Für einen neu gegründeten Verlag, der zum ersten Mal auf der Buchmesse ausstellt, ist dieser Moment wie ein Lotto-Fünfer mit Zusatzzahl: Gleich zu Beginn der Vorstellung seiner „Lieblingsbücher im Frühjahr“ auf der „druckfrisch“-Bühne hält der Literaturkritiker Denis Scheck eine der handlichen Kassetten des Lampe Verlags in die Kamera: „Ich habe einen kleinen Verlag entdeckt, einen neuen Verlag – denn solche Buchmessen wie die in Leipzig sind ja eigentlich dazu da, nicht wie ein andalusischer Brunnenesel immer denselben Kreis abzuschreiten. Sondern auch mal Neues zu entdecken!“ Die Bücherkassetten des Lampe Verlags seien für ihn eine „geniale Idee“. Scheck nennt die Standnummer (Halle 5, K 207) und empfiehlt gleich zwei Schuber: Die feministische Anthologie „Ihrer Zeit voraus“ und die Sammlung „Im Bett“.
Für Christiane Lahusen und Viktor Hilgemann, die ihren Lampe Verlag im Juli 2025 in Berlin gegründet haben, ist das ein Start nach Maß. „Als die ersten Leute von der „druckfrisch“-Bühne zu uns strömten“, erzählt Lahusen lachend, „waren gerade meine Eltern am Stand. Schöner hätte man es nicht choreografieren können!“ Christiane Lahusen und Viktor Hilgemann sind zum dritten Mal auf der Messe – aber zum ersten Mal mit dem eigenen Verlag. Lahusen, deren Mann Schwede ist, leitete die Literaturabteilung des Stockholmer Goethe-Instituts; Hilgemann war Lektor und Projektleiter für den schwedischen Verlag Novellix, der mit seinem Konzept, Literatur in kleinem Format und in einer Box zu präsentieren, 2024 auch auf den deutschen Markt expandieren wollte. Als die Schweden sich schließlich doch dafür entschieden, sich auf den skandinavischen Markt konzentrieren zu wollen, standen Lahusen und Hilgemann vor der Frage: Sollen wir selbst als Start-up ins Risiko gehen?
Sie hatten den Mut, nicht zuletzt, weil sie sich schon länger kannten, und überarbeiteten das ursprüngliche Konzept: Aus den Buch-Boxen wurden Schuber. „So ist das Ganze besser als Buchprodukt erkennbar.“ Der Buchhandel nahm die Idee des Lampe-Verlags, vier bis fünf Stimmen in einer kleinen „Literatur-WG“ zu bündeln, und das Ganze ausgesprochen liebevoll auszustatten, sehr gut an: „Es ist neu, es sieht gut aus, es ist niederschwellig und hat trotzdem Anspruch“, erklärt Christiane Lahusen. In jedem Schuber gibt es Originaltexte, aber auch Ausgrabungen. „Das ist uns in einer Zeit, da die Halbwertszeit von Literatur immer kürzer wird, sehr wichtig.“ Die Reaktionen der angeschriebenen Autorinnen und Autoren ist bislang ausgesprochen positiv: „Viele haben große Lust auf die kleine Form. Die meisten kannten uns vorher nicht – und haben uns trotzdem Texte gegeben.“
Die Leipziger Buchmesse kannten Christiane Lahusen und Viktor Hilgemann schon aus ihren Jobs fürs Goethe Institut und Novellix. „Für mich ist es die beste Möglichkeit, Input zu bekommen, Autorinnen und Autoren zu sehen, mit Kolleginnen und Kollegen zu sprechen“, sagt Lahusen. „Leipzig ist tatsächlich alternativlos.“ Bei der Premiere haben sich die beiden für einen Sechs-Quadratmeter-Stand entschieden – der auch vor der Scheck-Empfehlung immer gut gefüllt ist. „Mit unseren Leserinnen und Lesern in Kontakt zu kommen, ist phantastisch! Wir bekommen genau mit, was ‚funktioniert’, und nach welchen Kriterien die Leute auswählen. Für Leipzig liest haben sich die Neu-Verleger heuer nicht angemeldet – als sie im letzten Sommer gründeten, wussten sie: „Wir müssen im Januar sechs Schuber in Druck geben. Das war sportlich. Aber wir wollen im nächsten Jahr auf jeden Fall dabei sein.“ Stattdessen haben Lahusen und Hilgemann Autorinnen wie Berit Glanz, Anne Rabe oder Alena Schröder an den Stand eingeladen – und das Ganze via Instagram beworben. Das wirkte – die Lampe-Fläche in Halle 5 war stets dicht umlagert. Der Tenor der meisten Gespräche: „Viele Leute freuen sich ganz einfach, dass einmal nicht über die neueste Pleite geredet wird – sondern dass es einen neuen Namen in der Branche gibt!“



