesse vor Corona, saßen Sie auf dem BücherMacher-Podium im CCL. Damals diskutierten wir unter dem Motto „Patriarchendämmerung – Wie sich das Bild des Verlegers wandelt“. Eingeladen waren unter anderem Constanze Neumann und Felicitas von Lovenberg, Mara Delius von der „Literarischen Welt“ hat moderiert. 2019 war genau das Jahr, in dem Sie neue verlegerische Geschäftsführerin bei KiWi wurden, den Staffelstab von Helge Malchow übernommen haben. Wie nachhaltig hat sich die Branche seit damals verändert? Gibt es mit Frauen in Führungsverantwortung mehr Öffnung, Vernetzung, Teilhabe? Mehr Teamplayerinnen statt Ego-Shooter?  

Gleba: Gute Frage. Auch eine herausfordernde Frage, weil das natürlich eine ganze Zeitspanne abbildet. Für mich persönlich war 2019 ein fantastisches Jahr, weil ich nach weit über 20 Jahren bei KiWi in neuer Verantwortung war. Es war eine schöne Mischung aus Kontinuum und Respekt vor der großen Aufgabe. Gleichzeitig war 2019 geopolitisch vielleicht das letzte glückliche Jahr, aus heutiger Sicht… Im März 2019 war das erste Buch von Sophie Passmann gerade herausrausgekommen, „Alte weiße Männer“. Und wir waren ausverkauft auf der Messe (lacht)

Ja, Sie hatten so etwas wie einen Lauf… Mir ging es mit meiner Frage eher um den zunehmenden Einzug von starken Frauen in verantwortungsvolle Positionen in der Branche – und wie sich das womöglich auf die Führungskultur auswirkt? Gerade in der Welt der Büchermacher gab es ja traditionell sehr starke patriarchale Strukturen…  

Gleba: Natürlich, und die haben sich seither stark verändert. Dieser Wandel, und die Tatsache, dass vermehrt Frauen an der Spitze von Verlagen stehen, ist aus meiner Sicht längst überfällig gewesen. Bei KiWi war es allerdings schon unter einem jahrelang erfolgreichen männlichen verlegerischen Geschäftsführer so, dass das Team stark partizipiert hat. Ich habe ja mit Helge Malchow viele Jahre vertrauensvoll zusammengearbeitet. Das setzt sich bis heute fort, wenn auch in anderen Rollen. Auch heute repräsentiert man nach außen die Verlegerinnen-Gestalt und bestimmt die großen Linien. Im Alltag entsteht dagegen ganz viel im Gespräch, auch aus dem Team heraus. Verlage, die über Jahre erfolgreich waren und sind, haben immer ein starkes Team! Dennoch hat sich etwas verändert, hat es eine Akzentverschiebung gegeben. 

Helge Malchow war jetzt wahrscheinlich auch nicht der Patriarch, an den man bei dem Podium 2019 gedacht hatte…

Gleba: Absolut. Im Fall von Helge Malchow und mir war es einer der geräuschlosesten Übergänge, die man sich denken kann. Mein Anspruch war und ist es, eine gute Balance hinzubekommen aus Kontinuität und Aufbruch. Und da ist es in der Tat so, dass ich mit meiner spezifischen Perspektive – wozu auch gehört, dass ich eine Frau bin – andere Akzente setze, als es mein Vorgänger gemacht hat. Wenn ich das Team vielleicht noch ein Stück mehr nach außen hin betone, ist das vielleicht sowohl weibliche, als auch moderne Führungskultur.

Geburtstagskinder: Helge Malchow, Kerstin Gleba und Reinhold Neven DuMont auf der KiWi-Jubiläumsparty im Schokoladenmuseum Köln ©Annika Graeff

Aus Ihrem Büro blicken Sie auf Dom und Hauptbahnhof, Ihre Verlagsadresse ist 50667 Köln, Bahnhofsvorplatz 1. Wie toll! Auf der anderen Seite leben inzwischen rund 80 Prozent der Kiwi-Autor:innen in Berlin. Was geht Ihnen durch den Kopf bei den Standortdiskussionen, wie sie jetzt durch den geplanten Umzug von S. Fischer in die Hauptstadt aufploppen? Fischer gehört, wie KiWi, zu Holtzbrinck.  

