Zur Buchmesse ist Leipzig Deutschlands Lyrikhauptstadt. Nimmt man die Veranstaltungsdichte der Buchmesse, scheint für die Dichtung mehr als nur Hoffnung zu bestehen. So viele hochkarätige Lyriklesungen wie in den vier Buchmesse-Tagen gibt es selten: Da sind etwa die Lyriknacht „Teil der Bewegung“ in der HGB oder die Lesungen im „Besser Leben“ in Schleußig. Und da ist, an drei Messeabenden von Mittwoch bis Freitag, die temporäre Lyrikbuchhandlung, ursprünglich gestartet als Initiative „von Lyrikverlagen für Lyrikverlage“. Zunächst fand sie an wechselnden Orten im Leipziger Westen statt, etwa im Delikatessenhaus oder dem Tapetenwerk. Nach Corona fand man ein neueres, größeres Domizil in der Galerie KUB auf dem Gelände einer ehemaligen Kunst- und Bauschlosserei in der Südvorstadt. Organisiert wird die Lyrikbuchhandlung von wechselnden Köpfen aus dem Umfeld des Hochroth Verlags, in diesem Jahr sind das die Übersetzerin Martina Lisa und der Lyriker Hannes Fuhrmann.
Die Lyrikbuchhandlung – Veranstaltungsformat und tatsächlich längster Verkaufstresen in einem – versteht sich als Präsentations- und Vernetzungsplattform für Verleger:innen, Autor:innen und Leser:innen zeitgenössischer Gedichte. „Eigentlich ist es eine Marathon-Lesung mit angeschlossenem Buchverkauf“, sagt Martina Lisa (*1981). Die Dozentin für Deutsch als Fremdsprache und Übersetzerin aus dem Tschechischen und Slowakischen, die auch schon als Literaturredakteurin fürs Leipziger Stadtmagazin „Kreuzer“ gearbeitet hat, ist Teil des Verlagskollektivs von Hochroth Leipzig, der die inzwischen zur Institution gewordene Buchmesse-Veranstaltung 2012 aus der Taufe gehoben hat. Pro Abend gibt es ab 20 Uhr drei bis vier Leseblocks, dazwischen ist Zeit, nach Herzenslust in den ausliegenden Lyrikbänden zu stöbern und zu kaufen. Seit 2019 sind auch die Lyrik-Empfehlungen zu Gast, die traditionell am Welttag der Poesie, dem 21. März, bekanntgegeben werden. Kritikerinnen und Kritiker wählen zehn deutschsprachige und zehn ins Deutsche übersetzte Gedichtbände aus, beachtet werden Neuerscheinungen von März 2025 bis März 2026. Seit zwei Jahren gibt es die Lyrikempfehlungen auch für Kinder – elf Bücher für Kids zwischen drei und elf.
In diesem Jahr sind rund 27 Verlage mit ungefähr 40 Autorinnen und Autoren am Projekt beteiligt, wobei nach einem zweistufigen System vorgegangen wird: Neben einem festen Pool von dezidierten „Lyrikverlagen“ wie kookbooks, Reinecke & Voß, Poetenladen oder Edition Korrespondenzen gibt es jährlich wechselnde „Gastverlage“ – jeder Verlag kann bis zu zehn Titel für die temporäre Buchhandlung beisteuern. „Die ursprüngliche war, auch Verlagen eine Chance zu geben, die sich keinen eigenen Buchmessestand leisten können“, sagt Martina Lisa. Die Arbeit für die Lyrikbuchhandlung ist kein Sprint, gefragt sind Langstreckenqualitäten. „Der erste und vielleicht aufwändigste Teil des Prozesses ist Jahr für Jahr die Bemühung um Fördergelder“, erklärt Hannes Fuhrmann (*1983, Brandenburg/Havel), der in Leipzig Soziologie und Geschichte sowie am Deutschen Literaturinstitut studierte und 2021 mit dem Band „Wunderschöner Berg“ (Poetenladen) debütierte. Gerade ist er dabei, die Produktion von Hochroth Leipzig wieder anzukurbeln. Gefördert wird die Lyrikbuchhandlung vom Deutschen Literaturfonds, der Kulturstiftung des Freistaats Sachsen und der Stadt Leipzig – wobei in Zeiten knapper Kulturbudgets auch für dieses großartige Projekt keine langfristige Planungs-Sicherheit existiert – jedes Jahr wird neu gezittert. „Die eigentliche Orga-Arbeit“, sagt Hannes Fuhrmann, „beginnt bereits im Herbst mit der Kontaktaufnahme zu den Verlagen. Da wir übers Jahr keinen festen Ort haben, lassen wir uns die Bücher zumeist nach Hause schicken. Nach der Buchmesse müssen wir dann die Retouren organisieren, nicht selten zwei Autos voller Bücher.“
Von den Verlagen, die sich, trotz wirtschaftlich herausfordernder Zeiten, fürs Gedicht stark machen, wird die Lyrikbuchhandlung als Aufmerksamkeits-Generator zum Lese-Publikum enorm geschätzt. Martina Lisa, Hannes Fuhrmann und ihre Mitstreiterinnen bauen für drei lange Buchmesse-Abende eine Bühne für Dichtung – etwas, was die Sortimenter:innen der Republik auch an den restlichen 362 Tagen des Jahres tun sollten. Ohne Buchhandlungen als Ort des öffentlichen Austauschs, des Gespächs, geht es nicht, weiß auch die Dichterin und kookbooks-Verlegerin Daniela Seel: „Weil Buchhandlungen Wunderkammern sind, Archive, Labore, weil ich in einer Welt ohne Buchhandlungen, die dies sind, nicht leben will.“
www.lyrikbuchhandlung.de



