Aufs Ganze gehen

Dimitré Dinev, der Gewinner des Österreichischen Buchpreises, über einen 13-jährigen Roman-Marathon, dicke Bücher und unsere Angst vor Veränderung

22 Jahre liegen zwischen dem Erfolg „Engelszungen“ und „Zeit der Mutigen“, dem Buch, mit dem der in Bulgarien geborene und in Wien lebende Autor Dimitré Dinev im November 2025 den Österreichischen Buchpreis gewonnen hat. Auf 1150 Seiten erzählt er der Donau entlang von mehreren Familien und Generationen, von der Monarchie, der Nazizeit, dem Kommunismus. Die Jury lobte „Zeit der Mutigen“ als “totalen Roman” und „humanistisches Monument von einem Buch“. Im März wird Dinev Gast des Donau-Programms der Leipziger Buchmesse sein. 

Wie kamen Sie auf die Idee, einen Fluss, die Donau, wenn nicht zum Protagonisten, so doch zum roten Faden Ihres Romans zu machen?

Dimitré Dinev: Im Buch gibt es mehrere Welten, die miteinander verbunden sind, unter anderem eine magische, in der mit Geistern, dem Wind, Krähen oder der Donau gesprochen wird. In einer magischen Welt ist alles beseelt; in der griechischen Antike hatten die Flüsse ja alle Namen, Gesicht, Gestalt. Ich wollte in diesem Buch, pathetisch ausgedrückt, so viel Wissen wie möglich retten, auch das Magische. Ich habe das Glück, dass meine Großmutter väterlicherseits Wunderheilerin war, als Kind hatte ich diese sehr harte Welt buchstäblich vor Augen. Ich habe erfahren, das Wunder keine Zirkusattraktionen sind, sie geschehen, fast unbemerkt, in staubigen Hinterhöfen. 

Wann wurde Ihnen klar, dass ihr Weltentwurf die heute üblich gewordenen Romanformate von 200, 300 Seiten sprengen würde?

Dinev: Mir war schon von Anfang an klar, dass ich aufs Ganze gehen würde. Ich habe gespürt, was der Stoff von mir verlangt. Nicht klar war mir, was mir das Ganze abverlangt. Nach dem „Wasser“-Kapitel wurde mir klar: Ich kann die anderen Kapitel nicht kleiner machen. Da habe ich zum ersten Mal richtig Angst bekommen, weil ich gespürt habe, was auf mich zukommt – als Prüfung meiner literarischen Fähigkeiten. Als Handwerker der Literatur wollte ich einmal in meinem Leben erfahren: Kann ich das? Schaffe ich die Form aller Formen, die alle Gattungen beherbergt? 

"Alle sprechen von Literatur, aber kaum kommst Du mit so einem Trumm, wird es schwierig."

Am Ende waren es 13 Jahre. Wie übersteht man das – auch ökonomisch? Sie haben bewusst auf einen Verlagsvorschuss verzichtet. Warum? 

Dinev: Nachdem 2019 meine langjährige literarische Heimat Deuticke zugesperrt und Verlegerin Martina Schmidt in Pension geschickt wurde, wollte ich etwas Neues probieren. Ich wusste, dass ein Roman von diesem Ausmaß wohl nur außerhalb Österreichs gestemmt werden könnte. Ich habe mich zum ersten Mal einem Literaturagenten anvertraut; über ihn habe ich viel darüber erfahren, wie die Verlage auf so ein Mammut-Projekt reagieren. Alle sprechen von Literatur, aber kaum kommst Du mit so einem Trumm, wird es schwierig. Ich habe sechs Jahre mit Stipendien finanziert. Aber irgendwann wird der Erwartungsdruck um einen herum zu groß; ich wollte diesen Druck nicht mit am Tisch haben beim Schreiben. Natürlich habe ich in dieser Zeit auch ein paar Theaterstücke und Libretti geschrieben, das hat das Weiterschreiben am Roman ermöglicht. Freunde haben geholfen, vor allem meine Frau war ein großer Rückhalt.  

Ich stelle mir diese Zeit schwierig vor; an Höhen und Tiefen herrschte wahrscheinlich kein Mangel?

