„Ein großes Versprechen“

Suhrkamp-Lektorin Martina Wunderer über die Bedeutung von literarischen Debüts auf dem Buchmarkt, unverlangt eingesandte Manuskripte und die Bemühungen um mehr Sichtbarkeit für den Schreib-Nachwuchs

Welchen Stellenwert nehmen deutschsprachige Debüts innerhalb der Programmarchitektur eines Verlags wie Suhrkamp ein? Und wie wichtig sind sie generell im Buchmarkt?

Martina Wunderer: Debüts sind für Verlage beides, ein großes Versprechen, aber auch ein gewisses Risiko. Die Chancen sind beträchtlich: Es gibt eine große Aufmerksamkeit für Debüts, die sich schon in der Vielzahl von Preisen zeigt – ob Jürgen-Ponto-Preis, Aspekte-Literaturpreis, Mara-Cassens-Preis oder Franz-Tumler-Preis, um nur ein paar zu nennen. Außerdem spüren wir eine große Neugier des Feuilletons, der Bookfluencer sowie der Veranstalter:innen. Ich denke an Formate wie „Beste erste Bücher in Leipzig“ oder den Debütant:innenball der Berliner Buchhandlung Uslar & Rai. Demgegenüber steht natürlich ein schwieriger Buchmarkt mit tendenziell zurückgehenden Absatzzahlen, in dem es nicht ganz einfach ist, neue Stimmen durchzusetzen. (Ausgenommen sind hier Debüts prominenter Schauspieler:innen oder Musiker:innen.) Auf den Bestsellerlisten dominieren meist die schon bekannten Namen – Juli Zeh, Martin Suter, Ferdinand von Schirach. Deshalb soll es zumindest im angloamerikanischen Raum schon vorkommen, dass vor Vertragsabschluss die Followerzahlen auf Social Media abgefragt werden. Ich selbst durfte aber schon erfolgreiche Debüts wie den Roman von Julia Jost (Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht, 2024) begleiten, wo die Autorin nirgendwo auf Social Media präsent war – da übernimmt der Verlag allein diese Vermittlungsarbeit. Kurz: Man kann für Debüts eine Sichtbarkeit erreichen, wie es für zweite, dritte Bücher oft schwieriger ist. Gleichzeitig sind wir mit einem sich stark verändernden Buchmarkt konfrontiert.  

Was heißt das für Ihren Verlag?

Wunderer: Wir versuchen u.a., nicht mehr als ein Debüt pro Halbjahr zu machen, um die Aufmerksamkeit gezielt darauf lenken zu können. Auch probieren wir immer wieder neue, auf die einzelnen Bücher zugeschnittene Vermittlungswege aus. Für einen Verlag wie Suhrkamp ist die Suche nach neuen Stimmen neben der Pflege der Backlist und der Publikation unserer Hausautor:innen zentral, um den Verlag in die Zukunft zu führen. Deshalb freue ich mich darauf, im Sommersemester 2026 wieder am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig (DLL) zu unterrichten. Es ist immer wiede spannend zu sehen: Wie schreiben, worüber schreiben die jungen Autor:innen heute? Mit der Reihe suhrkamp nova wenden wir uns außerdem gezielt an ein etwas jüngeres Publikum – das spiegelt sich neben den Inhalten auch in Ausstattung und Preisgestaltung.

Bei suhrkamp nova haben Sie im Frühjahr etwa „Gelbe Monster“, das Debüt von Clara Leinemann, im Programm. Welcher Aufwand fließt in Marketing und Werbung von literarischen Erstlingen? 

Wunderer: Wir machen gute Erfahrungen mit Leseexemplaren, Kofferraumexemplaren und der Platzierung von Titeln auf www.vorablesen.de –  das ist eine gute Möglichkeit, Bücher schon vor dem Erscheinungstermin ins Licht zu stellen. Dafür ist – neben der klassischen Presse- und Veranstaltungsarbeit und der Vermittlungsarbeit unseres Vertriebs – auch das Online- und Lesermarketing unverzichtbar. Es werden z.B. Autor:innenvideos produziert, Gewinnspiele ausgeschrieben, man bemustert Bookfluencer, stellt Material für Buchclubs zusammen – um schon eine Art Raunen im Vorfeld zu erzeugen, Neugier zu wecken. Nicht zu vergessen die Hundesohn-Socken zu Ozan Zakariya Keskinkılıçs gleichnamigem Debütroman.

