Dem Lesen Sichtbarkeit verschaffen! 

Der menschliche Faktor, Folge 2.4: Bärbel Dorweiler, verlegerische Geschäftsführerin bei Thienemann-Esslinger, über die Bedeutung physischer Buchmessen, literarische Entdeckungen und den Wert der Kulturtätigkeit Lesen.
(c) Thienemann

Spricht man über die Notwendigkeit von physischen Messen, fällt mir bei Thienemann sofort das Leipziger Café Maître ein. Digital gibt es so etwas eher nicht, oder?

Bärbel Dorweiler (lacht): Ja, das stimmt.

Wie ist die Beziehung Ihres Verlags zu dem großartigen Kaffeehaus entstanden?

Dorweiler: Wir haben das quasi geerbt. Wir führen ja seit 2019 das Aladin-Programm weiter, das Klaus Humann sechs Jahre vorher ins Leben gerufen hatte, nachdem er nicht mehr Geschäftsführer und Verleger von Carlsen war. Und er war es auch, der dieses Verlagsfrühstücks á la Francaise im Cafe Maitre erfunden hatte, um Buchhändlerinnen und Buchhändlern, Medienleuten und Literaturhaus-Programm-Machern neue Bücher und die Künstler vorzustellen, die diese Bücher geschaffen haben…

Stimmt, ich erinnere mich: Damals zeichnete Thomas M. Müller eigens Etiketten für den frisch gepressten Apfelsaft aus dem Muldental, Kollege Ole Könnecke kam vor lauter Signierwünschen nicht zum Kaffeetrinken.

Dorweiler: Zur Leipziger Buchmesse 2019, als die ersten Aladin Bücher bei uns im Haus erschienen sind, haben wir dieses Frühstück gemeinsam mit Klaus gemacht. Da war Klaus auch mit dabei. Das war die Übergabe des Staffelstabs. Und wir haben damals gesagt: Das ist so ein schöner Austausch, wir behalten das bei! Wir haben es sogar ein bisschen ausgeweitet, und auch andere Titel und Autoren aus anderen Programmen vorgestellt. Es ist einfach eine großartige Sache, ganz direkt mit Journalisten, Buchhändlern, Veranstaltern, auch Bibliothekaren über bestimmte Titel zu sprechen. Ein Mini-Branchenaustausch, wenn Sie so wollen. Inzwischen ist es eine liebgewonnene Tradition geworden.

Wie würden Sie, aus Sicht eines Kinderbuchverlags – eines nicht ganz kleinen Hauses mit vielen Zimmern – die Bedeutung von physischen Messen in immer digitaleren Zeiten generell einschätzen?

Dorweiler: Die Digitalisierung ist eine konstante Bewegung in unserer Gesellschaft. Zugleich sehen wir noch eine andere Bewegung: Ich nenne das jetzt mal Eventisierung: Also, positiv gewendet, Dinge nicht nur zu erleben, sondern auch mit anderen zusammen zu erleben. Auch Buchhandlungen sind ja längst nicht mehr nur reine Buchverkaufsstellen. Das Einkaufen als Erlebnis wird immer wichtiger. Und ich glaube auch, dass es wichtig ist, dass wir Bücher auch als Begegnung mit dem Lesen, mit den Autoren und Autorinnen, mit Illustratoren und Illustratorinnen erfahrbar machen. Vielleicht sollten wir hier auch an das Making-of denken… Also die Transporteure der Literatur in den Verlagen, die dafür sorgen, dass das Buch überhaupt entsteht und auf den Markt kommt. Es ist nicht selbstverständlich, dass die Leser das sehen – insofern sollten wir das deutlicher inszenieren. Ich glaube, dass das wirklich etwas hinzufügt, einen Wert kreiert, wenn Menschen da in die Begegnung gehen können. Und auf Messen können wir das eigentlich in optima forma! Es ist ein schönes Zeichen, dass Leipzig – und auch Frankfurt – wachsende Besucherzahlen haben. Gerade in Leipzig finde ich das immer ganz, ganz toll zu sehen, wie viele Kindergartengruppen und Schulklassen auf die Messe kommen – aber auch Familien, also Eltern mit ihren Kindern, gerade am Wochenende! Sie kommen, um zu stöbern, sich zu orientieren, zu gucken, was es alles Neues gibt, welche Autoren und Autorinnen sie treffen können. Das ist von unschätzbarem Wert. Wenn ich in Leipzig in der Straßenbahn sitze…

