Feuerfeste Bücher 

Buchmesse-Nachschlag, Teil 1: Beim Preis der Leipziger Buchmesse empfehlen sich große, packende Geschichten für immer wieder neue, überraschende Perspektiven auf unsere ach so komplexe Welt

Im 22. Jahrgang des Preises der Leipziger Buchmesse gibt es weniger denn je einen belastbaren Blick auf die Gegenwart. „Die Realität“, so Jury-Vorsitzende Katrin Schumacher in der sonnendurchstrahlten Glashalle, „ist elastisch, je nach Feed, unsere Aufmerksamkeit wird mit Ungewissheiten in ständiger Aktualisierung gefüttert“. Immerhin, verspricht uns die Jurorin, können wir Leserinnen und Leser uns gegen das ständige Starren auf die Timeline und für die Literatur entscheiden. „Bücher sind Zeit-Akkus“, dies mache die Literatur zur großen Gegenspielerin unserer Unaufmerksamkeit, unserer Endzündlichkeit an der Welt. „Lesen die die guten Bücher, die langen, die feuerfesten!“ Wieder einmal hatte die siebenköpfige Jury die Qual der Wahl: Aus 485 eingereichten Werken in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung wählte sie insgesamt 15 Nominierte aus. Am Messedonnerstag, 16 Uhr, dann ein inzwischen lieb gewordenes Ritual, dem die Branche entgegenfiebert: Die Verkündung und Auszeichnung der Gewinner.

Super Job: Die unabhängige Jury im 22. Jahr des Preises (c) Jens Schlüter/LBM

„In Wien würde man jetzt sagen: Na bumm!“ Was Manfred Gmeiner hier ausdrücken wollte, ist ein Ausruf des Erstaunens, den man hierzulande etwa mit „Donnerwetter!“ wiedergeben könnte. Eben hat der sichtlich um Fassung ringende Gmeiner den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung aus den Händen von Messe-Geschäftsführer Martin Buhl-Wagner bekommen. Ausgezeichnet wird seine Übertragung einer literarischen Entdeckung, nämlich Gustavo Faverón Patriaus Roman „Unten leben“ (Droschl) aus dem Spanischen. In der Begründung der Jury heißt es: „Dutzende Stimmen bilden in diesem meisterhaften Horror- und Schelmenroman ein Mosaik der düsteren Geschichte Lateinamerikas. Manfred Gmeiner hat diese labyrinthische Erzählung mit spielerischer Eleganz übertragen, ohne jemals den Blick auf ihre eigensinnigen Figuren, die literarischen Querverweise und das magische Funkeln der Poesie zu verlieren.“ Der Übersetzer, geboren 1964, lebt in Wien und ist ein Quereinsteiger – vorher war er als Buchhändler tätig. „Kaufen Sie dieses Buch am besten in einer kleinen, unabhängigen Buchhandlung“, wandte sich Gmeiner ans Publikum. Dass in Leipzig auch Übersetzungen ausgezeichnet werden, sei, so Katrin Schumacher, auch als Zeichen der Wertschätzung des Engagements und des Könnens der Übersetzerinnen und Übersetzer zu verstehen. Schumacher verschwieg nicht, dass viele der Fährleute der Literatur unter einer „desaströsen Einkommenssituation“ litten, wie eine Studie des Verbands deutschsprachiger Übersetzer:innen literarischer und wissenschaftlicher Werke (VdÜ) kürzlich herausgearbeitet habe. Wenn die Jury des Preises der Leipziger Buchmesse für mehr Sichtbarkeit für Gmeiner und seine Kolleginnen plädiert, meint sie „die angemessene finanzielle Wertschätzung dieser eigentlich unbezahlbaren Arbeit“. Und: Die aus Gründen immer wieder erhobene Forderung: Übersetzerinnen und Übersetzer aufs Cover!