Gleba: Ich glaube, da muss man jeden Verlag spezifisch betrachten. Kiepenheuer & Witsch wurde 1951 eingetragen ins Handelsregister der Stadt Köln – und schon 1948 gab es erste Verabredungen von Joseph Caspar Witsch und Gustav Kiepenheuer, gemeinsam im Westen zu gründen. Will sagen: Der Verlag ist hier verortet! Wir waren lange Jahre in Köln-Marienburg, in einer Villa, und jetzt sind wir direkt im Zentrum der Stadt. Diese Geschichte ist also älter als die Wiedervereinigung, als Berlin in den 1990er Jahren begann, seinen Sog auszuüben, etwa auf die Kölner Kunst- und Musikszene. In der Buchwelt machen wir ja kein betreutes Schreiben (lacht)… Wir haben eine enge Beziehung, viele von uns sind oft in Berlin. Die Autorinnen und Autoren kommen aber auch gern nach Köln. Für uns ist die Verankerung hier in der Stadt und auch die Perspektive als viertgrößte Stadt Deutschlands nicht deckungsgleich mit der Berliner Perspektive. Von Köln aus sind Sie schneller in Paris als in Berlin… 

Dafür kann man Sie beneiden…

Gleba: Ich selbst habe drei Jahre in Amsterdam gelebt und bin zum Verlag gependelt. Es ist vielleicht ganz fruchtbar, nicht nur wie ein Hauptstadtjournalist auf das zu schauen, was gerade in Berlin passiert. Wir haben hier in Köln große Medienhäuser, angefangen beim WDR als größter ARD-Anstalt. Mit der lit.Cologne haben wir ein sehr großes Literaturfestival am Start. Wir haben ein Publikum, das ausgesprochen neugierig ist, und immer noch eine starke Musik- und Kunstszene. Für uns ist der Standort wichtig. 

Mit Ihrem Imprint Galiani haben Sie mehr als einen Koffer in Berlin.

Gleba: Genau. Dazu lebt Anvar Čukoski, unser Programmleiter für die deutschsprachige Literatur, in Berlin und stärkt dort unsere Präsenz. Er kommt zu Konferenzen, Besprechungen, aber auch Festen, nach Köln gependelt. Und da ist er nicht der einzige Kollege im Verlag, der zwei Standbeine hat. Viele von uns sind häufig unterwegs, um Autorinnen und Autoren oder Geschäftspartner zu treffen oder zu Veranstaltungen zu begleiten. Im Zug lässt sich ja bestens arbeiten, das muss ich sagen, trotz aller Unkenrufe gegen die Bahn. Insofern steige ich auch gerne in den Zug nach Berlin – und komme genauso gern zurück nach Köln.

Mer losse d’r Dom en Kölle! Sie preisen die Dezentralisierung – während man jetzt immer von geheimnisvollen Energien und neuen Kraftquellen hört, die in der Kapitale freigesetzt werden…

Gleba: Es hat auch mit Größe zu tun. Wir sind hier in der zweiten Etage ungefähr 70 Mitarbeiter:innen. Es summt und brummt auf den Gängen. Man hat gerade ein Manuskript gelesen und ist davon begeistert… Solche Gespräche finden in formellen Runden, aber eben auch mal in der Teeküche statt. Die Größe, die wir mit unserem Verlag erreicht haben, ist nicht beliebig skalierbar. Das heißt nicht, dass wir innerhalb der Holtzbrinck-Gruppe nicht auf bestimmten Feldern sehr gut zusammenarbeiten – etwa im Bereich Datenstrategie sehen wir ja wirklich rasante Entwicklungen! Welche Auswirkungen hat das auf die Beziehung zum Handel, zum Kunden? Da ist es wichtig, seine Kräfte in der Gruppe zu bündeln. 

Wir kennen ja den Begriff der „Suhrkampkultur“, den George Steiner Anfang der 1970-er Jahre geprägt hat. Wie würden Sie dagegen die Kiwi-Kultur definieren?

Gleba: Neugierig, weltoffen, mutig.