Die Linie 16 als Marktforschungs-Labor und Kino in einem…

Dorweiler: Genau. Und was sehe ich? Die Zeiten, in denen die Leute mit einem Buch oder einer gedruckten Zeitung in der Tram sitzen, sind offenbar lange vorbei. Die Masse blickt aufs Handy, und ich kann mich da gar nicht ausnehmen. Was tun sie mit ihrem Smartphone? Vielleicht lesen sie ja sogar ein Buch? Das will ich ja gar nicht ausschließen. Aber gerade für Kinder ist es nicht mehr selbstverständlich, dass Erwachsene im öffentlichen Raum, in den Verkehrsmitteln, lesen. Leider ist es auch nicht mehr so selbstverständlich wie früher, dass Kinder in den Familien ans Buch herangeführt werden. Das findet, wie zuletzt eine Untersuchung der Stiftung Lesen herausgearbeitet hat, zunehmend in den Institutionen, also in Kitas und in der Grundschule statt. In so einer gesellschaftlichen Situation, finde ich, müssen wir dem Lesen Sichtbarkeit verschaffen! Dazu kann eine Messe enorm beitragen, weil Medien in großer Schlagzahl darüber berichten und damit Öffentlichkeit fürs Lesen schaffen. Und das ist auch für Eltern und Kinder wichtig, weil es darauf aufmerksam macht, welchen Wert Bücher haben können und welchen Wert das Lesen hat.

Wir haben ja alarmierende Berichte, jetzt auch gerade wieder in diesen Tagen, was die Lesefähigkeit unseres Nachwuchses betrifft. Wird Ihnen als Verlegerin da manchmal angst und bang?

Dorweiler: Ja, natürlich sehen wir das mit Sorge. Allein 30 Prozent Rückgang in der Alterszielgruppe 10 bis 15 Jahre! Das ist eine irre Zahl. Ich würde vermuten, dass sich da auch die „Corona-Delle“ im Lesenlernen zeigt. Die heute Zehn- bis Zwölfjährigen waren zu Pandemie-Zeiten gerade in der Grundschule. Wir wissen aus zahllosen Familienberichten, wie schlecht das zum Teil mit der schulischen Begleitung funktioniert hat. Es wäre also nachvollziehbar, wenn sich das so äußert. Lesenlernen ist ja eine wirklich komplexe Kulturtätigkeit, eine riesige kognitive Leistung…

Nun wollen wir Ihre Arbeit nicht auf schiere Leseförderung reduzieren. Die anderen Vokabeln sind ja schon gefallen: Freude, Spaß, Geschichten… Worin bestehen derzeit Ihre größten Herausforderungen als Kinder- und Jugendbuchverlag?

Dorweiler: Ich glaube, wir sind aktuell in einer Phase, in der sich viele im kreativen Bereich auf Bekanntes verlassen. Das gilt nicht nur für die Verlage. Im Kino etwa werden immer mehr Prequels, Sequels, zweite, dritte, vierte Teile von Filmen, die gut gelaufen sind, produziert. Etwas Vergleichbares sehen wir auch im Kinderbuch: Da gibt es starke Reihen, starke Marken, die eine große Präsenz haben. Wenn Sie sich die Kinderbuch-Top-100 vom letzten Jahr anschauen, werden Sie erschreckend wenig „echte“ Novitäten finden, also Bücher, die nicht entweder zu einer Reihe gehören oder von einem Autor oder einer Autorin stammen, die sich bereits ihre Sporen verdient haben. Und unsere größte Herausforderung aktuell sehe ich darin, tatsächlich neue Autoren, neue Illustratoren durchzusetzen – ihnen eine Bühne zu bieten und ihnen den Weg zum Publikum zu ebnen.

Ohne die bekannten und beliebten Stars geht es aber offenbar auch nicht, oder?

Dorweiler: Sicher. Das ist immer das Backbone, ohne das wir nicht auskommen. Auch, weil es Kindern und Eltern Orientierung bietet, neben dem Lesespaß. Da sind zum einen die Klassiker, von Ottfried Preußler bis Michael Ende, und die bekannten Bilderbuch-Charakter wie „Der kleine Rabe Socke“ und „Dr. Brumm“. Die haben tatsächlich eine durchgängige Präsenz in unserem Programm – und natürlich im Handel, und auch zum Glück in den Lesestapeln der Kinder und Familien, auch der Erwachsenen. Das ist ein großes Gut! Dann gibt es die Nachwachsenden, die sich längst auch Prominenten-Status erarbeitet haben: Sabine Bohlmann etwa ist eine der erfolgreichsten deutschen Kinderbuchautorinnen, die bei uns gleich mehrere Reihen veröffentlicht: „Ein Mädchen namens Willow“, „Frau Honig“, die Bilder- und Vorlesebuchreihe „Der kleine Siebenschläfer“, auch von „Willkommen bei den Grauses“ ist bereits der dritte Band erschienen. Kinder sind schon immer serielle Leser gewesen. Davon können alle erfolgreichen Autoren ein Lied singen: Eine Woche nach Erscheinen eines neuen Bandes setzt es mit Sicherheit auch bei Sabine Bohlmann die Frage: Wann kommt denn das nächste Buch? Also, das ist Fluch und Segen zugleich: Reihen sind wichtig für die Leserbindung. Aber zugleich wollen wir – und zugleich unsere Autorinnen und Autoren – natürlich auch Neues entwickeln!