Dinev: Natürlich ist man in regelmäßigen Abständen total verzweifelt. Wie stellt man all diese Roman-Figuren 13 Jahre bei sich auf? Sie sind so wie Gäste, aber wer hat schon 13 Jahre Gäste? Soll man sie irgendwann nach Hause schicken? 

Viele würden schon nach drei Tagen kapitulieren…

Dinev: Man muss sie aushalten und sich selber überwinden, sie nicht zu hassen. Nach so vielen Jahren weiß man alles über die Figuren, man hat es nur noch nicht aufgeschrieben. Da nicht die Lust zu verlieren, braucht es immer wieder neue Motivation. Die Leserschaft soll ja nicht das Gefühl bekommen, es wird langweilig, weil dem Autor langweilig geworden ist. Das Gute an dieser Situation: Man bleibt stets im Wettbewerb mit einem früheren „Ich“, hinter das man nicht zurückfallen darf. 

Man ändert sich ja selbst auch in so einer langen Zeit…

Dinev: Es wäre schlimm, wenn nicht! Ich bin heute davon überzeugt, dass die Energie, die in diesem Buch steckt, nur möglich ist, weil es diese Zeit der Entstehung gab. Diese Zeit kannst du nicht simulieren! Du kannst nicht in zwei Jahren die gleiche Energie in ein Buch packen. 

Das klingt nach magischem Denken?

Dinev: Aber es ist ganz real. Die Angst vor dem näher rückenden Tod ist dem Buch eingeschrieben, und wahrscheinlich auch die Angst, bei der Plackerei am Schreibtisch womöglich die letzten Jugendjahre zu verpassen. Es ist alles drin, mit allem muss ich mich auseinandersetzen! 

Sie haben mit der Hand geschrieben, und den Text anschließend Ihrer Frau diktiert. Heute auch kein ganz gewöhnliches Verfahren… 

Dinev: Ich kann nur fertige Sätze schreiben, wenn ich mit der Hand schreibe. Ich denke sie zuerst. Das ist am Computer anders. Durch die Feinmotorik werden andere Bereiche des Hirns angeregt. Und es ist ein sinnliches Vergnügen: Ich mag den Fluß der Tinte, die Buchstabenlinien, die sich wie kleine blaue Wellen auf dem Blatt ausbreiten. Es ist nahe am Zeichnen; jede Seite bekommt ihr Eigenleben, keine ist der anderen gleich.  

Wenn ich Sie erzählen höre, sprechen Sie vom Schreibprozess wie ein Weltreisender, der nach 13 Jahren wieder nach Hause findet? 

Dinev: Es ist eine Prüfung. Es gibt keinen Weg, der das erleichtert, keine Abkürzung. Wenn man durchhält, kann man am Ende etwas erfahren. Das ist die größte Belohnung. 

In einem Podcast bemerkten Sie mit fast diebischer Freude, dass Rezensenten, die ihren Gegenstand sonst immer nur nacherzählen, an den 1150 Seiten von „Zeit der Mutigen“ scheitern müssen…

Dinev: Viele sind ja nicht mehr bereit, solch dicke Bücher zu lesen. Insofern ist es fast ein Wunder, dass es bislang so gut läuft. In Österreich sowieso, aber langsam auch in Deutschland. Die schiere Textmenge reißt auch die Rezensentinnen und Rezensenten aus ihren Gewohnheiten. Sie müssen nicht nur etwas Anderes schreiben als gewöhnlich – sie müssen anders denken (lacht). 

"Ein Preis kann ein Buch nicht besser machen, aber er konzentriert die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser."

Nach 13 Jahren Arbeit gab es jetzt erst einmal ein Happy End, Sie haben mit „Zeit der Mutigen“ den Österreichischen Buchpreis gewonnen. Wie geht es weiter? 

Dinev: Ich genieße diesen Zustand. Ein Preis kann ein Buch nicht besser machen, aber er konzentriert die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser. Und er ermöglicht mir die weitere künstlerische Existenz, ohne dass ich sofort wieder etwas vorlegen muss. Die jetzt anstehenden Lesereisen unterscheiden sich natürlich vollkommen von meinem üblichen Leben. 

Ihr Buch wird auch ins Bulgarische übersetzt werden – welche Wirkung erhoffen Sie sich davon? 

