Es gäbe entspanntere Tage, um mit Ruth-Maria Thomas über das Geheimnis des perfekten Debüts zu sprechen, und darüber, wie sich das Leben danach verändert. Das gemütliche Plagwitzer Café mit der hohen Notebook-Dichte ist immerhin nur ein paar Gehminuten von ihrem Schreibtisch entfernt, also: Deal! Eine Stunde, unsere Kompromissformel. Die Autorin befindet sich in der Endphase der Arbeit an ihrem zweiten Roman, der im Herbst erscheinen soll. Das ist, sind wir ehrlich, für alle professionell Schreibenden eine nicht gerade vergnügungssteuerpflichtige Zeit: „Jetzt, in dieser intensiven Schreibphase, fühlt es sich an, als würde ich zwei parallele Leben führen. Den normalen Alltag, in dem man vieles vernachlässigt – und das Leben mit den Figuren, auf das gefühlt jeder Spaziergang, jedes Gespräch, jede Lektüre ausgerichtet ist. Die Spannung so hochzuhalten, schafft man eigentlich nur für drei, vier Monate am Stück.“
Bei Ruth-Maria Thomas ist der Druck besonders hoch. Zum einen war ihr Debütroman „Die schönste Version“, der im Sommer 2024 bei Rowohlt erschienen ist und den die FAZ als „berückendes Generationsporträt der Millennials“ pries, ein überraschender Erfolg. Und zwar, was nicht so oft vorkommt, bei Kritikerinnen und am Verkaufstresen. Das Buch war für den Deutschen Buchpreis und den aspekte-Literaturpreis 2024 nominiert und stand gleichzeitig wochenlang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Zum anderen hat Ruth-Maria Thomas im letzten Jahr den Verlag gewechselt, sie ist ihrer Lektorin Anna Humbert von Rowohlt zu dtv gefolgt.
„Ich wollte unbedingt weiter mit Anna zusammenarbeiten“, sagt Thomas. Gerade jetzt, in der heißen Phase der Arbeit am neuen Roman, ist der Kontakt besonders eng. „Ich glaube, Anna ist – neben meinem Mann – die Person, mit der ich in den letzten drei Jahren am intensivsten zusammen bin.“ Anna Humbert lebt in Berlin – wenn sich Lektorin und Autorin nicht zu gemeinsamer Textarbeit in Leipzig oder Berlin verabreden, wird über verschiedene Chats kommuniziert. Dazu läuft gerade jetzt auch oft das Telefon heiß. Daneben gibt es weitere Vertraute, vor allem befreundete Schriftstellerkolleginnen wie Verena Keßler, Dana Vowinckel oder Charlotte Gneuß. Man tauscht Texte aus, spricht darüber. „Ich erlebe das als Bereicherung. Je öfter man ins Außen geht, andere Blickwinkel und Perspektiven aufs eigene Tun bekommt, desto hilfreicher ist das für die Arbeit.“
Ruth-Maria Thomas wuchs in Cottbus-Döbbrick, am Rande des Tagebaus, auf. Geschichten als Frei-Raum neben der Alltagsrealität spielten in ihrem Leben schon immer eine Rolle: „Ich habe meinem kleinen Bruder Geschichten zum Einschlafen erzählt“, erinnert sie sich. „Und ich hatte relativ früh einen Bibliotheksausweis.“ Mit 12 Jahren entdeckte sie im Cottbuser Kinder- und Jugendtheater Piccolo für sich einen weiteren Kreativ-Raum, noch während ihres Studiums der Sozialen Arbeit blieb sie dem Theater treu. „Das hat mich schon immer interessiert: Wie man die Realität noch einmal anders anschaut, durch Kunst.“ Nach dem Studium ging Ruth-Maria Thomas nach Leipzig, wo sie als Jugendsozialarbeiterin tätig war. In dieser Zeit war das Schreiben eine Art Ventil, um die auf sie einstürzenden Erfahrungen im Job verarbeiten zu können. „Eine harte Zeit“, erinnert sie sich. Es war Charlotte Gneuß, ebenfalls eine Autorin und Studierte Sozialarbeiterin, die ihr schließlich zu einer Bewerbung am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (DLL) riet – für Thomas bislang ein magischer, unerreichbarer Ort. Im Herbst 2019 begann sie ihr Studium. „Ich habe wahnsinnig viel geschrieben, gelesen, mich ausprobiert. Ich war dankbar, dass ich drei Jahre so viel aufsaugen, lernen konnte. Eine Luxus-Situation!“ 2022 lernte sie während des Open Mike, der neben dem Bachmann-Preis als wichtigster deutschsprachiger Wettbewerb für Literatur-Neuentdeckungen gilt, Anna Humbert kennen. Während Ruth-Maria Thomas von der Wettbewerbs-Situation, der Omnipräsenz der Agenten und Scouts eher latent verunsichert war und keinen der Preise gewann, war die Lektorin von ihrem Text begeistert – und nahm die angehende Autorin unter Vertrag. „Anna“, sagt Thomas lachend, „war mein Preis“.
Obwohl es am DDL, neben der alles dominierenden Textarbeit, ein Seminar zum Literaturbetrieb gab, obwohl am Haus lehrende Autorinnen und Autoren wie Julia Schoch, Daniela Dröscher oder Wolfram Lotz in ihren Seminaren immer wieder Raum für praktische Fragen um Steuer oder Honorarverhandlungen gaben, wurde Ruth-Maria Thomas 2024 vom Erfolg ihres Debüt-Romans überrollt. „Es hat mich überrascht, gefreut – und total überfordert“, erinnert sie sich. Von Presse und Marketing ihres Verlags fühlte sie sich gut betreut – allerdings hatte sie sich irgendwann dafür entschieden, die geschäftliche Seite ihres Berufs keiner Literaturagentur anzuvertrauen, sondern selbst in der Hand zu behalten. Allerdings ist sie der 2025 von fünf Branchen-Frauen gegründeten Genossenschaft zoraLit beigetreten. „Für mich ist das bis jetzt eine gute Zwischenlösung: Ich bin vernetzt, und kann mich auch außerhalb des Verlags beraten lassen.“ Mehr als 60 Lesungen hat Ruth-Maria Thomas mit „Die schönste Version“ absolviert. Dazu jede Menge Anfragen für weitere Schreib-Projekte, und der bange Blick auf die Bestseller-Liste: Wie sind die Zahlen? Wo stehe ich? Wird es irgendwann aufhören? „Eine Weile war ich fast süchtig danach, mein Amazon-Ranking zu checken. Die öffentliche Aufmerksamkeit ist ein zweischneidiges Schwert. Gerade, wenn man das alles zum ersten Mal erlebt, kostet es viel Kraft, sich von den äußeren Einflüssen zu lösen, in sich zu ruhen. Das wünsche ich mir auf jeden Fall für mein zweites Buch.“
Ruth-Maria Thomas: „Die zweitgrößte Liebe“, erscheint am 30.07. 2026 bei dtv
Debüt-Autor:innen im Rampenlicht: Nachdem die Leipziger Buchmesse im Frühjahr 2025 erstmals das erfolgreiche Veranstaltungsformat „Beste erste Bücher“ des Literarischen Herbstes auch auf der Messe veranstaltet hat, rückt sie 2026 die Debüt-Autor:innen mit einer ganzen Reihe an Veranstaltungen in den Mittelpunkt. Das reicht von der zweiten Frühjahrs-Auflage von „Beste erste Bücher“ im Ost-Passage Theater und der Langen Leipziger Lesenacht (L3) in der Moritzbastei bis zu Messe-Foren wie der #buchbar und dem BL:OOM-BloggerRoom