Auf Tuchfühlung mit den jungen Lesern: Bestsellerautorin Sabine Bohlmann (c) Verlag

Mögen Sie uns so eine Entdeckung nennen, bei der Sie denken: Da haben wir wirklich etwas gewagt?

Dorweiler: Im Grunde präsentieren wir natürlich in jedem Programm auch neue Autoren und Autorinnen…

Das gehört quasi zur Verlags-DNA?

Dorweiler: Absolut! Und wir sind einer der Verlage, die vor allem deutschsprachige Kinderbücher herausbringen und entwickeln. Wir haben zum Beispiel in diesem Jahr zum ersten Mal mit Maren Graf (*1984) zwei Bücher entwickelt. Bereits erschienen ist „Einfach Sunny“, mit Bildern von Olivia Vieweg – eine Detektivgeschichte mit einer mutigen, blinden Heldin. Ein zweiter Banderscheint in diesem Monat. Maren ist für uns eine Entdeckung, eine der Autorinnen und Autoren, denen wir viel zutrauen.

Apropos Entdeckung: Auf den Messen ist es ja Usus, dass viele junge Leute von den Hochschulen mit ihren großen Mappen an den Verlagsständen vorsprechen. Allerdings verraten wir nicht zu viel, wenn wir sagen. Das ist nicht der Königsweg in den Verlag. Sind Sie dennoch bei so einer Situation einmal geflasht worden auf einer Messe?

Dorweiler: Natürlich finden wir auf Messen immer wieder besondere Titel. Allerdings sitze ich selbst nicht in den Mappen-Sprechstunden, das machen die Kolleginnen aus dem Lektorat mit all ihrer Erfahrung. Es ist ja so, dass viel mehr Menschen Geschichten erzählen und schreiben wollen, als wir jemals verlegen könnten. Insofern müssen wir sehr wählerisch sein, um am Ende ein gut ausgewogenes, schönes Programm präsentieren können.

Ob und wie das aufgeht – auch das lässt sich auf Messen ablesen, oder?

Dorweiler: Leipzig ist eine echte Publikumsmesse – wenn Kinder an den Stand kommen, schauen wir natürlich genau: Wo greifen sie hin?

Bärbel Dorweiler und Ulli Hartmann, kaufmännischer Geschäftsführer (c) Verlag

In diesen Situationen sind Kinder ja entwaffnend ehrlich! Wenn sie sich langweilen, nützt der schönste Marketingtrick nichts!

Dorweiler: Stimmt! Deswegen freue ich mich immer sehr, wenn ich sehe, mit welche immenser Energie Lehrer ihre Klassen auf die Messe schicken. Wir hatten letztes Jahr eine Gruppe Jungs und Mädchen, ich denke, die waren so zehn, also vierte Klasse… Der Lehrer hat sich dezent im Hintergrund gehalten. Und seine Schüler hatten den Auftrag, jemanden vom Verlag zu interviewen.

Eine echte Challenge!

Dorweiler: Sie haben sich unseren kaufmännischen Geschäftsführer geschnappt und haben den so richtig gelöchert. Super Situation! Es war so schön zu sehen, wie die fünf oder sechs Kinder da loslegten.

Und wie hat sich Ulli Hartmann geschlagen?

Dorweiler: Natürlich mit Bravour! Er hat selber Kinder und weiß, wie er damit umgehen muss. Im Endeffekt schließt sich so der Kreis zum Beginn unseres Gesprächs: Es ist toll, wenn Kinder dafür sensibilisiert werden, wie die Bücher in die Welt kommen. Auf der Messe kann man es live erleben!

Bärbel Dorweiler, geboren 1963 in Duisburg, leitete von 2001 bis 2013 den Querido Kinderbuchverlag in Amsterdam, im Zuge der Fusion der traditionsreichen deutschen Kinderbuchverlage Thienemann und Esslinger unterm Dach der schwedischen Bonnier-Gruppe kam sie 2014 nach Deutschland zurück und übernahm die Leitung des Thienemann-Esslinger Verlags in Stuttgart.

Umschlagplatz für Inspiration: Die Buchmesse ist Lesefest und Branchentreff, ein Ereignis, das unsere Aufmerksamkeit für das Buch, auf Literatur, auf Autorinnen und Autoren fokussiert und eine demokratische Öffentlichkeit schafft. Unsere Sommer-Serie „Der menschliche Faktor“ geht in die zweite Staffel. Wir fragen Buchmenschen aus allen Bereichen der Branche nach ihren prägenden Leipzig-Erlebnissen – und was die Buchmesse auch in den Hochzeiten der digitalen Transformation für sie unverzichtbar macht.  

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