Socken fürs Debüt: Auch für den Schreibnachwuchs wird in den Marketingabteilungen der Verlage kräftig getrommelt © Suhrkamp

Mit Ozan Zakariya Keskinkılıç („Hundesohn“), Ricarda Messner („Wo der Name wohnt“) oder Dana Vowinckel („Gewässer im Ziplock“) hat das ja hervorragend funktioniert … Aber lassen Sie mich weiter fragen: Wie kommt eigentlich das Debüt zum Verlag?

Wunderer: Es gibt unterschiedliche Wege, wobei Agenturen in ihrer Vermittlerrolle zwischen Autor:innen und Verlag nicht mehr wegzudenken sind, wir arbeiten seit Jahren eng mit ihnen zusammen. Anders als früher haben junge Autor:innen heute oft das Gefühl, es sei geradezu zwingend, bei einer Agentur zu sein. Sogar Lyriker:innen, die ihr Debüt veröffentlichen möchten, haben mich schon nach Agenturadressen gefragt. Gleichzeitig ist es für uns Lektor:innen sehr wichtig, die eigenen Augen und Ohren offenzuhalten – wir sitzen in Jurys, haben die Schreibschulen in Hildesheim, Leipzig, Wien oder Biel im Blick, lesen die dort herausgegebenen Anthologien und Zeitschriften, besuchen die Abschlusslesungen der Prosa-Werkstatt am LCB oder den Open Mike-Wettbewerb. Selbst wenn die Autor:innen, die uns dort auffallen, dann über eine Agentur zu uns kommen, entsteht so im Vorfeld oft ein erster Kontakt oder ein Vertrauensverhältnis, was in großen Aktionen mit den Ausschlag geben kann. Funde im Stapel der berühmten „ungefragt eingesandten Manuskripte“ sind hingegen rar geworden, mir fallen gerade nur zwei Lyrikdebüts ein – in den sechzehn Jahren, die ich bereits im Verlag bin. Was es öfter gibt, sind Empfehlungen von Hausautor:innen, da hören wir immer ganz genau hin. 

Der Roman ist bei Debüts die Königsdisziplin? 

Wunderer: Vor wenigen Programmen haben wir mit Juliane Liebert (lieder an das große nichts, 2021) und Sirka Elspaß (ich föhne mir meine wimpern, 2022) gleich zwei Lyrik-Debütantinnen in den Verlag geholt. Beide Bücher waren in der Presse und im Verkauf schöne Erfolge – es gibt auch in der Lyrik eine große Neugier auf neue Stimmen. Es finden sich aber, was schade ist, deutlich weniger Verlage, die überhaupt Lyrik verlegen. Umso wichtiger ist deshalb das Engagement etwa von Daniela Seel bei kookbooks.

Wie erfahren sind die angehenden Autorinnen und Autoren in Literaturbetriebs-Dingen? 

Wunderer: Das ist ganz unterschiedlich. Ich bin da selbst ambivalent: Einerseits würde ich mir wünschen, dass gerade in geschützten Räumen, wie es Schreibschulen oder Werkstätten idealerweise sind, Autor:innen ermutigt werden, Ausdrucksmittel auszuprobieren, ihre eigene Stimme zu finden, ohne dabei schon auf den Markt zu schielen. Andererseits ist es auch nicht falsch, dem Nachwuchs rechtzeitig zu vermitteln, was es bedeutet, sich als Autor:in zu professionalisieren. Ich bin zum Beispiel überrascht, wenn Nachwuchs-Autor:innen zwar die höchsten Vorschüsse kennen, die gezahlt werden, aber nicht wissen, wie sich dieser berechnet. Auch über Rechtefragen wie das Persönlichkeitsrecht besteht oft große Unkenntnis. Gerade Debütant:innen bearbeiten häufig autofiktionale Stoffe – Familie, Beziehungen – , da müssen persönlichkeitsrechtliche Fragen mitgedacht werden. Wenn das erst ganz am Ende adressiert wird, kann das schwierig werden. 

Bei Debüts ist der Anteil von Frauen sehr hoch – wo sehen Sie die Gründe dafür?

Wunderer: Ich war zuletzt Teil der Jury des Wortmeldungen-Förderpreises, auf den man sich anonym bewirbt. Auch da waren Männer auf der Shortlist deutlich in der Minderheit. Liegt das nun daran, dass sich mehr Frauen beworben haben? Dass Frauen Themen aufgreifen, Geschichten erzählen, auf die wir gerade besonders neugierig sind? Themen, die in den letzten Jahrzehnten vielleicht nicht als literaturfähig galten und deshalb noch zu wenig bearbeitet wurden? Liegt es daran, dass mehr Frauen in den Verlagen arbeiten, auch in Führungspositionen, oder daran, dass auch die Mehrheit der Leser:innen weiblich ist – was bei der Akquise sicher mitgedacht wird? Ich habe keine Daten parat, aber wahrscheinlich ist es all das zusammen.