Angesichts der in diesem Jahr nominierten Sachbücher könnte man glauben, dass 2026 ein geschichtsinteressierter Jury-Jahrgang ist. Dass sich die Jury, in Schumachers Worten, auch für die dabei „miterzählte Gegenwart“ interessiert, beweist aufs schönste der Sachbuchpreis: Gewonnen hat ihn Marie-Janine Calic mit dem Band „Balkan-Odyssee. 1933-1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“ (C. H. Beck). Das Buch erzählt eine lange vergessene Geschichte, die der Flüchtlinge aus Nazideutschland, die bewusst oder aus der Not heraus nach oder über den Balkan Sicherheit suchten. Viele von ihnen flohen nach Jugoslawien, das später auch ein Opfer des NS-Regimes wurde, und gerieten so erneut in Not. Andere nutzen die Donau, um in Richtung Palästina zu gelangen. Die Autorin erzählt fesselnd und doch wissenschaftlich exakt von den Irrungen, den Nöten und den Hoffnungen der Menschen auf der Flucht. „Das alles ist auf traurige Weise aktuell für mich gewesen“, so Calic auf der Bühne der Glashalle: „Fluchterfahrung bedeutet Verlust von Heimat, Familie, Beruf, oft Sprache. Sie führt in die Ungewissheit, in Verzweiflung und Ausweglosigkeit.“ Bei Calics letzten Worten konnte man die berühmte Stecknadel fallen hören: „Geschichte wiederholt sich nicht. Aber sie reimt sich. Wenn mein Buch dazu beitragen kann, dies in Erinnerung zu rufen, dann freue ich mich!“

Buchmesse-Direktorin Astrid Böhmisch freut sich über einen starken Preis-Jahrgang (c) Jens Schlüter/LBM

„Ganz schön, das Ganze mal von dieser Seite zu sehen“, sagt Katherina Poladjan, als sie unter der Glashallenkuppel vor dem applaudierenden Publikum ans Rednerpult tritt. Eben hat sie aus den Händen von Leipzigs OBM Burkhard Jung für ihren Roman „Goldstrand“ (S. Fischer) den Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Belletristik erhalten. In den vergangenen Wochen hat sie sich manchmal vorgestellt, wie sie einen zerknitterten Zettel aus der Tasche zieht, darauf einige um Angemessenheit bemühte, anmutige Worte: „Worte, die den Ernst der Lage nicht verkennen und die Leichtigkeit nicht vergessen“. Genau das gelingt der in Moskau geborenen, heute in Berlin lebenden Autorin mustergültig – sie hält die geschliffenste Dankesrede des Nachmittags. „Es bedarf der Umwege über die Geschichte, um die Gegenwart mit sich selbst bekannt zu machen“, zitiert sie Thomas Mann aus dessen vorletztem „Zauberberg“-Kapitel („Die große Gereiztheit“), das am Vorabend des Ersten Weltkriegs spielt. „Lasst uns spielen!“ hatte sie über ihren letzten Roman „Zukunftsmusik“ geschrieben; das Buch kam 2022, während des Beginns der russischen Vollinvasion in der Ukraine, in die Buchhandlungen. Vier Jahre später ist nichts besser geworden – und dennoch betont Katherina Poladjan in ihrer Rede erneut das Spiel, den „dissidentischen Witz“ als Werkzeuge des Widerstands, der Erkenntnis: „Wenn man die Welt in der Phantasie auseinandernimmt, und dann probehalber neu zusammensetzt, ergeben sich immer unerwartete Perspektiven!“

 

Blick zurück nach vorn: Die Buchmesse-Begegnungen dieses Frühjahrs hallen lange nach. Gastgeber dieser besonderen Welt sein zu dürfen, macht uns unendlich stolz – und sehr glücklich.Wir danken allen, die für tausend magische Messe-Momente, für unvergessliche Tage gesorgt haben. Und freuen uns auf ein Wiedersehen im kommenden Jahr – vom 18. bis 21. März 2027. In unserer kleinen Serie blicken wir auf die aus unserer Sicht interessantesten und bewegendsten Ereignisse der Leipziger Buchmesse 2026 zurück.

 

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