1955 wurde der Arbeitskreis Jugendliteratur – die damals noch „Jugendschrifttum“ genannt wurde, der letzte Krieg war erst zehn Jahre vorbei – gegründet. Damals residierte er in einer Münchner Dachstube. 1956 wurde dann zum ersten Mal der Preis verliehen. Was war das Besondere an dieser Gründung?
Jan Standke: Der Deutsche Jugendliteraturpreis ist der erste und auch einzige Staatspreis für die Kinder- und Jugendliteratur, der zurzeit vergeben wird. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal – und zeugt davon, dass kulturell, aber vor allen Dingen auch bildungspolitisch, ein Wandel in der Wahrnehmung sowohl der Kinder und Jugendliteratur, aber natürlich auch von Kindern und Jugendlichen selbst stattgefunden hat. Erich Kästner war übrigens bei der Gründung auch dabei.
Toll, das wusste ich gar nicht. „Für Kinder soll man so schreiben, wie für Erwachsene – nur besser!“
Jan Standke: Die Frage, was Kinder lesen sollen, reicht historisch ja sehr weit zurück. Oft hat man die Schriften und Texte für Kinder und Jugendliche ja als sehr vereinfachte Darstellung verstanden. Kinder- und Jugendliteratur und anspruchsvolle Literatur haben sehr lange nichts miteinander zu tun gehabt. Und diese Wahrnehmung begegnet uns auch heutzutage immer noch. Also, dass Kinder und Jugendliteratur die „kleine Literatur“ ist – und Belletristik auf einem ganz anderen Niveau spielt. Dass sich das geändert hat, dafür ist die Arbeit des Arbeitskreises Kinder- und Jugendliteratur ja der beste Beleg. Wir werden bildungspolitisch sehr ernst genommen, und deswegen ist dieser Preis auch so wichtig: In Leipzig wie Frankfurt große Bühnen, große internationale Ausstrahlungskraft und auch ein großes bildungspolitisches Interesse. In Leipzig wird die Staatssekretärin dabei sein, in Frankfurt sind seit vielen Jahren die Bundesministerinnen mit dabei! Das, finde ich, ist schon ein sehr starkes Signal dafür, dass die Wahrnehmung der Kinder und Jugendliteratur sich verändert.
Welche Rolle spielt eigentlich das Marktsegment Kinder- und Jugendliteratur?
Jan Standke: Die Kinder- und Jugendliteratur gehört – zumindest für den deutschen Buchmarkt – nicht nur zu den stabilsten, sondern auch zu den wachstumsstärksten Segmenten. Es wird sehr viel gelesen und gekauft – das vergisst man manchmal, wenn man despektierlich auf die Kinder- und Jugendliteratur schaut. Die Einrichtung des Arbeitskreises war ein erstes Signal dafür, dass man die Kinder- und Jugendliteratur als eigenständiges Genre wahrnimmt. Und: Dass man Kinder und Jugendliche als Leser:innen wahrnimmt! Das sind zwei ganz wichtige Linien, die wir in den zurückliegenden Jahrzehnten intensiv verfolgt haben. Wobei man natürlich sagen muss, dass sich auch die Rahmenbedingungen für genau diese beiden Fragen – was wird gelesen, und wer liest eigentlich? – in den letzten Jahrzehnten natürlich auch stark verändert haben: Die medialen Rahmenbedingungen haben sich geändert, das Lesen selbst ist unter Druck geraten. Wir kennen alle die großen Bildungsstudien, die das Thema Lesekompetenz problematisieren. Das alles sind Felder, die der Arbeitskreis sich in den Jahrzehnten seiner Geschichte zunehmend angeeignet hat – bis hin zu einem hochprofessionell arbeitenden Dachverband mit eigener Geschäftsstelle in München, mit einer aus Expert:innen bestehenden Kritiker- und Sonderpreisjury, aber auch mit der Jugendjury.
Was waren wichtige Umschlagpunkte der Arbeit über die Jahre?
