„Dissidenz ist bunt“

Der slowakische Autor Michal Hvorecký über antidemokratische Entwicklungen in Europa, die deutsche Sprache als Teil seiner Identität und seinen Schicksalsfluss, die Donau.

Michal, am Ende Deiner Vorstellungsrede in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung im vorletzten Jahr hast Du gesagt: „Schauen Sie öfters Richtung Osten: Der Blick in ein Chaos enthält die Keime auch Ihrer Zukunft.“ Was ist unsere Zukunft? Oder: Was könnte sie sein? 

Michal Hvorecký: Die Slowakei könnte eine Art Vorwarnung für den Westen sein, auch für Deutschland. Vieles von dem, was bei uns in den letzten zwei Jahren passiert ist, droht auch deutlich älteren und stabileren Demokratien. Die Gefahr, in ein autoritäres Herrschaftssystem umzukippen, haben wir nicht exklusiv. Es ist ein globales Problem geworden. Wir haben es nur früher zu spüren bekommen, weil bei uns außen rechte Parteien bereits an der Macht sind, die ihre Agenda auch planvoll umsetzen. Der Blick nach Osten kann helfen, bestimmte Tendenzen des aktuellen globalen Rechtsrucks besser zu verstehen.

In Deutschland wird heuer in einer ganzen Reihe von Bundesländern gewählt, besonders besorgt schauen viele nach Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Mit Blick auf die blauen Balken in den Umfragen heißt es nicht selten: Lasst sie doch mal machen, sie werden sich selbst entzaubern…

Hvorecký: Es ist eine Illusion, zu glauben, dass diese Kräfte, wenn sie erst an der Macht sind, ihre völkische Ideologie der Mehrheitsgesellschaft anpassen. Wir sehen das in Ungarn, der Slowakei und in Tschechien, wo der Rechtspopulist Andrej Babiš gerade eine Koalition mit zwei Parteien am äußersten rechten Rand gebildet hat, der Autofahrerpartei Motoristen und der migrationsfeindlichen Freiheit und direkte Demokratie (SPD). Statt sich um die realen Probleme der Leute zu kümmern, setzt man auf Identitätspolitik. In Deutschland hat die AfD ja auch keine „Zauberlösung“ für die multiplen Krisen der globalisierten Welt. 

In der Slowakei wird der Kulturkampf mit harten Bandagen geführt.

Hvorecký: Am stärksten sieht man den Umbau der letzten zwei Jahre in den Bereichen Justiz, Umwelt und Kultur. Auf dem Feld der Kultur ist ein starker Hebel die Neuausrichtung der Institutionen, die dem Kulturministerium direkt untergeordnet sind, davon gibt es zirka 30. Davon arbeiten heute nur noch vier mit der ehemaligen Führung. Die Off-Szene, von Kulturzentren bis zu regionalen Theatern, Museen und Galerien, versucht man durch Kappung von Fördermitteln ins Mark zu treffen. Es geht bei der Förderung nicht mehr um künstlerische Qualität, sondern um die ideologische Nähe zur aktuellen Führung. Die öffentlich-rechtlichen Medien sind in der Slowakei übrigens leider auch dem Kulturministerium untergeordnet. 

Was kann man tun?

Hvorecký: Die Slowakei wehrt sich intensiv, demokratisch – und teilweise auch erfolgreich. Wir haben eine sehr starke Zivilgesellschaft, die seit zwei Jahren auf die Straße geht – landesweit. Wir haben dutzende Demonstrationen hinter uns; in einigen Städten und Gemeinden sind es in den letzten zwei Jahren über 50! Kultur, Umwelt und Justiz sind zu großen gesellschaftlichen Themen geworden. 

Wo haben die Proteste konkrete Erfolge gebracht?

Hvorecký: Es gab zum Beispiel Versuche, nach dem Vorbild Ungarns und Russlands das Gros der Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zu „Ausländischen Agenten“ zu erklären – was ihre Arbeit fast unmöglich gemacht hätte. Das konnte man zum Glück verhindern. Trotz zahlreichen Einschränkungen im Detail funktioniert der Rechtsstaat.

1989, zur ‚Samtenen Revolution‘ warst Du 13 Jahre alt – und hast mit Schulfreunden Flugblätter in Bratislava verteilt. 36 Jahre später kommst Du als Redner bei den politischen Protesten im ganzen Land kaum noch zum literarischen Schreiben. Wie wird man zum Dissidenten? 

Hvorecký: Ich habe meine Kindheit in den Ausläufern des Realsozialismus verbracht – die letzte Phase des Imperiums war ziemlich prägend für mich (lacht). Und auch die Familie war wichtig! Ich bin – nenn’ es Glück! – sehr früh in meiner engsten Umgebung auf ziemlich spannende Menschen getroffen, die mich inspiriert haben. Dazu kommt, dass mein Land nie wirklich zur Ruhe kam. Unsere Zivilgesellschaft ist bereits in den 1990ern entstanden, im Kampf gegen autoritäre Tendenzen vor allem der dritten Regierung von Vladimír Mečiar. Seitdem gab es immer wieder Anlässe, auf die Straße zu gehen… Jetzt sind wir im 14. Jahr der Regierungen von Robert Fico. Meine Frau und ich, wir sagen uns manchmal: Jetzt wäre es schön, mal nicht jede Woche demonstrieren zu müssen. Aber dazu kam’s irgendwie nie… Dissidenten sind politische Menschen, die ihre Aufgabe im Widerstand sehen. Dazu braucht es kritisches Denken – und auch die Bereitschaft, als ‚öffentliche Person’ Verantwortung zu übernehmen. Im Osten Europas sprechen wir gerade viel über das Erbe der Dissidenten – wir sollten nicht vergessen, dass man ihrer Anfang der 1990er Jahre selbst in Russland als Helden gedacht hat. Wir sollten stolz sein auf das dissidentische Erbe der Tschechoslowakei, Polens, der DDR – und auch die dissidentischen Minderheiten nicht vergessen. Dissidenz war bunt – aber sie hatte eine gemeinsame Idee: die Freiheit! Mich fasziniert, dass Widerstand auch im 21. Jahrhundert, im digitalen Zeitalter, noch möglich ist.

