Wenn am 19. Februar die alljährlich mit Spannung erwartete Vorab-Pressekonferenz der Leipziger Buchmesse in der Lützner Straße 29 über die Bühne geht, wird das „Neue Schauspiel“ immer noch Neues Schauspiel heißen. Der Bandwurmname seines neuen Trägervereins – „Theater- und Kulturbühnen in der Idealfabrik e. V.“ – taucht nur auf der Website und Rechnungen auf. Klar ist, dass die um 1913 entstandene ehemalige Druckerei in der Lützner Straße mit ihrem verblichenen Industrie-Charme ein idealer Kulturort ist. Wegen solcher Möglichkeits-Räume wurde Leipzig einst abwechselnd als das „bessere New York“ oder das „bessere Berlin“ gepriesen. Die scheinbar grenzenlosen Entfaltungsmöglichkeiten von „Hypezig“ zog kreative Köpfe wie die Würzburger Markus Czygan und Claudia Rath an, die mit Gleichgesinnten jede Menge Kraft und Herzblut ins alte Gemäuer steckten, um Konzerte, Lesungen, Theater und Shows aller Art ins bröselige Gemäuer zu holen. Die Doppelbelastung, ein Haus erhalten und Kultur produzieren zu müssen, schlaucht, zumal die erhoffte institutionelle Förderung durch die Kommune nie erreicht werden konnte. Im letzten Sommer übergaben die Kultur-Pioniere an einen neugegründeten Trägerverein, der von vier Frauen geführt wird – neben den fürs Musikprogramm zuständigen Claudia Herold und Rebecca Schöler sind das Letizia Rivera und Tanouir El Amri, die wir an einem milden Februarmorgen in der hauseigenen Theaterkneipe Tante Manfred treffen.
Letizia Rivera, in deren Händen die künstlerische Leitung des Theaterprogramms liegt, kam 2019 aus Italien nach Leipzig, um in Theaterwissenschaft zu promovieren. Daneben stürzte sie sich kopfüber zwischen Cammerspielen, Lofft und dem English Theatre Leipzig in die theatrale Praxis und absolvierte ein Zweitstudium Kulturmanagement in Hamburg. „Inzwischen“, sagt sie, „ist das Theater der Mittelpunkt meines Lebens geworden.“ Tanouir El Amri ist aus Frankreich nach Leipzig gekommen, hat BWL studiert und als Wirtschaftsprüferin gearbeitet. „Ich habe viel gelernt – aber es gibt auch eine andere von mir“, erzählt sie lachend. Sie arbeitete als freiwillige Supporterin bei den Leipziger Jazztagen, als Produktionsassistentin am Lofft oder stand hinterm Tresen von „Tante Manfred“. Im Trägerverein kümmert sie sich hauptsächlich um Produktion und Verwaltung. „Letztlich teilen wir uns fast alles, was zu tun ist, vom Putzen oder Abenddiensten bis zur PR-Arbeit.“
Für die LVZ gehört der in Lockdown-Zeiten entstandene Biergarten von „Tante Manfred“ („Pande Manfred“) zu Leipzigs schönsten Freisitzen. Im letzten Sommer konnte man auf der neuen Open-Air-Bühne im idyllischen Garten hinterm Haus das Sommertheater der Cammerspiele erleben – in diesem Jahr wird dort ab Anfang Juli die Eigenproduktion „Retama“ zu sehen sein, für die aktuell noch Schauspieler:innen gecastet werden – das Wort steht für eine Pflanze, die auf kargem Boden gedeiht. Was durchaus programmatisch zu verstehen. Letizia Rivera: „Wir wollen verstärkt mit Künstler:innen und Kollektiven arbeiten, die an kein Haus angedockt sind. Wir wollen interdisziplinär und mehrsprachig arbeiten, möglichst das ganze Haus von der Kellerbühne bis zum Garten einbeziehen. Im Januar endete die Ausschreibung für das neu aufgelegte Mikro-Residenzprogramm LAB 29, das drei Künstler:innen aus den Bereichen Performance, Fotografie, Musik, Maskenspiel, Co-Creation für kurze Recherchenaufenthalte nach Leipzig einlädt – schon Ende Februar kommt die erste Künstlerin aus Athen ans Haus.
Vom 29. bis 31. Mai wird das großartige Busy Hands Festival ins Neue Schauspiel zurückkehren, es vereint alles, was mit Gestaltung, Druckgrafik und Musik zu tun hat. Das Busy Hands, dessen Premiere 2021, mitten in Pandemie-Zeiten, stattfand, und von einem Kollektiv um Anna Jäger, Philip Janta, Carlo Vivary, Markus Färber, Sascha Knorr, Hannes Hirche und Falk Schwabe getragen wird, will Künstlerinnen und Künstler vernetzen. Die Schnittmengen der DIY-Kunst zu Buchillustration und Comic sind mit Händen zu greifen. Im Rahmen von Tacheles, dem Jahr der Jüdischen Kultur in Sachsen 2026, startet das Neue Schauspiel die Literatur-Show Balagan, konzipiert und moderiert von Rebecca Maria Salentin. Balagan bedeutet so viel wie Chaos, Wirrwar, ein „Einmal alles, bitte!“. Das war schon zur Premiere mit Yevgeniy Breyger so, der seinen neuen Band „hallo niemand“ (Suhrkamp) mitgebracht hat. Der 1989 in Charkiw in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik geborene Autor, der als Zehnjähriger mit seiner Familie nach Magdeburg kam, gilt heute als eine der wichtigsten lyrischen Stimmen der Gegenwart. Am Eröffnungstag der Buchmesse, am 18. März, wird Dana von Suffrin im Neuen Schauspiel zu Gast sein, am 22. April kommt der Autor Alexander Estis mit der Band Trio Scho. „Räume schaffen, Räume beleben“, sagt Tanouir El Amri, „ich glaube, das könnte unser Motto nicht nur fürs erste Jahr werden“.
Neues Schauspiel Leipzig
Theater- und Kulturbühnen in der Idealfabrik e.V.
Lützner Strasse 29
04177 Leipzig