Welche Rolle spielt im Feld der Debüts die Leipziger Buchmesse? 

Wunderer: Für viele Lektor:innen und Agent:innen sind die „Prosa Prognosen“, wo die Stipendiat:innen der Autor:innenwerkstatt des LCB ihre Texte präsentieren, ein fester Termin im Kalender. Gleichzeitig liebe ich „Leipzig liest“ mit seinen immer wieder überraschenden und vom Publikum zumeist sehr gut besuchten Veranstaltungsorten. Hier wäre „Beste erste Bücher“ zu nennen, das Debüt-Format des Literarischen Herbsts, das nun auch im März im Ost-Passagen Theater zu Gast sein wird. Oder die „Institutsprosa“ am DLL, hier lesen Absolvent:innen des Instituts aus ihren Büchern – damit wird dem Nachwuchs auch gezeigt: Hey, wir haben es geschafft, ihr könnt es auch schaffen! Die Lange Leipziger Lesenacht in der Moritzbastei ist ebenfalls ein schönes Forum, gerade für neue Stimmen. Alles in allem also ein großartiges Umfeld; aus diesem Grund haben wir uns auch dafür entschieden, Clara Leinemanns Debüt noch vor der Leipziger Buchmesse zu veröffentlichen. 

Sie lesen im März auf der Leipziger Buchmesse: Gruppenfoto der Autor:innenwerkstatt Prosa 2025 © Tobias Bohm

Lesungen, öffentliche Auftritte sind also wichtig; mit welchem Blick schauen Sie da auf geplante oder schon vorgenommene Einsparungen im Kulturbereich?

Wunderer: Mit einem sorgenvollen. Traditionsreiche Veranstaltungsorte in Berlin berichten, dass sie ihr Programm zur Hälfte einkürzen müssen aufgrund der Einsparungen des Senats. Das bedeutet für Autor:innen einen großen Verlust – an Sichtbarkeit und an Honoraren. Gleichzeitig sind Literatur-Veranstalter:innen darauf angewiesen, Tickets zu verkaufen – unbekannte Debütant:innen einzuladen, birgt ein größeres Risiko als etablierte Autor:innen. Deshalb werden die Verlage auch selbst aktiv: Im Juni wird schon zum dritten Mal das Lesefest „Seitenrauschen“ im Literaturforum im Brecht-Haus stattfinden, wo Verlage mit Sitz in Berlin ihre neuen Bücher und Autor:innen vorstellen – nicht nur Debütant:innen, aber doch viele.  

Was ist die größte Herausforderung, nachdem die Hürde des Debüts genommen ist? 

Wunderer (lacht): Das zweite Buch! Wenn das Debüt sehr gut wahrgenommen wurde, vielleicht sogar Preise gewonnen hat, lässt es sich oft nicht mehr so befreit weiterschreiben. Die Rezeptionserwartung sitzt im Hinterkopf, der Druck steigt. Und wenn das Buch nicht so reüssierte, wie sich Autor:innen und Verlag das erhofft haben, wird das Weitermachen auch nicht eben leichter. Was aber wichtig ist! Es gehören so viel Glück, Zufall und besondere Umstände dazu, ob es gelingt, ein Debüt zum Fliegen zu bringen, dass man nicht nach dem ersten Versuch aufgeben sollte. 

   

Martina Wunderer, geboren 1983 in Schlanders, Italien, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Kulturwissenschaft in Wien und Berlin. Sie war Mitarbeiterin beim Online-Buchmagazin des Literaturhauses Wien und bei „39NULL – Magazin für Gesellschaft und Kultur“. Seit 2010 ist Martina Wunderer im Lektorat für deutschsprachige Literatur des Suhrkamp Verlags tätig.

 

Debüt-Autor:innen im Rampenlicht: Nachdem die Leipziger Buchmesse im Frühjahr 2025 erstmals das erfolgreiche Veranstaltungsformat „Beste erste Bücher“ des Literarischen Herbstes auch auf der Messe veranstaltet hat, rückt sie 2026 die Debüt-Autor:innen mit einer ganzen Reihe an Veranstaltungen in den Mittelpunkt. Das reicht von der zweiten Frühjahrs-Auflage von „Beste erste Bücher“ im Ost-Passage Theater und der Langen Leipziger Lesenacht (L3) in der Moritzbastei bis zu Messe-Foren wie der #buchbar und dem BL:OOM-BloggerRoom.

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