„Für genau solche Räume“, begeistert sich Thomas Roßdeutscher, „haben Mozart, Beethoven, Schubert und Schumann ihre kammermusikalischen Werke einst komponiert“. Wir stehen im Oeser-Saal des Gohliser Schlösschens, für den studierten Musikwissenschaftler der „vermutlich schönste Kammermusiksaal Leipzigs“, über unseren Köpfen die berühmten Decken-Ausmalungen von Adam Friedrich Oeser, die den Lebensweg der sagenhaften Königstochter Psyche nachzeichnen. Und die Superlative sind damit auch noch nicht erschöpft: Vermutlich ist der neue, im sächsischen Seifhennersdorf gebaute Bechstein-Konzertflügel auch der beste Salonkonzertflügel der Stadt – ab und an, wenn er allein im Haus ist, setzt sich Roßdeutscher, der neun Jahre Klarinettenunterricht genoss und Klavier nur hobbymäßig spielt, an das Ausnahme-Instrument.
Thomas Roßdeutscher hatte sich nach seinem Studium der Musikwissenschaft, Betriebswirtschaft sowie Kommunikations- und Medienwissenschaft dem Kulturmarketing für Musikfestivals verschrieben. Die Arbeit fürs Kurt-Weill-Fest in Dessau, die Magdeburger Telemann-Festtage oder die Händel-Festspiele in Halle lief erfolgreich, bis die Festivals in Corona-Zeiten den Lockdowns zum Opfer fielen. In dieser Umbruchphase flatterte Roßdeutscher die Neuausschreibung der Stadt Leipzig zur Betreibung des Gohliser Schlösschens auf den Tisch – sein Freund, der Jazzgitarrist und Betreiber der Musikschule „Neue Musik Leipzig“ im Kulturhof Gohlis fragte damals: „Wollen wir nicht?“ Im März 2021 gab der Stadtrat der neu gegründeten, gemeinnützigen Betreibergesellschaft Gohliser Schlösschen – Musenhof am Rosental gGmbH grünes Licht. „Im April 2021 haben wir den Schlüssel bekommen.“
Wem’s zu wohl ist, der zieht nach Gohlis, heißt es in Leipzig. Während die Boomtown an allen Ecken und Enden zum vibrierenden „better Berlin“ (New York Times) mutierte, konnte man im 1990 bis 1998 wieder in den Originalzustand des 18. Jahrhunderts versetzten Schlösschen seinen Kaffee Hag trinken und Torte verspachteln, dazu gab es immer etwas steifleinerne Hochkultur. Der Freundeskreis Gohliser Schlösschen, der die Perle im Norden der Stadt hoch engagiert betrieb, sah sich mit diversen strukturellen Problemen konfrontiert, von denen die Gastronomie nur eines war.
Das Konzept der neuen Betreibergesellschaft, die Roßdeutscher inzwischen als alleiniger Geschäftsführer leitet, ist schlüssig: „Wir wollen das Gohliser Schlösschen aus seinem Dornröschenschlaf wecken. Wir wollen den Ort öffnen und beleben.“ Roßdeutscher und sein zehnköpfiges Team agieren vor allem als Netzwerkpartner: „Wir wollen nicht als Ufo auf der grünen Wiese landen und alles neu machen.“ Mit ein paar klugen strukturellen Eingriffen hat man dafür gesorgt, dass das Schlösschen als kultureller Leuchtturm im Leipziger Norden wahrgenommen werden kann. Vom Restaurantbetrieb hat man sich verabschiedet, stattdessen gibt ein Café mit selbstgebackenem Kuchen und hochwertigen Weinen die nötige Beinfreiheit in der Eventplanung – wer sich im Schlösschen einmietet, entscheidet nach Gusto über Gastro. Im Oeser-Saal kann man sich inzwischen auch wieder trauen lassen, das Schlösschen ist „standesamtliche Außenstelle“; die Termine sind heiß begehrt und in der Regel acht Monate im Voraus ausgebucht.
Programmlich setzt das Gohliser Schlösschen vor allem auf Musik und kompetente Partner; zu allen Fachabteilungen der Leipziger Hochschule für Musik und Theater (HMT) gibt es exzellente Kontakte. Neben Reihen wie „Alte Musik – unerhört jung“ oder „Auftakt“ gehen die monatlich stattfindenden „Bürgerkonzerte“ in diesem Januar in die 280. Auflage. Mit kammermusikalischen Jazzformaten wird bewusst ein anderes Publikum angesprochen, aber: „Es muss passen. Wir gehen da nicht mit der Brechstange vor. Wir wollen die besten Bedingungen für jedes Format.“ In den Westarkaden finden – in Kooperation mit der Galerie Koenitz – regelmäßig Ausstellungen mit Leipziger „Stadtmalern“ wie Gert Pötzschig, Gerald Müller-Simon oder Walter Hertzsch statt. Im Sommer summt und brummt das Leben im wunderbaren, aber auch sehr pflegeintensiven Barockgarten des Schlösschens.
Dass Schiller hier in der Sommerfrische zu Gast war und der Hausherr, Universitätsprofessor Johann Gottlob Böhme (1717-1780) über eine opulente Bibliothek verfügte, ist für Roßdeutscher und sein Team Verpflichtung, das Haus auch für Literatur zu öffnen. Neben der Reihe „Klassiker im Schlösschen“, in der der Anglistik-Professor Elmar Schenkel Autoren wie Edgar Alan Poe, Arthur Conan Doyle oder Martin Wieland vorstellt, rückte von Anbeginn die Leipziger Buchmesse als Netzwerkpartner in den Fokus. Bereits im Corona-Jahr 2022 konnten ein Podium des vom LCB organisierten Internationalen Übersetzertreffens und die Verleihung des Kurt-Wolff-Preises hier stattfinden. Bereits ein Jahr später, als die Messe wieder durchstarten konnte, ging die „Leipzig liest“-Pressekonferenz im Oeser-Saal des Schlösschens über die Bühne. Inzwischen gibt es zur Buchmesse von Donnerstag bis Samstag drei bis vier Lese-Formate in allen Sälen des Schlösschens, in diesem März kommt erstmals die Westarkade dazu.
Das reicht vom großen Verlagsabend – 2023 hatte Zweitausendeins unter anderem Gerd Haffmanns, Susanne Fischer und Thomas Gsella eingeladen – über Lyrikangebote bis hin zu populären Namen wie Alex Capus, Amelie Fried oder Marlene Streeruwitz. Verlage wie Owen King, Piper oder Penguin sind quasi Stammgäste und wollen immer wieder kommen. Das „Leipzig liest“-Team sorgt verlässlich für passende Vorschläge, so dass Roßdeutscher nicht selbst die Vorschauen durchkämmen muss. „Für uns“, sagt der Herr des Schlösschens, „ist die Buchmesse im März der große Aufgalopp, mit dem wir ins Veranstaltungsjahr starten“. Bei all dem muss das Publikum nicht passiv bleiben: Im Schlösschen setzen sie ganz stark auf bürgerschaftliches Engagement – das reicht von der Hilfe im Garten bis zu finanziellen Zuwendungen. Der neue Bechstein wurde zu 80 Prozent aus Spenden erworben. Für den Einbau eines Plattformlifts, der endlich jene Barrierefreiheit herstellen soll, die beim Bau des Gohliser Schlösschens 1756 noch keine Rolle spielte, hofft man aktuell noch auf Spender.