Jan Standke: Womit sich der Deutsche Jugendliteraturpreis natürlich immer wieder beschäftigt, ist die Frage: Was bedeutet eigentlich das Wort „Deutsch“ in der Bezeichnung? Denn die Kinder- und Jugendliteratur ist seit vielen Jahren ein internationales Geschehen mit sehr vielen Übersetzungen ins Deutsche. Wenn Sie sich die Auszeichnungen der letzten Jahre anschauen, werden Sie da auch immer wieder übersetzte Titel finden. Wir verstehen die Kinder- und Jugendliteratur ausdrücklich als internationalen Zusammenhang.
Übersetzerinnen und Übersetzer sind, glaube ich, auch beim Preisgeld mit dabei?
Jan Standke: Sicher. Dazu kooperiert der Arbeitskreis zum Beispiel auch mit dem Deutschen Übersetzerfonds. Dieses Thema ist für uns ganz wichtig.
Ich glaube, eine ganz wichtige Neuerung war die 2003 eingeführte Jugendjury?
Jan Standke: Wir nehmen nicht nur die Texte, sondern natürlich auch die Menschen, die diese Texte lesen, ganz ernst. Deswegen gibt es diese Jugendjury – die ganz eigenständig ihre Urteile findet, selbst Nominierungen einbringet und dann in Frankfurt auch ihre Auszeichnungen selbst wählt.
Seit 2017 gibt es den „Preis Neue Talente“. Was zeichnet er aus?
Jan Standke: Mit den „Neuen Talenten“ wollen wir gezielt auch Künstler:innen, fördern, die am Anfang ihrer Laufbahn sind und ein tolles Debüt vorgelegt haben. In Leipzig werden ja auch die Preisträger:innen der Kranichsteiner Kinder- und Jugendliteratur-Stipendien verkündet. Diese Stipendien gehen aus einer Kooperation mit dem Deutschen Literaturfonds hervor. Autor:innen von Kinder- und Jugendbüchern, die bereits erste überzeugende Titel veröffentlicht haben und eine positive literarische Entwicklung erkennen lassen, sich aber bisher keine starke Marktposition erarbeiten konnten, werden mit Stipendien ausgezeichnet. Diese sollen ihnen die Möglichkeit geben sollen, sich auf den Weg zu machen für einen neuen Text, für ein neues Werk.
Ich glaube, von gar nicht zu unterschätzender Bedeutung war die Entscheidung, auf die Buchmessen zu gehen – seit 1996 auf die Frankfurter Buchmesse mit der Preisverkündung, und seit 1999 auf die Leipziger Buchmesse mit der Verkündung der Nominierungen an einem eigenen Stand.
Jan Standke: Die Doppelstruktur von Nominierung auf der Leipziger Buchmesse und Vergabe in Frankfurt war ein ganz wichtiger Schritt in der Professionalisierung dieses Preises. Außerdem adressiert es eben die zwei großen buchvermittelnden Veranstaltungen in Deutschland mit internationaler Strahlkraft. Wir haben die Möglichkeit, uns als Dachverband für die Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland zu positionieren. Und die Verlage sind auch alle mit dabei. Wir sind also ganz eng in der Kommunikation! Und man muss sagen, die Nominierungsbekanntgabe in Leipzig ist natürlich in den letzten Jahren – und jetzt auf der ganz großen Bühne! – zu dem Event der Kinder- und Jugendliteratur der Leipziger Buchmesse geworden. Es wird von jungen Menschen, von Verlagsvertretern, aber auch von der Presse sehr intensiv wahrgenommen – eine ganz wichtige seismographische Funktion für die Kinder- und Jugendliteratur, und ein ganz wichtiges kommunikatives Ereignis!
1988 gab es im Vorfeld der Preisvergabe einen Eklat um “Die Wolke” von Gudrun Pausewang. Rita Süßmuth setzte sich nach langem zähen Ringen und öffentlichen Protesten von Kulturschaffenden wie Walter Jens gegen die regierende CDU durch und verlieh schlussendlich doch den Preis. Die Unabhängigkeit der Jury wurde gestärkt. Können wir da für unsere aufgeregten Zeiten etwas lernen?