Müssen die Romane also weiter warten?

Hvorecký: Vielleicht schon. Ich habe „Dissident“, mein erstes auf Deutsch geschriebenes Buch, auch als Versuch begriffen, mich selbst noch einmal mit diesem Thema auseinanderzusetzen: Was passiert da gerade mit dem Osten Europas? Wir waren ja jahrelang Hoffnungsträger des Kontinents – man hat geglaubt, wir bringen neue Impulse in die EU-Gemeinschaft. Jetzt sehen wir eine Achse Orbán – Fico – Babiš. Und haben in zehn Jahren zehn Prozent Menschen verloren, die nicht mehr ans demokratische System glauben. Das ist ein Schock für mich – und ich will verstehen: warum?

„Der Fluss Donau und die deutsche Sprache wurden zu meinem Schicksal“ – das sagtest Du auch in Deiner Akademie-Rede. Wie wurde Deutsch ein Teil Deiner Identität? 

Hvorecký: Das war mütterlicherseits tatsächlich Teil der Familiengeschichte, über meinen Opa Stefan Kirchmayer, einen Zipser Sachsen aus Leutschau. Als ich Schüler war, hassten alle Deutsch – und ich liebte die Sprache. Als Kind habe ich viel ORF geschaut und gehört – für uns die letzte Verbindung zum freien Westen; Medien kennen keine Grenzen! Später habe ich als Übersetzer gearbeitet und Bücher von Robert Walser, W.G. Sebald oder Martin Pollack übertragen. Und ich war zwei Jahre auf der Donau unterwegs, von Donaueschingen bis zum Schwarzen Meer. Ich hatte meinen Brotjob auf den großen Donauschiffen: Ein paar Wochen am Fluss, ein paar Wochen am Schreibtisch. Ich habe ein Kindersachbuch („Donau – ein magischer Fluss“) darüber geschrieben – und einen Mystery-Roman („Tod auf der Donau“). Wenn ich nicht mehr über Politik schreiben muss, würde ich gern wieder über die Donau schreiben (lacht).   

Im März kommst Du erst einmal nach Leipzig an die Pleiße – als Gast des Fokus-Programms „Donau – Unter Strom und zwischen Welten“. Worauf freust Du Dich? 

Hvorecký: Leipzig ist eine Literaturstadt – und die Buchmesse eine kultige Literatur-Institution! Eine ideale Drehscheibe zwischen Ost und West, schon immer war das so! Ich freue mich auf die Tropen Party in der Galerie für Zeitgenössische Kunst (GfZK) – dort wird es auch die Buchpremiere geben. Ich mag die Stimmung in der Stadt, wo fast an jeder Ecke gelesen und diskutiert wird. Ich habe das schon ein paar Mal erlebt – aber noch nie mit einem Buch, das ich auf Deutsch geschrieben habe. Ich bin gespannt, wie das ankommt. Es ist für mich ein Schritt in eine neue Richtung.

Michal Hvorecký, geboren 1976, lebt in Bratislava. Er verfasst regelmäßig Beiträge für die FAZ, Die Zeit und zahlreiche andere Zeitschriften. In seiner Heimat engagiert er sich für den Schutz der Pressefreiheit und gegen antidemokratische Entwicklungen. In seinem ersten Sachbuch „Dissident“ (Klett-Cotta, 14. März), zugleich sein erstes auf Deutsch geschriebenes Buch, widmet sich Michal Hvorecky einmal mehr seinen Kernthemen: illiberale Demokratie, politisch gesteuerte Medien, Verschwörungstheorien und Geschichtsklitterung. Mit viel Gespür für die feinen Risse in der Gesellschaft verwebt er seine persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen mit einer scharfen Analyse der politischen Gegenwart.

Donau – Unter Strom und zwischen Welten: Der Donauraum steht für Vielfalt – geografisch, kulturell und literarisch. Entlang der Donau gibt es eine Fülle an Stimmen, Sprachen und Perspektiven. Diese literarischen Schätze wird das Fokusthema der Leipziger Buchmesse 2026 sichtbar machen. Zahlreiche Partner – darunter das Auswärtige Amt, die Bundeszentrale für politische Bildung, das Goethe-Institut, TRADUKI, die Stadt Leipzig und Kulturinstitutionen der beteiligten Länder – gestalten gemeinsam unter der Kuration von Stephan Ozsváth ein Programm, das zeigt, wo Geschichten verbinden und wo sie vielleicht auch trennen. In einer kleinen Serie stellen wir hier bis zum Beginn der Buchmesse ausgewählte Gäste des Donau-Programms vor.

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