Willi Winkler versucht es in seinem Jubiläumsartikel in der SZ unter der Überschrift „Hier tanzt die Republik“ mit einer anderen Trias: „Hier kommen Uwe Timm, Sophie Passmann und Angela Merkel zusammen“. Auch schön, oder? 

Gleba: Ja, auf jeden Fall. Mir gefällt, dass zwei Frauen dabei sind, die wirklich verschiedene Segmente unseres Programms zeigen. Und Uwe Timm, ein großer Herzens-Autor von mir, seit ich im Verlag bin, habe ich jedes neue Buch mit Freude gelesen und begleitet. Früher hieß es öfter: KiWi – total spannend, sehr gegenwärtig, mutig, überraschend… Es fiel aber auch ab und zu mal das böse Wort vom „Gemischtwarenladen“. Zum 50-jährigen Jubiläum war unser Slogan dann selbstbewusst: „Vielfalt als Programm“. Und das war lange bevor es um Diversity ging. Wir haben einfach gesagt: Wir versuchen, neugierig in alle Richtungen zu sein. Und das trägt uns bis heute. Mittlerweile machen das viele Verlage so…

Auch bei Suhrkamp erscheinen längst Krimis…

Gleba: Als wir anfingen, Comedy zu machen, etwa Helge Schneider in den 1990er Jahren, da war das noch relativ neu. Inzwischen machen das auch alle. Ich beklage das gar nicht. Aber es gab hier immer eine große Offenheit und Neugier, Dinge auszuprobieren. Und damit den Versuch, die Gegenwart besser zu verstehen.

Spätestens seit den 1980er Jahren ist KiWi ja auch so etwas wie ein Popliteratur- Verlag, wenn man’s im weiteren Sinne versteht – mit Autoren wie Bret Easton Ellis, Nick Hornby, Diederichsen oder Kracht oder Stuckrad-Barre. Wie schreiben Sie diese Tradition weiter?

Gleba: Popliteratur ist ja oft eine Zuschreibung von außen. Einige der genannten Autoren, zum Beispiel Christian Kracht, sehen sich nicht in der Schublade „Popliteratur“. Ich habe Popliteratur immer emphatisch verstanden, als etwas, das sich traut, eben auf die Gegenwart zu schauen, mit Traditionen zu brechen, radikal zu sein. Einen Fokus auf das Jetzt zu legen. In der Literaturkritik gerade der 1990er Jahre ist der Begriff allerdings auch abwertend verwendet worden: Es gab die richtige Literatur, und dann gab es die Popliteratur. Dagegen haben wir uns immer verwehrt. Heute sehe ich nicht, dass Popliteratur noch ein Begriff ist, mit dem man wirklich erkenntnisfördernd einen bestimmten Bereich der Literatur zusammenfassen oder kategorisieren kann.

Er wird ja eher nur noch historisch verwendet… 

Gleba: Mein Zugang war ein durchweg positiver. Als ich in den 1990er Jahren in den Verlag kam, hatte ich ein klassisches Literaturstudium als Literaturübersetzerin hinter mir… Ich habe es geliebt, Klassiker zu lesen. Bin aber gleichzeitig ein großer Musikfan, gehe immer noch sehr gern auf Konzerte. Mich hat es in den Neunzigern als junge Frau – ich war damals Anfang 20 – gewurmt, dass „Literatur“ das war, was man im Deutschunterricht lesen musste. Als Anglistin sah ich, dass es in England oder den USA mehr Bücher gab, die eher auf das Leuchten des Augenblicks setzten, als zu sagen: Du musst mich jetzt lesen, weil ich bedeutend bin. Das war mein Anspruch, als ich in den Verlag kam: Ich möchte gerne Bücher finden, die auch für ein jüngeres Publikum interessant sind. Damals habe ich dann als Programmmacherin die KiWi-Paperback-Reihe übernommen. Und habe dann angefangen mit Benjamin Lebert („Crazy“), Benjamin von Stuckrad-Barre („Soloalbum“), Malin Schwerdtfeger, Elke Naters – viele Autorinnen und Autoren, die qua sprachlichem Zugriff und Themenwelt interessanter waren für junge Leute. Vor einem Jahr haben wir in einem ähnlichen Spirit ein neues Label gegründet – kiwi space. Bücher von der Zielgruppe für die Zielgruppe. Ein junges Team aus dem Verlag kuratiert dieses Label mit großer Kreativität und Leidenschaft. 