Jan Standke: Dem Deutschen Literaturpreis ist es natürlich ein großes Anliegen, die Demokratiefähigkeit junger Menschen zu stärken. Dafür zu sensibilisieren, Welt zu zeigen, wie sie ist. Aber natürlich auch, Urteilskraft zu stärken. Und deswegen ist es für uns bei der Auswahl von Texten, bei der Diskussion über diese Texte, aber auch bei Gesprächen, die wir über diese Texte führen, ganz wichtig, gesellschaftliche Entwicklungen sichtbar zu machen, zu sensibilisieren und einfach für ein demokratisches Miteinander einzustehen, das in diesen Tagen vielleicht auch von innen heraus so stark unter Druck gerät wie schon lange nicht mehr.
Dazu gehört aber eben auch die Unabhängigkeit einer Jury, deren Entscheidung nicht wieder einkassiert werden kann, oder?
Jan Standke: Dafür stehen wir natürlich ein! Unsere Jurys arbeiten autonom, mit professionellem Anspruch.
Lesen ist im Zuge der Digitalisierung unter Druck gekommen, gleichzeitig wird gespart wie verrückt. Wie gut sehen Sie Ihren Arbeitskreis und den Preis aufgestellt für die nächsten 70 Jahre?
Jan Standke: Gute Frage. In Zeiten knapper Kassen müssen wir sehr darauf achten, dass wir weiter handlungsfähig bleiben. Momentan haben wir zum Bundesministerium und zur Bundesministerin einen sehr aktiven Gesprächsdraht. Ich glaube, man sieht da sehr stark, wie wichtig die Kinder- und Jugendliteratur heute ist und in Zukunft sein wird – nicht bloß für die Leseförderung. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt, sicher – aber auch für das Thema Demokratieförderung und andere Querschnittsthemen, die junge Menschen begleiten. Natürlich sprechen wir auch immer wieder über andere Fragen: Wie wirkt sich Digitalisierung auf das Leseverhalten aus? Welche Bedeutung hat beispielsweise Künstliche Intelligenz zukünftig für die Produktion von literarischen Texten, von Illustrationen? Ein großes Spektrum, das ganz deutlich macht: Wir brauchen den AKJ auf alle Fälle, mindestens auch die kommenden 70 Jahre! Die Messen hier in Leipzig und in Frankfurt helfen uns dabei, auf uns aufmerksam zu machen. Dafür sind wir sehr dankbar!
Viel Glück dabei, lieber Professor Standke – und eine wunderbare Buchmesse!
Prof. Dr. Jan Standke, Vorstandvorsitzender des Arbeitskreises für Jugendliteratur e.V., ist Universitätsprofessor für Didaktik der deutschen Literatur an der Technischen Universität Braunschweig und leitet dort auch das Kompetenzzentrum für Lehrkräftefortbildung. Die Schwerpunkte seiner Lehr- und Forschungstätigkeit im Bereich der Literatur- und Mediendidaktik liegen u. a. in der Kinder- und Jugendliteratur sowie im literarischen Lernen in allen Schulformen. Prof. Dr. Jan Standke ist außerdem Herausgeber mehrerer literaturdidaktischer Fachzeitschriften sowie Schriftreihen zur Kinder- und Jugendliteratur. 2019/20 war er Vorsitzender der Kritikerjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis. Aktuell ist er Juror beim Friedrich-Gerstäcker-Preis für Jugendliteratur.
70 Jahre Deutscher Jugendliteraturpreis: Jedes Jahr erscheinen zirka 7.500 Titel auf dem deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchmarkt. Hilfe bei der Orientierung bietet der Deutsche Jugendliteraturpreis. Seit 1956 zeichnet der Preis jährlich herausragende Werke der Kinder- und Jugendliteratur aus. Er ist mit insgesamt 72.000 Euro dotiert, wird vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gestiftet und vom Arbeitskreis für Jugendliteratur ausgerichtet. Der Staatspreis will die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur fördern, das öffentliche Interesse an ihr wachhalten und zur Diskussion herausfordern. Drei unabhängige Jurys – die Kritikerjury, die Jugendjury und die Sonderpreisjury – sind für die Auswahl verantwortlich.
Bekanntgabe der Nominierungen
19. März 2026, 14.00 bis 15.00 Uhr
Leipziger Buchmesse, Halle 5.0, Große Bühne
Livestream unter www.leipziger-buchmesse.de