Dinev: Zuallererst wird es ein hartes Stück Arbeit. Bulgarisch ist, neben dem Deutschen, die einzige Sprache, die ich literarisch beherrsche, deshalb bin ich, auch wenn ich eine wunderbare Übersetzerin habe, stark in den Entstehungsprozess involviert. Aber es ist eine Arbeit, die ich leisten möchte, weil ich will, dass die bestmögliche Version ins Bulgarische kommt. Davor habe ich ein bisschen Angst. Das war bei den „Engelszungen“, meinem ersten Roman, auch so. Meine Eltern und viele meiner Freunde in Bulgarien können kein Deutsch – und natürlich beurteilen sie das Gelesene nach der Übersetzung, die, wie man so schön sagt, immer recht hat. Natürlich gibt es auch, das hat mir Orhan Pamuk einmal gesagt, Übersetzungen, die ein Buch töten können.  

Jetzt haben Sie mir gesagt, was sie im Zusammenhang mit dieser speziellen Übersetzung befürchten – aber noch nicht, was sie erhoffen?

Dinev: Ich weiß, dass ich im Buch heikle Themen und große, noch immer nicht geschlossene gesellschaftliche Wunden anspreche. Es gab keine wie auch immer geartete „Aufarbeitung“ – viele haben sich als Kommunisten schlafen gelegt, und sind als in der Wolle gefärbte Kapitalisten aufgewacht. Die wirklichen Kommunisten waren die Anarchisten; von denen die meisten in den Lagern umgekommen sind. Sie wurden von Linken und Rechten umgebracht. 

Ist Heilung möglich?  

Dinev: Ich weiß es nicht. Es ist schwer. Viele Menschen haben Angst vor Veränderungen. Aber ohne Veränderung kommt man weder zur Wahrheit, noch zu sich selbst. Wenn man nicht zu sich selbst kommt, kann man auch nicht mehr lieben. 

Mit Blick auf Ihre Großmutter, über die Sie anfangs erzählten: Brauchen wir für unser heutiges Europa wieder eine Wunderheilerin? 

Dinev: Es braucht mutige Menschen, die bereit sind, sich selbst immer wieder in Frage zu stellen. Wenn die Suche nach der Wahrheit keine Rolle mehr spielt, sind wir wirklich verloren. Es braucht, denken wir an den Herbst 1989 in der DDR und in Bulgarien, dazu keine Massen. Im Jüdischen gibt es die Legende von den 36 Gerechten, den Zaddikim, wegen denen Gott die Welt nicht untergehen lässt. Die Menschlichkeit überlebt durch die, die ihren moralischen Kompass nicht über Bord werfen.  

 

Dimitré Dinev wurde 1968 in Bulgarien geboren. Im Jahr 1990 kam er als Flüchtling nach Österreich, wo er studierte und seitdem in deutscher Sprache Drehbücher, Erzählungen und Essays veröffentlichte. Seine Theaterstücke wurden u. a. am Burgtheater inszeniert. Der literarische Durchbruch gelang ihm 2003 mit seinem Familienroman „Engelszungen“, der europaweit mit großem Interesse aufgenommen wurde. 2025 gewann er mit seinem Roman „Zeit der Mutigen“ (Kein & Aber) den Österreichischen Buchpreis. Dimitré Dinev lebt in Wien.

Donau – Unter Strom und zwischen Welten: Der Donauraum steht für Vielfalt, geografisch, kulturell und literarisch. Entlang der Donau gibt es eine Fülle an Stimmen, Sprachen und Perspektiven. Diese literarischen Schätze wird das Fokusthema der Leipziger Buchmesse 2026 sichtbar machen. Zahlreiche Partner – darunter das Auswärtige Amt, die Bundeszentrale für politische Bildung, das Goethe-Institut, TRADUKI, die Stadt Leipzig und Kulturinstitutionen der beteiligten Länder – gestalten gemeinsam unter der Kuration von Stephan Ozsváth ein Programm, das zeigt, wo Geschichten verbinden und wo sie vielleicht auch trennen. In einer kleinen Serie stellen wir hier bis zum Beginn der Buchmesse ausgewählte Gäste des Donau-Programms vor.

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