Heute ist selbst Alex Kapranos, Frontmann von Franz Ferdinand, Kiwi-Autor…

Gleba: Ich war mit ihm auf Lesereise (lacht)… Thees Uhlmann mit seiner Band Tomte, auch eine schöne Geschichte… Er hat tolle Texte und Liner Notes für das Album „Hinter all diesen Fenstern“ (2003) geschrieben. Als ich ihn damals darauf angesprochen habe, dass wohl ein Buch in ihm schlummere, hat er das wirklich im Herzen bewegt… Es hat dann zwölf Jahre gedauert, aber 2015 hat er mit „Sophia, der Tod und ich“ einen hinreißenden Roman geschrieben, der ein Bestseller und von Charly Hübner verfilmt wurde. Es ist eine große Freude zu sehen, wie Künstler in verschiedenen Kunstformen mit dem Wort umgehen.

Hier fällt mir natürlich sofort noch Patti Smith ein…

Gleba: Das Manuskript zu „Just Friends“ war damals heiß umkämpft, ich habe es auf der Frankfurter Buchmesse gelesen. Die Agentur hat es auf Papier überreicht.

Ein Bieter-Gefecht?

Gleba: Statt zur überfüllten Rowohlt-Party in der Schirn zu gehen, habe ich in der Nacht das Manuskript gelesen – und war schwer begeistert! Ein ganz besonderes Buch, das ja später auch den National Book Award gewonnen hat. Ein großes Märchenbuch über das New York der 1970er Jahre und Patti Smiths besondere Beziehung zu Robert Mapplethorpe. Tatsächlich haben wir damals noch auf der Messe ein Angebot gemacht – und dann den Zuschlag bekommen. Patti Smith rief mich auf dem Handy an, damals lebte ich in Amsterdam, und hat sich für den Brief, den ich ihr geschrieben habe, bedankt. Über Weihnachten und Neujahr haben wir dann tatsächlich schon an der Übersetzung gearbeitet. Clara Drechsler und Harald Hellmann, früher Spex-Autoren und Übersetzer von Irvine Welsh oder Nick Hornby, haben immer ein unheimlich gutes Gespür gehabt für Sprache, die auch gegenwärtig ist.

Wir könnten jetzt noch von der KiWi-Autorin Andrea Petkovic sprechen, einer Weltklasse-Tennisspielerin, die als Leserin von David Foster Wallace zum Schreiben gekommen ist. Dessen Ziegelstein „Infinite Jest“ bringt es in Ulrich Blumenbachs kongenialer Übersetzung auf fast 1.600 Seiten. Liebe Kerstin Gleba, Sie haben mich überzeugt, dass „Unendlicher Spass“ das absolut korrekte Verlegerinnen-Motto ist. Vielen Dank für das unterhaltsame Gespräch!  

Kerstin Gleba studierte Amerikanistik/Anglistik, Romanistik und Germanistik in Düsseldorf und Lausanne und ist seit 1995 für Kiepenheuer & Witsch tätig, seit 2002 als Cheflektorin für Belletristik. Sie ist seit 2004 Mitglied der Geschäftsleitung und seit Anfang 2019 Verlegerische Geschäftsführerin. Kerstin Gleba gehört in dieser Funktion ebenfalls der Geschäftsleitung der Holtzbrinck Buchverlage an.

Umschlagplatz für Inspiration: Die Buchmesse ist Lesefest und Branchentreff, ein Ereignis, das unsere Aufmerksamkeit für das Buch, auf Literatur, auf Autorinnen und Autoren fokussiert und eine demokratische Öffentlichkeit schafft. Unsere Sommer-Serie „Der menschliche Faktor“ geht in die zweite Staffel. Wir fragen Buchmenschen aus allen Bereichen der Branche nach ihren prägenden Leipzig-Erlebnissen – und was die Buchmesse auch in den Hochzeiten der digitalen Transformation für sie unverzichtbar macht.  

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